Fleisch

Als sie erwachte, lag sie in ihrem Bett. Im schwachen Widerschein der Straßenlaterne vor dem Haus, deren Licht durch das Fenster in das Schlafzimmer flutete, erhoben sich die Dinge als dunkle Schatten. Am ganzen Körper zitternd starrte sie auf die andere Seite des Bettes hinüber. Sie war nicht allein im Raum. Deutlich zeichneten sich die Umrisse seiner Gestalt unter der Decke ab, die er bis zum Hals hochgezogen hatte.
Der Mann, mit dem sie seit Jahren das Bett teilte, wälzte sich im Schlaf. Obwohl sein Anblick nichts Beängstigendes für sie ausströmte, spürte sie, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. Ihre Haut war nass von dem Schweiß, der ihr aus allen Poren drang. Von Krämpfen geschüttelt, krallten sich ihre Hände in das Bettlaken.
Bei jeder Bewegung, die er machte, schwappte die Matratze unruhig auf und ab.
Sie winkelte die Beine an und hob ihr Becken hoch, um zu verhindern, dass die Schockwelle, die sich durch das Bett zog, auf ihren Körper übersprang.
Vergeblich setzte sie sich gegen den Gedanken zur Wehr, der in ihrem Kopf kreiste wie ein dunkler Mond um einen Planeten.
„Fleisch.“, hallte ihr sein Echo in den Ohren nach.
Verzweifelt versuchte sie, den Ekel, den das Wort in ihr auslöste, zu unterdrücken. Aber je mehr sie dagegen ankämpfte, desto übermächtiger fühlte er sich an.
„Berg.“, flüsterte sie, um das qualvolle Echo im Kopf mit dem Klang ihrer Stimme zu übertönen und dem Schatten, der sich auf der gegenüberliegenden Seite des Bettes auftürmte, eine andere Bedeutung zu geben.
Dankbar klammerte sie sich an das Bild, das vor ihren Augen entstand. Für einen kurzen Moment verstummte der Gedanke, der sie quälte. Erleichtert atmete sie durch. Ein Felsen, der reglos in den Himmel ragte, versprach Halt. Halt, nach dem sie seit Wochen vergeblich suchte. Halt, der ihr half wieder die Ruhe zu finden, nach der sie sich sehnte.
Minutenlang beobachtete sie die Decke, unter der er, eine Armlänge von ihr entfernt, im Schlaf lag. Sie erhob sich aus der Dunkelheit wie ein Hügel, der an zwei Seiten anstieg und in ein flaches Plateau mündete.
Ihr Blick folgte den Überhängen und Brüchen, die sie in den Falten zu erkennen glaubte. Als sie ein leises Röcheln hörte, erstarrte sie. Der Berg bewegte sich. Sie konnte hören, wie er mit seinen Atemzügen die Luft aus dem Raum sog.
„Berge atmen nicht.“, dachte sie und fühlte wie ein namenloses Entsetzen durch ihren Körper raste.
Die Wucht des Satzes traf sie wie ein Hammerschlag, der einen Felsen aufsprengt und seinen Kern freigibt.
„Fleisch!“
Ihr fröstelte beim Widerhall des Wortes, das ihr ganzes Denken beherrschte. Mit starrem Blick fixierte sie die Gestalt auf der anderen Bettseite. Jede Bewegung, die sie wahrnahm, verstärkte das Dröhnen in ihrem Kopf. Sie legte die Hände an die Ohren. Aber das Getöse hinter ihrer Stirn schwoll weiter an.
„Fleisch!“
Die Monstrosität des Wortes unterdrückte alle anderen Gedanken. Hilflos musste sie mitansehen, wie sich der Berg, der sich eine Armlänge vor ihr im Bett auftürmte, wieder in eine weiche, schwabbelige Substanz verwandelte, die unter der Bettdecke zischte wie ein heißer Lavastrom in einem Vulkan. Der Berg war ihre letzte Hoffnung gewesen. An sein Dasein konnte sie sich gewöhnen wie an einen Blick aus dem Fenster. Seine Nähe wirkte nicht bedrohlich für sie. Aber der Schatten, der sie langsam an den Rand des Bettes drückte, war kein Berg. Ein Berg schwitzte nicht aus, wie es warmes Fleisch tat. Ein Berg hatte kein Gesicht. Er besaß keinen Körper, an dem Arme und Beine hingen.
Sie drehte sich auf die andere Seite weg und spürte ihre Füße unter der Decke zappeln. Sie waren bereit, aus dem Bett zu springen. Ungezählte Male hatte sie ihrem Drängen nachgegeben und war ins Wohnzimmer geflüchtet. Aber vor dem Fleisch, das sich jede Nacht zu ihr legte, gab es kein Entkommen. Es folgte ihr überall hin. Sein Geruch hing in der Luft. Es starrte sie aus den Bildern an den Wänden an. Es dünstete aus den auf einem Stuhl abgelegten Kleidern.
Das Fleisch war allgegenwärtig. In den leeren Gläsern auf dem Tisch. In den Zigarettenstummeln im Aschenbecher. In den Tellern neben der Spüle. Es gab keine Zuflucht vor ihm.

Mehrfach hatte sie den Versuch unternommen, vor ihm zu fliehen. Heimlich hatte sie ihre Koffer gepackt, um sich mitten in der Nacht aus der Wohnung zu stehlen. Sie hatte sich in ihr Auto gesetzt und war losgefahren. Es war immer eine Flucht in die Leere gewesen. Nie hatte sie ein neues Ziel gefunden. Während sie verzweifelt nach einem Ausweg suchte, folgte das Fleisch ihrer Fährte. Es ließ sich nicht abschütteln. Hartnäckig stellte es ihr nach, bis sie wieder zu seiner Beute wurde und zu ihm zurückkehrte.
Sie spürte, wie sie langsam die Kraft verlor, sich von ihm zu befreien.
Am Ende siegte die Erschöpfung. Sie packte die Koffer aus und blieb. Die Angst, dass die Verwandlung die sie an ihm bemerkte, auch in ihr begonnen hatte, erstickte den letzten Widerstand in ihr.
Nach jeder Rückkehr wälzte sie sich tagelang schlaflos im Bett und haderte mit ihrer Unfähigkeit, die Flucht unumkehrbar zu machen. Es war eine Angst, die sich mit Alkohol und Tabletten nicht betäuben ließ. Eine Angst, die sich wie eine Feuerwalze durch ihre Seele brannte. Eine Angst, die sie in ihren Träumen vor einen Spiegel zwang, wo sie hilflos mitansehen musste, wie auch sie sich in Fleisch verwandelte. In Fleisch, das unsichtbar in ihr wucherte und langsam aus der Haut schälte. In Fleisch, das schwer atmete. In Fleisch, das sich tagsüber unter der Kleidung den Blicken entzog. In Fleisch, das sich nachts erschöpft über das Bett ergoss wie eine Flut auf einem Strand.
Schreiend fuhr sie aus dem Schlaf hoch und spürte seinen Blick auf sich gerichtet. Seine Augen blitzten sie in der Dunkelheit an, wie ein zerstörendes Feuer, das langsam an sie heranrückte.
Mit Widerwillen ertrug sie den Arm, den er über sie legte. Als er ihr mit der Hand über das Gesicht streichelte, geriet sie in Panik. Sie fühlte sich auf ihrer Haut an wie das Fleisch, das sie in ihren Träumen verfolgte. Von einer wilden Hysterie gepackt, stieß sie ihn von sich weg und kroch unter ihre Decke wie ein gejagtes Tier in seinen Bau.
Der erste Weg am Morgen führte sie ins Badezimmer. Ängstlich beäugte sie im Spiegel die kleinsten Veränderungen an ihrem Körper. Die Sorge, dass das Fleisch auch an ihr für alle sichtbar wurde, begleitete sie durch den Tag.
Das Essen bereitete ihr Qualen. Die Vorstellung, dass sie mit jedem Bissen, den sie sich in den Mund stopfte, dem Fleisch, das in ihr wucherte, neue Nahrung verschaffte, wurde ihr immer unerträglicher.
Sie hatte sich angewöhnt, nur in seiner Gesellschaft zu essen. Wenn er ihr keine andere Wahl ließ. Wenn er ihr den vollen Teller vorsetzte. Wenn er sie erwartungsvoll anblickte.
In diesen Momenten verwandelte sie sich in eine Schauspielerin, die in eine Rolle schlüpfte. Ohne dass der Schrecken in ihrem Gesicht sichtbar wurde, täuschte sie Appetit vor. Sie aß den Teller leer. Unter einem Vorwand entfernte sie sich vom Tisch und hastete auf die Toilette, wo sie sich übergab.
In gespielter Heiterkeit verstand sie es, ihm den Ekel vor dem Fleisch zu verbergen, das sich ihr in seinen Gesichtszügen offenbarte. Lächelnd schob sie ihm einen Teil ihrer Mahlzeit auf den Teller. Sie warf ihm das Essen als Beute vor, in der Hoffnung selbst von der Verwandlung verschont zu bleiben, die sich in ihm mit schrecklicher Deutlichkeit nach außen stülpte.
Wann hatte seine Verwandlung begonnen? Diese Frage beschäftigte sie seit Monaten. Den Punkt zu finden, an dem er, begonnen hatte, Fleisch zu werden.
Verzweifelt versuchte sie, sich an die Eigenschaften zu erinnern, die sie an ihm begeistert hatten. An den Charme, der in seiner Stimme schwang. An das Lachen, das sie verzauberte. An den Blick, der sie in seinen Bann zog. An die Hände, deren Berührungen ihr einen wohligen Schauer bereiteten. Aber die Bilder, die vor ihren Augen entstanden, wirkten blass und verschwommen. Das Fleisch, das er geworden war, verstellte ihr den Blick.
Sie drehte sich auf den Rücken und lauschte in die Dunkelheit. Ein Geräusch riss sie aus ihren Gedanken. Sie hielt den Atem an. Das Fleisch auf der anderen Bettseite regte sich. Es stöhnte im Schlaf.
Er wusste nichts von der Qual, die es ihr bereitete, in einem Raum mit ihm zu sein. Er ahnte nichts von der Schlaflosigkeit, die sie ins Wohnzimmer trieb, wo sie auf dem Handy nach alten Bildern suchte, um den Gedanken in ihrem Kopf zum Verstummen zu bringen.
Mit jedem Tag fiel es ihr schwerer, die Selbstgefälligkeit zu ertragen, mit dem er seine Erscheinung zur Schau stellte. Wie die meisten Männer schien er blind für die Veränderung zu sein, die in ihm vorging. Er verschloss die Augen vor dem Fleisch, hinter dem seine Gesichtszüge langsam verschwanden. Widerstandslos nahm er es hin, dass sich sein Körper zu einer schwammigen Masse verformte. Es war, als vernebelte das Fleisch seinen Verstand und gaukelte ihm eine Vorstellung von sich vor, die er auch dann für wahrhaftig hielt, wenn er unter der Dusche stand oder sich nackt im Spiegel betrachtete.
Es war, als vernebelte das Fleisch seinen Verstand und gaukelte ihm eine Vorstellung von sich vor, die er für wahrhaftig hielt.
Mehrfach hatte sie ihn dabei ertappt, wie er anderen Frauen schöne Augen machte. Er umgarnte sie mit dem Charme des erfahrenen Liebhabers, als wäre er noch in der Lage, sie für sich zu begeistern und vergaß, dass das Fleisch längst alle Körperteile von ihm befallen hatte. Bei einem Erfolg würde sein Versagen augenscheinlich zutage treten.
Längst war sie von seinen Zärtlichkeiten erlöst, die sie zuletzt als quälende Versuche in Erinnerung behalten hatte. Stillschweigend hatten sie die Abmachung getroffen, diesen Teil der Liebe auszuklammern. Umso mehr entsetzte sie sein Werben um die Gunst anderer Frauen. Sie kannte die Wahrheit. Es war nur noch Gaukelei. In die Eifersucht mischte sich der Ärger, dass sie sich durch ihr Schweigen zur Komplizin seiner Lügen machte, um ihre eigene Blöße zu verschleiern.
Unzählige Frauen teilten dieses Schicksal mit ihr. Sie konnte es in ihren Gesichtern ablesen. In der Art, wie sie ihre Männer ansahen. Es waren die gleichen Blicke, mit denen sie Dinge betrachteten. Dinge, die ihnen nicht mehr bedeuteten, als die Möbelstücke, mit denen sie sich umgaben. Dinge, die man nicht mehr verrücken konnte. Dinge, die man nur noch besaß.
Keine der Frauen sprach darüber. Niemand redete über Dinge, für die man keine Leidenschaft mehr empfand. Man nahm sie nur noch wahr, wenn man ihrer überdrüssig wurde oder sie verloren hatte.
Die meisten dieser Frauen hatten sich an das Fleisch an ihrer Seite gewöhnt. Sie zogen die Gewohnheit der Herausforderung vor, der sie sich nicht mehr zu stellen wagten, weil der Zweifel an sich zu groß war.
Sie bildete keine Ausnahme unter ihnen. Obwohl sie insgeheim wusste, dass es nicht der Wahrheit entsprach.
Einmal war sie das Wagnis eingegangen. Auf ihrem Handy bewahrte sie einige Schnappschüsse aus diesen Tagen auf. Es war einer ihrer Versuche gewesen, dem Fleisch zu entkommen.
Über Wochen hatte sie es geschafft, es auf Abstand zu halten. Dabei war es passiert.
Einen Sommer lang verwandelte sie sich zurück in ein junges Mädchen, das hüftschwingend aus einem Wohnzimmer auf die Terrasse hinaus tanzte. In ein Mädchen, das die Begierde in den Blicken genoss, die sie in ihrem Rücken spürte. Das die Lust auskostete. Das federleicht durch die Tage flog. Das in den Nächten auf Wolken schwebte.
Für kurze Zeit verblasste der Gedanke an das Fleisch, das auf der Lauer lag und eine Gelegenheit suchte, sie wieder in seine Fänge zu bekommen.
Die Bilder auf dem Handy zeigten eine schlanke Gestalt an ihrer Seite. Ein schmales Gesicht. Einen festen Körper. Hände, die jeden Teil an ihr erkundeten. Die Erinnerung daran fühlte sich an wie aus einem Leben, das sie nicht gewagt hatte.
Es war eine Zeit, in der sich die Welt unter ihren Füßen bewegte, wenn sie morgens erwachte. Eine Zeit, in der sie erlebte, dass Leidenschaft an kein Bett gebunden war. Sie war überall möglich. Auf einem Tisch. An einer Treppe. In einer Wiese. In einem dunklen Wasserlauf.
Es waren schwerelose Tage gewesen, denen kein böses Erwachen folgte. Irgendwann meldete sich das Fleisch wieder.
Wochenlang setzte sie sich zur Wehr. Sie ignorierte seine Anrufe. Sie antwortete nicht auf seine Nachrichten. Aber er blieb ihr hartnäckig auf den Fersen. Bis sie mit ihm sprach. Bis ihr Widerstand schwächer wurde. Bis der Zweifel das Wagnis in Frage stellte.
Das Fleisch ließ nicht locker. Beharrlich folgte er ihrer Fährte, um sie in die Falle zu locken, die sie wieder in seine Fänge trieb.
Er wusste um die Schwäche, die sie in sich verbarg. Die Natur hatte ihr ein altersloses Gesicht geschenkt, mit dem sie unantastbar wirkte. Sie spürte die neidvollen Blicke der anderen Frauen. Sie genoss das Begehren, mit denen die Männer sie anstarrten. Aber die Jahre waren nicht spurlos an ihr vorüber gegangen. Hinter ihrer makellosen Fassade verbarg sich ein verunsichertes Wesen, das sich nach einem Schatten sehnte, in dem sie eintauchen konnte. Einem Schatten, aus dem ihr Strahlen auch dann noch wirkte, wenn es schwächer wurde.
Geschickt verstand es das Fleisch, in ihr die Sehnsucht danach wachzurufen. Sie hatte sich ins Licht gewagt. Als sie an sich zu zweifeln begann, vermisste sie seinen Schatten. Sie sehnte sich zurück in das Leben, in dem sie sich bewegen konnte wie in einem Haus, wo man jeden versteckten Winkel kannte. Einem Haus, das keine Überraschungen bereit hielt. Mit Türen, die sie öffnen konnte, ohne fürchten zu müssen, in den Räumen dahinter auf etwas Unerwartetes zu stoßen. Mit Möbeln, die abends unverrückt auf dem Platz standen, wo sie sie am Morgen zurückgelassen hatte.
Das Fleisch versprach Sicherheit und ein vertrautes Bett. Irgendwann wurden die Zweifel übermächtig. Sie gab ihr Wagnis auf und kehrte zu ihm zurück.
Das Fleisch stellte keine Fragen. Über Monate verschwand der Gedanke, der sie fortgetrieben hatte, aus ihrem Kopf. Sie fühlte sich erleichtert, wieder in den gewohnten Bahnen zu kreisen. In den Nächten schlief sie ruhig. Beinahe war sie glücklich. Bis sie eines Nachts unvermittelt aus dem Schlaf aufschreckte. Der Vollmond leuchtete durch das Fenster ins Zimmer. Beunruhigt lauschte sie in der Dunkelheit nach dem Geräusch, das sie geweckt hatte. Als sie es zuordnen konnte, begriff sie, was vor sich ging. Das Fleisch gönnte ihm keine Pause. Es wucherte weiter in ihm. Sie hörte in seinem Atem, wie es unaufhaltsam näher an sie heranrückte, als gierte es danach, auch sie in Besitz zu nehmen.
In dieser Nacht wurde ihr bewusst, aus welcher Quelle sich das Fleisch nährte. Es war das Alter. Das Fett war nur ein Symptom, das die Verwandlung nach außen sichtbar machte. Unter dem Gewicht der Jahre trat man die Wege, die jedes Leben durchzogen, tiefer. Irgendwann fand man aus den Gräben nicht mehr heraus und fing an, sich in den festgetretenen Spurrillen im Kreis zu bewegen. In Kreisen, die immer kleiner gerieten, bis man an einen Punkt gelangte, an dem es kein Weiterkommen mehr gab und sich das Dasein wie ein Kreisel nur noch um die eigene Engstirnigkeit drehte.
Die Erkenntnis traf sie wie ein Faustschlag. Das Fleisch ließ sich nicht stoppen. Es kannte keine Gnade. Niemand konnte sich ihm entziehen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es sich wie ein Geschwür auch durch ihre Haut fraß.
Unvermittelt tauchte das Bild des toten Vaters vor ihren Augen auf. Sie dachte an ihre Mutter und an die Sorge, die sich in ihr Gesicht eingrub, als er aufhörte, sich dem Fleisch in ihm zu widersetzen. Es war ihm äußerlich nicht anzusehen. Seine Erscheinung ließ die Bedrohung nicht erkennen. Das Fleisch wuchs jahrelang unsichtbar in ihm. Als er die Aussichtslosigkeit seines Kampfes einsah, wählte er die einzige Möglichkeit, die ihm blieb, um zu verhindern, dass das Fleisch ihn überwucherte.
Er verschloss seinen Mund. Eines Tages hörte er auf zu essen. Die verzweifelten Versuche der Mutter, ihn an seinem Krankenbett mit einem Löffel zu füttern, blieben erfolglos.
Der Vater hatte seine Entscheidung getroffen. Er hungerte das Fleisch in sich zu Tode. Als er starb, wirkte ihre Mutter trotz aller Tränen wie befreit von einer unsichtbaren Last.
Zuerst erstaunte es sie, wie schnell ihr Kummer über den Verlust schwand. Es dauerte Monate, bis sie begriff, dass die Mutter immer noch um den Mann trauerte, an dessen Seite sie ihr Leben verbracht hatte. Aber in der Trauer schwang eine tiefe Dankbarkeit mit. Der Vater hatte sie mit seiner Entscheidung, den Mund zu verschließen, von dem Fleisch erlöst, das er geworden war.
Seither hatte sie diese Erleichterung an vielen Frauen bemerkt, die ihren Mann verloren hatten. Sie vermissten den Gefährten an ihrer Seite. Aber sie wünschten sich nicht das Fleisch zurück, in das er sich verwandelt hatte.
Die Erinnerung an das stille Einverständnis, das sie im tränenüberströmten Gesicht ihrer Mutter bemerkt hatte, als der Vater starb, weckte einen furchtbaren Verdacht in ihr. Wartete auch sie auf den Tag, an dem sie von dem Fleisch an ihrer Seite befreit wurde? Der unterdrückte Aufschrei, der ihr bei dem Gedanken entfuhr, brachte das Bett ins Schwanken. Ein leichtes Frösteln erfasste sie. Sie spürte seinen Blick auf sich.
Das Bett stöhnte unter seinem Gewicht, als er sich aufrichtete und sich über sie beugte. Sie schloss die Augen und stellte sich schlafend. Seine Hand strich zärtlich über ihre Wangen. Dann drehte er sich zur Seite. Sein ruhiger Atem verriet ihr, dass er wieder eingeschlafen war.
Der leichte Kitzel, den seine Berührung auf ihrer Haut zurückgelassen hatte, versöhnte sie für einen Moment mit dem Fleisch, das sie in seinem Gesicht erkannte. Es machte ihn ihr nicht unerträglich. Sie spürte nichts Abstoßendes in seinem Wesen. Das Fleisch arbeitete sich langsam in ihm vor. Es ließ ihr genügend Zeit, sich an seinen Anblick zu gewöhnen. In das Hässliche, das seine Verwandlung zum Vorschein brachte, mischte sich nichts Fremdes. Die Vertrautheit blieb.
Es war der Augenblick, in dem sie erkannte, dass ihr keine Wahl blieb. Nie mehr würde sie dem Drang ihrer Füße, aus dem Bett zu fliehen, nachgeben. Nie wieder würde sie sich in ein junges Mädchen verwandeln, das auf einer Steintreppe geliebt wurde oder sich an einem Strand der Leidenschaft hingab. Es war zu spät für eine Flucht. Das Fleisch hatte auch in ihr die Oberhand gewonnen.
Die Gewissheit nahm ihr die innere Anspannung. Sie fühlte sich beinahe erleichtert, als wäre sie aus einem Traum aufgewacht, der bereits verblasste, während sie noch versuchte, die Erinnerung daran festzuhalten. Sie vermisste ihren Schlaf nicht mehr. Er änderte nichts. Am Ende würde sie immer in einem Leben aufwachen, in das sie sich zu sehr verstrickt hatte, um es hinter sich lassen zu können.
„Fleisch.“, sprach sie den Gedanken aus, der ihre Liebe wie ein dunkler Mond überschattet hatte. Die Tränen standen ihr in den Augen, als sie bemerkte, dass er seine Bedrohlichkeit verloren hatte. In seinen Klang mischte sich Etwas, das sich anfühlte wie eine Sehnsucht, die langsam in ihr erlosch.
Als sie die Augen schloss, war der Gedanke, der sie seit Wochen quälte, verschwunden. An seiner Stelle blitzte ein Licht in der Dunkelheit auf, das zu einem riesigen Feuerball verschmolz.
Ruhig atmend drehte sie sich zur Seite und schmiegte sich an die vertraute Gestalt, die sich im Licht der Straßenlaterne, die durch das Fenster in das Zimmer leuchtete, eine Armlänge von ihr entfernt unter der Decke abzeichnete.
Dankbar legte sie die Hand über ihn und tauchte in seinen Schatten ein. Vielleicht fühlte sich Liebe anders an. Aber sie spürte eine friedliche Stille in sich, als seine Wärme auf sie übersprang. Gefasst beobachtete sie, wie der Feuerball in ihrem Kopf aus seiner Umlaufbahn stürzte und im Verglühen auf sie zuraste. Kurz vor dem Aufprall löschten sich alle Gedanken. Ein wohliges Gefühl breitete sich in ihr aus. Sie spürte keine Angst mehr. Als der Feuerball in ihr einschlug, war sie eingeschlafen.