Das Zirkuskind – 16

Wie das Fräulein „So-La-La“ dem schlimmsten aller Feinde ins Auge blickt

Eines Morgens machte das Fräulein  „So-La-La“ im Spiegel eine schreckliche Entdeckung. Ihr Gesicht hatte sich über Nacht  in eine  unansehnliche Fratze verwandelt. 

Wenn sie den Mund öffnete, offenbarte die Zahnlücken den Blick auf eine schaurige Ruinenlandschaft.
Je länger sie das Spiegelbild betrachtete, umso unansehnlicher erschien es ihr.
Ihre Stupsnase ragte wie ein Schornstein aus ihrem Gesicht. Die Augen waren zu vertrockneten Rosinen geschrumpft. Und die Ohren blähten sich zu riesigen Segeln auf.

Das Fräulein „So-La-La“  stieß einen Schluchzer aus. Ob sie sich in Posen warf oder ihr schönstes Lächeln versuchte. Jeder Blick in den Spiegel brachte neue Scheußlichkeiten zum Vorschein.

Die Bürsten und Kämme fochten einen aussichtslosen Kampf gegen das rotbraune Gestrüpp auf ihrem Kopf. Verzweifelt versuchte sie, ihr Spiegelbild mit Lippenstiften und Make-up-Cremen  aus dem mütterlichen Schminkkoffer auszubessern.

„Mit dieser Maske könntest du als Zirkusclown auftreten.“, erschrak sich der Vater an dem mit Rouge und Wimperntusche zugeschmierten  Gesicht.

Die Mutter zeigte weniger Respekt.  Sie bestrafte den Verlust ihrer besten Salben, Make-ups und Lippenstifte mit einer Woche Fernsehverbot.

Neidvoll starrte das Fräulein „So-La-La“  auf ihre Lieblingspuppe.  Eine Zahnlücke oder eine schiefe Nase kümmerten sie nicht?  Ob auf ihrer Haut ein Fettfleck glänzte oder eine Naht geplatzt war.  Für alles fand sich in der Puppenkiste das passende Ersatzteil.

Hatte sich eine Puppe zu dick gefressen,  schnitt man  den Stoff auf und nahm die überflüssige  Füllung heraus.  Im Handumdrehen  passte die Glückliche wieder in ihre Sommergarderobe. Wenn ihr  Gesicht durch einen  riesigen Zinken  oder ein spitzes Kinn  verunstaltet war,  drehte man ihr mit wenigen Handgriffen einen neuen Kopf auf den Hals.  

n ihrer Verzweiflung beschloss das Fräulein „So-La-La“, das Verfahren bei sich  selbst anzuwenden.   
Der Vater zeigte sich von diesem Vorhaben wenig begeistert.

 „Köpfe sind rasch abgeschlagen,  aber furchtbar schwer wieder anzunähen.“,  äußerte er seine Bedenken.

Mit der ernsten Miene eines Professors für Kopfverpflanzungen zählte er alle möglichen Gefahren auf. Es wurde eine endlose Liste.

„Ein falscher Stich bei einer Naht reicht aus, die ganze Apparatur ins Chaos zu stürzen.“,   erklärte er.     

„Der Herzschlag gerät außer Takt. Die  Lunge bekommt  keine Luft mehr. Die Nieren  verstopfen. Die Blase platzt. Der Magen knurrt. Die Leber kocht. Und die Galle läuft über.“  

Das Fräulein „So-La-La“ zeigte sich wenig beeindruckt von solchen Nebenwirkungen,  Sie war fest entschlossen, ihr hässliches  Spiegelbild loszuwerden.  Was bei einer Puppe funktionierte, konnte so schwierig nicht sein.

Der Vater widersprach heftig.

„Vielleicht kommt der Tag, an dem eine Kopfverpflanzung nicht weniger harmlos ist als eine Blinddarmoperation. Aber an dem Preis, den man dafür zahlen muss, wird sich nichts ändern.“

Seine Buchhaltermiene verhieß nichts Gutes. Sie tauchte immer dann in seinem Gesicht  auf, wenn die Mutter ankündigte, die Bestände in ihren  Kleider- und Schuhschränken zu erneuern.

Es waren nicht die Einkäufe, die den Vater ernst stimmten.  Es waren die Rechnungen, die sich ihnen anschlossen.

leinlaut musste sich das Fräulein „So-La-La“  eingestehen, keinerlei Gedanken über die Kosten einer Kopfverpflanzung verschwendet zu haben.

„Die Rechnungen sind das geringste Übel.“, erklärte der Vater.
„Mit einem neuen Kopf gehen alle Erinnerungen und Träume verloren.“

Der Einwand zeigte Wirkung.

Zähneknirschend sagte  das Fräulein „So-La-La“ die  Kopfverpflanzung  ab. Das Spiegelbild durfte seine unansehnliche Fratze  behalten.  Das Biest dankte es mit einer neuen Zahnlücke in der vordersten Reihe.
Nun war dem Fräulein  „So-La-La“  auch das Zähneputzen verdorben. Heulend rettete sie sich in die Arme ihrer  Mutter.

„Ich hsase mien Sipegelblid.“,  jammerte sie.

Auf der Stirn der Mutter zeichnete sich eine dicke Sorgenfalte ab.

„Warum könnt ihr euch nicht miteinander versöhnen?“  versuchte sie, den Streit zu schlichten.

Unaufgefordert mischte sich der Vater  in die Debatte ein. Vollmundig behauptete er, vor vielen Jahren einen ähnlichen Streit  mit seinem Spiegelbild ausgefochten zu haben.

Irgendwann hätte man die Vereinbarung getroffen, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen. Seit dieser Zeit würden sich ihre Begegnungen auf ein kurzes Zusammentreffen im Badezimmer beschränken.

„Wer sich seltener  sieht, hat auch weniger Gelegenheit zum Streiten.“,  redete er sich um Kopf und Kragen.

Das Fräulein „So-La-La“  strafte ihn mit kalter Verachtung.  Von der Mutter erntete er schallendes Gelächter.

Nie und nimmer gäbe einen Zusammenhang mit seinem Spiegelbild, dem augenscheinlich an jederlei Gefälligkeit fehlen  würde,  wies sie ihn abfällig zurecht.
Die Schönheit des Fräulein „ So-La-La“  dagegen stünde  außer Streit. Es ginge lediglich um kleinere Ausbesserungen.  Punkt. Aus. Sieg.

Zerknirscht räumte der Vater das Feld, bevor sich weitere Schmähungen über  ihn  ergossen.

n der Mutter rief der Kummer  ihrer Tochter bittere Erinnerungen wach. Über Tage und Wochen wälzte sie  sich im Bett  durch schlaflose Nächte.

„Es wird Zeit, Captain Feelgood wieder in See stechen zu lassen.“, unterhielt sie sich mit dem Mond, dessen gelbe Sichel  am Himmel wie ein mächtiges Schiff durch die Wolken pflügte.

Noch in der gleichen Nacht zerplatzte eine riesige Regenwolke direkt über dem Dach des Hauses.  Der sintflutartige Regenguss, der  auf das Land niederprasselte, bildete die Vorhut für die kommenden Ereignisse.

Der Vater schnarchte nichtsahnend im Bett neben der Mutter, als ihn ein Schlag  gegen die Rippen  aus den Träumen riss. Unverzüglich ereilte ihn der Auftrag,  einen Anruf zu erledigen. Hals über Kopf jagte der Vater aus dem Bett.  Im Halbschlaf hastete er die Treppe ins Wohnzimmer hinunter.  

Es grenzte  an ein Wunder, dass er nicht stolperte  und sich das Genick  brach. Mit zittriger Hand griff  er nach dem Telefon und wählte die Nummer.  Drei Mal läutete es am anderen Ende der Leitung. Dann meldete sich eine tiefe Stimme.

„Es ist ein Notfall.“,  stotterte der Vater in den Hörer.

„Dieses Telefon läutet nur bei Notfällen.“, brummte  die tiefe Stimme aus dem Hörer.

Nach wenigen Sätzen legte der Vater den Hörer auf. Im Schlafzimmer erstattete er der Mutter Bericht.
Er hatte Anweisung bekommen, mit dem ersten Hahnenschrei des nächsten Tages die  Badewanne  volllaufen zu lassen.  

Die Mybody würde noch in der gleichen Nacht die Segel setzen, hatte  ihn die Stimme am Telefon wissen lassen, Mit seiner Ankunft in der Badewanne wäre im Morgengrauen zu rechnen.  

„Die Mybody ist ein Schiff.“, klärte die Mutter den ahnungslosen  Vater  auf.
„Der alte Sam hat seinen Anker gelichtet.“, jubelte sie.

er Vater wusste mit dem seltsamen  Seemannsgarn wenig anzufangen.
Die Vorstellung, ein Zweimaster würde demnächst in der Badewanne auftauchen, war schon abwegig genug. Aber noch mehr beschäftigte ihn der Gedanke,  dass seine Frau  mit einem der Matrosen auf vertrautem Fuß zu stehen schien.

 „Wer ist  Sam?“, fragte er eifersüchtig.

Augenblicklich blickte er in zwei finstere Gewehrläufe.  Es waren die zusammengekniffenen  Augen der Mutter. 

„Er heißt Captain Samuel Feelgood. Die Mybody steht unter seinem Kommando.“, schnitt sie dem Vater mit scharfer Stimme das Wort ab.

Mit Mühe gelang es dem Vater,  das Verlangen zu unterdrücken,  sich mit dem ausgestreckten Zeigefinger gegen die Stirn zu tippen. Er war durch  den verrückten Clown, der im Mund des Fräulein „So-La-La“ hauste, an allerlei Unfug gewöhnt. Aber die Vorstellung, dass ein ihm unbekannter Captain Feelgood in seiner Badewanne  den Anker warf, schadete  seinem  Blutdruck mehr als es ihm gut tat.

Mit dem Vorsatz, den Likörkonsum im Haus stärker zu kontrollieren, zog er sich die Decke bis zur Nasenspitze hoch und kippte in einen unruhigen Schlaf.

Während der folgenden Stunden, in denen  der Vater im Traum einem  Piraten hinterher jagte, der  über die Badewanne Likörflaschen ins Haus schmuggelte,  starrte die Mutter mit verklärtem Blick zur Decke hoch.
Erst im Morgengrauen  löschte sie das Licht.

Ein  Sturmgeläut an der Haustür riss sie  aus dem Schlaf.  Hastig griff sie nach ihrem Morgenmantel und eilte die Treppe hinunter. Das Fräulein „So-La-La“  rannte ihr hinterher.

Die Großmutter stand mit durchnässtem Mantel vor der Tür.  Die Regenwolke über dem Haus entlud  immer noch ihre nasse Ladung.

e Großmutter verschwendete keine  Zeit mit überflüssigen Gerede.  Sie verwies auf die schwere Tasche in ihren Händen.

„Es wird Zeit, das Quartier für  Captain Feelgood vorzubereiten.“, erklärte sie ihre Eile.

Mit dem Fräulein „So-La-La“  im Schlepptau stürmte sie die Treppe hoch.

Vor dem Badezimmer lief ihnen der Vater schlaftrunken in die Arme. Die nächtliche Piratenjagd hatte deutliche Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Unrasiert und mit dunklen Ringen unter den Augen sah er den Alkoholschmugglern, denen er im Traum nachgestellt hatte, zum Verwechseln ähnlich.

Die Begrüßung fiel kühl aus.

„Über deine nächtlichen  Trinkgewohnheiten unterhalten wir uns später.“,   bekam der Vater zu hören.
Damit waren die  Freundlichkeiten beendet. Die Großmutter stieß den Vater zur Seite  und schloss sich mit dem Fräulein „So-La-La“ im Badezimmer ein.

„Was geht hier Verrücktes vor.“,  rang der Vater empört nach Fassung.

Grobe Verwünschungen murmelnd,  stapfte er die Treppe hinunter. Er hatte schlecht geträumt.  In seinem Kopf rumorte eine vage Eifersucht auf einen unbekannten Schiffsmatrosen, dessen Schiff in der Badewanne den Anker geworfen hatte.  

Die Mutter, die ihn am Fuß der Treppe erwartete, drückte ihm eine Tasse mit dampfenden Kaffee in die Hand.
Widerwillig folgte er ihr in die Küche, wo ihn ein Funkenflug, der  aus dem Toaster schlug, von seinen düsteren Gedanken ablenkte. Ein Stockwerk kündigte höher das Rauschen des Wasserhahns die Ankunft von Captain Feelgood an.

Die Leitungen im Badezimmer arbeiteten unter Volllast für den notwendigen Tiefgang.

nterdessen begann das Fräulein  „So-La-La“, die Großmutter mit Fragen über den seltsamen Besucher zu löchern. Der Ort, an dem Oma Rosa  seine Ankunft wartete, erregte ihre Neugier.  Für gewöhnlich fuhren Gäste mit dem Auto vor und kamen durch die  die Tür ins Haus.

„Sciher war  er  ein Friebueter  mit den dciksten Knaonen an Brod.“,  erging sich das Fräulein „So-La-La“ in haarsträubenden Vermutungen.

Die Großmutter schüttelte den Kopf.

„Er war ein friedfertiger Schiffskapitän, der keiner Menschenseele etwas zuleide tat.“, erwiderte  sie.

„Dnan kmäpfte er mit gefärhlcihen Seeungehueern auf Lbeen und Tod?“

Wieder musste die Großmutter die Hoffnungen des Fräulein „So-La-La“  enttäuschen.

„Ich fürchte, er hat keinen einzigen Fisch an den Haken bekommen, der größer war als ein Hering.“

Das Fräulein  „So-La-La“  runzelte  die Stirn. Wer war dieser geheimnisumwitterte Seemann, der ein Schiff steuerte, das weder Kanonen noch Fischernetze an Bord hatte?   Sie unternahm einen letzten Anlauf.

„Bestmimt hat er unbeknante Lnäder  entdkect und  die Welt görßer gemcaht.“

Die Großmutter winkte erneut ab.

„Ich fürchte, auch diese Heldentat blieb ihm versagt. Zu seinen Lebzeiten wurde die Welt um keinen Quadratzentimeter größer, als sie es bereits  war.“

Mittlerweile hatte das heiße Wasser, das aus den Leitungen strömte,  die Wanne zur Hälfte gefüllt.  Der hochsteigende Dampf hüllte den kleinen Raum in dichte Rauchschwaden. Mit kritischem Blick prüfte die Großmutter den Wasserstand. Nachdem sie mit dem Tiefgang zufrieden war, drehte sie den Wasserhahn ab.

Der Ankunft von Captain Feelgood stand nichts mehr im Weg.

as Fräulein  „So-La-La“ hielt der Aufregung nicht länger stand. Sie schlüpfte  aus dem Nachthemd und sprang in die  Wanne, um die Einfahrt  des Schiffes aus nächster Nähe zu beobachten.

Langsam stachen die Umrisse des Zweimasters durch den aufsteigenden Wasserdampf. Captain Feelgood steuerte sein Schiff  hart backbord. Eine steife Brise blähte die Segel. Er hielt direkt auf das Fräulein „So-La-La“ zu. 

Auf Höhe ihres linken Knies, das zur Hälfte  aus dem Wasser ragte, riss er das Ruder herum und leitete in einem gewagten Manöver eine scharfe Wende ein. 
Eine gewaltige Bugwelle spritzte auf und brachte die  Mybody beinahe zum Kentern. Das Schiff schwankte bedrohlich nach allen Seiten, bevor  es in ruhiges Gewässer zurück fand.

Der Anblick des kleinen Zweimasters, der eine Armlänge von ihr entfernt im Wasser schaukelte, riss das Fräulein  „So-La-La“ unsanft aus ihren Träumen.  Ihr Zeigefinger zuckte nervös.  

Die Mybody  war kein richtiges Piratenschiff. Vom Bug bis zum Heck war es nicht länger als eine Limonadenflasche.  Der Rumpf war  aus  Streichhölzern geklebt. Übereinander gestapelte Zigarrenschachteln bildeten die Kommandobrücke.  In der Mitte ragten zwei dünne Häkelnadeln hoch, an denen kleine Stofffetzen hingen, die als Segeln dienten.

Der alte Kahn hatte nie auf einem Ozean Wind und Wetter getrotzt. Sein Heimathafen war keine einsame Piratenbucht. Viel eher hatte er die letzten hundert Jahre in einer Spielzeugkiste auf einem Dachboden zugebracht.

Die Erscheinung von Captain Feelgood war nicht weniger armselig. Der Schwarm der Mutter entpuppte sich als fingergroße Spielfigur im Piratenkostüm, die mit den Füßen auf der Kommandobrücke des Schiffes geklebt war, um nicht von der ersten Welle über Bord gespült zu werden.

as Fräulein „So-La-La“ sparte nicht mit empörten Blicken. Man hatte sie mit falschen Versprechungen in die Badewanne gelockt.

Die Großmutter bestätigte, was nicht zu leugnen war.

Die echte Mybody, berichtete sie, musste keinen Stürmen mehr trotzen. Sie war vor vielen hundert Jahren mit Mann und Maus im Indischen Ozean versunken.

Captain Feelgood hatte bis zuletzt auf der Kommandobrücke seines Schiffes ausgeharrt und ruhte mit ihm auf dem Grund des Meeres.

In den Erzählungen der Seeleute überdauerte seine Geschichte bis in die heutige Zeit. In jedem Hafen warf sie ihren Anker aus.  Nachts schlich sie als unruhiges Gemurmel um die Kais. In den Kneipen wurde sie flüsternd von einem Ohr zum anderen weiter gereicht.

Der echte Captain Feelgood war keine Augenweide, dem die Herzen der Menschen zuflogen. Eine Laune der Natur hatte ihm die Statur eines kartoffelförmigen Zwerges mit kurzen Armen und Beinen gegeben. 
In seinem pockennarbigen  Gesicht herrschte ein  Durcheinander, als hätte ein gewaltiger Sturm darin gewütet. Alles wirkte schief und verschoben.  

Das spitze Kinn ragte aus seinem Gesicht wie ein  sturmgepeitschtes Riff aus einem Ozean. Seine Hakennase war von tausenden Seestürmen krumm geschliffen. Über dem linken Auge trug er eine Augenklappe. Wenn sich sein Mund  öffnete, blitzte ein scharfzahniges Haifischgebiss heraus.

Das Schiff wirkte nicht weniger armselig als sein Kapitän.  Es war ein alter Seelenverkäufer, den die kleinste Brise auf den Grund des Meeres  zu schicken drohte.

In den Augen von Captain Feelgood war der marode Kahn das beste  Schiff, das über die Meere segelte.

enn er von dem Zweimaster  erzählte, glänzten seine Augen. Er liebte seine Mybody, wie sie war. Das Schiff  hatte ihn ein Seemannsleben lang  nicht in Stich gelassen und  der stürmischsten See getrotzt.

„Seine Planken mögen morsch  und die Segel zerrissen sein. Aber um Nichts würde ich es tauschen wollen. Denn ohne dieses Schiff hätte ich die Weite des  Ozeans  nicht  erfahren.“, schwärmte er.

Captain Feelgood war mit sich zufrieden.  Er haderte weder mit seinem Aussehen noch mit dem Zustand des Schiffes, das unter seinem Kommando stand. Es existierte kein Hafen,  wo die Seeleute nicht ängstlich den Blick senkten, wenn er ihnen in die Augen sah.  In jeder Kneipe von Kneipe von Alaska bis Madagaskar wurde es totenstill, sobald  sich sein  Schatten  in der Tür abzeichnete.

Die wenigen Großmäuler, die in seiner Gegenwart ein spöttisches Wort wagten, durften auf keinen Pardon  hoffen. 

„Ich habe in das Auge des fürchterlichsten aller Feinde geblickt. Und bei Gott, ich stünde nicht hier, wenn ich ihn nicht besiegt hätte.“, donnerte er den Unglücklichen entgegen, dass der Putz von den Wänden bröckelte.

Sein Ansehen gründete auf der Macht dieser Worte.  Nur die Tapfersten fanden den Mut, es Captain Feelgood  gleich zu tun. Und die allerwenigsten unter ihnen kehrten als Sieger zurück.

Mit offenem Mund lauschte das Fräulein „So-La-La“ dem Seemannsgarn ihrer Großmutter.

Der Ärger über das armselige Streichholzboot in der Badewanne war wie weggeblasen.

„Womit hat er den Seemännren enien slochen Scherkcen eingejgat.“,  fragte sie.
Ihre Stimme bebte vor Aufregung.  

„Er hat ihnen einen  Spiegel vor die Nase gehalten.“,  antwortete die Großmutter.

Wer in deisen Speigel bilckte, bileb für alle Ziet darin gefnagen.“, entzückte sich das  Fräulein „So-La-La“ an der Vorstellung, ihr unsägliches Spiegelbild an diesen Ort zu verbannen.

ie Großmutter lächelte milde. 

„Ein kleiner Taschenspiegel bietet nicht genügend Platz für ein Gefängnis dieser Größe.“, widersprach sie.

Einmal beflügelt, war Fantasie  des Fräulein  „So-La-La“  nicht zu bremsen.

 „Er hat den Mneschen irhe Zuknuft geziegt.“,   beschwor sie einen anderen Zauber, dem  Captain Feelgood seine Macht über die Menschen verdankte.  

Wieder verneinte die Großmutter.

„Es war ein gewöhnlicher Taschenspiegel.  Man sah darin nichts anderes als in jedem anderen Spiegel.“
Das Fräulein „So-La-La“  gluckste enttäuscht.

Ihre Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf das kleine Streichholzboot, das in der Wanne schaukelte. Es war Zeit, den alten Kahn zurück zu den Fischen zu schicken.

Das Fräulein „So-La-La“  stampfte mit den Füßen im  Wasser, bis sich eine gewaltige Sturmflut aufbrauste. Woge um Woge ergoss sich über den kleinen Zweimaster. Die Nussschale wehrte sich tapfer gegen den drohenden Untergang.   

Da ertönte ein lauter Knall.  Blitzartig erlosch das Licht in der Deckenlampe.  Der Raum verschwand in pechschwarzer Dunkelheit.  Der beißende Geruch von Schweiß und Tabakrauch schwängerte die Luft.  
Nach bangen Sekunden flackerte in der Hand der Großmutter ein Streichholz auf.

Mit aufgerissenen Augen starrte das Fräulein  „So-La-La“ in eine gespenstische Szenerie. Das  Badezimmer hatte sich in eine dunkle Hafenkneipe verwandelt.

Im Licht von brennenden Kerzenstumpen blickte sie in die verschlagenen Gesichter bärtiger Gesellen. Sie hockten auf hölzernen Tischen und gaben sich alle Mühe, den auf den Schiffen verdienten Lohn beim Würfelspiel zu verlieren. Ihr Stimmengewirr erfüllte den winzigen Raum mit einem dröhnenden Singsang. Sie unterbrachen ihr Gerede nur, um an ihren Tabakpfeifen zu paffen oder sich den  Rum becherweise in die Kehlen zu kippen. 

Merkwürdigerweise nahm niemand Notiz von dem kleinen Mädchen, das mitten unter ihnen in einer Badewanne festsaß.

Vorsichtshalber ging das Fräulein  „So-La-La“ auf Tauchstation. Lautlos glitt sie  unter die Wasserlinie,  bis nur noch ihre Nasenspitze aus dem Wasser ragte.

Es war keine Sekunde zu früh.  Mit gewaltigem Getöse schlug eine Tür auf.  Ein  kalter Luftzug wehte durch den Raum und löschte die Kerzen aus. Die Seeleute verstummten mitten im Satz und verdrehten die  Hälse zum Eingang der Hafenkneipe.  

Der Wind, der  durch den offenen Türschlag  strömte, blähte die Segel des Zweimasters in der Badewanne und steuerte ihn auf einen verhängnisvollen Kurs.  In voller Fahrt prallte er gegen ein  aus dem Wasser ragendes Hindernis.

„Aua.“, schrie das Fräulein  „So-La-La“ auf.

Nach Luft schnappend schnellte sie hoch und rieb sich die geschwollene Nase.  Als sie sich umblickte,  bemerkte sie im Türrahmen eine  zwergenhafte Gestalt,  Das Licht der Straßenlaterne warf seine Silhouette bis in die letzte Tischreihe.  Auf seinen kurzen  Stummelbeinen  ragte der Zwerg gerade bis zur Türklinke  hoch.   

Sein Kopf war groß wie eine Wassermelone. Ein riesiger Dreispitzhut, der tief in die Stirn hineinrutschte,  verlieh ihm ein sonderliches Aussehen. Über dem linken Auge trug er eine Augenklappe.  

Die rauen Gesellen saßen mit versteinerten Blicken an den Tischen.  Keiner von ihnen wagte es, durch ein Zucken oder Räuspern auf sich aufmerksam zu machen. 

„Cpatian Feelgood.“, kreischte das Fräulein So-La-La“ auf und wünschte im selben Atemzug  ihre vorlaute Zunge zum Teufel.

Hundert Augenpaare wanderten gleichzeitig in ihre Richtung. Spontan entschied das Fräulein  „So-La-La“,  wieder  auf Tauchstation zu gehen und toter Fisch zu spielen.

Langsam schritt Captain Feelgood  die stummen Reihen  ab.  Die gesenkten Köpfe der Seeleute  bildeten  das Spalier für seinen Empfang.  Mit zusammengekniffenen Augen musterte er  jedes Gesicht.

Den Seemännern stand der Schweiß auf der Stirn.  Sie wussten ihr Leben an einem seidenen Faden.  Wer sich  zu einem Grinsen hinreißen ließ  oder einen spöttischen Blick wagte,  war unrettbar verloren. Ohne Erbarmen  würde ihn  Captain Feelgood  dem schlimmsten aller Feinde ausliefern.

Das Klappern seiner Stiefelabsätze hallte durch den Raum. Captain Feelgood hatte keine Eile.  Er genoss die Wirkung, den sein Auftritt auslöste. Viel zu lange für einen scheintoten Fisch, der an die Oberfläche musste, um nach Luft zu schnappen.

Als das Fräulein  „So-La-La“  aus dem Wasser tauchte, sah sie sich Nasenspitze an Nasenspitze dem pockennarbigen  Gesicht von Captain Feelgood gegenüber.

„Bei allen rostigen Enterhaken, was haben wir hier für einen seltsamen Fisch?“, brüllte er und brach in ein schallendes

Gelächter aus.

Nach einem kurzen Zögern stimmten  die Seeleute  in sein Lachen ein.  Sie nutzten die Gelegenheit, den ausgestandenen Schrecken mit einem Becher Rum hinunter zu spülen. 

„Ich bin kein Fsich.“,  protestierte das Fräulein So-La-La“.

Verzweifelt versuchte sie, den  törichten Charakter ihrer Zunge in Zaum zu halten. Aber der übermütige Clown in ihrem Mund hatte Blut geleckt.

„Wer  so  kmoisch ausseiht wie du,  soltle nciht mit dem Figner auf andree Luete ziegen.“,  richtete er Captain Feelgood aus.

chlagartig verstummte das Gegröle an den Tischen. Die Luft war zum Zerreißen gespannt.  Etwas Ungeheuerliches war geschehen. Ein kleines Mädchen hatte es gewagt, Captain Feelgood herauszufordern. 

„Haben meine Ohren richtig gehört.  Ich, der dem schlimmsten aller Feinde ins Auge geblickt und ihn besiegt habe, werde von einem Fisch zurecht gewiesen.“, polterte Captain Feelgood.

Der Zorn ließ sein Gesicht rot anschwellen. Drohend schweifte sein  Blick durch den Raum. Die Seeleute steckten die Köpfe ein. 

„Ein Schuft ist jeder, der einen ehrbaren Captain einen Lügner nennt. Ein solches Vergehen verdient eine angemessene Strafe.“, donnerte Captain Feelgood und zauberte einen kleinen Taschenspiegel aus seinem Rock hervor.

Das Fräulein „So-La-La“ zitterte in der Wanne  wie ein aus dem Wasser gezogener Fisch.

„Es war kiene Abcsiht., “  winselte sie um Gnade.

Ihr Flehen verhallte ungehört. Captain Feelgood kannte keine Gnade.

„Bist Du bereit, dem schlimmsten aller Feinde gegenüberzutreten und dich mit ihm zu messen?“, verkündete er das mitleidlose Urteil.

Ein Raunen ging durch die Reihen der Seeleute. Nicht einer saß unter ihnen, dem das Auge trocken blieb. Sie waren hartgesottene Burschen, denen kein Sturm zu wild und keine Seeschlacht zu grausam war. Aber mitansehen zu müssen, wie ein kleines Mädchen dem schlimmsten aller Feinde ausgeliefert wurde,  rührte ihre Seele an. Captain Feelgood schwang den Spiegel über seinen Kopf wie ein Scharfrichter das Beil.  Es herrschte Totenstille im Raum.   

Ein vielstimmiger Aufschrei schwappte die Tischreihen entlang, als sein Arm herunterschnellte.

„Blicke in den Spiegel hinein und trete dem schlimmsten aller Feinde gegenüber.“,  vollstreckte Captain Feelgood die verhängte Strafe.

as Fräulein „So-La-La“ stieß einen entsetzten Aufschrei aus, als sie in den Spiegel sahSchonungslos legte er jeden Makel an ihr frei. 
Nichts war ihr mehr verhasst als das eigene Spiegelbild.  Captain Feelgood hatte seine Drohung wahrgemacht. Auge in Auge stand sie dem schlimmsten aller Feinde gegenüber. Angeekelt wandte das Fräulein „So-La-La“ den Blick ab.

„Kämpfe mit ihm.“, wehte der Wind, der durch die Tür hereinblies, eine ferne Stimme an ihr Ohr.

„Wie slol ich ihn beseigen. Er ist zu strak.“, schluchzte  das Fräulein  „So-La-La“ und vergrub ihr Gesicht in den Händen.

„Liebe dich, wie du bist. Liebe das, was du bist. Nur dann kannst du den schlimmsten aller Feinde bezwingen.“

Der Klang der vertrauten Stimme wirkte Wunder.
Das Fräulein „So-La-La“ streckte dem verhassten Spiegelbild, das hämisch aus dem Taschenspiegel von Captain Feelgood grinste, die Hand entgegen.

„Miene Hraae gälnzen wie Siede.“,  wagte sie  einen zaghaften Versuch, sich mit ihrem schlimmsten Feind auszusöhnen.
Die Fratze im Spiegel schlug das Friedensangebot verächtlich aus.

„Dieses filzige  Gestrüpp will niemand auf seinem Kopf haben.“, konterte es siegesgewiss.

„Miene Nsae ist wnuderschön.“,  stotterte  das Fräulein  „So-La-La“. „Der Zinken sieht wie eine gequetschte Kartoffel aus.“, widersprach das Spiegelbild.

In dieser Tonart ging es endlos weiter. Es entwickelte sich ein zähes Ringen. Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Das Fräulein „So-La-La“ kämpfte verbissen.

Langsam schwanden ihre Kräfte. Am Ende stand es nicht gut um sie. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ihr Spiegelbild endgültig die Oberhand gewann.

lles oder nichts, wagte  das Fräulein  „So-La-La“ eine allerletzte Attacke.

„Ich mag dcih.“,  schleuderte sie ihrem verhassten Spiegelbild entgegen.

„Was du bist, bin ich. Was ich bin, bist du. Und wie es ist, ist es gut.“

Hatte sie selbst zu diesen Worten gefunden? Oder waren sie ihr auf wundersame Weise ins Ohr geflüstert worden?

Das Fräulein  „So-La-La“ redete wie im Fieber. Unentwegt wiederholte sie die Sätze. Anfangs zitterte ihr Stimme. Aber von Satz zu Satz klangen die Vokale fester, die Konsonanten entschlossener, die Silben kraftvoller.

Die Salven erwischten ihren Gegner unvorbereitet.  Das Fräulein „So-La-La“ hatte den schlimmsten aller Feinde an seiner empfindlichsten Stelle getroffen. Seine Überheblichkeit geriet ins Wanken.

„Siehst du nicht die hässliche Fratze im Spiegel.“,  stammelte das Spiegelbild.

Das Fräulein „So-La-La“ blieb nicht weniger unbarmherzig als es  Captain Feelgood bei ihr gewesen war. Der schlimmste aller Feinde verdiente keine Milde. Mit entschlossener Stimme holte sie zum entscheidenden Hieb aus.

m selben Augenblick schoss ein heller Blitz aus der Deckenleuchte über der Badewanne. Ein grelles Licht durchflutete den Raum.  
Aus der Ferne ertönte die fluchende Stimme von  Captain Feelgood, in die sich ein vertrauter Klang mischte.   
„Was zum Teufel geht  hier vor?“

Das Fräulein  „So-La-La“  drehte den Kopf nach allen Richtungen. Ungläubig starrte sie auf die weißen Fliesen des Badezimmers.

Die schummrige Hafenkneipe hatte sich in Luft aufgelöst.  Mit ihr waren auch das Gegröle der Seeleute und der Geruch von Tabak und Schweiß verschwunden.

Aus den Augenwinkeln beobachtete das Fräulein „So-La-La“  wie die Großmutter das Streichholzboot aus der Wanne fischte und in ihrer Tasche verstaute.

„Ich hoffe, ihr habt keinen Schrecken bekommen, als das Licht ausging. Der Toaster in der Küche hat einen Kurzschluss ausgelöst.“,  rief eine Stimme in der offenen Tür.

Das Gesicht, das im Türrahmen auftauchte,  war nicht weniger schief als das von Captain Feelgood. Aber es trug unverkennbar die Züge des Vaters. 

„Man stürmt nicht ungefragt das Badezimmer einer Dame.“,  brummte  die Großmutter.  Sie saß auf einem Hocker neben der Badewanne.

Der Vater zog einen Schlüsselbund aus seiner Hose.

„Glücklicherweise gibt es in diesem Haus für jede Tür einen Zweitschlüssel. Für den Fall, dass eine alte Piratenfregatte unerlaubt das Badezimmer kapert.“      

Der geringschätzige Blick, mit dem er die Großmutter von Kopf bis zum Fuß maß, ließ keinen Zweifel offen, wer damit gemeint war.

Eine Handtasche, die ihn mitten auf die Nase traf, beendete sein Siegesgeheul. Mit einem wilden Fluch auf den Lippen  wischte er sich das Blut aus dem Gesicht und suchte sein Heil in der Flucht.

„Ich leibe dcih.  Wie du bsit.  Und was du bsit.“

Plötzlich geschah das Unfassbare. Der Fratze löste sich in Luft auf. An seiner Stelle strahlte das  Gesicht eines fröhlichen Mädchens aus dem Spiegel.  Ihr Haar schillerte in den Farben der Sonne.  In ihren Augen glitzerte das Leuchten des kommenden Tages. Und um ihre Lippen schimmerte der erste Morgentau. Fasziniert betrachtete das Fräulein  „So-La-La“ ihre neue Erscheinung.   

Ungläubig streckte sie die Hand nach dem Spiegelbild  aus.

ährend Oma Rosa den verstreuten Inhalt ihrer Handtasche aufsammelte, schweiften die Gedanken des Fräulein  „So-La-La“ ab.

Hatte sie wirklich den  schlimmsten aller Feinde besiegt? Oder war sie einem närrischen  Spuk aufgesessen, den ihre Großmutter angezettelt hatte?  In diesem Fall war nichts gewonnen.  Der nächste Blick in den Spiegel würde sie in das alte Jammertal zurückwerfen.

Das Wasser fühlte sich plötzlich kalt an. Bibbernd griff sie  nach dem Handtuch, das ihr die Großmutter reichte und stieg aus der Wanne.  Beim Abtrocknen bemerkte sie unter dem Waschtisch einen glänzenden Gegenstand.

Blitzschnell rutschte sie auf den Knien über den Boden und schnappte danach. Triumphierend hielt sie Oma Rosa den Fund  unter die Nase. Der kleine Taschenspiegel beseitigte alle Zweifel. Captain „Feelgood war kein Spuk gewesen.

Das  Fräulein  „So-La-La“ herzte  das Beweisstück wie einen Schatz. Mit dem Taschenspiegel musste sie den schlimmsten aller Feinde nicht mehr fürchten.
Ein schauerlicher Gedanke schoss ihr durch den Kopf.  Bestimm würde Captain Feelgood seinen Spiegel vermissen und ihn von ihr zurückfordern,

„Es besteht kein Anlass zur Sorge.“, zerstreute die Großmutter ihre Befürchtungen.

„Sein Vorrat an Spiegeln ist unerschöpflich.“,  Das Geklapper nahender Schritte ließ sie verstummen. Eilig packte sie ihre Tasche zusammen.  

Im Eingang tauchte das besorgte Gesicht der Mutter auf. Sie wedelte mit einem blutigen Taschentuch in den Händen.

„Wer hat das getan?“, fauchte sie.

Die Großmutter wies jede Schuld von sich.

„Captain Feelgood hat eine aufdringliche Nase blutig geschossen. Und ein kleines Mädchen hat ihren schlimmsten Feind besiegt.“, sagte sie. Und nichts davon entsprach nicht der Wahrheit.

hne ein weiteres Wort lichtete Oma Rosa ihren Anker und segelte mit einer steifen Brise im Rücken die Treppe hinunter.
Es blieb dem Fräulein „So-La-La“ überlassen, die Fragen der Mutter zu beantworten.    

Atemlos berichtete sie ihr Umstände, wie sie in den Besitz des Spiegels gekommen war. Er hat mienem Speigelblid beigebarcht, schön auszusheen.“,  platzte sie fast  vor Freude. Das Fräulein „So-La-La“ setzte ihr schönstes Lächeln auf und warf sich in vor dem Taschenspiegel in Pose. Sie konnte sich nicht satt sehen an ihrem Spiegelbild. 

„Ich bin die Schnöste.“,  jubelte sie.

Die Mutter hatte den kleinen Taschenspiegel auf den ersten Blick erkannt. Es war ein Wiedersehen nach vielen Jahren. Ihre Hoffnung hatte sie nicht enttäuscht. 

Auf den alten Sam war Verlass. Seine ruppige Art gefiel nicht jedem. Natürlich besaß er nicht das Recht, eine Nase ohne Anlass blutig zu schießen. Aber an seiner Arbeit gab es nichts auszusetzen.

Für einen kurzen Moment schloss die Mutter  die Augen. Sie  sah Captain Feelgood auf der Kommandobrücke seines Schiffes stehen und ins offene Meer hinaus segeln.  In einem kleinen Spiegel, den er in seiner Hand hielt, spiegelte sich die Weite des Ozeans.

In beiden Elementen war eine Menschenseele auf sich allein gestellt. Wer sich dort hinwagte, musste den Mut aufbringen, sich selbst zu ertragen. Diese Tapferkeit besaßen die Allerwenigsten.

Als das Schiff von Captain Feelgood am Horizont verschwand, war nicht mehr als Augenblick vergangen.
Das Fräulein  „So-La-La“ hatte breitbeinig vor dem Spiegel Aufstellung genommen. Voller Stolz betrachtete sie ihr Gesicht.

„Ich hbae dem schlmimsten alelr Fiende ins Ague geblcikt.“, ahmte sie die raue Stimme von Captain Feelgood nach.
„Und bei Gtot, ich stnüde nciht heir, wnen ich ihn nciht beseigt htäte.“

Dabei lächelte sie mit der gleichen Zuversicht in den Spiegel,  mit der Captain Feelgood über die Meere fuhr.

Zwischenspiel

Captain Feelgood hat es nie wirklich gegeben.  Ich hatte ihn erfunden, um meine Tochter mit ihrem Spiegelbild zu versöhnen.

Mit unversöhnlichem Hass blickte sie jeden Morgen ihren Feind im Spiegel an.  Sie bewarf ihn mit Bürsten und Kämmen. Sie beschmierte ihn mit Seife.  Sie trommelte mit den Fäusten dagegen.
Der Spiegel genoss den ungleichen Kampf.  Er ergötzte sich an den Fratzen, die sie ihm schnitt. Erbarmungslos goss er seinen Hohn über sie.

Als ich ihr das erste Mal von Captain Feelgood erzählte, blickte sie mich ungläubig an. Sie hielt es für unmöglich, dass ein kleiner Zwerg, den schlimmsten aller Feinde bezwingen konnte.

„Da wusste sie noch nicht, dass er eine Waffe besitzt, die jeden Gegner niederringt.“, sagte die Geschichte, die nachts durch das Fenster in mein Schlafzimmer geklettert war und an meiner Bettkante saß.

„Ja.“, antwortete ich.

Es fiel mir schwer, meine Genugtuung vor ihr zu verbergen. Captain Feelgood hatte meiner Tochter mehr als einen Taschenspiegel überlassen, um gegen den schlimmsten aller Feinde zu bestehen.

„Er hat ihr den Glauben an sich selbst geschenkt.“, flüsterte mir die Geschichte ins Ohr und zog ein neues Blatt aus der Mappe hervor.