Spiegelgeschichten

„There is a man. He’s the man, who knows all about me. Every morning when I wake up, he looks at me in the mirror with a smile. He made me who I am and will be always a part of me.“

A.S.

Die Spiegelgeschichten erzählen von einer Freundschaft, die näher nicht sein könnte, weil man sich selbst nicht entkommen kann.
Wer träumt nicht manchmal davon, seinem eigenen Ich auf der Straße zu begegnen. Ungläubig würde man sich beäugen und beschnuppern. Vieles, das andere an uns als selbstverständlich annehmen und unserem Charakter zuordnen, würde uns fremd erscheinen.
So absurd es klingen mag. Mir ist genau das passiert. Auf den ersten Blick machte der Kerl einen netten Eindruck. Bis er plötzlich vor meiner Tür stand. Seither werde ich ihn nicht mehr los. Uneingeladen hat er sich in meinem Haus eingenistet. Nachts schläft er in der alten Wanne im Badezimmer. Jeden Morgen wartet er dort ungeduldig auf mein Auftauchen, um mir im Spiegel gegenüber zu treten. Manchmal spüre ich bei seinem Anblick pure Mordlust. Nur die Müdigkeit hält mich davor zurück, ihm an die Gurgel zu springen. Andererseits hat mir die seltsame Gesellschaft dazu beigetragen, mich selbst besser kennenzulernen.
Über die Jahre habe ich gelernt, mich an seine Anwesenheit zu gewöhnen. In einsamen Stunden leistet er mir Gesellschaft. Und bei allen Beschwerden, die sich gegen ins Gericht führen lassen. Die Kunst, sich selbst zu ertragen, ist eine Disziplin, die keinem Menschen leicht fällt.

Es läutet Sturm an der Haustür. Als ich sie öffne, blicke ich in das breite Grinsen meines Freundes. Seine Freude gilt nicht mir. Mit ausgestreckten Armen lenkt er meinen Blick zu seiner neuesten Anschaffung. Weißer Lack, schwarzes Leder, vier Räder und kein Dach.
<Wo ist mein Auto?>, ringe ich nach Luft beim Anblick des Cabrios, das in der Hauseinfahrt parkt.

Ich habe einen Freund, der mich schon mein Leben lang begleitet. Er steht mir näher als alle anderen. Es gibt nichts, dass wir einander verschweigen. Wir teilen jeden Gedanken. Wir fühlen uns mit jedem Atemzug verbunden. Im Lauf der Jahre sind wir ein unzertrennliches Paar geworden.

Vielleicht hat mein Freund recht. Vielleicht steht ein Menschenleben in gewisser Weise für einen Marathon über 42 Kilometer. Auf den Durchschnitt gerechnet, beträgt die Lebenserwartung eines Menschen 84 Jahre. Wer dieser Rechnung folgt, begreift, dass jeder Kilometer im Marathon zwei Lebensjahren entspricht. Die Gefahr, dass man vorzeitig aus dem Rennen fällt, ist bei jedem Schritt gegeben. Aber das Risiko bleibt überschaubar. Das richtige Rennen beginnt erst auf Kilometer 20.

Mit breiter Brust stellt er sich vor dem Spiegel auf. Für einen kurzen Moment verwandelt er sich in Captain Feelgood, der auf der Kommandobrücke seiner „Mybody“ steht und der rauen See trotzt.
In beiden Elementen ist eine Menschenseele auf sich allein gestellt, fallen mir die Worte meiner Großmutter ein. Wer das Wagnis auf sich nimmt, muss den Mut aufbringen, sich selbst zu ertragen. Diese Tapferkeit besitzen nur die Wenigsten.

Mein Freund stellt sich breitbeinig vor mir auf. Ich hege keinen Zweifel. Mein Leben hängt an einem seidenen Faden. Mit kaltem Blick nimmt er mich ins Visier. Seine Hände schweben über dem Revolvergürtel, den er unsichtbar an seiner Hüfte trägt.
<Wyatt Earp hat es geschafft, den Kugelhagel unverletzt zu überleben, weil er einem Prinzip gefolgt ist.>, brüllt er mich an. Die zusammengekniffenen Augen, mit denen er mich anstarrt, lassen mich seine Gedanken lesen. Wyatt Earp würde mich jetzt über den Haufen schießen, denkt er. Zum Glück geht mein Freund gnädiger mit mir um. Ohne mich eines Blickes würdigen, stapft er an mir vorbei aus der Tür, um sich in sein Badezimmer zurückzuziehen. Scheinbar bin ich ihm keine Kugel wert.

Hemmungslos gibt sich mein Freund seinem Selbstmitleid hin. Es fällt ihm sichtbar schwer, sich mit seinem Schicksal abzufinden. Ich würdige ihn keines Blickes mehr. Auf einem Privatsender läuft ein Katzenvideo, das meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Wie von einer Tarantel gestochen, springt er plötzlich auf und stürmt zum Computer. Mit wilden Tastenschlägen versucht er die Seuche, die ihn befallen hat, abzuschütteln.
Ich gebe mich keiner Illusion hin. Die Bilder und Texte, die er postet, werden ihn nicht aus dem Nebel hervor holen, in dem er verschwunden ist. Für die Welt existiert er nicht mehr.

Mein Freund mag die Frauen. Sie mögen ihn auch. Bis er ihnen zu mühsam wird. Ein Boxer, der alle Hiebe einsteckt, ist schwer zu ertragen.
<Ich habe an dem Tag in die Zukunft gesehen.>, sagt mein Freund. <Ich habe sie sofort wieder erkannt. Und nichts dagegen getan, dass sie sich müde schlägt an mir.>
<Wessen Zukunft.>, frage ich. Mein Freund blickt mich an. Er schüttelt den Kopf. <Ich erinnere mich nicht mehr.>, antwortet er.

Seine Nutzlosigkeit wäre ihm letzte Nacht in aller Deutlichkeit vor Augen geführt worden, offenbart mein Freund seinen Schmerz. Ich sehe ihn ratlos an. <Was ist passiert?>, frage ich. Er deutet mit der Hand auf den Wohnzimmertisch. Ich blicke auf ein schwungvoll gebogenes Elektrogerät. Es erinnert an eine Zahnbürste. <Sechs Mal in zwanzig Minuten.>, erklärt er mir wehleidig. Ich überschlage die Rechnung im Kopf. Kann sich ausgehen. <Aber welchen Sinn hat es, sich sechs Mal hintereinander die Zähne zu putzen?>, frage ich.

Mir ist nicht nach einem gemütlichen Abendmahl zumute. Ich habe Ärger mit nach Hause gebracht. Heute schlucke ich ihn nicht hinunter. Aus meinen Augen blitzt pure Mordlust. Heute grille ich die Gemüsegesichter, die mir die Welt erklären.

Beim Blick in den Spiegel trifft mich fast der Schlag. Ein Glatzkopf starrt mich mit großen Augen an. <Was ist mit dir passiert?>, stöhne ich gequält. Mein Freund fährt sich mit der Hand über seinen rasierten Schädel. <Es ist ein Versuch.>, antwortet er lakonisch.

Mein Freund schüttelt mich aus dem Schlaf. Was ist los?, starre ich ihn entgeistert an. Meine Stimmung ist auf dem Tiefpunkt angelangt. Die Winterdepression will kein Ende nehmen. Seit Tagen warte ich vergeblich auf den Weltuntergang.

Fassungslos blicke ich mich im Spiegel an. Seit Tagen verkrusten meine Wangen nach der Rasur zu einer blutigen Landschaft. Willst Du mich umbringen, fürchte ich um meine Halsschlagader. Mein Freund schweigt. Er würdigt mich keines Blickes, seit ich seine nächtliche Einsamkeit bloßgestellt habe.

Ich klicke mich am Handy durch die Bilder des letzten Jahres. Mein Freund zieht ein abschätziges Gesicht. Er mag keine eingefrorenen Augenblicke. Sie bedeuten ihm nicht mehr als der Blick auf eine stehengebliebene Uhr. Die Bilder würden die falsche Zeit anzeigen, sagt er.

Die Liebesbedürftigkeit meines Freundes hat einen Punkt erreicht, der schnelles Handeln erfordert. Ich suche eine, die bleibt, schreit er mir morgens im Spiegel ins Gesicht. Ich lasse meinen Blick durch das Badezimmer schweifen. Vielleicht würde es helfen, ein Bett hineinzustellen, schlage ich vor. Frauen schlafen nicht gern in alten Wannen. Mein Freund starrt mich mit kalten Augen an.

Mein Freund führt ein verrücktes Leben. Meist verbringt er die Nächte schreibend vor dem Computer. Er kaut dabei Kaugummi und trinkt Kaffee. Vor Mitternacht findet er keinen Schlaf. Bei Tagesanbruch schlüpft er in seine Laufschuhe und läuft in der Dunkelheit in den Morgen hinein.

Manchmal fühle er sich haltlos, gesteht mein Freund. Er sei sein Leben lang eine Raupe gewesen. Nun würde er frei wie ein Schmetterling durch das Leben schweben. Aus einer Raupe, die über fünfzig ist, schlüpft kein junger Schmetterling, mahne ich ihn zur Vorsicht.

Findest Du mich schön?, fragt mein Freund, als ich im Badezimmer das Licht andrehe. Seine Frage nervt mich. Er stellt sie jedes Mal, wenn wir uns begegnen. Ich werfe ihm einen abfälligen Blick zu. Für Gefälligkeitsantworten ist es noch zu früh zu am Morgen. Ich lüge nicht gern vor dem Frühstück.

Mein Freund träumt von einem schönen Leben. Aber es gelinge ihm nie ganz, gesteht er mir. So sehr er sich Mühe gebe, etwas festzuhalten. Er stolpere jedes Mal über ein K in ein ungelebtes Leben.

Mein Freund versucht sich neuerdings im Glücksspiel. Zuerst hat er es mit Roulette versucht. Nun soll ihn das Lotto über sein Pech in der Liebe hinwegtrösten.

<Alle Kriege fressen Menschen.>, sagt mein Freund. <Aber sie ersticken daran. Jeder Krieg erstickt an seinen Toten.> Ich blicke auf die Bilder in den Nachrichten. Ich sehe keinen Krieg mehr. Ich sehe nur noch ein großes Fressen.

Ich sitze mit meinem Freund im Wohnzimmer. In den Nachrichten berichten sie über die Doktorspiele eines Schauspielers. Es sind schreckliche Spiele. Er spielt sie mit Bildern von Kindern. Mir dreht sich der Magen um. Ich sehe mir sein Gesicht an. Er hat es nicht notwendig, mit Kindern zu spielen. Warum tut er ihnen das an?, frage ich meinen Freund. Er hat Angst vor dem anderen, antwortet er.

Mein Freund verfolgt die Nachrichten im Fernsehen. Ich blättere den Sportteil der Zeitung durch. Indianerspiele werden verboten, sagt er. Ich blicke deprimiert zu ihm hoch. Meine Fußballmannschaft hat verloren.

Ich treffe meinen Freund im Badezimmer an. Er poliert sein Gesicht mit dem Rasierer. Sein Parfüm schwebt in der Luft. Ich tippe auf Tamara. Mein Freund wiegelt ab. Er würde seinen Großvater besuchen. Verwundert mustere ich ihn von oben bis unten. Für einen Friedhofsbesuch scheint er mir etwas fein herausgeputzt. Sein Großvater ist vor vierzig Jahren gestorben.

Abends treffe ich meinen Freund im Badezimmer. Er steht wie Tarzan vor dem Spiegel und rasiert seine Brusthaare ab. Der Dschungel mag keine weißen Haare.

Mein Freund ist wieder aktiv. Stolz präsentiert er mir seinen neuesten Erfolg. Sie heißt Regina, sagt er. Beim letzten Mal hat er von einer Petra geschwärmt. Ich bin nicht mehr auf dem Laufenden. Er ist bereits zwei Buchstaben weiter im Alphabet.

Die Frauengeschichten meines Freundes interessieren mich nicht. Ich weiß nicht, was er nachts alleine treibt. Bei ihm ist es anders. Er weiß von allen. Mir bleibt keine Wahl.

Was ist die bessere Entscheidung. Ein Leben lang am Anblick des Himmels zu leiden, der unerreichbar weit entfernt scheint? Oder das Unmögliche zu wagen und mit den Händen nach ihm zu greifen?

Es ist eine Sache, einem Freund im Schaufenster oder beim Friseur zu begegnen. Und eine andere mit ihm unter einem Dach zu hausen.

Manche Freunde kann man sich nicht aussuchen. Einer begleitet mich schon mein Leben lang.

Gleich vorweg. Die Geschichte ist fiktiv. Ich habe keinen Freund, der ein Frauenheld ist. Die angeführten Namen folgen dem Alphabet oder dem Zufall. Und ich hatte auch nie einen Hund.