Tagebuch eines Stubentigers – 66

Fressgemeinschaft

Das schlimmste Wesen, das in uns brütet,
ist der Tod, der mit dem ersten Atemzug
schon gierig an uns wütet.

Während wir uns noch unsterblich wähnen,
beginnt er bereits, uns zu zermalmen
zwischen seinen Zähnen.

Im Lauf der Jahre, in denen er uns verschont,
glauben wir ihn auf unserer Seite,
weil er friedlich in uns wohnt.

Im Sterbebett fühlen wir uns beschenkt an Jahren,
während wir im Leben für ihn im besten Fall
eine längere Mahlzeit waren.

Pestfrage

Eine Seuche ging durch das Land,
die kein Ende mehr fand,
dass man ängstlich fragte
einen Weisen um den Ernst der Lage.

Er erinnere sich an eine Pest,
welche die Menschen einmal plagte
in ähnlicher Weise wie diese jetzt,
antwortete ihnen der Alte.

„Wie wurde man die Plage wieder los?“,
riefen die Menschen in ihrer Not.
Da lächelte der Weise und sagte:
„Am Ende war es eine Altersfrage.“

Woraus sich schließen lässt,
schwindet altersbedingt der Erreger,
verschwindet mit ihm als Überträger
auch wieder seine üble Pest.