Der Glücksdrache

Einst war die Welt ein Paradies gewesen. Die Menschen lebten glücklich zusammen. Der Frieden in der Welt wurde von einem mächtigen Drachen beschützt. Er wachte darüber auf einem Berg, der dem Himmel am nächsten kam.
Unter der Herrschaft des Drachen gab es weder Streit noch Krieg unter den Völkern. Die Menschen bestellten ihre Felder und trieben Handel miteinander. Nachts schliefen sie glücklich und satt in ihren Betten.
Eines Tages zogen dunkle Wolken am Horizont auf. Die Sonne verdüsterte sich. Ein kalter Schatten legte sich über die Welt. Der Berg, auf dem der Drache hauste, war plötzlich von Schnee bedeckt.
Ratlos blickten die Menschen zum Himmel hoch. Die Tage fühlten sich kürzer und die Nächte länger an. Auf den Feldern verkümmerten die Ernten. Hunger und Elend breiteten sich aus.
In ihrer Not schickten die Menschen einen Boten zu dem Drachen. Auf dem Gipfel des Berges hatte sich eine dicke Eisschicht gebildet. Ein eisiger Sturm brauste über ihn hinweg.
Mit ernstem Gesicht kehrte der Bote zurück und berichtete, dass der Drache verschwunden war. Aus Sorge um ihr Glück begannen die Menschen nach dem Drachen zu suchen. Nach vielen Wochen stöberten sie ihn in einer Höhle am Fuß des Berges auf. Sein Anblick erschreckte die Menschen. Der Drache war auf ein mageres Elend seiner selbst abgemagert.
„Ich sehe das Glück nicht mehr.“, erklärte er den Menschen die Traurigkeit, die ihn dazu gebracht hatte, sich in den letzten Winkel einer dunklen Höhle zu verkriechen.
Unverzüglich befahlen die Menschen die besten Ärzte zu ihm. Aber ihre Medizin versagte. Wochen und Monate vergingen, ohne dass sich sein Zustand verbesserte.
Gleichzeitig breiteten sich Not und Misswirtschaft in der Welt aus. Die Menschen gerieten in Streit über die Verteilung der geringen Ernten, die ihre Felder abwarfen.
Sie beschuldigten einander gegenseitig, die Verantwortung für das Unglück in der Welt zu tragen.
Riesige Heere wurden zusammengestellt. In allen Teilen der Welt loderten Kriege auf. 
Hunderttausende ließen auf den Schlachtfeldern ihr Leben. Nach Jahren blutiger Auseinandersetzungen besannen sich die Menschen ihrer Vernunft. Sie riefen eine Konferenz ein, an der sich die klügsten Köpfe beteiligten, um den Frieden in der Welt wieder herzustellen.
Am Beginn ihrer Beratungen klopfte der Vorsitzende mit einem kleinen Hämmerchen auf den Tisch, um für Ruhe zu sorgen.
Als erstes trat der Drache in den Zeugenstand.
Aber seine Aussage brachte wenig Hoffnung, das Glück in der Welt wieder herzustellen.
„Es fehlt jede Erinnerung daran.“, enttäuschte der Drache ihre Erwartungen.
„Das einzige, das ich von ihm weiß ist, dass er sich näher und vertrauter anfühlte als alles andere.“
Die Menschen blickten einander ratlos an. Etwas zu finden, von dem weder eine Beschreibung noch ein Bild existierte, schien ein aussichtsloses Unterfangen.
Nach endlosen Sitzungen wurde der Beschluss gefasst, die führenden Friedensexperten um Rat zu fragen.
Einer nach dem anderen trat ans Rednerpult und unterbreitete seine Vorschläge.
Den Anfang machte ein kraftstrotzender Jüngling.
<Meine Jugend ist das Glück.>, verkündete er großspurig und präsentierte seine Muskeln.
Der Drache überlegte kurz. Dann schüttelte er den Kopf.
<Die Jugend schwindet mit den Jahren.>, sagte er.
Mit gesenktem Haupt verließ der Jüngling das Podium. Nach ihm kam eine Schönheitskönigin an die Reihe.
<In meiner Schönheit spiegelt sich das Glück.>, hauchte sie ins Mikrofon und warf sich verführerisch in Pose.
<Die Schönheit ist ein flüchtiges Geschenk.>, antwortete der Drache abweisend.
Enttäuscht räumte die Schönheitskönigin für den nächsten Kandidaten das Feld.
<Mein Geld bringt das Glück ins Haus.>, versprach ein Geschäftsmann, dem der Erfolg ins Gesicht geschrieben stand. Aber auch seine Methode brachte nicht den erhofften Durchbruch.
<Das Glück lässt sich nicht kaufen.>, erteilte ihm der Drache eine Absage.
Mit lautem Getöse drängte ein eitler Schauspieler ans Rednerpult.
<Mein Ruhm sorgt für das Glück.>, behauptete er vollmundig.
<Das Glück braucht keine Bühne.>, versagte ihm der Drache die Zustimmung.
Langsam breitete sich in den Reihen der Konferenzteilnehmer Unruhe aus. Der Politiker, der als nächster an die Reihe kam, hatte bereits Mühe, sich Gehör zu verschaffen.
<Wer für mich stimmt, wählt das Glück.>, brüllte er in die Menge. Die Nervosität war ihm deutlich anzumerken.
<Das Glück sucht keine Macht.>, widersprach der Drache. Daraufhin wurde der Politiker von der Bühne gepfiffen. Alle Redner, die danach ans Rednerpult traten, ereilte das gleiche Schicksal.
Der Priester, der den Glauben verkündete. Der Gelehrte, der mit seinem Wissen zu überzeugen versuchte. Der Sänger, der ein Lied anstimmte. Der Millionär, der mit seinem Reichtum prahlte. Der Dichter, der aus einem dicken Buch las. Keiner von ihnen vermochte den Drachen zu überzeugen, der Welt das verlorene Glück zu ersetzen.
Unverrichteter Dinge kehrten sie an ihre Plätze zurück.
Die Verzweiflung im Saal artete zum Tumult aus. Im Durcheinander der Stimmen verstummte jede Vernunft. Die Menschen gingen mit Fäusten aufeinander los. Türen schlugen krachend ins Schloss.
Als Letzter trat ein alter Bettler auf. Sein einziger Besitz waren die abgerissenen Kleider, die er am Leib trug. Er besaß weder Macht noch Ansehen. Und kein Reichtum verstellte ihm den Blick auf das Glück. Mit einem Hammerschlag versuchte er, für Ruhe zu sorgen. Aber niemand schenkte dem Geschehen auf der Bühne mehr Aufmerksamkeit.
<Mein Leben ist das Glück.>, erklärte er bescheiden. Der Drache überlegte lange. Dann nickte er zustimmend.
Keiner bemerkte das Wunder, das geschehen war. Das Glück war bereit, in die Welt zurückzukehren. Aber die Zwietracht zwischen den Menschen hatte die Oberhand gewonnen. Schönheit und Jugend. Macht und Besitz. Glaube und Wissen. Reichtum und Ruhm. Jeder beanspruchte das Glück für sich allein. Am Ende wurde die Versammlung aufgelöst, ohne dass ein Beschluss gefasst wurde. Die Menschen kehrten in eine Welt zurück, in der sie eifersüchtig nach ihrem eigenen Vorteil trachteten.
Als Letzter verließ der Drache, der einst über das Glück der Welt auf dem Gipfel eines Berges gewacht hatte, seinen Platz. Er trat an den Bettler heran, der unbeachtet am Rednerpult zurückgeblieben war.
<Wie ist es dir gelungen, das Glück zu entdecken?>, fragte er.
<Es war leicht.>, antwortete der Bettler. <Nichts fühlt sich näher und vertrauter an als das eigene Leben.>
<In dir wohnt eine weise Seele.>, erklärte der Drache. Dann breitete er seine mächtigen Flügel aus und erhob sich in die Luft.
<Wohin gehst du?>, rief ihm der Bettler hinterher.
<Mein Versagen hat mir gezeigt, dass niemand in der Lage ist, über das Glück eines anderen zu wachen. Jeder muss sich selbst auf den Weg machen, um es für sich zu finden.>
Dann segelte er langsam davon, bis er in den Wolken verschwand. Seither hat ihn keine Menschenseele mehr wieder gesehen. Aber jeder Mensch, der das Glück in sich entdeckt, spürt den Flügelschlag, mit dem er sanft die Seele streichelt.