Das goldene Medaillon

In einer Stadt, die sich rühmte, zu den schönsten der Welt zu gehören, spazierte eines Tages ein Fremder durch die Straßen. Niemand konnte mit Gewissheit sagen, woher er kam. Er trat wie aus dem Nichts aus einer Seitengasse hinaus in die Prachtstraße, die sich durch das Zentrum der Stadt zog. Auf seinem Weg wusste er die Blicke auf sich zu ziehen. Bei den Menschen, die ihm begegneten, hinterließ er das Bild eines Mannes, der sein Glück gemacht hatte.
Als er vor dem Auslagenfenster eines großen Einkaufsgeschäftes stehen blieb, sprach in ein zerlumpter Bettler an und hielt ihm einen leeren Becher hin.
„Wirf eine Münze hinein, und das Schicksal wird dir als Dank dafür deinen größten Wunsch erfüllen.“, trug der Bettler seine Bitte vor.  
Der Fremde maß die armselige Gestalt, die im Schmutz der Straße saß, mit einem abschätzigen Blick. Er beschloss, sich einen Spaß mit ihm zu machen.
„Deine Absicht ehrt Dich. Aber bevor ich eine Münze in deinen Becher werfe, will ich dein Versprechen auf eine Probe stellen.“
Er zog ein Medaillon aus seiner Tasche und klappte den Deckel auf. In seinem Inneren gab es das Bildnis einer Frau preis. Die ernste Miene, mit der sie in die Kamera blickte, konnte ihre Schönheit nicht verbergen.
Der Bettler beäugte das Medaillon mit begehrlichen Blicken. Es war aus purem Gold gefertigt. Dem Fremden war das Verlangen in den Augen des Bettlers nicht entgangen. „Das Medaillon erinnert mich an eine Frau, die mir in dieser Stadt ihr Herz schenkte.“, sagte er.
„Seit ich es mit mir trage, ist mir das Glück treu geblieben. Vielleicht ist die Zeit gekommen, dieses Glück an jemanden weiter zu geben, der es nötiger hat.“
Der herablassende Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören. Breitbeinig stellte er sich vor dem Bettler hin. Er liebte es, die Gier in den Menschen anzustacheln. Bei seinen Geschäften hatte es sich als Mittel bewährt, Menschen zu Dingen zu verführen, mit denen sie sich zu seinem Vorteil ins Unglück stürzten.
„Wenn du es innerhalb eines Tages schaffst, sie in der Stadt ausfindig zu machen, gehört das Medaillon dir.“, machte er dem Bettler ein verlockendes Angebot.
Keine Sekunde dachte er daran, das Schmuckstück leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Der Bettler hatte ihn provoziert, indem er ihm die Erfüllung eines Wunsches in Aussicht stellte. Es missfiel ihm, dass der Bettler der Meinung war, seine Hilfe wäre ihm nütze. Das Vermögen, das er besaß, reichte aus, sich jeden Luxus zu leisten. Der einzige Wunsch, den er an die armselige Gestalt zu seinen Füßen hatte, war es, ihn für die Unverschämtheit büßen zu lassen, einen feinen Herrn wie ihn anzusprechen.
Die Stadt war ein gigantischer Moloch mit einem Straßengewirr, das wie ein riesiges Spinnennetz gewebt war. Die Anzahl der Menschen, die in den angrenzenden Häuserschluchten wohnten, überstieg die Vorstellungskraft eines Mannes, der kein Dach über dem Kopf hatte und auf Parkbänken unter freiem Himmel schlief. Das Aussicht in diesem riesigen Menschenmeer innerhalb weniger Stunden eine völlig Unbekannte aufzuspüren, war auch für jemanden, der über Geld und Mittel verfügte, gering. Aber für eine armselige Gestalt, die auf der Straße lebte, schien es eine unmögliche Aufgabe.
Der Bettler durchschaute das herablassende Spiel mit seiner Not. Anstatt sich beschämt davon zu stehlen, blickte er den Fremden gelassen an.
„Woher soll ich wissen, dass du dein Versprechen hältst?“, zweifelte er die Ernsthaftigkeit des großzügigen Angebotes an.
Der Fremde tat, als wäre er in seiner Ehre gekränkt. Mit herablassender Miene griff er in sein Jackett und zog ein Bündel Geldscheine heraus. Er riss es in der Mitte durch. Die eine Hälfte übergab er dem Bettler. Die andere steckte er in seine Tasche zurück.
„Das Geld ist für uns beide ohne die andere Hälfte nichts wert.“, sagte er im überheblichen Tonfall eines Menschen, der vom Glück begünstigt war. „Wenn du die Adresse der Frau aufspürst und mich zu ihr führst, kannst du wählen, ob du das Geld oder das Medaillon nimmst.“
Der Bettler zählte die Scheine durch. Für den Fremden in seinen teuren Kleidern besaßen sie einen geringen Wert. Für einen Habenichts wie ihn bedeutete es, im Winter einen warmen Unterschlupf bezahlen zu können und nicht hungern zu müssen. Bereitwillig ging er auf den Handel ein.
Der Fremde nannte dem Bettler den Namen der Frau. Bevor sich ihre Wege trennten, vereinbarten sie einen Treffpunkt für den nächsten Tag.
Der Bettler stopfte die zerrissenen Geldscheine in seine Tasche. Obwohl er wusste, wie aussichtslos es war, an die andere Hälfte zu kommen, machte er sich auf die Suche.
Sein erster Weg führte ihn zum Magistrat der Stadt.
Hätte der Fremde den Bettler dabei beobachtet, wie er den Eingang des Amtsgebäudes durchschritt, wäre ihm vielleicht bewusst geworden, dass er das Schicksal herausgefordert hatte, indem er einen Menschen, dem seine Not keine Wahl ließ, zu seinem Werkzeug machte. Vielleicht hätte ihn in diesem Augenblick eine dunkle Vorahnung ergriffen, dass es sich in eine unscheinbare Gestalt kleidete, um ihn in Sicherheit zu wiegen, als es sich zu seinen Ungunsten drehte.

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Im Meldeamt der Stadt arbeitete eine Frau, die der Bettler kannte. Nachdem sie mit ihm gesprochen hatte, zeigte sie sich mitleidig mit dem Mann in den zerlumpten Kleidern, der ihr Bruder war und schob ihm heimlich einen Zettel zu, auf dem sie die Adresse der Frau kritzelte, die der Fremde suchte.
Sie führte den Bettler zu einer armseligen Behausung in einer Vorstadtsiedlung. Als er die Klingel läutete, öffnete ihm ein Mann. Unter einem Vorwand bat der Bettler darum, seine Frau sprechen zu können. Als sie zur Tür kam, blickte er sie enttäuscht an. Ihr Aussehen entsprach nicht dem Bild, das er in dem Medaillon gesehen hatte.
Das Paar erklärte dem Bettler, das kleine Haus vor einigen Jahren von einem Makler gekauft zu haben. Sie nannten den Namen des Maklerbüros. Dort erfuhr der Bettler, dass der Verkauf über einen Notar abgewickelt worden war.
Enttäuscht zog er weiter. Die Kanzlei des Notars lag am anderen Ende der Stadt. Selbst wenn er dort Gehör fand, würde die verbleibende Zeitspanne nicht mehr ausreichen, die Forderung des Fremden zu erfüllen.
Er hatte beinahe seine ganzen Einkünfte der letzten Tage für die Suche nach der Unbekannten geopfert, mit der ihn nichts verband als das Medaillon, das ihr Bild zierte und ihm als Lohn für die Mühe, ihren Verbleib aufzuspüren, versprochen war. Es waren nur noch wenige Münzen übrig. Das auseinander gerissene Geldbündel, das er in seiner Tasche mit sich führte, besaß ohne die andere Hälfte keinen Wert. Er stand vor der Wahl, mit dem letzten Geld für die Anfahrt zu dem Notar eine Fahrkarte zu lösen oder eine Schlafstelle für die Nacht zu bezahlen. Es war Herbst und die Nächte waren bereits zu kalt, um sie auf einer Parkbank zu verbringen.
Verzweifelt hockte er sich an den Straßenrand. Als er schon den Entschluss gefasst hatte, die Suche aufzugeben, hörte er plötzlich eine Stimme flüstern.
„Du darfst nicht aufgeben. Das Schicksal hat dich ausgewählt, um das Versprechen, das es mir gegeben hat, einzulösen.“
Überrascht sah sich der Bettler nach allen Seiten um. Die Straße war menschenleer. In einem Gebüsch wurde ein Rascheln laut. Der Bettler schritt neugierig näher, um zu sehen, wer sich dahinter verbarg. Da sprang ein schwarzer Hund heraus. Er musterte den Bettler. Dann lief er von ihm fort.
Kopfschüttelnd blickte der Bettler dem scheinbar ziellos die Straße entlang trottenden Hund hinterher. Ohne weiter über den seltsamen Vorfall nachzudenken, ging er zurück zu dem Maklerbüro und bat um die Adresse des Notars.
Die Dämmerung lag bereits über der Stadt, als er die Kanzlei betrat. Der Notar war ein alter Mann, der den seltsamen Besuch in seinem Büro misstrauisch beäugte. Der Bettler trug ihm sein Anliegen vor. Er erzählte ihm von der Begegnung mit dem Fremden und der Vereinbarung, die sie getroffen hatten.
Nachdem der Bettler den Namen der Frau nannte, wurde der Notar hellhörig. Er bot seinem Gast einen Stuhl an. Dann schritt er hinter seinen Schreibtisch und setzte sich.
Er zog eine Schublade auf und nahm eine vergilbte Akte heraus.
„Das Karma, das jeder Mensch in sich trägt, lässt sich nicht betrügen.“, erklärte er. „Wenn man glaubt, ihm schon entkommen zu sein, fängt der Hund, der darin haust, plötzlich zu bellen an.“
Mit diesen Worten setzte er eine Brille auf und öffnete die Mappe auf seinem Schreibtisch.
Es war stockdunkel, als der Bettler wieder auf die Straße trat. Er ging zu einem Wagen, der mit aufgedrehten Scheinwerfern am Straßenrand stand und auf ihn wartete. Der Fahrer öffnete ihm die Tür.
Bevor der Bettler einstieg, blickte er zu dem Haus hoch, in dem der Notar seine Kanzlei hatte. Hinter einem beleuchteten Fenster zeichnete sich sich eine dunkle Gestalt ab. Er hob die Hand zum Gruß. Sekunden später fuhr der Wagen mit ihm am Beifahrersitz los.
Die Fahrt führte den Bettler zu einem abgelegenen Ort. Er bat den Fahrer des Wagens zu warten. Dann machte er sich im Licht einer flackernden Straßenlaterne auf den Weg, der zu einem schmiedeeisernen Tor führte. Dahinter öffnete sich ein dunkles Feld.
Langsam schritt der Bettler den schmalen Pfad entlang, der sich durch die engen Reihen durchschlängelte. Der Kies unter seinen Füßen knirschte.
Die Sterne leuchteten hell am Himmel, als er die Stelle erreichte, die der Notar beschrieben hatte.
„Ich bin gekommen, um dir Genugtuung zu verschaffen, damit du deinen Frieden finden kannst.“, sagte er in die Stille der Nacht hinein. Niemand antwortete.
Am nächsten Tag ging der Bettler zu dem verabredeten Ort, um den Fremden zu treffen. Er wurde bereits ungeduldig erwartet.
„Auf dich ist kein Verlass.“, fauchte ihn der Fremde an.
„Du hast dich um eine Stunde verspätet.“
„Die Suche hat mich an einen Ort geführt, an dem die Zeit stillsteht.“, führte der Bettler zu seiner Entschuldigung an.
Dann händigte er dem erstaunten Fremden einen Brief aus. Der Fremde öffnete den Umschlag. Neugierig starrte er auf die Fotografie, die sich darin befand. Mit zusammengekniffenen Augen las er das Schreiben, das dem Bild beilag. Es enthielt nur wenige Zeilen. Als er sie überflogen hatte, färbte sich sein Gesicht leichenblass. Mit starrem Blick fixierte er das kleine Foto, als versuchte er, etwas darin zu erkennen. Schließlich stieß er einen wütenden Schrei aus. Er zerknüllte den Brief und warf ihn zu Boden.
„Sie schreibt, dass ich einen Sohn habe.“, herrschte er den Bettler an und hielt ihm das Bild unter die Nase. Es zeigte einen kleinen Jungen, der in die Kamera lächelte. Die Ähnlichkeit der Gesichtszüge zwischen ihm und dem Fremden war unverkennbar.
Der Fremde schritt an den Bettler heran und packte ihn am Kragen.
„Nenne mir die Adresse der Schlampe!“, brüllte er den Bettler an.
„Ich will sie zur Rechenschaft ziehen für ihren Frevel, mir meinen Sohn vorenthalten zu haben.“
Der Fremde bebte vor Zorn. Aber in sein Geschrei mischte sich ein schmerzhafter Klang.
„Sie ruht auf einem Friedhof außerhalb der Stadt.“, antwortete ihm der Bettler.
„Ich habe sie an ihrem Grab besucht, um das Versprechen einzulösen, das mit diesem Brief verbunden ist.“
„Welches Versprechen meinst du?“ fragte der Fremde wütend.
„Dich den gleichen Schmerz spüren zu lassen, den sie durch dich erfahren hat.“, antwortete der Bettler.
Der Fremde erhob drohend die Faust gegen ihn. Der Bettler verzog keine Miene. Furchtlos blickte er dem Fremden in die Augen.
„Sie hat dir ihr Herz anvertraut.“, sagte er.
„Eines Tages blieb nur ein Brief von dir zurück. Es hat sie tief verletzt, verlassen zu werden, ohne den Grund zu kennen.“
„Dringende Geschäfte riefen mich fort.“, verteidigte sich der Fremde.
„Es hat ihr in der Seele geblutet, dich unerreichbar in der Welt zu wissen.“, sagte der Bettler.
Der Fremde öffnete seine Faust und stieß den Bettler von sich weg. Schweigend starrte er auf das Bild in seiner Hand.
„Ein Jahr nach der Geburt eures Kindes ist sie gestorben.“, berichtete der Bettler vom Schicksal der Unbekannten, die er für den Fremden gefunden hatte. „In ihrem Sterbebett gab sie deinen Sohn in die Hände eines kinderlosen Paares, dessen Namen sie mit ins Grab genommen hat.“
Kopfschüttelnd blickte der Fremde den Bettler an.
„Sie hat unseren Sohn in der Welt zurückgelassen, ohne dass er jemals von seinem wahren Vater erfahren wird.“, bellte er ihn an.
„Er lebt nun unter Menschen, die ihm die Liebe schenken, die du seiner Mutter versagt hast.“, entgegnete ihm der Bettler.
Der Fremde zeigte sich fassungslos.
„Warum hat sie mir das angetan?“
„Sie hat diesen Brief geschrieben, um dich fühlen zu lassen, was es bedeutet, eine Sehnsucht zu spüren, die nicht zu stillen ist.“, antwortete der Bettler. „Nun weißt du von deinem Sohn in der Gewissheit, ihn nie in die Arme schließen zu können.“
Der Fremde nahm das Bild zwischen seine Hände. Er machte Anstalten, es in kleine Stücke zu zerreißen. Aber das fröhliche Gesicht des Jungen, der ihn daraus anlächelte, nahm ihm die Kraft. Wortlos ließ er das Bild in seiner Jacke verschwinden. Stattdessen holte er das Medaillon hervor. Er schleuderte es dem Bettler mit der anderen Hälfte des zerrissenen Geldbündels vor die Füße.
„Nimm deinen Schandlohn.“, schrie er. „Sie hat dir deinen Dienst mit meinem Geld gut bezahlt.“
Die Verzweiflung spiegelte sich in seinem Gesicht, als er dem Bettler den Rücken zudrehte und im Getümmel der Straße untertauchte.
Schweigend blickte ihm der Bettler hinterher. Der Fremde würde ihm als Mensch in Erinnerung bleiben, dem kein Wunsch versagt blieb bis auf einen. Die Frau in dem Medaillon hatte ihn dazu verdammt, mit dem Wissen zu leben, dass ein Herz in der
Welt schlug, das für in unerreichbar blieb.
Als sich neugierige Spaziergänger näherten, sammelte er hastig die im Wind verstreuten Geldscheine ein. Vorsichtig hob er das goldene Medaillon vom Boden auf. Die Klappe war durch den Aufprall aufgesprungen. Der Bettler betrachtete das Bild der Frau, das sich darin befand. In ihrem Gesicht zeichnete sich ein feines Lächeln ab. Sie hatte die Genugtuung bekommen, die sie dem Schicksal auf dem Sterbebett als Versprechen abgetrotzt hatte.
In der Ferne war Hundegebell zu hören. Erschrocken wandte der Bettler den Blick von dem Bild ab.
Die Worte des Notars kamen ihm in den Sinn.
„Das Karma, das jeder Mensch in sich trägt, lässt sich nicht betrügen. Es beißt zu, wenn man ihm schon entkommen glaubt.“
In der Ferne verstummte das Heulen des Hundes, als hätte er seinen Frieden gefunden. Der Bettler klappte das Medaillon zu. Dann steckte er das wertvolle Schmuckstück gemeinsam mit dem Geld in die Tasche und ging seiner Wege.