Das Schloss in den Wolken

Vor langer Zeit herrschte ein mächtiger König mit eiserner Hand in der Welt. Sein Reich erstreckte sich bis weit über den Horizont hinaus, dass die Sonne darin niemals unterging. Eine gewaltige Armee schützte seine Grenzen gegen feindliche Eindringlinge. Im Inneren des Reiches wütete der König grausam gegen seine Gegner. Wer sich seiner Herrschaft in den Weg stellte, büßte den Widerstand mit dem Tod.
Bald waren alle Stimmen verstummt, die die Macht des Königs in Frage stellten.
Als Zeichen seiner Unbesiegbarkeit befahl der König seinen Baumeistern auf einem Berg, der dem Himmel am nächsten kam, eine riesige Festungsanlage zu errichten.
Die Steinmetze schlugen abertausende Granitblöcke aus den Steinbrüchen des Reiches. Unzählige Arbeiter schleppten sie zusammen mit dem anderen Baumaterial zum Gipfel des Berges hinauf, um das Bollwerk des Königs zu errichten. Hunderte verloren dabei ihr Leben.
Als die Arbeiten vollendet waren, zog der König an der Spitze seiner Soldaten durch das Tor in die hoch in die Wolken ragende Festung ein. Danach riefen Boten bis in alle Ecken des Reiches die Menschen dazu auf, dem König in seiner neuen Residenz zu huldigen.
In endlosen Reihen schleppte sich der Tross seiner Untertanen die steilen Berghänge hinauf. Wer die Strapazen des Aufstieges heil überstand, musste sich vor dem Thron in den Staub werfen und dem König die Treue schwören.
Mit steinerner Miene nahm der König die Lobpreisungen entgegen. Niemand wagte es, einen Zweifel auszusprechen. Schon eine hochgezogene Augenbraue, ein gestreckter Finger oder eine zittrige Stimme konnten den Tod bedeuten.
Am Ende der Kolonne plagte sich ein blinder Greis über das unwegsame Gelände zu der Burg hinauf. Jedem seiner Schritte ging das klackende Geräusch des Stockes voran, mit dem er den Boden abtastete. Es blieb ein Rätsel, wie er es schaffte, die Festungsmauern zu erreichen, ohne über eine der unzähligen Schluchten, an denen der Weg vorbeiführte, abzustürzen.
Als man ihn vor den Thron führte, verweigerte er dem König und seinem Bauwerk den geforderten Tribut.
„Ich sehe nur düstere Dunkelheit um mich.“, sagte er. „Aber als mein Blick klar war, habe ich viele Festungen in deinem Reich gesehen, die auf Felsen stehen, die diesem gleichen und ebenso uneinnehmbar erscheinen. Was gibt dir die Sicherheit, dass sich diese Burgen nicht eines Tages gegen deine Herrschaft verbünden?“
Ein Raunen ging durch die versammelte Menge.
Der König tobte vor Zorn. Mit gezücktem Schwert schritt er auf den Blinden zu. Doch selbst im Angesicht des Todes blieb der Alte unbeirrt.
„Wenn du mir den Kopf abschlägst, werde ich meine Zweifel mit in den Tod nehmen.“, trotzte er dem Schwert des Königs.
Im letzten Moment zuckte der König vor dem tödlichen Hieb zurück. Die Worte des blinden Greises hatten eine unselige Saat in seinen Kopf gestreut. Er befahl seinen Schergen den Alten in Ketten zu schlagen und in den Kerker zu werfen.
Während er in einem finsteren Verließ seinem Schicksal entgegensah, begannen die Soldaten des Königs alle Burgen des Reiches zu zerstören, damit sich seine Weissagung nicht erfüllte.
Nachdem die letzte Burg dem Erdboden gleich gemacht war, versammelte der König seine Untertanen wieder vor den Toren der Festung. Unter ihren Augen ließ er den Alten aus dem Kerker holen.
„Es existiert keine Burg mehr in meinem Reich, die sich gegen meine Herrschaft erheben kann.“, befahl er ihm, seine Zweifel zu widerrufen.
Der Greis blickte den König mit erloschenen Augen an.
„Da alle Burgen zerstört sind, ist deine Festung die größte im ganzen Königreich.“, erhob er seine Stimme.
Die Antwort stellte den König zufrieden. Großzügig gewährte er seinem Widersacher die Gunst eines Festmahles, bevor der Henker sein Werk an ihm verrichtete. Er sollte seinem Schöpfer nicht hungrig gegenüber treten müssen.
Der Greis schenkte der Geste des Königs, ihm einen gnadenvollen Tod zu gewähren, keinen Dank.
Unheilvoll echote seine Antwort zwischen den Mauern der Burg.
„Meine Reisen führten mich durch viele Königreiche. Auf deren Bergen thronen Festungen, die in ihrer Pracht nicht weniger eindrucksvoll sind. Was gibt dir die Gewissheit, dass die Herrschaft ihrer Könige nicht mächtiger ist?“
Die Worte des Alten stachelten den Zorn des Königs an. Rasend vor Wut über seine Unbeugsamkeit, erteilte er den Befehl, ihn der schlimmsten Folter auszusetzen. Erst wenn er seine Zweifel über die Unbesiegbarkeit des Königs widerrief, sollte ihm die Gnade des Todes erwiesen werden.
Die Worte des Greises verfolgten den König bis in den Schlaf. Am nächsten Morgen rief er seine Generäle zu sich. Noch am gleichen Tag erklärte er allen an sein Reich angrenzenden Ländern den Krieg, um der Vorsehung des Alten zuvor zu kommen.
Wochenlang wüteten seine Soldaten auf unzähligen Schlachtfeldern. Am Ende ging der König als Sieger aus dem blutigen Gemetzel hervor.
Im Siegesrausch suchte er mit seinem Gefolge den blinden Greis im Kerker auf. Er fand ein blutiges Fleischbündel vor. Die Folterknechte hatten seinem Gefangenen jeden Knochen im Leib zerschmettert.
„Von den Burgen der Königreiche, von denen du mir Gefahr angedroht hast, sind nur noch Ruinen übrig“, prahlte der König vor ihm.
Der Alte hob den Kopf. In seinem Gesicht spiegelte sich ein Lächeln.
„Dann ist deine Festung die mächtigste von allen, die auf einem Felsen gebaut wurde.“, stöhnte er. „Aber in meinen Träumen sehe ich in den Wolken eine viel mächtigere Burg bis zu den Sternen hochragen.“
Der König zuckte erschrocken zusammen. Dann brach er in ein schallendes Gelächter aus.
„Das Gebilde in deinen Träumen ist ein Luftschloss, das sich in Regen und Donner auflöst.“, höhnte er.
„Du irrst dich.“, widersprach ihm der Alte. „Die Träume der Menschen sind uneinnehmbar. Der Tag wird kommen, an dem ihre Macht dich und deine Festung von diesem Berg fegt.“
Im Zorn zog der König sein Schwert und versetzte dem störrischen Alten einen Hieb, der ihn für immer zum Schweigen brachte. Sein Ende besiegelte auch das Schicksal aller Ohrenzeugen der unseligen Prophezeiung. Noch am gleichen Tag folgten sie ihm auf Befehl des Königs in den Tod. Niemand sollte Zeugnis abgeben können von den Worten des blinden Greises. Aber einmal in die Welt gesetzt, verbreiteten sie sich wie ein Lauffeuer durch das Land. Nicht einmal ein blutrünstiger Herrscher, dessen Grausamkeit keine Gnade kannte, besaß die Macht, das Geflüster der zweifelnden Stimmen zum Verstummen zu bringen.
Von Tag zu Tag fiel es dem König schwerer, den Himmel über sich zu ertragen. Argwöhnisch begann er, den Zug der Wolken zu verfolgen.
Viele Jahre vergingen, ohne dass eine Rebellion gegen ihn ausbrach oder eine feindliche Armee sich unter den Mauern seiner Burg versammelte. Aber die unheilvolle Ankündigung des blinden Greises spukte weiter in seinen Gedanken. Ständig lebte er in der Angst, dass die Menschen an seiner Macht zweifelten. Bei jeder Wolke, die sich am Horizont ankündigte, versetzte er die Soldaten auf den Wehrgängen seiner mächtigen Festung in Alarmbereitschaft.
Die Vernunft sagte ihm, dass Regen und Donner ihre einzige Fracht war. Aber die Worte des Blinden hallten wie ein fernes Echo in seinen Ohren nach.
Eines Tages entlud sich ein gewaltiges Gewitter über seiner Burg. Ein Blitz schlug in einen der Türme ein und setzte ihn in Brand. Rasch griff das Feuer auf die anderen Gebäude über. Inmitten der berstenden Mauern erteilte der König den Befehl, die Kanonen zum Himmel auszurichten und auf die Gewitterwolken zu schießen. Die Kanoniere feuerten aus allen Rohren. Ein ohrenbetäubender Geschützdonner erfüllte den Nachthimmel. Aber die Kanonen konnten den Wolken nichts anhaben. Ihre Geschosse fielen samt der tödlichen Fracht, die sie mit sich führten, auf die Burg des Königs zurück und schlugen riesige Breschen in die dicken Mauern.
Im Glauben einer feindlichen Übermacht gegenüber zu stehen, flohen die Soldaten Hals über Kopf aus ihren Stellungen. Von seiner Armee im Stich gelassen, blickte der König in den Nachthimmel. Im Feuerschein der brennenden Burg sah er in den Wolkengebilden die Umrisse eines riesigen Schlosses am Himmel schweben. Wie der blinde Greis es prophezeit hatte, ragte es bis zu den Sternen hoch.
„Die Träume der Menschen sind uneinnehmbar.“, hörte der König eine leise Stimme flüstern, die der Wind herantrug.
„Der Tag wird kommen, an dem sie dich und deine Festung von diesem Berg fegen.“
In blinder Wut zog der König sein Schwert und stach auf die Wolken ein.
Im gleichen Augenblick entlud sich ein Blitz aus ihnen und stieß auf ihn herab.
Mit einem gewaltigen Donner schlug das Feuer des Blitzes in den Burgfried ein und brach eine Steinlawine aus dem Gemäuer, die den König unter sich begrub und seiner blutigen Herrschaft ein Ende setzte.

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