Candle Light Dinner

Kriege werden geführt, seit es Menschen gibt. Es ist ein grausames Geschäft, das in seinen Uniformen und Waffen nach außen hin einen ständigen Wandel zur Schau stellt.
Aber seine wechselnden Fassaden trüben den Blick auf etwas Tieferliegendes. In ihrem innersten Kern haben alle Kriege etwas gemeinsam.
Sie sind der Spiegel, in dem die Arroganz der Macht für einen kurzen Moment sichtbar wird. Nirgendwo tritt sie deutlicher zum Vorschein als auf ihren Schlachtfeldern.
Es macht keinen Unterschied, welcher Krieg gemeint ist. Ob er das Werkzeug des Bösen ist oder einer guten Sache dient. Ob er mit einem glorreichen Sieg oder einer vernichtenden Niederlage zu Ende geht.
Es spielt auch keine Rolle, wie er ausgetragen wird. Gleichgültig ob es mit hinterhältigen Lügen, mit schmutzigem Geld, oder mit der tödlichen Feuerkraft der Kanonen geschieht.
Die Macht liebt keine unbequemen Zwischenrufe. Schon gar nicht will sie beim Abendessen gestört werden.
Zur Zeit der napoleonischen Feldzüge herrschte der Krieg mit eiserner Faust über Europa. Ein Menschenleben bedeutete wenig, wenn die Macht einen Teller heiße Suppe löffeln wollte.
Der Mut, den ein unbekannter Soldat bewies, als er ihre menschenverachtende Selbstgefälligkeit bloßstellte, war keinen Eintrag in die Geschichtsbücher wert. Er verdient es aber jedoch mehr als viele andere, dass seine Geschichte weiter lebt.
Er hat es gewagt, die Unantastbarkeit der Macht in Frage zu stellen.
Der Preis, den er dafür zahlen musste, war hoch. Und es besteht kein Zweifel daran, dass sich bis heute sein Schicksal auf ähnliche Weise erfüllen würde.
Der große französische Feldherr Napoleon, der zum Namensgeber einer ganzen Epoche wurde, hatte es geschafft, mit seiner Armee tief in Russland einzudringen und Moskau niederzubrennen.
Am Ende machte sich die Brandstiftung wenig bezahlt. Der russische Bär zeigte sein dickes Fell und schlug den französischen Eroberer mit seiner Armee in die Flucht.
Auf dem Rückzug beschloss ein Franzosengeneral, der dem rückweichenden Heer vorauseilte, in einem Dorf sein Nachtlager aufzuschlagen. Eilig wurde das beste Haus für den ungebetenen Gast beschlagnahmt.
Während seine Truppen mit abgefrorenen Gliedmaßen der russischen Übermacht ausgeliefert blieben, saß der General mit seinem Gefolge in wohliger Wärme beim Abendessen.
Als er seine Suppe aus feinstem Porzellan löffelte, begehrte ein gemeiner Soldat Einlass. Erstaunt blickte der General auf die zerlumpte Gestalt, die sich an seinen Tisch heranwagte.
Die Uniform des Soldaten war zu Fetzen zerrissen. Als Schutz vor der Kälte trug er einen aus einem Kartoffelsack zurecht geschnittenen Umhang.
„Mon General.“, stammelte der Soldat.
„Die Russen überrennen unsere Linien. Ihre Gewehre schießen bei eisiger Kälte, während unsere Waffen versagen. Sie tragen warme Pelze, während wir in dünnen Mänteln erfrieren.“
Der General stand wortlos auf und ging ans Fenster. Minutenlang blickte er in die Dunkelheit hinaus, hinter der sich die endlose russische Steppe verbarg.
„Der Mann muss sich täuschen.“, wandte er sich an den Soldaten.
„Ich höre kein Schießen. Ich sehe keine russische Armee. Und die französische Uniform ist warm genug für den Kampf.“
Dabei zog er seinen Generalsrock zurecht, als wollte er beweisen, dass er mit gutem Beispiel voranging.
Der Soldat nahm seinen ganzen Mut zusammen.
„Mon General.“, sagte er.
„Sie können das Schießen nicht hören, weil die Front hinter dem Hügel liegt. Sie können die Russen nicht sehen, weil es Nacht ist. Und Sie spüren die Kälte nicht, weil in diesem Zimmer ein Feuer brennt.“
Die Miene des Generals erstarrte. Ohne den Soldaten eines Blickes zu würdigen, wies er das Wachpersonal an, ihn aus dem Raum zu führen und in Gewahrsam zu nehmen.
Als er sich wieder an den Tisch setzte, rief er den Leibdiener zu sich, um sich über die kalte Suppe in seinem Teller zu beschweren.
Noch in der gleichen Nacht wurde der Soldat, der es gewagt hatte, ihn beim Abendessen zu unterbrechen, der Fahnenflucht schuldig gesprochen und standrechtlich erschossen.
Die Kämpfe tobten unterdessen mit unerbittlicher Härte weiter. Die französische Armee war dem Untergang geweiht. Als die russischen Truppen am Nachmittag des nächsten Tages das Dorf einnahmen, war der General mit seiner Begleitung bereits Hals über Kopf geflohen.
Das feine Porzellan, aus dem er seine Suppe gelöffelt hatte, blieb dabei unversehrt am Küchentisch zurück.

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