Das Zirkuskind – 05

Wie das Fräulein „So-La-La“ herausfindet, dass ihre Zunge kleckst     

<Als ich jung war, kannte ich einen Maler, der keinen Pinselstrich zustande brachte.>, versuchte die Großmutter das Fräulein von ihrem Kummer mit dem verrückten Clown in ihrem Mund abzulenken.
Aus dem grauen Schleier, der über ihrem Kopf schwebte, erhoben sich die Umrisse eines Malers, der mit einem Pinsel in der Hand auf eine  leere Leinwand starrte.
<Es mangelte ihm der Mut für den ersten Strich.>, schilderte die Großmutter seine Verzweiflung.
Mitleidig blickte das Fräulein „So-La-La“ den Maler an, der in der Rauchwolke an der Decke schwebte.  Im Rauch, der ihre Nase kitzelte, roch sie die Angst, die ihm aus allen Poren rann.
Es war schwer, einen verrückten Clown im Mund ertragen zu müssen, dachte sie.  Aber wieviel schlechter erging es einem Maler, der den Anblick einer leeren Leinwand nicht ertrug.
<Er ist ein berühmter Künstler geworden.“, lachte die Großmutter. <Heute hängen seine Bilder in den größten Museen der Welt.>
Vor den Augen des Fräulein „So-La-La“ richtete sich die verzweifelte Gestalt zu einer imposanten Größe auf. Mit Bravour schwang seinen Pinsel auf der Leinwand.
Aus der Leinwand lachte sie ein Gesicht an, das ihr zum Verwechseln ähnlich sah. Verlegen senkte das Fräulein „So-La-La“ den Blick.
<Eines Tages hatte der Maler eine Idee.>“, lüftete die Großmutter das Geheimnis, wie es dem Maler gelungen war, seine Angst zu überlisten.
<Er begann seine Bilder mit einer Binde vor den Augen anzufertigen. Anfangs gelangen ihm damit nicht mehr als wirre Kleckse. Aber je öfter er sich an der Staffelei versuchte, desto kräftiger gerieten seine Pinselstriche. An manchen Tagen entdeckte er ein wunderschönes Bild auf der Leinwand.  Als er nach unzähligen Anläufen vergaß, die Binde anzulegen, erschrak er sich nicht mehr an der leeren Leinwand. Er hatte gelernt, seiner Hand zu vertrauen. Von diesem Tag an verlor die Angst ihre Macht über ihn.> 
Das Fräulein „So-La-La“ hüpfte vor Aufregung von einem Bein auf das andere. Vom Erfolg des Malers angestachelt, presste sich sich die Hände vor die Augen. 
Lauthals plapperte sie los. Ohne einziges Mal Luft zu holen, redete sie sich die Seele aus dem Leib.   
Ungeniert genoss die Zunge das atemlose Geschwafel und drehte ihr jedes Wort im Mund herum. Aus einem „ei“ formte sie ein quietschendes „ie“.  Ein „er“ zerfiel in ein irreführendes „re“.  Und von einem harmlosen „au“  ließ sie  ein  jaulendes „ua“ übrig.
Das Fräulein „So-La-La“ kämpfte,  bis sie vor Heiserkeit keinen Ton mehr über die Lippen brachte.
Am Ende hatte sie nicht das Geringste vorzuweisen, das den Ansprüchen des Malers gerecht geworden wäre.
<Miene Znuge kelckst nur.>, schluchzte das Fräulein „So-La-La“.
Die Großmutter strich ihr sanft durch die Haare.  
<Wenn ein Motor stottert, braucht es oft nicht mehr als die Vierteldrehung einer Schraube,  um seine  Fehlzündungen zu reparieren.>, lachte sie und nahm einen nicht enden wollenden Zug aus dem Zigarrenstumpen zwischen ihren Lippen.  Binnen weniger Augenblicke versteinerte ihr Gesicht zu einer zerklüfteten Felsenlandschaft. Das Glutnest an der Spitze der Zigarre flammte feuerrot auf.
Minutenlang verharrte Oma Rosa in diesem Zustand. Das einzige Lebenszeichen, das sie von sich gab, war ein leises Gemurmel. Es klang wie das Brodeln eines überkochenden Suppentopfes  auf einer heißen Herdplatte.
Als sich die Glut der Zigarrenspitze bis auf wenige Millimeter an ihre Lippen herangefressen hatte, sprang die Großmutter  mit einem lauten Aufschrei von ihrem Stuhl hoch. In wildem Galopp stürmte sie in die Küche.
Ängstlich verkroch sich das Fräulein „So-La-La“ unter dem Tisch und lauschte dem Rumoren der Wasserleitung in den Wänden. Minuten später kehrte die Großmutter ins Wohnzimmer zurück.
<Das Zirkuskind in dir wird dir eines Tages die Welt öffnen.>, nuschelte sie durch das Tuch, mit dem sie ihren Mund abdeckte.  
Das Fräulein „So-La-La“ schüttelte verständnislos den Kopf.  Die Großmutter hatte sich auf die Seite ihrer Spötter geschlagen. Energisch stampfte sie mit den Füßen auf den Boden.
Der Zeigefinger ihrer rechten Hand zuckte gefährlich. Das passierte jedes Mal,  wenn jemand eine Verrücktheit anstellte.  Mit Mühe unterdrückte sie die Lust, ihn auszustrecken und sich gegen die Stirn zu tippen. Oma Rosa war der zuckende Zeigefinger nicht  verborgen geblieben.  Der Wert eines Namens würde  nicht durch das Geplärre dummer Schreihälse entschieden, brauste ihre Stimme durch den Raum. Die Falten in ihrem Gesicht gaben ein beredtes Zeugnis davon, dass sie die wechselnde Moden von Namen mit eigenen Augen miterlebt hatte.
Im letzten Moment entschied sich der Zeigefinger des Fräulein „So-La-La“ zum Rückzug.
<In den Wind gesetzt kann auch ein Lumpen zu einer leuchtenden Fahne aufflattern.>, donnerte die Großmutter.
Zum Beweis tat sie es den hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen gleich. Sie redete das Fräulein  „So-La-La“ mit ihrem Spottnamen an. Wobei sie den ersten Buchstaben verschluckte und die restlichen Vokale vornehm in die Länge dehnte. Auf diese Weise ausgesprochen, schwebte plötzlich der Name federleicht im Raum.
Von allen spöttischen Tönen  befreit, stand er nicht mehr für das Unzulängliche, das Spott und Hohn auf sich zog, sondern für das Anderssein, das auf ungewöhnliche Weise überraschte.
Die blassen Wangen des Fräulein „So-La-La“ wechselten  in ein glühendes Rot. Aus ihren Augen strahlte eine nie gekannte Zuversicht. Sie sprang auf die Füße und reckte den Kopf in die Höhe.
<Mien Nmae ist Fräulein  „Oh-La-La.>, verkündete sie stolz.
Dabei ahmte sie den s-Fehler der Großmutter nach.  Es klang wie das Rauschen einer Fahne, die hoch über ihr im Wind wehte. 
Nie zuvor hatte sie mit solcher Entschlossenheit gehandelt. Mit breiter Brust bot sie den hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und den mitleidigen Stimmen, die sie unsichtbar verfolgten, die Stirn. Von nun an musste sie ihren Spott nicht mehr fürchten.
Oma Rosa verfolgte den Sinneswandel ihrer Enkelin mit einem schiefen Lächeln, das der dicken Brandblase auf der Oberlippe geschuldet war.    
Der Vater musste nicht lange überzeugt werden. Ihm gefiel der neue Name auf Anhieb. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht begann er, das nicht endend wollende „Oh-La-La“  eines berühmten Schlagers  anzustimmen.
Es erfülle ihn mit Stolz, eine Tochter zu haben, deren Namen überall auf der Welt besungen wurde, erklärte er mit sichtlicher Erleichterung.
Der Mutter fiel es ungleich schwerer, sich mit der Änderung anzufreunden.  Bei den ersten Versuchen, den neuen Namen auszusprechen, stotterte sie wie ein altersmüder Traktor.  
Einem steifen Zungenschlag wäre am besten mit einem Fingerhut Likör in einer Tasse  Kaffee  auf die Sprünge zu helfen,  riet ihr die Großmutter. Die Mutter erteilte der Aufforderung eine barsche Abfuhr. Der Name würde der Großmutter bloß als Vorwand dienen, ihre  bedenklichen Trinkgewohnheiten zu rechtfertigen, stichelte sie im giftigen Tonfall.     
<Ein Glas Likör richtet weniger Unheil an als ein überempfindlicher Geduldsfaden.>, konterte die in ihrer Ehre gekränkte Großmutter.
Der Schaden war nicht mehr gut zu machen.  Einen Augenaufschlag später folgte ein kaum wahrnehmbares Knacksen.
Wie schon bei vielen anderen Gelegenheiten erwies es sich als Glücksfall,  dass dem Vater empfindliche Ohren gewachsen waren, mit denen er eine Mücke auf hundert Meter husten hören konnte.
Wortlos packte er die Großmutter an der Hand und zog sie aus der Gefahrenzone. Er handelte keine Sekunde zu früh. Als die Küchentür hinter ihnen ins Schloss fiel,  erschütterte ein ohrenbetäubender Krawall das Haus. 
Es dauerte lange, bis die Mutter ihren Geduldsfaden geflickt hatte.  Zwischen den Streithähne herrschte tagelange Stille.  Keiner redete ein Wort mit dem anderen.
Die Mutter verbot dem Fräulein „So-La-La“ jeden Umgang mit ihrer – wie sie im hysterischen Tonfall brüllte –  trunksüchtigen Großmutter. 
Oma Rosa empfahl dem Vater in einem kurzen Telefonat, an dessen Ende sie den Hörer auf die Gabel knallte, der Mutter eine Flasche Likör zur Beruhigung ihrer Nerven einzuflößen.
Eine Woche lang herrschte eisiges Schweigen zwischen den Streithähnen. Dann siegte die Vernunft.  Im Bemühen ihren notdürftig zusammengeflickten Geduldsfaden keiner weiteren Belastung auszusetzen, verzichtete die Mutter auf eine Fortführung des Streits.
Nach einer kurzen Aussprache, die in heftigen gegenseitigen Umarmungen ausartete, wurde der familiäre Friedensschluss mit einem Gläschen Likör  besiegelt.  
Am Ende sollte Oma Rosa  mit ihrer Prophezeiung Recht behalten.  Manchmal reichte die Vierteldrehung an einer Schraube aus, um Etwas, das aus dem Gleichgewicht geraten war, zum Guten zu wenden.
Einige schlaflose Nächte und etliche geleerte Likörgläser später hatte sich auch die Mutter an den neuen Namen ihrer Tochter gewöhnt.  <Oh-La-La.>, hickste sie in ihrem Schwips.
Innerhalb weniger Wochen geriet der alte Name beinahe völlig in Vergessenheit. Nur ein verrückter Zirkusclown  schien sich hin und wieder daran zu erinnern.
„Sophie-Laura.“, rutschte es dann dem Fräulein „So-La-La“ versehentlich über die Lippen. Aber das passierte ganz selten.

Zwischenspiel

<Die Großmutter hat recht behalten.>, sagte die Geschichte, die an meiner Bettkante saß.
Ich blickte sie fragend an. <Der verrückte Clown in meinem Mund hat mir den Blick in die Welt geöffnet.“, erklärte sie. <Er hat mir gezeigt, dass es keine Strafe ist, anders zu sein. Es ist ein Geschenk.>
Ich schwieg.  Meine Finger auf der Tastatur hatten ihr den Clown in den Mund geschrieben. Ich hatte mir den Namen ausgedacht.
Einst war das Fräulein „So-La-La“  bloß ein Gedanke in meinem Kopf gewesen. Als ich sie in den Wind warf, schenkte ich sie der ganzen Welt.
Der Vogel, der bei unserem Abschied am Himmel kreiste, kam mir in den Sinn. 
Keine Liebe kann größer sein, als die Liebe, die ihm seine Freiheit schenkte, flüsterte sie mir ins Ohr, bevor sie der Wind von Ost nach West wehte. Ich hatte sie geliebt und liebte sie noch immer.
Die Geschichte trug mir meine Leichtfertigkeit nicht nach. Der Preis, den ich ihr abverlangt hatte, in dem ich sie zwang, den Hohn der gestreckten Zeigefinger, hochgezogenen Augenbrauen und mitleidigen Stimmen zu ertragen, war hoch.
<Die Freiheit und das Glück sind jeden Preis wert.>, unterbrach sie meine Gedanken.