
Wie das Fräulein „So-La-La“ beginnt, Luftballonkinder zu malen
Die Geschichte ihrer Großmutter brachte das Fräulein „So-La-La“ auf eine Idee.
Ein Maler redete nicht mit Worten. Er erzählte seine Geschichten mit Pinsel und Farbe.
Unverzüglich stürzte sich das Fräulein „So-La-La“ an die Arbeit. Schon nach wenigen Tagen quollen ihre mit leichter Hand hingeworfenen Zeichnungen aus allen Schubladen.
Aus jedem Blatt grinste ein melonengroßer Wasserkopf, dessen Gewicht auf einem schmalen Hals ruhte, sein ratloses Publikum an.
<Ich mlae Lfutblalonknider.>, erklärte das Fräulein „So-La-La“ ihrer Mutter das seltsame Motiv.
Ein Luftballon musste nicht den Spott der hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen fürchten.
Seine Unförmigkeit änderte nichts an der Würde, die er ausstrahlte. Noch der dickste Luftballon schwebte leicht wie eine Feder durch die Luft.
Manchmal feilte das Fräulein „So-La-La“ einen ganzen Tag lang an einer Zeichnung.
Mit dem Malstiften gelang ihr, woran sie mit Worten scheiterte. Jeder Strich passte haarfein. Nie tauchte ein Auge dort auf, wo es nicht hingehörte. Nie entfernte sich eine Nase unerlaubt aus dem Bild. Nie wuchs ein Haar, wo es nicht wachsen sollte. Nie zappelte ein Arm an der falschen Stelle. Nie verschwand ein Bein, wenn es gebraucht wurde.
Schnell verwandelten sich die Wände ihres Kinderzimmers in die Ahnengalerie einer Familie, deren gemeinsames Merkmal ein melonengroßer Wasserkopf war.
<Gednaken bruachen veil Paltz.>, begründete das Fräulein „So-La-La“ die riesigen Köpfe der Luftballonkinder.
Bei Sonnenschein leuchteten ihre Haare in einem kräftigen Gelb. Blinzelte der Mond aus der Ecke des Zeichenblattes, fiel die Wahl auf einen braunen Stift.
Zwei murmelgroße Punkte markierten die Augen. Ein senkrechter Strich, der mit in einem nach rechts verlaufenden Haken endete, bildete die Nase.
Einen Fingerbreit darunter lachte der Mund als geschwungene Linie aus dem Bild. An fröhlichen Tagen hing die Welle wie eine Hängeschaukel nach unten durch.
<Wnen eniem zum Lcahen ist, schuaeklt scih das Gülck.>, erklärte die Künstlerin.
Wenn sie Kummer hatte, drehte sie die Welle um. Sogleich türmte sich der Mund zu einem kleinen Hügel auf, der dem Gesicht eine finstere Miene aufsetzte.
<Wnen man tarurig ist, luafen die Gednaken im Kpof bregauf.>, seufzte das Fräulein „So-La-La“.
In den allermeisten Gesichtern ihrer Luftballonkinder schaukelte sich das Glück. Dabei fanden sich für sie genügend Gründe, mit den Gedanken bergauf zu laufen. Der dürre Hals, der sich abmühte, das schwere Gewicht des Kopfes im Gleichgewicht zu halten, ragte aus einem Kleid heraus, dessen Ähnlichkeit mit einem Kartoffelsack unverkennbar war. Unterhalb der schmalen Schultern ruderten zwei spindeldürre Arme ins Leere.
Nicht viel besser erging es den Füßen. Wenn sie aus dem Kleid hervorschlüpften, baumelten sie über einem bodenlosen Abgrund.
Einzig die Sonne, die aus einer Ecke strahlte, leistete ihnen Gesellschaft in ihrer leeren Welt. Manchmal tauchte ein Mond in der Ecke gegenüber auf. Ansonsten bot sich ihnen keinerlei Abwechslung.
Anfangs beäugte die Mutter das kunterbunte Geschwür an den Wänden mit Wohlwollen. Ihre Freude schlug schnell ins Gegenteil um. Das Verhängnis begann mit einem harmlos gemeinten Scherz.
<Du solltest deinen Strichmännchen mehr zu tun geben, als sie in der Luft schweben zu lassen.>, bespöttelte der Vater die Eintönigkeit der Bilder.
Das Fräulein „So-La-La“ setzte einen Schmollmund auf.
<Das snid kiene Stirchmäncnhen!>, reagierte sie beleidigt.
<Mit ihrem Dasein bereiten sie den Menschen Vergnügen.>, mischte sich die Mutter in die Unterhaltung ein. Ohne Absicht schuf die unbedachte Äußerung den Boden für den kommenden Schrecken.
Durch den mütterlichen Beistand ermuntert, maß das Fräulein „So-La-La“ den Vater mit einem verächtlichen Blick.
<Das bin ich als Stirchmäcdhen.>, verkündete sie mit stolz geschwellter Brust.
Der Satz detonierte mit der Wucht einer Bombe im Raum. Als sich der Rauch verzogen hatte, war allen Ohrenzeugen klar, dass jeder Versuch, ihn jemals wieder aus dem Gedächtnis zu tilgen, vergeblich sein würde.
Das Übel hatte seine Saat in die Welt gestreut. Durch die dichte Haarpracht des Vaters zog sich ein nebeliger Grauton. Der Mutter setzten die Schockwellen, die der Satz verursachte hatte, um ein Vielfaches schlimmer zu. Binnen weniger Sekunden vertieften sich die verspielten Lachfalten um ihre Lippen zu breiten Kummergruben, die keine Schminke mehr auszufüllen imstande war. Sie packte den Vater an der Hand und verließ fluchtartig das Kinderzimmer.
Das Fräulein „So-La-La“ blickte ihnen verdutzt hinterher. Ratlos blickte sie auf die Porträts, die von den Wänden lachten. Was war daran verkehrt, ein Strichmädchen sein zu wollen?
Die Mutter fand in den folgenden Nächten keinen Schlaf mehr. Mit tränennassen Augen starrte sie zum Fenster hinaus, als lauschte sie in der Dunkelheit nach dem hohnlachenden Chor der hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen.
Der Vater tat sein Bestes, ihre Befürchtungen zu zerstreuen und den Luftballongesichtern ihre Unschuld zurückzugeben. In einem Anflug von Leichtsinn versuchte er von der unglückseligen Äußerung seiner Tochter abzulenken.
Keineswegs würden die Zeichnungen das Gesicht eines gefallenen Mädchens zeigen. Unverkennbar spiegelte sich in der klaren Linienführung die Schönheit der Mutter.
Die zweifelhafte Schmeichelei war noch nicht verhallt, als sich vor ihm das Tor zur Hölle öffnete.
<Das Einzige, das sich in diesen Fratzen offenbart, ist die Einfältigkeit ihres Vaters.>, bellte die Mutter erbost zurück.
Die glühende Lava ihrer Blicke rollte unaufhaltsam zur Bettseite des Vaters heran. Die Ungeheuerlichkeit, sie in einem Atemzug mit den sackartigen Kritzeleien zu nennen, steigerte ihren Herzschlag zu einem rasenden Sturmgeläut.
<Wenn er es noch einmal wagte, sie der Ähnlichkeit mit einem Strichmädchen zu bezichtigten, werde seiner Tage nicht mehr froh.>, donnerte sie dem in Schweiß gebadeten Vater ins Gesicht.
Einmal mehr half ihm sein feines Gehör für das Knacksen ihres Geduldsfadens. In letzter Sekunde schaffte er es aus der Tür, bevor ihn ein mütterlicher Feuersturm zu Asche brannte.
Am nächsten Morgen war der Groll der Mutter wie weggeblasen. Sie verlor kein Wort mehr über das zweifelhafte Kompliment, das den Vater aus dem Bett vertrieben hatte. Ihr eisernes Schweigen schloss auch die Luftballonkinder mit ein, die sie von den Wänden herab angrinsten. Mit gesenktem Blick schlich sie an ihnen vorüber, als fürchtete sie, in ihnen ein Spiegelbild ihrer selbst zu erblicken.
Unterdessen schritt die Vermehrung der unheilvollen Kreaturen ungezügelt voran.
Innerhalb kurzer Zeit hatten sie jeden Winkel des Hauses erobert. Allabendlich schickte die Mutter ein Stoßgebet zum Himmel hoch, eine höhere Macht möge ihr zu Hilfe eilen und den Schrecken beenden.
Doch die himmlischen Mächte schienen einen anderen Plan zu schmieden. Je unverhohlener ihnen die Mutter Pest und Cholera an den Hals wünschte, desto leichter flossen sie dem Fräulein „So-La-La“ aus der Hand. Am Ende jeder Woche hatte sich ihre Anzahl verdoppelt.
Es dauerte nicht lange, bis der stumme Schrecken, den die Zeichnungen im Haus verbreiteten, nach draußen drang. Die hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen weideten sich schadenfroh an der Scham der Mutter.
Als sich ein Spötter die Behauptung erdreistete, noch nie ein schöneres Strichmädchen auf einer Leinwand gesehen zu haben, riss ihr Geduldsfaden an mehreren Stellen gleichzeitig. Allerdings hatte sie dem Hohn, der sich über sie ergoss, nicht mehr entgegen zu setzen, als ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen.
Zum Entsetzen der Mutter geriet das Wachstum das Wachstum unglückseligen Geschöpfe, die das Fräulein „So-La-La in die Welt setzte, mehr und mehr aus den Fugen. Bald platzten die Luftballonkinder auf den Zeichenblättern aus allen Ecken und Enden. Zuerst verlor sich der Mittelfinger einer rechten Hand. Dann fehlte eine linke Hand, die mit einem scharfen Schnitt vom Armgelenk abgetrennt wurde. Anderntags fielen ganze Füße dem unerbittlichen Seitenende zum Opfer.
Die Raumnot wurde mit jedem Bild offensichtlicher. Den traurigen Schlusspunkt setzte ein schmaler Hals, der sich erwartungsvoll aus einem fein linierten Kleidersack streckte.
Punktgenau setzte das Fräulein „So-La-La“ den Stift für den Kopf an. Da schnitt ihr der scharfe Blattrand den Weg ab. Mit der Gnadenlosigkeit eines Scharfrichters verrichtete er sein Handwerk.
Entsetzt schrie das Fräulein „So-La-La“ auf. Die zur Hilfe eilende Mutter hatte Mühe, ihre Freude zu unterdrücken.
<Die arme Kreatur sieht aus wie ein Strich, dem das Tüpfelchen fehlt.>, erklärte sie scheinheilig.
Unverhofft sah sie die Gelegenheit gekommen, die verhassten Geschöpfe an den Wänden loszuwerden.
Nach außen missbilligte sie die Methode des Köpfeabschneidens. Im Stillen dankte sie dem scharfen Blattrand für sein entschlossenes Eingreifen.
Das Fräulein „So-La-La“ war von anderen Sorgen geplagt. Ohnmächtig musste sie mitansehen, wie eines ihrer Geschöpfe ohne Kopf durch die Welt irrte.
<Was ist ein Tpülfehcen?>, schluchzte sie in Tränen aufgelöst.
<Es ist der kleine Unterschied, der ausmacht, dass du „Du“ bist und ich „Ich“ bin.>, klärte sie die Mutter auf.
Schwungvoll setzte sie einen senkrechten Strich auf das Zeichenblatt, an dessen Ende sich ein kopfloser Hals in die Höhe streckte.
Das Fräulein „So-La-La“ beäugte den Strich von allen Seiten. Es machte keinen Unterschied, ob sie ihn von links nach rechts oder von oben nach unten anstarrte. Der Strich blieb immer ein Strich.
<Es könnte ein verirrter Sonnenstrahl sein.> rätselte sie.
In ihren Zeichnungen strahlte die Sonne mit ähnlichen Strichen aus der Ecke. Andererseits konnte es sich genauso gut um einen Grashalm auf einer Wiese handeln, blieb das Fräulein „So-La-La unschlüssig.
<Ohne sein Tüpfelchen hat er keinerlei Bedeutung.>, pflichtete ihr die Mutter bei.
<Veiliecht ist es der Anfnag von eienm Strihcmäcdhen.>, streute das Fräulein „So-La-La“ Salz in die mütterliche Wunde.
Augenblicklich verlor die Mutter die Farbe aus dem Gesicht. Ihre Lippen verengten sich zu schmalen Rasierklingen. Der notdürftig geflickte Geduldsfaden knackste hörbar.
<Wenn der Strich sein Tüpfelchen bekommt, wird es für jedermann erkennbar, was er wirklich ist.>, rang sie nach Fassung und setzte mit zittriger einen Punkt über den Strich. Durch den kleinen Fleck, der über ihm schwebte, eine völlig andere Bedeutung. Der unglückselige Anfang eines Strichmädchens hatte sich in etwas völlig Unbedenkliches verwandelt.
„Nun ist es nicht mehr irgendein Strich, sondern ein Buchstabe.“, atmete die Mutter erleichtert auf.
Das Fräulein „So-La-La“ hatte Mühe, den gestreckten Zeigefinger ihrer rechten Hand in Zaum zu halten. Es leuchtete ihr nicht ein, dass ein winziger Punkt den Ausschlag gab, ob aus einem x-beliebigen Strich, der gerade noch einem Sonnenstrahl oder einem Grashalm zum Verwechseln ähnlich sah, etwas Einzigartiges wurde.
<Durch den Punkt weiß der Strich, dass er eine Bedeutung hat. Er ist kein gewöhnlicher Strich mehr, der alles Mögliche sein könnte, sondern ein Buchstabe, aus dem Wörter und Geschichten entstehen.>, sagte die Mutter.
Das Fräulein „So-La-La“ legte den Kopf in den Nacken. Vergeblich suchte sich nach dem Punkt, der über ihr schwebte und zu etwas Unverwechselbarem machte.
Schlagartig wurde ihr bewusste, woran es ihrem Leben mangelte. Es fehlte ihr die Bestimmung, etwas zu sein.
Voller Neid starrte sie auf das „i“, das sich wichtigtuerisch in Pose warf. Es benötigte ihre ganze Willenskraft, um dem Verlangen zu widerstehen, die Zeichnung zu zerknüllen und in den Papierkorb zu werfen.
Sie sprang vom Stuhl hoch und lief zum Kleiderschrank. An der Innenseite der Kastentür hing ein schmaler Spiegel.
Minutenlang beäugte sie jede Stelle an sich. Aber nirgendwo fand sie einen Punkt, der ihr ein einzigartiges Tüpfelchen verlieh. Sie besaß nicht mehr Bedeutung für die Welt als ein Grashalm oder ein Sonnenstrahl.
<Der Speigel ziegt nur mien dmumes Gesciht.>, drückte sie ihre Enttäuschung aus.
<Es braucht keinen Stift, der dir einen Punkt über den Kopf malt. Das Tüpfelchen, das dich zu etwas Besonderem werden lässt, bist du selbst.>, widersprach die Mutter.
<Unter allen Mädchen, die gleichzeitig aus einem Spiegel lachen, wirst du dich daran erkennen.>
Zögerlich begann das Fräulein „So-La-La“, sich vor dem Spiegel in Pose zu werfen. Sie verrenkte sich in alle möglichen Stellungen. Ob sie mit den Augen rollte, mit der Stirn runzelte oder zog Grimassen. Jede Bewegung bewirkte eine Veränderung im Spiegel.
Nach und nach dämmerte ihr die Wahrheit. Wenn sie ein Lächeln zeigte, lächelte der Spiegel zurück.
Wie hatte sie so blind sein können?, dämmerte ihr die Wahrheit. Anders als ein Strich auf einem Blatt Papier konnte sie über ihre Bestimmung selbst entscheiden.
Jedes Haar an ihr zählte unermesslich mehr als der mickrige Strich auf dem Papier, der sich einbildete, wichtig zu sein, weil ein Punkt über ihm schwebte. Es war nicht seine Entscheidung gewesen, ein Buchstabe zu sein. Ohne die Hand ihrer Mutter wäre er bedeutungslos geblieben wie ein Grashalm in der Wiese oder ein Sonnenstrahl am Himmel.
Ob ihr dabei zum Lachen oder zum Weinen zumute war. Ob sie sich hässlich oder schön fühlte. Ob sie einen Jemand oder einen Niemand in ihrem Spiegelbild erkannte.
Kein Stift der Welt bestimmte ihren Stellenwert. Es blieb ihre eigene Entscheidung, mit welchem Tüpfelchen sie aus dem Spiegel in die Welt blickte.
Nie wieder stieß ein Hals unsanft an das Ende ihrer Zeichenblätter, wenn er sich aus dem Kartoffelsack strampelte. Stolz streckte er sich dem prächtigen Tüpfelchen entgegen, das über ihm schwebte.
Der luftballongroße Wasserkopf trug die Züge eines Mädchens, in dem sich das Glück schaukelte. Für die Sonne, die aus der Ecke strahlte, rührte das Fräulein „So-La-La“ ein kräftiges Gelb an, damit das Tüpfelchen in seiner ganzen Schönheit zur Geltung kam. Die Freude, die sie ausstrahlte, brachte auch die Mutter zur Einsicht.
„Wenn sie sich darauf beschränken, stumm von den Wänden zu starren, können sie im Haus bleiben.>, streckte sie den Wasserköpfen die Hand zur Versöhnung entgegen.
Fortan verbrachte das Fräulein „So-La-La“ mit Billigung ihrer Mutter die Kindheit an einem Ort, an dem sich mehr Strichmädchen tummelten als anderswo in der Welt, ohne dass ihr Charakter daran Schaden genommen hätte.
Die gelungensten Zeichnungen wurden eingerahmt und erhielten einen Ehrenplatz an der Wand im Wohnzimmer. In ihren goldenen Rahmen wirkten sie nicht weniger kostbar als die Gemälde, die in den Museen hingen.
Wenn ein Besucher die Bilder interessiert in Augenschein nahm, beeilte sich die Mutter jeden Verdacht im Keim zu ersticken.
<Es sind Luftballonkinder, die in den Wolken schweben.>, erklärte sie mit gespielter Kunstsinnigkeit. Die anwesende Schöpferin der Kunstwerke übte sich in Bescheidenheit.
„Das bin ich als Zirkuskind, wie ich aus dem Speigel in die Wlet bilcke.>, redete das Fräulein „So-La-La“ die Bedeutung ihrer Bilder klein.
In Wahrheit platzte sie fast vor Stolz, weil sie sich kein schöneres Tüpfelchen auf ihrem Hals vorzustellen vermochte.
Zwischenspiel
Die Geschichte an meiner Bettkante hörte mir schweigend zu.
<Ich erinnere mich, dass ich davon träumte, wie meine Strichmädchen durch die Luft zu schweben.>, lachte sie am Ende.
Inzwischen sind viele Jahre verstrichen. Auf ihrer Reise hat sie in die dunkelsten Ecken der Welt geblickt. Sie wird wohl erfahren haben, warum die Menschen mit den Augen rollen, wenn sie ihnen von ihren Bildern, die zu hunderten überall im Haus hingen, erzählte.
<Ihre riesigen Wasserköpfe waren beeindruckend>, lenkte ich vom Thema ab.
Die Geschichte lächelte.
<Ihre Schönheit war bescheiden.>, gestand sie ein.
<In meinem Kopf tummelten sich so viele Geschichten. Aber mit einem verrückten Clown im Mund konnte ich sie nicht erzählen. Daher habe ich sie vor ihm in den Wasserköpfen versteckt, bis er zur Vernunft kommt.>
Ich blickte sie verdutzt an. Lange hatte ich über die Größe der Köpfe gegrübelt. Ich schlug die Decke zur Seite und stand auf. Wortlos machte ich mich auf den Weg. Als ich in den Flur hinaustrat, spürte ich die bohrenden Blicke in meinem Rücken.
Meine Schreibstube lag nur wenige Schritte vom Schlafzimmer entfernt. Ich hatte sie schon lange nicht mehr betreten. Das Deckenlicht gab eine staubige Kammer frei. Der Weg zum Schreibtisch war mit Bücherstößen und Trödel zugestellt. Es fiel mir schwer, mich darin zurecht zu finden.
Die Mappe, in der ich die Zeichnungen aufbewahrte, lag unter einem Berg vergilbter Papierstöße begraben. Ich kehrte ins Schlafzimmer zurück und legte sie auf das Bett.
Die Geschichte zeigte sich enttäuscht, als sie Mappe aufschlug. Es war nur noch wenige lose Blätter darin.
<Die meisten hat der Wind verweht.>, sagte ich.
Es war gelogen. Ich hatte sie in den Müll geworfen. Es waren zu viele. Ich wusste nicht, welches Geheimnis sie in sich trugen.
„Es tut mir leid.“, sagte ich.
Die Geschichte blickte von den Zeichnungen hoch.
<Du hast eine gute Wahl getroffen.>, verzieh sie mir die Lüge.
<Sie haben mir am besten gefallen.“, rechtfertigte ich meine Auswahl, die x-beliebig gewesen war.
Die Geschichte nickte zustimmend.
„Bist du zurückgekehrt, um sie mitzunehmen?“, fragte ich.
Die Geschichte schüttelte den Kopf.
Ich zog ein Blatt aus dem Stoß und reichte es ihr hinüber. Sie warf einen kurzen Blick darauf. Dann drehte sie sich nach dem Fenster um, als würde sie nach dem Wind lauschen. Aber er machte in dieser Nacht keinen Mucks.
