POEM & Podcast

Poem & Podcast

Die Artisten in der Manege lagen mir schon lange in den Ohren. Sie wollten nicht mehr bloß Worte sein. Ich möge ihnen eine Stimme geben, plagten mich die einen. Warum ich ihnen keine Gestalt gönne, beschwerten sich die anderen.
Nach langem Zögern habe ich es ihnen in die Hand versprochen, ihren Auftritt in der Manege in Bild und Ton zu kleiden.
Als Direktor habe ich keine Mühen und Anstrengungen gescheut. Ich habe mir den Kopf zermartert und über den Tellerrand geblickt.
Das Ergebnis findet sich in den Filmen, in denen die Akrobaten, Clowns, Harlekine, Dompteure, Hochseiltänzer, Zauberer und Schlangenbeschwörer meines kleinen Zirkus ihren Auftritt feiern.
Die Stimme ist geliehen. Die Kulissen sind von fremder Hand gehämmert und genagelt. Die Kostüme mit geliehenen Stoffen geschneidert und genäht. Aber die Choreografie folgt meinen Anweisungen und die Kunststücke, die zur Aufführung kommen, habe ich mir aus den Nägeln gekratzt, im Schweiße meines Angesichts zu ganzen Sätzen gezimmert und mit wundgeschriebenen Fingern zu Papier gebracht.
Was auch immer die Akteure auf der Bühne treiben. Ob sie der Liebe Rosen flechten oder an ihr leiden. Ob sie zur Belustigung des Publikums Ohrfeigen austeilen, mit wilden Tieren kämpfen oder auf einem dünnen Seil in luftiger Höhne ohne Netz über dem Abgrund tanzen. Nichts ist dem Zufall geschuldet. Alles ist mit Absicht geschaffen. Und nirgendwo findet sich ein doppelter Boden.
Wenn es mir gelingt, Sie zum Staunen zu bringen, fühle ich mich gut belohnt für meine Arbeit.
Ihre Zeit ist ein Geschenk und ihr Beifall eine große Ehre für mich und meinem kleinen Zirkus der Worte.

Der Zirkusdirektor, Mai 2026