
Ein Esel bleibt immer ein Esel. Man soll ihn auch als solchen behandeln und nichts Ungewöhnliches darin sehen, dass er sich wie einer verhält. Ansonsten ergeht es einem wie einem Bauern, der seinen Esel frei in einer Koppel laufen ließ.
Es war ein zahmes Tier, das seinem Besitzer keinen Kummer bereitete. Zu seinem Vergnügen liebte er es, Purzelbäume zu schlagen, auf zwei Beinen zu tanzen oder mit den Hufen nach allen Seiten auszuschlagen. An heißen Sommertagen äste er mit den anderen Tieren friedlich in der Wiese und stritt sich mit den Schmetterlingen um die Blumen, die zwischen dem Gras hochwuchsen. Ansonsten war ihm kein Vergehen anzulasten. Er war ein Esel und sah keinerlei Notwendigkeit, sein Verhalten zu ändern.
Auf der Weide, wo er seine Tage verbrachte, richtete er mit seinen verrückten Späßen keinerlei Schaden an. Der Bauer verschwendete daher keinen Gedanken über die seltsame Angewohnheiten des Esels. <Was soll ich mir über die Eigenheit eines Esels den Kopf zerbrechen.>, dachte er und kümmerte sich um seine eigenen Geschäfte.
Aber die Leute, die das Treiben des Esels beobachteten, setzten ernste Mienen auf. Sie fanden das Verhalten des Esels für ungehörig. Sie riefen eine Versammlung ein, in welcher die hochgezogenen Augenbrauen, die gestreckten Zeigefinger und die mahnenden Stimmen zu Wort kamen. Am Ende wurde eine Kommission gebildet, die den Beschluss fasste, den Esel in die Schranken zu weisen.
Dem Bauer blieb nichts anderes übrig, als der mit wichtigen Unterschriften gezeichneten Aufforderung, den Esel in einem Stall unterzubringen, Folge zu leisten. Diesem wollte die Vorstellung, am helllichten Tag in einer engen Box stehen zu müssen, nicht gefallen. Der Bauer hatte Mühe, ihm Herr zu werden. Die Hufe des Esels sausten wie Hammerschläge auf ihn herein.
Am ganzen Körper von blauen Flecken gezeichnet, gelang es dem Bauern schließlich, das rasende Tier in seinen Verschlag zu zwingen. Dort kannte der Esel kein Halten mehr. Außer sich vor Wut schlug er den Stall kurz und klein.
Danach war er endlich müde geworden. Friedfertig, wie es seinem Naturell entsprach, stand er auf wackeligen Beinen zwischen den Überresten seiner einstigen Behausung. Der Bauer aber, der die Huftritte in allen Knochen spürte, stapfte wütend davon. <Was bin ich dümmer als mein Esel.>, fluchte er. Der Esel war schon als Esel geboren. Es stand ihm frei, sich als solcher zu benehmen.
<Der Luft auf der Weide schadet es nicht, wenn ein Esel mit seinen Hufen gegen sie ausschlägt.>, jammerte der Bauer, den ein schlechtes Gewissen plagte. Er hatte das harmlose Tier, ohne dass es ihm Anlass dazu gab, in ein quälendes Dasein gezwungen.
Nie wieder würde er auf dem missgünstigen Gerede der Leute Gehör schenken oder auf dickem Papier gesetzten Unterschriften Vertrauen schenken. Es hatte ihm nichts wie Unheil eingebracht. Über Wochen schmerzte ihm jeder Knochen im Leib. Ein neuer Stall musste gebaut werden. Und jeden Morgen erwartete ihn dort ein misstrauischer Esel, der wild und bockig bleiben würde bis ans Ende seiner Tage.
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