
Spät nachts treffe ich meinen Freund im Wohnzimmer an. Im Fernsehprogramm läuft ein alter Western. Eine Revolvergang fordert den Sheriff einer verschlafenen Kleinstadt auf offener Straße zum Duell heraus. Gebannt verfolgt mein Freund das Geschehen auf dem Bildschirm.
Der Anführer der Revolvermänner glaubt in der Überzahl an einen leichten Sieg. Hohnlachend spuckt er vor seinem Gegner in den Staub. Die drei Männer an seiner Seite stimmen in sein Gelächter ein.
Die Überheblichkeit der Revolvermänner lässt meinen Freund den Kopf schütteln.
<Die Verhöhnung des Gegners gewinnt keinen Krieg. Es fordert ihn nur heraus, besser und stärker zu sein.>, lautet sein vernichtendes Urteil über ihre Strategie.
Der Sheriff scheint seine Worte gehört zu haben. Die Kamera fängt sein Gesicht in Großaufnahme ein. Seine entschlossene Miene sagt mir, dass mein Freund recht hat. Es schlecht steht um die Revolvermänner. Sie werden ihren Hochmut teuer bezahlen müssen.
Dann beginnt der Showdown. Langsam bewegt sich der Sheriff auf seine Herausforderer zu. Dramatische Musik begleitet ihn auf dem Weg. Seine Hand schwebt über dem Revolvergürtel wie eine Gewitterwolke, in der ein tödlicher Blitz darauf wartet, sich zu entladen. Plötzlich zerreißen Schüsse die Stille. Geschosse pfeifen durch die Luft.
Während die Revolvermänner wie aufgescheuchte Hühner auseinander laufen, zeigt der Sheriff keine Reaktion. Er verharrt aufrecht in der Mitte der Straße, ohne sich um den Kugelhagel zu kümmern, der ihm aus allen Rohren entgegenschlägt. Den Revolver im Anschlag nimmt er die Angreifer ins Visier. Mit ruhiger Hand zieht er den Abzug durch. Der Reihe nach gehen die Revolvermänner getroffen zu Boden. Wie ein Todesengel gleitet die Kamera über ihre leblosen Körper hinweg. Dann schwenkt sie auf den Sheriff zurück, der seinen rauchenden Colt in den Gürtel zurücksteckt. Er hat im Geschoßhagel keinen Kratzer davongetragen.
Meinen Freund hält nichts mehr auf seinem Platz. <Wyatt Earp.>, schreit er auf und springt vom Sofa hoch.
Der Name lässt mich aufhorchen. <Wer ist Wyatt Earp?>, frage ich ihn. Er blickt mich fassungslos an.
Wyatt Earp stehe als Held in den amerikanischen Geschichtsbüchern, zeigt er sich entsetzt über meine Wissenslücke. Seine Verachtung dafür lässt sich in seiner Miene ablesen.
<Wyatt Earp 1881 wurde durch ein Duell am OK Corall in der Kleinstadt Tombstone zur Legende.>, lässt er mich wissen. <Neun Männer waren in die Schießerei verwickelt. Vier Männer verbluteten. Vier Männer wurden verwundet. Wyatt Earp bekam keine Schramme ab.>
<Die anderen müssen miese Schützen gewesen sein.>, versuche ich, die angespannte Stimmung aufzulockern.
Mein Freund stellt sich breitbeinig vor mir auf. Ich hege keinen Zweifel. Mein Leben hängt an einem seidenen Faden. Mit kaltem Blick nimmt er mich ins Visier. Seine Hände schweben über dem Revolvergürtel, den er unsichtbar an seiner Hüfte trägt.
<Wyatt Earp hat es geschafft, den Kugelhagel unverletzt zu überleben, weil er einem Prinzip gefolgt ist.>, brüllt er mich an. Die zusammengekniffenen Augen, mit denen er mich anstarrt, lassen mich seine Gedanken lesen. Wyatt Earp würde mich jetzt über den Haufen schießen, denkt er. Zum Glück geht mein Freund gnädiger mit mir um. Ohne mich eines Blickes würdigen, stapft er an mir vorbei aus der Tür, um sich in sein Badezimmer zurückzuziehen. Scheinbar bin ich ihm keine Kugel wert.
In den Duellen des Wilden Westens ging es darum, die Waffe schneller zu ziehen als der Gegner. Aber die besten Revolvermänner waren nicht davor gefeit, sich im Feuergefecht eine Kugel einzufangen. Also gehorchten sie einem Reflex. Sie sprangen aus der Schusslinie ihres Widersachers. In der Bewegung fiel es ihnen schwer, das Ziel im Auge zu behalten.
In Tombstone standen sich neun Männer mit Revolvern und Schrotflinten gegenüber. Acht Männer haben sich beim Schießen bewegt. Ihre Kugeln pfiffen ins Leere. Wyatt Earp ist stehen geblieben.
Auf den ersten Blick bot er die perfekte Zielscheibe. Aber er wusste, dass seine Gegner ihrem Instinkt gehorchen und versuchen würden, aus der Schusslinie seines Revolvers zu laufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihn ihre Kugeln verfehlten, war groß. Gleichzeitig konnte er sie in aller Ruhe ins Visier nehmen.
Neun Männer traten zu einem Duell an. Am Ende lagen vier von ihnen tot im Staub der Straße. Vier blieben verwundet zurück. Nur einer überstand die Schießerei, ohne einen Kratzer abzubekommen, weil er eine Entscheidung getroffen hatte.
Wyatt Earp widerstand dem Reflex, im Feuergefecht umher zu springen. Er bewahrte die Nerven und blieb aufrecht stehen. Während die Kugeln seiner Gegner an ihm vorbeizischten, zielte er mit ruhiger Hand. Die Entscheidung, sich nicht von der Stelle zu rühren, wurde zu seinem Markenzeichen. Viele Revolverhelden haben bei blutigen Duellen ihr Leben verloren. Wyatt Earp gehörte nicht zu ihnen. Er starb 1929 friedlich in seinem Bett.>
Die Zeiten haben sich geändert. Die Welt dreht sich schneller als zu seinen Lebzeiten. Die Duelle der Revolverhelden sind längst im Staub der Geschichte verweht. Sie bieten nur noch Stoff für Filme und Legenden. Aber das Wyatt-Earp-Prinzip hat die Zeiten überdauert. Es gilt unverändert. Man muss dafür keinen Revolver am Gürtel tragen.
Ich denke an meinen Freund, der im Badezimmer die Nächte allein in seiner Wanne verbringt. Er ist kein US Marshal. Auf seiner Brust blitzt kein Stern.
Aber in den letzten Monaten ist er ein anderer geworden. Er telefoniert sich nicht mehr durch das Alphabet. Er hat eine Entscheidung getroffen. Wenn er sich abends in sein Badezimmer zurückzieht, tut er es mit der Gelassenheit eines Mannes, der um seinen Vorteil weiß. Er wartet ab, bis die Dinge in Bewegung geraten. Mit ruhiger Hand nimmt er sein Ziel ins Visier.
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