Das Zirkuskind – 11

Wie das Fräulein „So-La-La“ eine Zeitabkürzungsmaschine erfindet

Seit Wochen verfolgte das Fräulein  „So-La-La“ gebannt die Nachrichten, die über die Bildschirme flimmerten. Überall herrschte Zank und Streit. Die Welt fand keinen Frieden mehr. Sie war in die Hände von hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefingern und mitleidigen Stimmen geraten.

Weil sie sich niemals einig wurden, herrschte ein furchtbares Durcheinander. Am meisten stritten sie darüber, wer das Sagen in der Welt hatte.
„Lange lebe der König.“, riefen die hochgezogenen Augenbrauen.

„Den Präsidenten gehört die Macht.“, skandierten die gestreckten Zeigefinger.

„Am Ende siegen immer die Generäle.“, warnten die mitleidigen Stimmen.

Nichts von dem  entsprach  den Tatsachen, wusste das Fräulein „So-La-La“. 
Längst hatte sie die Könige, Präsidenten und Generäle als Angeber und Wichtigtuer durchschaut.    

Die wahren Herrscher der Welt wohnten nicht in  prächtigen Palästen. Sie schwangen keine  großen Reden. Schon gar nicht badeten sie im Applaus begeisterter Massen.
Sie  leiteten die Geschicke der Menschen im Stillen und  gingen ihren Geschäften nach, ohne dass es im Fernsehen übertragen wurde oder die Zeitungen von ihnen berichteten.

Es waren die Großmütter. Ihre Machtfülle war einzigartig. Es herrschte kein König, der nicht auf ihrem Schoß gesessen hatte. Es regierte kein Präsident, dem sie nicht die Wangen getätschelt hatten. Und nirgendwo fand sich ein General, dessen Windeln sie nicht gewechselt hatten.

Ihr langer Arm reichte  von Amerika bis nach Afrika,  von Europa bis nach Indien und vom  Südpol bis zum Nordpol.  Vor ihnen  gab es kein Entkommen.  Die Macht der Großmütter reichte selbst über den Tod hinaus.  Dann saßen sie unsichtbar an den Tischen oder lächelten aus eingerahmten Bildern an der Küchenwand auf ihre Untertanen herab.

Für das Fräulein waren sie die beste Erfindung, die jemals erfunden worden war.
Ihr Einsatz bewahrte übermüdete Mütter vor Nervenzusammenbrüchen und rettete gestressten Vätern   den Fußballabend.

Aber den meisten Spaß hatten die Kinder mit ihnen.  Ohne auf die Uhr zu blicken, verschwendeten sie die schönsten Tages damit, Puppen zu frisieren oder Geschichten aus alten Zeiten zu erzählen.

Sie kannten den kürzesten Schmuggelpfad ins Schlaraffenland, wo man Limonade aus Flüssen trank und Schokolade  von den Bäumen pflückte.  Und in ihren  Schränken stapelten sich mehr Süßigkeiten,  als besorgte Mütter und Zahnärzte wissen durften.

Ihr Geduldsfaden ließ sich endlos in die Länge ziehen, ohne zu reißen.
Eine eingeschlagene Fensterscheibe, eine zerbrochene Vase oder ein verschüttetes Glas Limonade machten ihnen keine schlechte Laune.   

Die Herrschaft der Großmütter besaß nur ein einziges Makel. Man musste sehr behutsam mit ihnen umgehen. Denn sie bestanden zu Gänze aus uralten Teilen.  Schon eine harmlose Erkältung konnte sie außer Betrieb setzen.

Zum Glück wies Oma Rosa noch nicht viele Stellen auf, die reparaturbedürftig aussahen.  Ihr faltiges Gesicht sah aus wie ein zersprungener Spiegel. Aber trotz aller Kratzer spiegelte sich immer noch ein wunderschönes Bild darin, dem das Alter nichts anhaben konnte.

Am liebsten saß sie in ihrem abgewetzten Ledersessel im Wohnzimmer, wo sie an einer Zigarre  nuckelte oder ihren Kaffee mit einem Schuss Likör veredelte.  Zeitweilig war  der Rauch in ihrer Wohnung  zum Schneiden dick, dass man sich die Nase daran blutig stieß.

Eine Großmutter, die Zigarren qualmte, likörgetränkten Kaffee schlürfte und neidisch nach dem Besen schielte, mit dem die Putzfrau das Stiegenhaus fegte, sorgte für allerlei Gerede unter den hochgezogenen Augenbrauen , gestreckten Zeigefingern und mitleidigen Stimmen.

Das Getuschel hinter dem Rücken der Großmutter blieb dem Fräulein „So-La-La“ nicht verborgen.  
Hütete Oma Rosa ein dunkles Geheimnis, das sie vor ihr verbarg?

Ein griesgrämiger Nachbar, der ihr im Stiegenhaus wünschte, sie möge sich bei ihren nächtlichen Ausflügen das Genick brechen, nährte ihren Verdacht.

Was immer die wahre Natur der Großmutter  war?  Solange sie nicht das entscheidende Beweisstück in Händen hatte, hielt es das Fräulein „So-La-La“ für das Beste, keiner Menschenseele in ihren Verdacht einzuweihen. 

Die Wohnung der Großmutter war wie geschaffen dafür, etwas vor den Augen der Welt zu verstecken. Es war eine von der Zeit vergessene Welt mit altertümlichen Möbeln, braunen Tapeten und einem Bretterboden, der bei jedem Schritt ächzte, als würde man auf dem Rücken einer geschundenen Kreatur herumtrampeln.
Der Zigarrenqualm, der in der Luft schwebte, hatte eine nebelverhangene Landschaft geformt, in der die schweren Eichenschränke mit ihren Kugeln und Spitzen obenauf sich wie die Umrisse furchteinflößender Spukgestalten ausmachten.

Schon deshalb zog es das Fräulein „So-La-La“ vor, ihre Tage unter dem schweren Eichentisch in der Küche zu verbringen. Es war der einzige Ort, an dem sie nicht fürchten musste, sich die Nase an einer Zigarrenwolke blutig zu schlagen oder von dem funkenspuckenden Ofen, der die Küche beherrschte, verschlungen zu werden.

Die Großmutter schaufelte unentwegt Kohle in sein gieriges Maul, um die kalten Mauern ihrer Wohnung zu heizen. Schon frühmorgens schlich sie durch das Stiegenhaus, um mit den Frühstückszeitungen der Nachbarn seinen Appetit zu stillen.

Die Beschwerden, die ihre Beutezüge nach sich zogen, kümmerten sie wenig.
Schlechte Nachrichten zu verbrennen wäre allemal besser als sie zu lesen, erwiderte sie einem erbosten Zeitungsbesitzer, bevor sie ihm die Tür vor der Nase zuschlug.

Das Fräulein „So-La-La“ hatte sich sicherheitshalber unter den Küchentisch gerettet. 
Eine Stubenfliege nutzte die Gunst der Stunde und ließ sich auf ihrer Nasenspitze nieder. Das Fräulein „So-La-La“ beäugte den ungebetenen Gast misstrauisch.
Der Versuch, die Fliege mit einem heftigen Kopfschütteln loszuwerden, schlug fehl.  Seelenruhig putzte sich die Fliege die Flügel.
Schließlich platzte dem Fräulein „So-La-La“ der Kragen. Mitleidlos richtete sie ihre Rechte gegen ihre Nase und holte zum Schlag aus.  Die Fliege durchschaute die  finstere Absicht. Mit einem Sturzflug rettete sie sich aus der Gefahrenzone. Die Hand klatschte ins Leere.
Mit schmerzverzerrter Miene rieb sich das Fräulein „So-La-La“ die geschwollene Nase.
Hasserfüllt blickte sie dem entkommenen Todfeind hinterher. 
Die Gesellschaft der Fliege beschwor die schlimmste aller Zeitrechnungen herbei.  Die Minuten und Stunden fühlten sich plötzlich an wie endlose Monate und Jahre.  Während die  Fliege langsam zu einem Greis alterte, standen für den Rest der Welt die Uhren still.
Die Fliegenzeitrechnung tauchte überall auf.  Kein Ort war vor ihr sicher. Sie verlängerte unnütze Konferenzen und langweilige Theateraufführungen. Sie lauerte in den Wartezimmern oder platzte ohne Vorwarnung in Familienfeiern hinein. 
 „Viele Menschen würden dich um ein solches Haustier beneiden.“, schmunzelte die Großmutter beim Anblick der geröteten Nase ihrer Enkelin.
Vielleicht hatte Oma Rosa recht, grübelte das Fräulein „So-La-La“ über die Antwort nach. Eine Stunde, die sich anfühlte wie ein halbes Fliegenleben lang, hatte auch Vorteile.   
Man konnte endlos nachdenken und Dinge erledigen, ohne dauernd auf die Uhr blicken zu müssen.
Schneller als ihr lieb war, bekam sie Gelegenheit, die Überlegung  in die Tat umzusetzen.

Ein nerviges Summen über ihrem Kopf kündigte die Rückkehr der Fliege an.  
Dieses Mal unternahm das Fräulein „So-La-La“  keinen Versuch, sie zu verscheuchen. Geduldig wartete sie zu, bis der schwarze Brummer auf ihren Schultern gelandet war.  

In seiner Gesellschaft konnte sie ohne Zeitdruck über  eine Maschine nachzudenken,  auf welche die Menschen, seit tausenden von Jahren hofften.

Das Fräulein „So-La-La“ hatte das Gefühl, Wochen und Monate über ihre Idee nachgebrütet zu haben. In Wirklichkeit waren nur wenige Minuten verstrichen.
Mit sichtlichem Stolz blickte sie auf das Ergebnis ihrer Arbeit. Sie hatte die erste Zeitabkürzungsmaschine der Welt entworfen. 

In ihrer Bauweise folgte ihre Erfindung dem Prinzip der Treppenabkürzungsmaschinen der Wolkenkratzer. Der einzige Unterschied bestand darin, dass man mit dem Aufzug nicht die Stockwerke hochfuhr, sondern durch die Zeit reiste.

Die Funktionsweise ihrer Erfindung war denkbar einfach. Man musste nichts weiter tun, als die Augen zu schließen und in Gedanken in eine Kabine steigen.  Auf einem Bedienfeld tippte man die gewünschte Ankunftszeit ein. Dann drückte man einen Knopf. Schon setzte sich die Zeitabkürzungsmaschine in Bewegung.  Wenige  Augenblick später tönte eine Glocke. Die Tür der Kabine öffnete sich wieder.

Der Blick auf die Uhr bestätigte den Erfolg.  Die Zeit, die man in Konferenzräumen, Wartezimmern und Theatersälen totgeschlagen hatte,  war im Nu verstrichen.

Zum Erstaunen des Fräulein „So-La-La“  genügte die bloße Ankündigung einer solchen Erfindung, dass die Stunden wie im Flug vergingen.

Eine Woche verging wie im Flug, bis sich die Fliegenzeitrechnung von ihrem Schock erholt hatte und in den alten Trott zurückfiel.  

In der Zwischenzeit erwies sich die Entwicklung der Zeitabkürzungsmaschine vom ersten kühnen Entwurf bis zur Serienreife schwieriger als geplant.

Mit jeder Stunde, die verstrich, ohne dass sie ihren Betrieb aufnahm, eroberte die Fliegenzeitrechnung  das verlorene Terrain Stück für Stück  zurück.  

Langsam verlor das Fräulein „So-La-La“  die Lust, weiter an ihrer Erfindung zu feilen. Schon  glaubte sie, ihre Zeit sinnlos vergeudet zu haben. Da kam ihr der Zufall zu Hilfe.   

Die Großmutter war gerade beschäftigt, den Sportteil einer frisch erbeuteten Frühstückszeitung an den Küchenofen zu verfüttern, als es erneut an der Tür Sturm läutete.
Bei ihrem hektischen Bemühungen, die  Zeitung in einer Schublade zu verstecken, stolperte sie über einen Stuhl.

Das Sturmgeläut an der Wohnungstür war inzwischen zu einem schrillen Inferno angeschwollen. 
Wilde Flüche ausstoßend rappelte sich die Großmutter hoch und humpelte  aus der Küche. 

Kaum hatte sie die Tür geöffnet, quetschte sich ein Fuß in den offenen Spalt.
Eine kreischende Stimme flutete die Wohnung. Die Nachbarin, deren Zeitung gerade in Flammen aufging, verlangte lautstark ihr Eigentum zurück.

Nach einem kurzen Austausch von Unfreundlichkeiten, entwickelte sich ein minutenlanges Wortgefecht.
Währenddessen brachte sich das Fräulein „So-La-La“ unter dem Küchentisch in Sicherheit.  Dabei streifte ihr Blick über ein winziges Metallstück, das auf dem Boden lag.  Das Fräulein „So-La-La“ traute ihren Augen nicht.

s war ein kleiner Schlüssel. Er musste der Großmutter bei ihrem Sturz aus der Tasche gerutscht sein.
Der Ofen in der Küche beheizte die ganze Wohnung.  Daher standen alle Türen sperrangelweit offen. Mit Ausnahme einer kleinen Kammer, deren Eingang neben ihrem Schlafzimmer lag.  Ein schweres Eisenschloss versperrte neugierigen Augen den Zutritt.
Den Schlüssel dazu hütete Oma Rosa wie ihren Augapfel. Nun lag er eine Armlänge von der Fräulein „So-La-La“ entfernt.

Endlich sah sie die Gelegenheit gekommen, der wahren Natur ihrer Großmutter auf die Spur zu kommen.
Kurzentschlossen griff das Fräulein „So-La-La“ zu. Nun war keine Zeit zu verlieren. Der Streit, den die Großmutter mit der Nachbarin ausfocht, steuerte seinem Höhepunkt zu. 

Das Fräulein „So-La-La“ schlüpfte unter dem Küchentisch hervor. Auf Zehenspitzen huschte sie hinter dem Rücken der Großmutter über den Flur. Mit zittrigen Händen steckte sie den Schlüssel ins Schloss. Er passte.
Das wilde Geschrei der Streithähne übertönte das laute Klacken, mit dem der Riegel der Tür aufschnappte. Ein muffiger Geruch schlug ihr aus der fensterlosen Kammer entgegen.

Das Fräulein „So-La-La“ drückte den Lichtschalter.  Ein grelles Licht erfüllte den Raum.  Er war bis zur Decke hoch mit Kisten und Koffern vollgeräumt. Überall lag der Staub zentimeterdick.  In der Mitte stand ein Bett, auf dem sich ein riesiger Kleiderberg stapelte.  

In der Zwischenzeit endete der Streit an der Wohnungstür. Oma Rosa trat  der Nachbarin gegen das Schienbein, worauf diese aufheulte und ihren Fuß zurückzog.  Mit einem lauten  Knall  fiel die Tür ins Schloss. 

Aus den Augenwinkeln sah das Fräulein „So-La-La“  das zu einem roten Feuerball angeschwollene Gesicht der Großmutter auf sich zurasen. Ihr blieben nur noch wenige Augenblicke.

t der Geschmeidigkeit einer Katze schlüpfte sie unter das Bett. Ein dicke Staubwolke nahm ihr die Sicht.
Im Blindflug  robbte sie vorwärts, bis sie mit der Nase gegen ein Hindernis prallte.

Geistesgegenwärtig packte sie zu. Von Kopf bis Fuß in eine graue Staubpanier eingehüllt, kroch sie auf der anderen Seite wieder unter dem Bett hervor. Triumphierend schwenkte sie den  knorrigen Besen über ihren Kopf. 

Sie zweifelte keine Sekunde daran, das Beweisstück über die wahre Natur der Großmutter in Händen zu halten.
Im Übermut erlag sie einer wahnwitzigen Idee.  Die Versuchung war einfach zu groß.
Mit einem Satz schwang sie sich auf das Bett. Sie nahm den Besen zwischen ihre Beine und segelte über die Bettkante.  

Es war dem dicken Teppich auf dem Fußboden verdanken, dass der heftige Aufprall, mit dem der Flug endete, ohne Folgen  blieb.
Kleinlaut übergab sie den Besen seiner rechtmäßigen Besitzerin.

„Es ist  Zeit, das knorrige  Ding  in den Ofen zu stecken, bevor  ein übermütiges Mädchen auf die Idee kommt,  mit ihm aus dem Fenster zu fliegen.“,  lachte die Großmutter, während sie den ungebetenen Gast aus ihrer Kammer scheuchte.

Mit gesenktem Kopf trat das Fräulein „So-La-La“ in den Flur. Die blauen Flecken am Rücken würden sie nicht vor einer Strafe schützen, befürchtete sie.
Zu ihrem Glück plagten die Großmutter andere Sorgen.  In aller Eile begann sie, die Reste der gestohlenen Zeitung im Küchenofen zu entsorgen.

Sollte die Nachbarin ihr die Polizei an den Hals hetzen,  würde ihnen das  Opfer einer schändlichen Verleumdung die Tür öffnen.

Allerdings benötigte sie  für ihr Alibi die Verschwiegenheit des Fräulein „So-La-La“. 
Da passte es nicht ins Bild, der Bruchpilotin eine Strafe  aufzubrummen. Verheulte Mädchen plapperten allzu leicht die Wahrheit aus.

Unverhofft sah das Fräulein „So-La-La“ eine Gelegenheit, ihre Zeitabkürzungsmaschine zu auszuprobieren.

Zähneknirschend willigte die Großmutter ein, sich als Testpilotin zur Verfügung zu stellen.  Bevor sie die Maschine in Gang setzte, änderte sie die Entwürfe des Fräulein „So-La-La“ in einem winzigen Detail ab.

„Eine solche Maschine braucht keine Bedienungsknöpfe.“, erklärte sie die technischen Änderungen.
„Sie funktioniert am besten mit Worten.“

Die ersten Startversuche liefen holprig. Mehrfach geriet die Großmutter ins Stocken.  Aber schließlich gelang es ihr, die träge dahinfließenden Stunden in einen reißenden Strom zu verwandeln.

Der Faden, den sie mit ihren Worten spannte, reichte in eine Zeit zurück, die  das Fräulein „So-La-La“ nur aus den Geschichtsbüchern kannte.   
Von der Karibik bis zum Nordpol fand sich kein  Flecken Erde, auf den  die Großmutter nicht ihren Fuß gesetzt hatte.

„Ich war schlank wie  eine Gerte und leichter als der Morgentau.  Ein laues Lüftchen genügte, um mich bis über die höchsten Wolken hinauszutragen.“,  schwärmte sie von den  abenteuerlichen Ausflügen in ihrer Jugend.

„Zum Frühstück schlürfte ich Kokosnüsse in Afrika. Mittags verspeiste ich Straußeneier in Australien. Abends aß ich Reis in China.  Und Schlag Mitternacht kreiste ich wieder wohlbehalten über die Dächer meiner Heimatstadt.“

Mit einer Zigarre im Mund verwandelte sich die Großmutter in eine wilde Rennmaschine, die  durch Zeit und Raum brauste. Atemberaubende Geradeausfahrten wechselten einander mit  halsbrecherischen Kurvenlagen ab.  

Hin und wieder parkte die Großmutter die Zeitabkürzungs-maschine an den spannendsten Stellen.  Sie nutzte die Pause, um in vergilbten Fotoalben aus ihrer Kammer nach Beweisen für ihre Geschichten zu blättern.   

s Fräulein  „So-La-La“  jauchzte beim Anblick  der verblassten Schwarzweißfotografien, aus  denen eine  junge Frau herauslachte, die mit einem kleinen Koffer  um die Welt reiste.

Der laute Gong der Türglocke stellte die Funktionstüchtigkeit ihrer  Zeitabkürzungsmaschine unter Beweis.  Der Tag war wie im Flug vergangen.

Die Großmutter bremste die die Zeitabkürzungsmaschine scharf ab und schaltete in den Leerlauf zurück.
An der Wohnungstür empfing sie die Mutter mit offenen Armen.

Das Fräulein „So-La-La“ platzte vor  Ungeduld,  ihrer Mutter vom Erfolg ihrer Erfindung zu erzählen. Schon im Treppenhaus plapperte sie ihr die Ohren  voll.   
Die Miene  der Mutter  verfinsterte sich  von Minute zu Minute.  

Noch am gleichen Abend klingelte in der Wohnung der Großmutter das alte Telefon  mit der Wählscheibe. Nach einem langen Telefonat hängte die Großmutter den Hörer ein.  Dann nahm sie den Besen, den sie in einer Nische hinter dem Ofen abgestellt hatte. Als sie damit vor die Tür ging, schwebte eine dicke Rauchwolke über ihrem Kopf.

Zwischenspiel

Die Geschichte an meiner Bettkante lachte.  Es war völlig still im Raum. Aber ich konnte ihr schallendes Gelächter in meinem Kopf hören.

„Oma Rosa war eine ungewöhnliche Frau. Aber sie hat nie mit einem Besen zwischen ihren Beinen einen Kirchturm umkreist.“, grinste sie.
„Der Riese in ihrem Kopf hat sie dazu angestachelt.“, entschuldigte ich das Fräulein „So-La-La“ für das unerlaubte Betreten der versperrten Kammer.  

Schließlich war es meine Schuld. Ich hatte ihr nicht nur die Zeitabkürzungsmaschine, mit der sie die Fliegenzeitrechnung besiegte, in den Kopf geschrieben.  Es lagen meine Fingern auf der Tastatur, als die Großmutter über den Stuhl stolperte und ihren Schlüssel verlor.

„Ich erinnere mich an keinen Riesen.“, sagte die Geschichte.

Sie blickte mich erwartungsvoll an.