
Das Fräulein „So-La-La“ entdeckt einen Riesen in ihrem Kopf
Die nächsten Wochen verschwammen für das Fräulein „So-La-La“ in trister Eintönigkeit. Die Großmutter hüllte sich in eisernes Schweigen.
Der Anruf der Mutter hatte ihr die Lust an weiteren Ausfahrten mit der Zeitabkürzungsmaschine verdorben. Statt sich gemeinsam mit dem Fräulein „So-La-La“ in waghalsige Steilkurven zu stürzen, stellte sie den Fernsehapparat an.
Mit den flimmernden Bildern auf dem Bildschirm kehrte der alte Feind zurück. Eine Stubenfliege, die sich durch das offene Küchenfenster verirrte, war ihr dunkler Vorbote.
Die Fliegenzeitrechnung übernahm wieder die Herrschaft über das Leben des Fräulein „So-La-La“. Die Tage zogen sich in die Länge wie ein zäher Teig.
Ihr einziger Trost war die Gesellschaft eines Riesen, der sich in ihrem Kopf eingenistet hatte, als sie an ihren Plänen für die Zeitabkürzungsmaschine brütete.
Anfänglich traute das Fräulein „So-La-La“ dem ungebetenen Gast nicht über den Weg. Zu verführerisch klangen seine Reden.
„Mit mir ist alles möglich.“, schmeichelte er ihr. Stolz ließ er seine Muskeln spielen.
„Ich besitze die Kraft, Berge zu versetzen.“, prahlte er.
Mit der Zeit zeigte gelang es ihm, das Vertrauen seiner Gastgeberin zu gewinnen. Seine Zuversicht war ansteckend. Ohne ihn hätte es die Zeitabkürzungsmaschine nie gegeben. Wenn sie versucht war, ihre Erfindung in den Papierkorb zu werfen, sprach er ihr Mut zu.
t mir kannst alles erreichen, wenn du es willst.“, forderte er sie nach jedem Fehlschlag auf.
Als die Großmutter die Zeitabkürzungsmaschine startete, jauchzte der Riese auf. Er genoss seinen Ruhm in vollen Zügen.
Ihm hatte das Fräulein „So-La-La“ zu verdanken, dass sich eine Stunde anfühlte wie ein flüchtiger Augenblick.
Der Erfolg spornte sie an, einen Plan für ein viel größeres Abenteuer zu schmieden. Sie zweifelte keine Sekunde daran, dass auch dieses Unterfangen gelingen würde.
Mit einem Riesen im Kopf, der die Kraft besaß, Berge zu versetzen, glaubte sie, das Unmögliche wagen zu können.
Im Stillen hatte sie die Bücher, die sich in der Dachkammer ihres Vaters stapelten, immer beneidet.
Schulter an Schulter standen sie den Regalen und Schränken, Zerfledderte Romane präsentierten stolz ihre erlesenen Wunden. Schmalbrüstige Ausgaben schmiegten sich an dicke Wälzer. Prachtbände badeten eitel im verblichenen Glanz.
Die Geschichten in den Büchern lebten das Leben, das sich das Fräulein „So-La-La“ erträumte.
Ihnen stand ihnen die ganze Welt offen. Nach Belieben wechselten sie Ort und Zeit. Jeder Punkt auf der Landkarte lag nur eine Satzlänge entfernt. Hunderte von Jahren schmolzen auf wenige Seiten zusammen.
Selbst der Tod hatte keine Macht über sie. Denn das Ende einer Geschichte in den Büchern war kein wirkliches Ende. Man musste nur auf die erste Seite zurückblättern. Schon begann die Geschichte von Neuem.
rühmorgens hetzten sie einem Mammut hinterher. Am Vormittag entschieden sie über das Schicksal eines römischen Feldherrn. Mittags speisten sie an der Tafel des französischen Königs. Nachmittags segelten sie an die Küste eines neu entdeckten Kontinents. Und bei Sonnenuntergang schwebte sie in einem Raumschiff durch die unendlichen Weiten des Weltalls.
Die Geschichten reisten mit allem, das sie vorwärtstrieb. Sie gingen von Mund zu Mund. Sie reisten von Ohr zu Ohr. Mal bummelten sie in dicken Büchern dahin. Mal gelangten sie auf wenigen Seiten an ihr Ziel. Und hatten sie es einmal besonders eilig, standen sie in den Zeitungen.
Manchmal fuhren sie auch fahrplanmäßig. Dann begegnete man ihnen auf Bahnhöfen, Flughäfen und Bushaltestellen, wo sie aus Taschen und Koffern winkten.
Das Fräulein war fest entschlossen, sich ihnen anzuschließen.
„Ich will eine Geschichte sein, die um die Welt reist.“, vertraute ihre Puppe an.
Die Großmutter verzog keine Miene, als ihr das Fräulein „So-La-La“ von ihren Reiseplänen erzählte.
„Dann hat der Riese, der in deinem Kopf sitzt, seine Aufgabe erfüllt.“, sagte sie.
Das Fräulein „So-La-La“ blickte sie erstaunt an. Woher wusste die Großmutter davon? Sie hatte ihren neuen Untermieter mit keinem Wort erwähnt.
„Er spiegelt sich in deinen Augen.“, lachte die Großmutter.
„Es ist der Glaube an sich selbst. Niemand sonst besitzt die Kraft, Berge zu versetzen.“
Es dauerte nicht lange, bis der Riese erneut all seine Kräfte benötigte.
Ein alter Spielfilm, der über den Bildschirm lief, erregte das Interesse des Fräulein „So-La-La“.
Die Welt, die der Film zeigte, hatte keine Farbe. Der Himmel war grau und hüllte die Fassade der Häuser und Straßen in ein tristes Einheitsgrau. Selbst die Sonne leuchtete in Schwarzweiß. In einer Welt ohne Farben sahen auch die Menschen aus wie blasse Gespenster.
„Es ist ein sehr alter Film.“, erklärte die Großmutter.
„Der Flim ist sciher hundert Jarhe alt.“ plapperte der verrückte Clown im Mund des Fräulein „So-La-La“ Unsinn.
„Als der Film gedreht wurde, war ich ein kleines Mädchen wie du?“, schmunzelte die Großmutter.
Das Fräulein „So-La-La“ schluckte ihre Enttäuschung schweigend hinunter. Sie hatte die Großmutter um tausend Jahre älter geschätzt.
Sie war in einer Welt aufgewachsen, in der es keine Computer gab und die Telefone an langen Kabeln hingen. Es war eine Zeit, in der die Menschen mit Tinte auf Papier schrieben und Briefmarken klebten, wenn sie einander etwas mitzuteilen hatten.
Die grauen Gesichter im Film stimmten das Fräulein „So-La-La“ nachdenklich.
Wie traurig musste es sein, in einer Welt zu leben, ohne zu wissen, dass der Himmel blau war. Dass die Blumen in den herrlichsten Farben strahlten. Dass die Abendsonne am Horizont in einem glühenden Rot unterging. Dass die Meere türkisgrün schimmerten.
Plötzlich wurde ihr bewusst, wie bunt ihr Leben war. Aber wie war die Farbe in die Welt gekommen?
Die Großmutter grübelte lange, als würde sie jedes Wort auf sein Gewicht abwiegen.
„Die Welt ist an dem Tag bunt geworden, als du geboren wurdest.“, antwortete sie.
Der Riese im Kopf des Fräulein „So-La-La“ setzte sich in Bewegung. Seine Muskeln spannten sich. Er stöhnte unter der Last des Berges, den er versetzen musste.
uf dem Bildschirm begannen die Menschen fröhliche Grimassen zu schneiden und sich gegenseitig in die Arme zu fallen.
Vielleicht schöpften sie in der Antwort der Großmutter die Hoffnung, dass auch in ihrer Welt eines Tages ein Mädchen geboren wurde, das die Farbe in ihre triste Welt brachte, fühlte das Fräulein „So-La-La“ einen ungeheuren Stolz in sich.
Der Riese wischte sich den Schweiß von der Stirn. Nie zuvor hatte er einen größeren Berg versetzt.
Am Abend verriet das Fräulein „So-La-La“ der Mutter kein Wort von dem Zauber, den sie beherrschte.
Ihr Geduldsfaden war noch zu dünn, um einer neuerlichen Belastung standzuhalten.
Gegenüber ihrer Lieblingspuppe verhielt sich das Fräulein „So-La-La“ weniger schweigsam.
Der Riese in ihrem Kopf sonnte sich in seinem Triumph.
„Ich bin enie mähctige Zuaberin.“, schwärmte sie ihrer verschwiegenen Zuhörerin vor.
„Ich hbae die Frabe in die Wlet gebarcht.“
Bei der Puppe wusste das Fräulein „So-La-La“ das Geheimnis in sicheren Händen. Ihre Ohren waren verschlungener als die tiefsten Brunnen. Was man in sie hineinflüsterte, fand nie wieder ans Tageslicht.
Aber noch viel mehr vertraute das Fräulein „So-La-La“ dem Etikett, das sie auf dem Rücken der Puppe entdeckt hatte. Seine Bedeutung hatte ihr die Großmutter erklärt.
„Made in China.“, stand dort in fetten Buchstaben zu lesen.
Ihre Lieblingspuppe war eine waschechte Chinesin. Und vom Chinesischen verstand die Mutter kein einziges Wort.
Zwischenspiel
„Ich habe mich auf meiner Reise oft gefragt, was aus der Puppe geworden ist.“, seufzte die Geschichte an meiner Bettkante.
„Es geht ihr gut.“, antwortete ich.
„Ich habe sie im Stich gelassen.“, zeigte sich die Geschichte reuig.
Seltsam, dachte ich. Auch Geschichten werden von einem schlechten Gewissen geplagt.
„Sie wartet bis heute in deinem Zimmer geduldig auf deine Rückkehr.“, tröstete ich sie.
„Wenn ich eines Tages in einem Regal stehe, möchte ich sie bei mir haben.“, äußerte die Geschichte eine ungewöhnliche Bitte.
Ich versprach ihr, den Wunsch zu erfüllen.
