
Völlig aufgelöst erscheint mein Freund im Wohnzimmer. Ich massiere gerade meinem persischen Prinzen das Fell und klicke mich mit der Fernbedienung durch Katzenvideos durch. Aufgeregt berichtet er mir von dem Unglück, das ihn getroffen hätte.
<Es passierte in einer Bar.>, sagt er und zieht eine verzweifelte Miene. Vor aller Augen begann er, sich aufzulösen. Binnen Sekunden war er von der Bildfläche verschwunden. Die Menschen starrten ihn teilnahmslos an, als würden sie aus dem Fenster blicken.
Es bestand keinerlei Zweifel. Er war unsichtbar geworden. Verzweifelt versuchte er, auf sich aufmerksam zu machen. Aber keiner kümmerte sich um ihn. Die Welt drehte sich ohne ihn weiter.
Nie hatte er einen Gedanken daran verschwendet, dass es auch ihn eines Tages treffen könnte. Nun war es passiert.
Die Fernsehkanäle berichteten jeden Tag von der mysteriösen Krankheit. Eine neue Pandemie grassierte auf der Welt. Die Menschen, die sich ansteckten, verschwanden einfach spurlos von der Bildfläche.
Es war eine Seuche, die keine Ausnahme machte. Die Unsichtbarkeit verbreitete sich in allen Teilen der Welt. Wahllos suchte sie ihre Opfer. Ob Männer und Frauen. Arm und Reich. Jung und Alt. Es konnte jeden ohne Vorwarnung treffen.
Schon wenige Stunden nach der Ansteckung zeigten sich die ersten Symptome. Die Betroffenen wurden in den Restaurants nicht bedient. An den Supermarktkassen kamen sie als Letzte an die Reihe. Auf der Straßen wurden sie von fremden Leuten angerempelt, die kopfschüttelnd weiter gingen.
Oft blieb die Krankheit lange Zeit unbemerkt. In vielen Fällen dauerte es Jahre, bis den Betroffenen ihr Leiden bewusst wurde. Meist war es zu spät, den Verlauf der Krankheit zu stoppen. Die Medizin stand dem Erreger ratlos gegenüber. Die Spritzen und Tabletten, mit denen sie gegen die Pandemie ankämpften, verpufften wirkungslos.
Es brachte den Betroffenen keine Erleichterung, bunte Kleider anzuziehen oder sich verrückte Hüte auf den Kopf zu setzen. Sie waren rettungslos verloren. Keine Zeitung fand es eine Zeile wert, über die Verschwundenen zu berichten. Wer in der Welt nicht vorkam, wurde auch nicht vermisst.
Nicht wenige versuchten verzweifelt über Social Media Kanäle auf sich aufmerksam zu machen und posteten pausenlos Bilder, die kein Mensch anklickte. Ihre Auftritte fanden keine Follower. Niemand interessierte sich für ihre Bergtouren, Kochkünste oder Videos, auf denen sie um einen Augenblick Aufmerksamkeit buhlten.
Am Häufigsten grassierte die Krankheit unter den Alten und Verlassenen, die allein vor ihren Fernsehgeräten saßen. An ihren Türen läutete kein Besuch. Zu Weihnachten lagen keine Geschenke für sie unter dem Christbaum. An den Geburtstagen suchten sie vergeblich nach einem Glückwunsch in ihren Chatverläufen. Und wenn das Telefon läutete, hatte jemand die falsche Nummer gewählt.
Das Leiden der Betroffenen wuchs über Monate und Jahre an. Bis eines Tages ihre Namen an den Eingangstüren verschwanden und neue Mieter mit neuen Möbeln in die leeren Wohnungen einzogen.
Nun hatte die Seuche auch meinen Freund erwischt. Fluchtartig war er in der Bar von seinem Stuhl aufgesprungen und auf die Straße gelaufen, erzählt er mir.
verlassen. Niemand nahm eine Notiz davon. Nicht einmal der Kellner fand es die Mühe wert, die unbezahlte Rechnung einzufordern. Zu Hause klingelte er verzweifelt an der Wohnungstür. Niemand öffnete ihm.
Ich zucke mit den Schultern. Wahrscheinlich wäre ich gerade im Badezimmer gewesen, rette ich mich in eine Ausrede. Ich habe es noch nie der Mühe wert gefunden, ihm die Tür zu öffnen, wenn er von seinen nächtlichen Eskapaden nach Hause zurückkehrt.
Mein Freund lässt seiner Verzweiflung freien Lauf. In Panik wäre er durch die Zimmer gelaufen. Aber die Räume waren leer. Niemand erwartete ihn. Niemand blickte ihn an. Niemand schlief in den verlassenen Betten.
Niedergeschlagen habe er sich im Badezimmer eingesperrt und schlaflos in seiner Wanne gewälzt. <Die Unsichtbarkeit lässt sich schwer ertragen.>, sagt er. Sie fühle sich an wie ein spitzer Stein in der Seele, dem man bei jedem Atemzug spüre.
Ich nicke zustimmend. Seine alte Wanne ist seit geraumer Zeit verwaist. Die letzte Eroberung meines Freundes liegt Wochen zurück. Scheinbar ist er bei den Frauen mit dem Alphabet durch.
Hemmungslos gibt sich mein Freund seinem Selbstmitleid hin. Es fällt ihm sichtbar schwer, sich mit seinem Schicksal abzufinden. Ich würdige ihn keines Blickes mehr. Auf einem Privatsender läuft ein Katzenvideo, das meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Wie von einer Tarantel gestochen, springt er plötzlich auf und stürmt zum Computer. Mit wilden Tastenschlägen versucht er die Seuche, die ihn befallen hat, abzuschütteln.
Ich gebe mich keiner Illusion hin. Die Bilder und Texte, die er postet, werden ihn nicht aus dem Nebel hervor holen, in dem er verschwunden ist. Für die Welt existiert er nicht mehr.
Ohne mich weiter um ihn zu kümmern, schalte ich den Fernsehapparat aus. Meine Lust auf Katzenvideos ist gestillt.
Im Badezimmer stelle ich mich unter die Dusche. Als ich mich vor dem beschlagenen Spiegel abtrockne, erstarre ich. Der blasse Schemen, der sich darin abzeichnet, lässt keinen Zweifel zu. Mein Freund hat mich mit dem Virus angesteckt. Ich beginne mich langsam aufzulösen.
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