Der Krieg der Hähne

Die beiden Hühnerfarmen lagen inmitten eines engen Tales. Es war ein karges Land, das durch Hitze und Dürre geprägt war. Sein Boden war hart und trocken. Auf den Farmen fristeten zwei Hühnervölker ein entbehrungsreiches Dasein, das von Armut und religiösem Eifer bestimmt wurde.
Die Ansiedlungen der Hühner waren durch tiefe Gräben und hohe Zäune voneinander getrennt.
Über Generationen hatte sich in der Uneinigkeit über die Aufteilung des Tales eine erbitterte Feindschaft zwischen den Völkern entwickelt.
Der Hass vertiefte sich in Reden und Gesängen, in denen die Anführer der beiden Hühnervölker unter dem Jubel ihrer Anhänger dem anderen Volk Tod und Vernichtung wünschten.
In Wahrheit unterschieden sie sich kaum von anderen Hühnern auf der Welt. Sie brüteten ihre Eier aus und träumten von einem friedlichen Leben im Tal.
Die feindseligen Parolen, die sie anstimmten, versetzten sie in einen Rausch, mit dem sie ihre Verzweiflung über das Schicksal betäubten, ihre Kinder in einer Welt aufwachsen zu sehen, die von Krieg und Vernichtung bedroht war.
Über viele Jahre beschränkte sich die Feindschaft auf kleine Zwischenfälle, deren Opfer den Anführern auf beiden Seiten dazu dienten, ihre eigene Macht zu festigen und den Hass zwischen den Hühnervölkern anzustacheln. Es herrschte ein Gleichgewicht des Schreckens.
Eines Tages geschah jedoch das Unfassbare. Im Morgengrauen durchbrach eine mordlüsterne Heerschar die Zäune und Gräben und drang in das Gehege des Nachbarvolkes ein. Erbarmungslos wüteten die Angreifer in den Ställen ihrer Feinde. Sie töteten die Jungen und die Alten im Schlaf und verschonten auch Frauen und Kinder nicht. Die Gefangenen, die sie machten, verschleppten sie in ihr Lager, um den Gegner daran zu hindern, sich an ihnen zu rächen.
In den folgenden Tagen erfüllte das Triumphgeschrei auf der einen Seite und das Wehklagen auf der anderen Seite des Tales die Luft. Dann legte sich eine gedrückte Stille über das Land.
In einer nebelverhangenen Nacht stieg der Hahn des angegriffenen Volkes auf den höchsten Gipfel der Berge die das Tal umschlossen, um von einem Gerechten Genugtuung einzufordern.
Mit gesenktem Haupt trat er vor eine alte Eule, die in einer Felsspalte nistete. Sie war die heimliche Hüterin des Tales.
Wenn sie nachts auf der Suche nach Nahrung ihre Behausung verließ, breitete sie hoch am Himmel ihre Flügel aus und segelte im Licht des Mondes lautlos über das Tal.
Der Hahn klagte ihr das Leid, das seinem Volk widerfahren war.
„Hunderte unschuldige Leben sind verblutet.“, schilderte er die Grausamkeit des Überfalls.
„Unzählige harren in Gefangenschaft einem ungewissen Schicksal entgegen.“
Schweigend lauschte die Eule dem Bericht des Hahnes, ohne dass ein Ausdruck in ihrem Gesicht verriet, auf welcher Seite sie stand.
Als er zu Ende gesprochen hatte, umarmte die Eule den Hahn mit ihren Flügeln, um ihn in seinem Leid zu trösten.
„Seit vielen Generationen erfährt dein Volk Unrecht.“, gab sie ihm zur Antwort.
„Nun hast du geschworen, Rache an deinen Feinden zu nehmen. Und ich werde dich nicht umstimmen können. Aber du sollst wissen, dass deine Rache kein Gleichgewicht schafft. Die Kinder, deren Vätern und Müttern du nach dem Leben trachtest, um deine Toten zu rächen, werden eines Tages wie du zu mir kommen, um Vergeltung zu schwören für das Unheil, das du über sie gebracht hast. Auch sie werden sich von mir die Rache nicht versagen lassen, weil die Toten immer auf der gleichen Seite der Waage liegen und sich nicht aufwiegen lassen.“
Der Hahn reckte seinen Kopf stolz in die Höhe. Die Antwort der alten Eule konnte ihn nicht überzeugen, von seinem Plan abzurücken.
„Die Gerechtigkeit wird siegen!“, antwortete er kühl. Dann machte er kehrt und stieg den Berg hinunter.
In den nächsten Tagen versammelte er seine Armee um sich. Mit einer gewaltigen Übermacht drang er in das Lager des verfeindeten Volkes ein und machte es dem Erdboden gleich, um die überlebenden Geiseln des Überfalls zu befreien und die Toten zu rächen.
Der Feldzug forderte tausende unschuldige Leben und ließ keinen Stein auf dem anderen.
Nachdem der Kriegslärm verstummt war, kehrte wieder eine gespenstische Ruhe im Tal ein. Aber es herrschte kein Ausgleich zwischen den Hühnervölkern.
Ihre Toten lagen wie die Eule es dem Hahn prophezeit hatte, auf der gleichen Seite der Waage, dass die Kluft zwischen ihnen weiter anwuchs. Ihre Gräber bildeten den Nährboden für den Hass, der die nachkommenden Generationen vergiftete.
Neue Gräben wurden ausgehoben, deren Tiefe die alten übertrafen. Neue Zäune wurden errichtet, die höher in den Himmel ragten, als alle bisherigen.
Viele Jahre vergingen, bis im Schutz der Dunkelheit eine vermummte Gestalt von der anderen Seite des Tales zu der Höhle des Eule hinaufkletterte.
„Ich habe lange auf dein Kommen gewartet und manchmal gehofft, dir nicht zu begegnen.“, begrüßte die Eule den jungen Hahn. Er stammte aus dem Volk, dessen Hühnerställe aus Rache für das Unrecht, das in seinem Namen geschehen war, in Schutt und Asche aufgegangen waren.
„Es brauchte Zeit, um in die Fußstapfen der Brüder und Schwestern zu treten, mit deren Blut der Boden des Tales getränkt ist.“ antwortete der Hahn. Es fiel ihm schwer, seinen Zorn in Zaum zu halten.
Hass blitzte aus seinen Augen, als er das Echo beschrieb, das seit Kindheitstagen in seinen Ohren hallte. Es waren die Schreie der Unschuldigen aus seinem Volk, die im Krieg ihr Leben eingebüßt hatten.
„Die Toten kommen nicht zur Ruhe.“, sprach der Hahn. „Ihre Stimmen fordern die Nachgeborenen auf, Rache an ihren Mördern zu üben. Erst wenn ihr vergossenes Blut mit dem Blut der Feinde beglichen ist, werden sie in Frieden finden in ihren Gräbern.“
Die alte Eule hörte ihm geduldig zu. Als er zu Ende gesprochen hatte, nahm sie einen Becher und füllte ihn mit dem Blut eines Kaninchens, das ihr in dieser Nacht als Nahrung diente.
„Ich verstehe deine Verzweiflung.“, sagte sie. „Aber deine Rache wird ein bitterer Trank für dich sein. Die Quelle, aus der er kommt, speist sich mit dem Blut der Brüder und Schwestern, die dir nahe sind und jener, die ihnen nachkommen werden.“
Mit dieser düsteren Prophezeiung reichte sie dem Hahn den Becher.
„Die Gerechtigkeit wird siegen!“, widersprach ihr der Hahn mit den gleichen Worten wie sein Vorgänger, der die Eule vor Jahren aufgesucht hatte, um Genugtuung für den Mord an seinem Volk einzufordern.
Dann schleuderte er den Becher wütend gegen einen Felsen. Das Blut des Kaninchens spritzte nach allen Seiten auseinander und versickerte wie eine dunkle Vorankündigung des kommenden Schreckens langsam im Boden.
Die alte Eule verzog keine Miene. Schweigend blickte sie über den Hahn hinweg.
Am Horizont stieg die Sonne langsam am Himmel hoch. Ein neuer Tag brach heran. Die Morgenröte, die sich über der mächtigen Gebirgskette erhob, die das Tal umschloss, färbte es in ein blutiges Rot.

Anmerkung des Autors:
Die Geschichte stellt sich auf keine Seite und fällt kein Urteil. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Ereignissen sind dem Zufall geschuldet und ohne Absicht. Seine Botschaft spiegelt sich in den Worten der Eule. „Hass und Rache bringen keinen Ausgleich zwischen den Völkern. Die Toten lassen sich nicht aufwiegen. Sie liegen immer auf der gleichen Seite der Waage.“

The Chicken Conflic (English Version)

Nestled in the heart of a narrow valley were two chicken farms. It was a barren land, dominated by heat and drought. The ground was hard and dry. Two chicken clans were living on the farms for thousand of years.
The life of the chicken in the arid desert valley was not easy and was marred by hatred and religious fanaticism.
The villages of the clans were separated by deep ditches and high fences. Differences between them over the division of the valley had led to unforgiving hostility between the tribes for generations.
The hate between them escalated as the clan leaders, cheered on by their followers, wished death and destruction upon the other tribe.
In reality the hostile clans were not very different from other chicken tribes around the world. They hatched their eggs and dreamed of a peaceful life in the valley.
The hostile slogans turned them into a raging mob and numbed their despair at seeing the children grow up in a world threatened by war and destruction.
For many years, the hostility between the clans was limited to minor incidents.
The leaders on both sides used the victims of the never-ending conflict to consolidate their own power.
There was a balance of terror between the hostile tribes.
One day the unthinkable happened without warning. At dawn, a murderous army of warriors broke through the fences and trenches and invaded the enclosure of the neighboring clan.
The invaders ravaged their enemies‘ homes with boundless cruelty. They killed the families of the tribe without mercy for woman and children, while they were asleep.
At the end of the raid, they took the hostages they had spared back to their camp to prevent the attacked tribe from taking revenge.
Then a heavy silence fell over the land.
On one of the cold and misty nights that swept across the land, the rooster of the attacked clan climbed to the highest peak of the mountains surrounding the valley
to demand justice from a righteous judge.
The rooster bowed his head as he faced an owl nesting in a crevice. The owl was the guardian of the valley. At night, when she hunted rabbits and mice to satisfy her hunger, she spread her wings and glided silently across the moonlit valley.
The rooster told her about the tragedy that had struck his tribe.
‚Hundreds of innocent lives have been lost!‘ he described the cruelty of the attack.
‚The hostages kidnapped by the enemy are in mortal danger.‘
The owl listened silently to the rooster’s report, without any expression on her face betraying which side she was on. When he had said all he had to say, the owl embraced the rooster with her wings to comfort him in his sorrow.
‚Your tribe have suffered injustice for hundred of years,‘ she replied.
‚Your hate has led you to me because you have sworn revenge on your enemies. And I will not be able to change your mind. But you should know, that your revenge will not restore balance between the tribes. The children whose fathers and mothers you are going to kill in revenge for your own deaths will one day come to me, just as you have, to demand justice for the harm you have caused them. They will not allow me to deny them revenge either, because the value of one life cannot be weighed against that of another. The dead always lie on the same side of the scales.‘
the dead always lie on the same side of the scales and cannot be weighed against each other.‘
The rooster raised his head proudly. The answer of the old owl did not convince him to change his plan.
‚Justice will be done!,‘ he cried.
Then he left the cave of the owl and disappeared into the darkness of the mountains to return to the valley.
In the following days, he called his troops to arms. His army invaded the enemy’s camp with overwhelming force and razed it to the ground to take revenge for the lives lost in the treacherous attack and to rescue the surviving hostages.
The military action killed thousands of innocent victims and brought endless suffering to the women and children left behind.
After the noise of war had gone silent, an ghostly calm fell over the valley once again. But there was no sense of balance among the chicken clans.
The dead from both tribes lay on the same side of the scales just as the owl had forseen.
It was their graves that formed the breeding ground for the hatred that poisoned generations to come.
New trenches were dug, that were even deeper than the old ones. New fences were built, rising higher into the sky than any before.
Many years passed until a hooded figure climbed up to the owl’s cave from the other side of the valley in a stormy night.
‚I have been waiting for you for a long time,‘ the owl said to the young rooster as he entered the cave.
‚But sometimes I hoped I wouldn’t meet you.‘
The rooster came from the clan whose chicken houses had been burned to the ground in revenge for the injustice that had been done in his name.
‚The time had to be right t follow in the footsteps of our brothers and sisters whose blood stained the soil of the valley.‘, the rooster replied.
He struggled to keep his rage under control. Hate flashes in his eyes as he described the echo that had haunted him since he was a child. It was the cries of the innocent victims from his own tribe who had been killed in the war.
‚The lost souls cannot rest in peace,‘ the rooster said.
The spirits of the dead rise from their graves every night and call upon their descendants to take revenge on their murderers! They must pay with their blood, otherwise the dead cannot find redemption.‘
The old owl listened patiently to him. When the rooster had done speaking, the owl took a cup and filled it with the blood of the rabbit that would serve as her meal that night.
‚I understand your despair,‘ she said.
‚But your revenge is a bad kind of medicine that will taste bitter for you. In the source that feeds it, flows the blood of your loved ones, as well as those who will be born after you.‘
The owl handed the cup to the rooster after she had spoken her grim prophecy.
‚Justice will be done!‘, the rooster countered, using the same words as the previous visitor, who had come to the owl years ago to get satisfaction for the massacre of his own clan.
In a fit of rage, he threw the cup at a rock inside the cave.
The blood of the rabbit spattered in all sides and slowly seeped into the ground like a dark foreshadowing of the horror to come.
The old owl remained unfazed, her eyes glinting in the light, which burned in the cave.
She looked silently past the rooster to the entrance of the cave, through which a ray of light was coming in from outside.
The sun slowly appeared on the horizon. A new day dawned in the valley. The morning light was rising over the massive mountains surrounding the valley and bathed it in the color of blood.

Author’s note:

The film does not take sides or pass judgement. Any resemblance to real events is coincidental and not intended. Its message is reflected in the words of the old owl. Hate and revenge do not bring balance between hostile nations. The value of one life cannot be weighed against that of another. The dead always lie on the same side of the scales.‘


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