Tagebuch eines Stubentigers – 46

Hochzeit

Die Hochzeit ist immer großes Theater.
Gekleidet in feine Kostüme
und dickgeschminkter Maskerade
betritt das Brautpaar die Bühne.

Es schwebt in den Kulissen
verliebt wie es Romeo und Julia waren,
die es aber bloß deshalb blieben,
weil sie schon vor der Hochzeit starben.

Glückselig genießt das Paar das volle Haus
und hofft für ihren Auftritt auf tosenden Applaus.
Die Wahrheit ist, während sie spielen,
sitzt das Publikum gelangweilt auf den Stühlen.

Endlich ist die Braut unter Tränen beringt
und der Bräutigam vor Glück betäubt,
dass man erleichtert frisst und säuft,
bis die Musik im Morgengrauen verklingt.

Wenn die Vorstellung dann zu Ende ist,
und der Vorhang sich langsam schließt,
urteilt die Kritik über dieses Schauspiel:
In zähem Ringen fand der Kasperl zu seinem Krokodil.

Verwandlung

Als sie ihm begegnete,
spielte er für sie den edlen Tiger
mit Feuer im Blick.

Als sie mit ihm schlief,
blickte sie ein wilder Stier an,
der sie mit den Hörern stieß.

Als sie mit ihm wohnte,
verwandelte er sich in einen Elefanten,
der durch ihre Seele trampelte.

Als sie mit ihm Hochzeit feierte,
erwachte sie neben einem Affen,
mit dem sie verheiratet war.

Als sie ihn verließ,
schimpfte ihr ein dicker Ochse hinterher,
 den sie nicht vermisste.

Als sie ihn in einem Cafe wiedersah,
saß er als Frosch am Tisch
der er immer gewesen war.