Tagebuch eines Stubentigers – 58

Mordlust

Ich habe einen Mord begangen.
Ich habe eine Geschichte totgeschlagen.
Sie hörte nicht auf, mich zu plagen.
Da bin ich ihr an den Kragen gegangen.

Ich habe sie mit einem Messer erstochen
und mit meinen bloßen Händen erwürgt.
Ich habe mich mit ihrem Blut besoffen,
damit sie endlich in mir stirbt.

Aber die Geschichte findet kein Ende.
Jede Nacht erwacht die unselige Kreatur
unter den Tastenanschlägen meiner Hände
zu neuem Leben auf der Computertastatur.

In tausend Sätzen ist sie nicht totgeschrieben,
und je grausamer ich sie vernichte,
desto mehr zwingt sie mich, sie zu lieben
als eine niemals enden wollende Geschichte.

Todesfall

In der Liebe gibt es einen Trauerfall,
bei dem niemand gestorben ist
und auf dem Friedhof liegt.

Meist erfährt man vom Begräbnis erst,
wenn man im Bett bemerkt,
dass man auf einem Grabstein schläft.

Dass man unter ihm begraben hat,
liest man dort von dem Todesfall,
die Leidenschaft eines Liebespaares.