
Der Gott der Liebe ist ein wankelmütiges Wesen. Wenn er mit Pfeil und Bogen zur Jagd aufbricht, bleiben seine Entscheidungen unberechenbar. Manchmal schleicht er seiner Beute jahrelang hinterher, um auf den richtigen Augenblick zu warten, bis er seinen Pfeil verschießt. Manchmal spannt er seinen Bogen von blinder Leidenschaft angetrieben. Und dann gibt es Tage, an denen er keinen klaren Blick findet und es dem Pfeil überlässt, sein selbst Ziel zu suchen.
Dann stehen sich zwei Seelen plötzlich als Liebende gegenüber, die ganze Welten
voneinander trennen. In die Liebe, die sie empfinden, mischt sich eine Qual, die sie leiden lässt.
Wenn der Tag kommt, an dem sie ihre Wege wieder auseinanderführen, finden sie ein Leben lang keine Erlösung von dem Schmerz, der in ihnen zurückbleibt. Über Kontinente und Ozeane hinweg, spüren sie den verirrten Pfeil wie eine offene Wunde in sich, die sich nicht schließen will.
Die Straße führte von Osten nach Westen. Aus einer Richtung der Straße näherte sich ein Drache. Aus der anderen ein Bär.
Wäre der Drache nicht für einen kurzen Moment stehen geblieben. Hätte der Bär nicht im selben Augenblick hoch geblickt. Sie hätten einander nie bemerkt und wären als Fremde aneinander vorbeigegangen. Aber weil der Drache stehen blieb und der Bär hoch blickte, sind sie sich begegnet.
Sie ahnten nichts von dem unsichtbaren Jäger in den Wolken über ihnen, dessen Pfeil im selben Augenblick ihre Herzen durchschlug. Die Pfeile, die der Gott der Liebe verschießt, sind unsichtbar. Und die Wunden, die sie schlagen, bluten nicht.
Aus dem Mund des Drachens zischte ein Feuer.
Der Bär wich einen Schritt zurück, um sich das Fell nicht zu verbrennen.
Der Drache lächelte. Aus seinem Mund züngelte eine kleine Flamme. Der Bär wich vorsichtshalber einen Schritt zurück.
„Mein Name ist Bär.“, begann er das Gespräch aus sicherer Entfernung..
„Aber meine Freunde nennen mich Ted.“
Der Drache lächelte amüsiert und senkte schüchtern den Blick. . Der Bär sah nicht gerade furchterregend aus.
„Ich heiße Drache.“, antwortete der Drache. Er konnte nicht verleugnen, ein Drache zu sein.
Das Feuer, das in seinem Atem loderte, verwandelte alles in Asche, das ihm zu nahe kam.
„Wir könnten versuchen, Freunde zu werden.“, sagte der Bär und trat furchtlos an den Bären heran.
Der Drache musterte den Bären mit einem überraschten Blick. Er war gewöhnt, dass seine Gestalt Angst und Schrecken auslöste und jeden Fremden in die Flucht schlug.
Der Mut des Bären erweckte seine Neugier.
„Ich spucke Feuer.“, warnte der Drache den Bären vor der Gefahr, die von ihm drohte.
Der Bär schlug die Warnung in den Wind.
„Ich gehe nicht leicht in Flammen auf.“, erwiderte er, als ahnte er, dass es bereits zu spät war für eine Flucht war.
Der Pfeil, der ihn getroffen hatte, ließ ihn alle Zweifel beiseite wischen.
Als sie einander in die Augen blickten, schlug der Funke zwischen ihnen über.
Der Bär griff in die Tasche, die an einem Riemen von seinen Schultern baumelte, und zog eine Wasserflasche aus. Er reichte sie dem Drachen hinüber.
Der Drache trank einen Schluck daraus. Das Wasser löschte die Flamme, die aus seinem Mund züngelte.
Der Bär schüttete den Rest des Wassers über sein Fell, bis es nass glänzte.
Der Drache verstand die Absicht des Bären.
„So könnte es funktionieren.“, lachte er.
Sie beschlossen, gemeinsam eine Rast einzulegen. Der Apfelbaumgarten, in dem sie zusammensaßen, strahlte in den schönsten Farben. Sie teilten den Proviant, den sie auf ihrer Reise mit sich führten und löschten ihren Durst aus einer nahen Quelle. Unter Gelächter leckten sie den Honigtopf leer, den der Bär mit dem Drachen teilte.
Die Stunden vergingen wie im Flug.
Als die Sonne in einem glühenden Flammenmeer am Horizont unterging, rückten sie nahe zusammen und küssten sich.
Unter einem hellen Mond verbrachten sie die Nacht miteinander. Sie liebten sich unter einem hellen Sternenhimmel.
Der Drache spuckte kein Feuer, und der Bär ging nicht in Flammen auf. Eng aneinander geschmiegt, fielen sie in den Schlaf.
Als die Morgendämmerung anbrach, erhob sich der Drache aus dem gemeinsamen Lager.
„Ich muss jetzt weiterziehen.“, sagte er.
Der Bär blickte den Drachen traurig an. Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
„Werden wir uns wieder begegnen?“, fragte er.
Der Drache blickte zum Horizont, wo die Sonne am Himmel langsam hoch stieg. „Meine Geschäfte führen mich nach Osten.“, antwortete er.
Der Bär blickte mit trauriger Miene nach Westen, wo man auf seine Rückkehr wartete.
„Die Welt ist rund.“, tröstete ihn der Drache.
„Wenn du lange genug nach Westen wanderst, werden sich unsere Weg vielleicht eines Tages wieder im Osten kreuzen.
Der Bär nickte stumm. Der Schmerz, den er in seiner Brust fühlte, ließ seine Stimme versagen.
Beim Abschied umarmten sie sich. Der Bär hatte es plötzlich sehr eilig. Mit schnellen Schritten ging er davon.
„Wohin gehst du?“, rief ihm der Drache hinterher. Der Bär drehte sich noch einmal um. In seinen Augen glänzte ein Funke.
„Ich suche die Kreuzung im Osten, an der wir uns wieder begegnen.“, antwortete er. Dann verschwand er hinter der Biegung der Straße, die ihn nach Westen führte.
Der Drache blickte ihm hinterher. Die Eile des Bären ließ ihn ratlos zurück.
Als der Drache seinen Weg nach Osten fortsetzte, fühlte er bei jedem Schritt, der sie weiter voneinander entfernte, einen Schmerz in seiner Brust, den er sich nicht erklären konnte.
Kurz blieb er stehen und blickte noch einmal zurück. Aber der Apfelbaumgarten in der Ferne war nur noch eine Erinnerung, die langsam verblasste.
Stunden nachdem der Bär und der Drache aufgebrochen waren, umschlich eine seltsame Gestalt das verlassene Lager, wie ein Jäger, der verzweifelt nach seiner Beute suchte und am Ende mit leeren Händen wieder im Schatten verschwand.
Nirgendwo findet sich ein Hinweis, ob der Bär und der Drache sich je wieder begegnet sind. Ihr Schicksal liegt für immer im Ungewissen und mit ihm der Verbleib des Pfeiles, der sie trotz ihrer unterschiedlichen Wesen in Liebende verwandelt hatte.
Ihre Geschichte steht als Beispiel für viele, die das Schicksal auf rätselhafte Weise verbindet.
Jeden Tag kreuzen sich die Wege von Bären und Drachen, in der Hautfarbe, in der Sprache, im Glauben an einen anderen Gott oder im Misstrauen unter den Völkern, ohne zu wissen, welchen Verlauf ihre Begegnung nehmen wird.
Wenn sich die Wege am Ende wieder trennen, bleibt ihnen nur die Hoffnung, die der Drache dem Bären mit auf die Reise gegeben hat. Sie gilt für alle Liebenden, die an einer verlorenen Liebe leiden und von der Sehnsucht gequält werden, einander wieder zu begegnen.
„Die Welt ist rund. Wer lange genug nach Westen geht, kommt eines Tages aus dem Osten zurück.“
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