
Wie das Fräulein „So-La-La“ in Erscheinung tritt
Die Leichtigkeit, mit der das Fräulein „So-La-La“ über dem Boden schwebte, machte den Panzer aus Muskeln, Knochen und Sehnen, der sie umhüllte, fast unsichtbar. Bei jedem Atemzug spannte sich ihr Brustkorb wie ein schmales Segel, durch das eine sanfte Brise strich.
Ihre fein gepinselte Gestalt machte es fremden Blicken schwer, in ihr ein Geschöpf aus Fleisch und Blut zu sehen. Sie war schmal wie eine Scheibe Brot, wog weniger als ein Sack Hühnerfedern und passte aufrecht unter jeden Küchentisch, ohne mit dem Kopf anzustoßen.
Ihre Hüften waren so schmal, dass man sie mit einem Daumen und einem Zeigefinger umfassen konnte. Die Arme hingen wie dünne Zahnstocher an ihr herab. Und ihre Beine maßen an der stärksten Stelle nicht mehr, als ein Malstift breit war.
Der einzige Körperteil, der dem zierlichen Bauwerk widersprach, war der Kopf. In seiner Form glich er einem bis zum Platzen aufgeblasenen Luftballon. Durch eine Laune der Natur thronte er auf einem Hals, der lediglich dafür gebaut war, das Gewicht einer Seifenblase zu tragen. Es war dem dschungelartigen Wildwuchs einer rotblonden Mähne zu verdanken, dass er nicht unter seiner Last zusammenbrach. Von einer Schere geerntet, wäre es ein Leichtes gewesen, einen Elefanten damit auszustopfen. Dicken Tragseilen gleich schlängelten sich die Locken über die gesamte Länge des Rückens und bewahrten den Kopf davor, der Schwerkraft zum Opfer zu fallen.
Die puppenhafte Fassade verschleierte den neugierigen Blicken, die ihrer Erscheinung entgegengebracht wurden, dass sich hinter den blaugrünen Augen die Betriebsamkeit eines glasklaren Verstandes verbarg, der seinem Alter um Jahre vorausgeeilt war.
Das Räderwerk in ihrem Kopf lief mit der Genauigkeit eines Schweizer Uhrwerks. Es war imstande, die kompliziertesten Gedanken zu fabrizieren. Aber sobald sie den Mund öffnete, überschlug sich ihre Stimme, als würde sie über Steine stolpern. Die Worte und Sätze verrutschten zu einem Buchstabenwirrwarr, dessen lautmalerisches Durcheinander auch für geübte Ohren nicht zu enträtseln war. Der Clown in ihrem Mund genoss seinen Triumph in vollen Zügen.
Mit dem Eifer eines fiebrigen Bildhauers zertrümmerte er jeden Laut, der in seine Fänge geriet. Komische Figuren waren sie allesamt in ihren seltsamen Verdrehungen und Verrenkungen.
Am allerlustigsten waren sie anzusehen, wenn sie der Vater des Fräulein „So-La-La“ auf Papier festhielt.
<Ich wusste gar nicht, dass Wörter Grimassen schneiden können.>, lachte er.
Das Leben der bedauernswerten Geschöpfe währte meist nicht länger als das Leuchten einer Sternschnuppe. Kaum stolperten sie dem Fräulein „So-La-La“ über die Lippen, wurden sie vom Lärm der Welt verschluckt.
Kein menschliches Ohr hat je wieder von ihnen gehört. Den allerwenigsten dieser sonderbar klingenden Tongeschöpfe war eine Wiederholung vergönnt. Als ahnten sie ihr kurzes Dasein, genossen sie den zweifelhaften Ruhm, der ihnen zuteil wurde. In der Pose eitler Schauspieler badeten sie im Applaus eines belustigten Publikums.
Hin und wieder ergriffen allzu zwielichtige Klänge die Gelegenheit beim Schopf, um in die Freiheit zu entwischen. Aus dem Mund des Fräulein „So-La-La“ kroch dann Ungeheuerliches, das Gänsehaut hervorrief und Haare zu Berge stehen ließ.
Eine Zunge, die solche Töne fabrizierte, wurde von den feinen Ohren argwöhnisch beobachtet.
Sie empfahlen der Mutter, ärztlichen Beistand zu suchen, bevor der Schaden zu groß wurde. Tauchte ein S am falschen Ort auf, stolperte ein A auf halbem Weg oder entwischte ein Ü als nacktes U, legten sie die Stirn in dicke Falten. Wagte es ein Buchstabe gar ein Wort ganz durch seine Abwesenheit zu beleidigen, setzten sie schulmeisterliche Mienen auf.
<Dem schändlichen Gerede muss ein Riegel vorgeschoben werden.>, meldeten sich die hochgezogenen Augenbrauen zu Wort.
<Die missratene Zunge beleidigt die Würde der Wörter.>, streuten die gestreckten Zeigefinger Salz in die Wunde.
<Wer solche Töne spuckt, dem sitzt das Böse im Blut.>, schwante den mitleidigen Stimmen noch Übleres.
Die Mutter des Fräulein „So-La-La“ fand an solchen Reden wenig Gefallen.
<Es schadet nicht, einen Clown in der Familie zu haben.>, schnitt sie allen das Wort ab, die sie ermahnten, dem übermütigen Spaßvogel mit Pillen und Spritzen auf den Leib zu rücken.
<Die Welt wäre besser dran, wenn es unter den Zungen mehr Clowns und weniger Nachrichtensprecher gäbe.>
Das Wetterleuchten in ihrer Stimme war unüberhörbar.
<Aha.>, räusperten sich die hochgezogenen Augenbrauen, die gestreckten Zeigefinger und die mitleidigen Stimmen.
Der Fall wog ernster als angenommen. Offensichtlich spielte nicht nur eine Zunge verrückt.
Die Mutter schürzte bei solchen Anlässen die Lippen schmal. Ihr Antlitz verwandelte sich in ein strenges Professorengesicht mit dunklen Schatten in den Wangen und tiefen Ringen um die Augen. Sie sprach leise und in einfachen Worten, damit es auch den Dümmsten verständlich wurde.
<Der Clown ist ein Spaßmacher. Sein einziges Vergehen besteht darin, die Wörter in Komödien zu kleiden.>
<Die Nachrichtensprecher bringen nichts Gutes in die Welt.>, machte sie kein Hehl aus ihrem Unbehagen vor den Stimmen, die aus allen Fernseh- und Radiokanälen dröhnten.
Sie sprach mit der gleichen Entschlossenheit, mit der in früheren Zeiten die Lehrer Ohrfeigen an faule Schüler ausgeteilt hatten.
Die Mutter des Fräulein „So-La-La“ besaß einen dicken Geduldsfaden. Ein Ozeandampfer oder ein ganzer Eisenbahnzug hätten daran ziehen können, und er wäre nicht gerissen. Aber dem dummen Gerede der Leute war er auf Dauer nicht gewachsen.<Es knackst.>, sagte dann der Vater, dem spitze Ohren angewachsen waren.
Er konnte eine Mücke auf hundert Meter Entfernung husten hören. Mit dem Knacksen beschrieb er das Geräusch, das ertönte, wenn bei der Mutter der Geduldsfaden riss. Weil die Leute nicht damit aufhörten, über die Zunge des Fräulein „So-La-La“ zu tuscheln, knackste es oft.
Mit dem gerissenen Geduldsfaden der Mutter war kein Spaß zu treiben. Leicht konnte man dabei in ein Unwetter geraten, das schlimmer tobte als eine Sintflut.
Nach dem verräterischen Knacksen dauerte es meist einen Augenaufschlag lang, bis sich das Gesicht der Mutter in eine Schlechtwetterfront verwandelte. In ihren Augen entzündeten sich gewaltige Blitze, deren Kraft ausreichte, einen Berg in der Mitte zu spalten. Und der Donner, der in ihrer Kehle grollte, erinnerte an ein himmlisches Strafgericht.
Es verursachte eine Heidenarbeit, einen gerissenen Geduldsfaden zu reparieren. Nicht selten benötigte die Mutter eine schlaflose Nacht dafür. Und solange sie an ihrem Geduldsfaden herumflickte, brütete sie eine furchtbar schlechte Laune aus.
Trotz dieser Bedrohung zeigte der Spaßvogel im Mund des Fräulein „So-La-La“ keinerlei Anzeichen, sein Treiben einzustellen. Je lauter sich die gestreckten Zeigefinger, hochgezogenen Augenbrauen und mitleidigen Stimmen das Maul zerrissen, umso ungezügelter trieb die Zunge ihren Spaß.
In einem Café bestand das Fräulein „So-La-La“ darauf, die Bestellung selbst aufzugeben.
<Knan ich einen Oargnensfat hbaen?>, rief sie die Bedienung an den Tisch.
Der Kellner, der kein Wort verstanden hatte, belehrte sie mit hochgezogenen Augenbrauen, ordentlich zu sprechen. Mit schneidender Stimme schnitt ihm die Mutter das Wort ab und empfahl ihm, sich ein Hörgerät gegen seine Schwerhörigkeit anzuschaffen.
Bei einer anderen Gelegenheit bettelte das Fräulein „So-La-La im Supermarkt um eine Kostprobe.
<Die Wrust seiht aebr lceker aus.>, strahlte sie die Verkäuferin mit hungrigen Augen an. Sogleich sah sie sich einem gestreckten Zeigefinger gegenüber, der sie ermahnte, zuerst den Kaugummi aus dem Mund zu nehmen.
Erzürnt stürmte die Mutter zur Geschäftsleitung, wo sie sich heftig über schmutzigen Fingernägel der Verkäuferin beklagte.
Bei einem Besuch im Tiergarten zog eine Schildkröte das Interesse des Fräulein „So-La-La“ auf sich.
<Due Schlidkörte tärgt ihr Zuhuase spzairen.>, begeisterte sie sich an dem Schutzpanzer der Schildkröte.
<Das arme Kind kann nicht richtig sprechen.>, meldete sich die mitleidige Stimme einer anderen Mutter zu Wort. Worauf die Mutter des Fräulein „So-La-La“ sie mit einem geringschätzigen Blick musterte und ihr auf den Kopf zusagte, das dicke Mädchen an ihrer Seite käme wohl zweifellos nach der Figur seiner Mutter.
Solche und ähnliche Vorfälle wiederholten sich regelmäßig.
Die Mutter suchte Trost in dem Glauben das nervtötende Gestotter ihrer Tochter diente dem höheren Zweck, den Nachrichtensprechern die Weltherrschaft streitig zu machen.
Der Vater tat so, als hätte er gerade nicht hingehört. Und der Rest der Welt verzog keine Miene, um nicht leichtsinnig ins Fadenkreuz eines mütterlichen Kanonendonners zu geraten.
Als einzige gab das Fräulein „So-La-La“ die Hoffnung nicht auf, den lästigen Spaßvogel in ihrem Mund zur Vernunft zu bringen. Aber es war zum Nägelbeißen und Haareraufen. Ob sie sich den Finger in den Mund steckte oder in die Wange kniff. Ob sie morgens Seifenwasser gurgelte oder zu Mittag zwei Teller Buchstabensuppe löffelte. Nichts von alldem erwies sich als taugliches Mittel, den verrückten Clown in ihrem Mund in die Schranken zu weisen.
Zu allem Überfluss entwickelte sich ihr Verstand im gleichen Tempo, mit dem das Licht durch den Raum flog. Innerhalb kürzester Zeit tummelten sich in seinem Räderwerk mehr Gedanken und Geschichten als Blätter auf einem Baum. Und die Zahl wuchs beständig an.
In ihrer Not blieb dem kleinen Fräulein „So-La-La“ nichts anderes übrig, als ununterbrochen loszuplappern. Andernfalls drohte ihr riesiger Kopf zu zerplatzen wie ein Luftballon.
Der verrückte Clown in ihrem Mund hatte seinen Spaß daran. Die lautmalerischen Purzelbäume und Verrenkungen, mit denen er seine Besitzerin demütigte, fanden in den hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen ein schadenfrohes Publikum. Ihr schallendes Gelächter verfolgte das Fräulein „So-La-La“ bis in den Schlaf.
Schweißgebadet wachte sie jede Nacht auf. Tief gekränkt fasste sie den Entschluss, nie wieder einen Ton zu sagen.
Lieber wollte sie ihren Kopf mit einem lauten Knall explodieren lassen, als sich weiterhin dem Hohn einer feindseligen Welt auszusetzen. Stumm wie eine Maus huschte sie durch den Tag.
<Sind ihr die Wörter ausgegangen?>, sorgte sich die Mutter über das seltsame Verhalten ihrer Tochter.
<Sicherlich muss sie erst einen langen Gedanken zu Ende denken.>, tröstete sich der Vater mit der Hoffnung auf ein Wunder.
Das Fräulein „So-La-La“ schwieg tapfer. Nachts wälzte sie sich unruhig im Bett. Gegen Mitternacht fühlte sich ihr Kopf wie eine zum Platzen geschwollene Kugel an. Es war eine reine Vorsichtsmaßnahme, dass sie vor dem Einschlafen die Lippen bewegte.
<So-La-La.>, murmelte sie.
Eigentlich sollte es „Sophie-Laura“ heißen. Aber es fühlte sich richtig an, etwas gesagt zu haben, bevor ihr die Augen schwer wurden und der Schlaf sie von ihrem Kummer erlöste.
Es tat auch den zwei dunklen Gestalten gut, die mit gespitzten Ohren an der Tür lauschten, ein Lebenszeichen aus ihrem Mund gehört zu haben.
Zwischenspiel
<Es ist nicht leicht, mit einem Clown im Mund zu leben.>, sagte die Geschichte, die an meiner Bettkante saß. Ich biss mir auf die Lippen. Es war meine Schuld, dass sich ihr Kopf nachts wie ein aufgeblähter Luftballon anfühlte. Ich hatte ihr den Clown in den Mund geschrieben, ohne zu bedenken, was ich damit auslöste. Sie musste mit dem Spott leben, den ich heraufbeschworen hatte.
Meine Schreibkammer lag gegenüber dem Schlafzimmer. Es war nur wenige Schritte entfernt. Plötzlich wusste ich, wie ich sie von ihrem Kummer befreien konnte.
Ein Druck auf die Löschtaste meiner Computertastatur würde die Sätze verschwinden lassen, die ihr Dasein beschwerten.
Die Geschichte erriet mein Ansinnen und hieß mich in energischen Worten an, im Bett liegen zu bleiben.
<Es ist gut, wie es ist.>, sagte sie.
Widerwillig folgte ich ihrer Anweisung. Ich hatte mich getäuscht. Die Geschichte war nicht zu mir zurückgekehrt, um den verrückten Clown in ihrem Mund loszuwerden.
Sie hatte etwas anderes im Sinn.
