
Ich platze unangemeldet ins Badezimmer. Überrascht blicke ich meinen Freund an, der eingeseift in seiner alten Wanne sitzt. Mitten am Tag ein Vollbad zu nehmen, scheint eine neue Angewohnheit von ihm zu sein. Er zeigt sich über meinen Besuch wenig begeistert. Eilig drückt er sein aus dem Wasser ragendes Spielzeug unter den Schaum. Diskret wende ich meinen Blick ab.
<Es ist nicht, wonach es aussieht.>, streitet mein Freund die Übung ab. <Ohne Training kein Sieg im Rennen.>, antworte ich augenzwinkernd. Der Versuch, ihn aus seiner Verlegenheit zu retten, scheitert an dem Grinsen in meinem Gesicht. Der aus dem Schaum ragende Mast war nicht zu übersehen gewesen.
Wütend schlägt er mit den Armen ins Wasser. Wie von Geisterhand gesteuert, taucht ein kleines Schiff aus dem Schaumnebel auf. Es ist ein Zweimaster in der Größe einer Limonadenflasche. Der Rumpf ist aus Streichhölzern geklebt. Übereinander gestapelte Zigarettenschachteln bilden die Kommandobrücke. Als Segelmasten dienen gekürzte Holzlöffel, an denen zwei Stofffetzen baumeln.
Er habe das Schiff in einer alten Kiste im Schrank entdeckt, rechtfertigt sich mein Freund. Ich nicke teilnahmslos. Meine Wiedersehensfreude ist zu groß, um ihn deshalb zur Rede zu stellen.
Eine vage Erinnerung taucht in meinem Kopf auf. <Captain Feelgood.>, rufe ich überrascht aus. Der Name klingt wie ein fernes Echo aus den ersten Jahren meines Lebens, die ich in der Obhut meiner Großmutter verbrachte. Sie erzählte mir oft Geschichten. Manchmal fertigte sie kleine Spielsachen an, um ihre Erzählungen für mich zum Leben zu erwecken.
Darunter befand sich auch der hastig zusammengeklebte Kahn von Captain Feelgood. >Das Schiff heißt „Mybody“.>, kläre ich meinen Freund auf.
Ich hatte seine Existenz längst vergessen. Nun war er in der Wanne meines Freundes wieder in See gestochen.
Als ich Captain Feelgood zum ersten Mal begegnete, löcherte ich meine Großmutter mit Fragen über den geheimnisumwitterten Seemann. In meiner Vorstellung lebte er als Freibeuter, der mit dicken Kanonen an Bord fremde Schiffe kaperte. Als Walfänger, der auf Leben und Tod mit riesigen Meeresungetümen kämpfte. Oder als wagemutigen Entdecker, der zu unbekannten Kontinenten segelte.
Zu meiner Enttäuschung beschrieb ihn meine Großmutter als friedfertigen Mann, der keiner Fliege etwas zu leide tat. Wenn er in See stach, jagte er keinen Goldschätzen hinterher. Nie bekam er einen Fisch an den Haken, der schwerer wog als ein Hering. Und zu seinen Lebzeiten wurde die Welt keinen Quadratzentimeter größer, als sie es bereits war.
Captain Feelgood blieb lange ein Rätsel für mich. Er war nichts weiter als ein Seemann, der mit seinem Schiff durch die Weltmeere kreuzte. Unzählige hatten es vor ihm getan. Tausende folgten ihm nach. Trotzdem warf seine Geschichte immer noch in jedem Hafen ihren Anker, als er mit seinem Schiff längst auf dem Grund des Meeres ruhte.
Nachts schlich sie als unruhiges Gemurmel um die Kais. In den Kneipen wurde sie flüsternd von einem Ohr zu anderen gereicht.
Captain Feelgood war keine Augenweide, dem die Herzen der Menschen zuflogen. Der Laune der Natur hatte es gefallen, ihm die Gestalt eines kleinwüchsigen Zwerges mit kurzen Stummelbeinen zu geben. In seinem von Pockennarben entstellten Gesicht herrschte ein Durcheinander, als hätte ein gewaltiger Sturm darin gewütet. Alles wirkte schief und verbogen. Seine Hakennase war von tausend Seestürmen dünn geschliffen. Das vorstehende Unterkiefer erinnerte an ein schroffes Riff, das unheilvoll aus dem Ozean hochragte. Wenn er den Mund öffnete, blitzte ein spitzes Haifischgebiss hervor. Und die verfilzte Wolle auf seinem Kopf hing ihm in dünnen Strähnen bis zu den Schultern herunter.
Das Schiff, das unter seinem Kommando stand, wirkte nicht weniger erbarmungswürdig. Die „Mybody“ war zu einem verrotteten Seelenverkäufer herunter gekommen, dass nicht einmal die Ratten wagten, einen Fuß darauf zu setzen. Aber für Captain Feelgood blieb es ein Leben lang das beste Schiff, das über die Weltmeere segelte.
<Seine Planken mögen morsch und die Segel zerrissen sein. Aber um nichts in der Welt würde ich es tauschen wollen. Denn ohne dieses Schiff hätte ich die Weite der Ozeane nicht erfahren.>, verteidigte Captain Feelgood seine „Mybody“ gegen mitleidige Blicke, gestreckte Zeigefinger und hochgezogene Augenbrauen.
Die äußere Erscheinung von Captain Feelgood konnte seinem Ansehen nichts anhaben. Es existierte kein Hafen, wo die Seeleute nicht ängstlich den Blick senkten, wenn er ihnen in die Augen sah. In jeder Kneipe von Alaska bis Madagaskar wurde es totenstill, sobald sich sein Schatten in der Tür abzeichnete. Die wenigen Großmäuler, die in seiner Gegenwart ein spöttisches Wort wagten, durften auf keinen Pardon hoffen.
<Ich habe in das Auge des fürchterlichsten aller Feinde geblickt. Und bei Gott, ich stünde nicht hier, wenn ich ihn nicht besiegt hätte.>, donnerte er den Unglücklichen ins Gesicht, dass der Putz von den Wänden bröckelte.
Sein Ruf gründete auf der Macht dieser Worte. Nur die Tapfersten fanden den Mut, es Captain Feelgood gleichzutun. Und die Allerwenigsten unter ihnen kehrten als Sieger zurück.
Der Ärger meines Freundes darüber, dass ich ihn mit seinem Spielzeug in der Wanne erwischt hatte, ist augenblicklich wie weggeblasen. Mit offenem Mund lauscht er meinen Ausführungen.
<Wie hat er es geschafft, die Seemänner einzuschüchtern?>, kann er seine Neugierde kaum in Zaum halten.
<Er hat den Menschen einen Spiegel vor die Nase gehalten.>, liefere ich ihm die gleiche Antwort, die meine Großmutter mir gegeben hatte.
<Das tut jeder Friseur auch.>, mault mein Freund enttäuscht. Aber mitten im Satz bleibt ihm das Lachen im Hals stecken. Langsam dämmert ihm die Wahrheit. Nachdenklich mustert er das Schiff, das vor ihm in der Wanne im Wasser treibt. Vielleicht denkt er an den Scheewittchenspiegel im Keller. Wenn er sich in seiner Haut nicht wohl fühlt, läuft er die Treppe hinunter, um sich von ihm trösten zu lassen. <Bin ich schön?>, fragt er ihn an sich selbst zweifelnd.
<Meine Großmutter hat versucht, mir mit dieser Geschichte beizubringen, mich zu lieben wie ich bin. Ansonsten würde ich im Spiegel mein Leben lang dem schlimmsten aller Feinde begegnen.>, sage ich.
Er blickt mich nachdenklich an. Schweigend steigt er aus der Wanne. Mit breiter Brust stellt er sich vor dem Spiegel auf. Für einen kurzen Moment verwandelt er sich in Captain Feelgood, der auf der Kommandobrücke seiner „Mybody“ steht und der rauen See trotzt.
In beiden Elementen ist eine Menschenseele auf sich allein gestellt, fallen mir die Worte meiner Großmutter ein. Wer das Wagnis auf sich nimmt, muss den Mut aufbringen, sich selbst zu ertragen. Diese Tapferkeit besitzen nur die Wenigsten.
<Ich habe dem schlimmsten aller Feinde ins Auge geblickt.>, brüllt mein Freund neben mir sein Spiegelbild an. <Und bei Gott, ich stünde nicht hier, wenn ich ihn nicht besiegt hätte.> Dabei lächelt er mit der gleichen Zuversicht in den Spiegel, mit der Captain Feelgood einst über die Weltmeere segelte.
Ich kehre ihm den Rücken zu und verziehe mich aus dem Badezimmer. Wer weiß, welche Dinge er seinem Spiegel noch zumutet. Wenn er denkt, ich könne einen Zweimaster nicht von dem Einmaster zwischen seinen Beinen unterscheiden, der unübersehbar aus dem Badeschaum hochragte, täuscht er sich. Aber diesen Trumpf auszuspielen, behalte ich mir für einen späteren Zeitpunkt auf.
One more Spiegelgeschichte:
