Tagebuch eines Stubentigers – 67

Götzendiener

Wir leben in einer Zeit,
in der die Übermacht der Dinge
sich vor unseren Augen erhebt
zur Herrschaft über unsere Sinne.

Wir liegen auf den Knien
vor seelenlosen Bildermaschinen,
die uns mit einem  Tastendruck
ihren Willen aufzwingen.

Als willfährige Götzendiener
starren wir auf die Bildschirme,
die uns zur Messe rufen
wie die Glockenschläge der  Kirchtürme.  

Wir wagen nicht, sie abzuschalten,
weil sie uns mit Stille und Dunkelheit strafen,
wie die Herrscher in alten Zeiten
den Ungehorsam ihrer Sklaven.

Nachruf

In der Liebe gibt es kein Grab
und keine Inschrift auf einem Stein.
Wenn man sich verlassen hat,
lebt jeder wieder für sich allein.

Eine Liebste, die mir enteilte,
endete nicht als Engel auf einer Wolke,
sondern suchte bloß das Weite,
weil sie das Bett mit einem anderem teilen wollte.

Kellerleiche

Es fiele ihr schwer, sagte eine von mir begehrte Dame,
dass sie in einen Mann Vertrauen fasse,
da der Blick in die männliche Seele
meist auf eine Leiche im Keller schließen lasse.

Dass der Geist zwischen meinen Beinen 
bei ihrem Anblick quicklebendig wäre in seinem Gewölbe,
warb ich sinnlich um ihre Gunst,
was die Dame nicht erregte, sondern ihre Stirn bewölkte.

An eine Auferstehung dieser Art bestehe ihrerseits kein Interesse,
beendete sie das Liebesspiel, bevor es begonnen hatte,
worauf der Geist in meinem Kellergewölbe
wieder leblos in sich zusammen sackte.