Das Zirkuskind – 08

Wie das Fräulein „So-La-La“ herausfindet, dass sie die härteste aller Arbeiten zu tun hat

Der Vater des Fräulein „So-La-La“ war ein vielbeschäftigter Mann. In seiner Dachkammer rechnete er bis tief in die Nacht endlose Zahlenkolonnen durch.  Abend für Abend leuchtete der Mond durch das Fenster.   
  
Wenn ihn am nächsten Morgen  der Wecker aus dem Schlaf klingelte, wartete bereits Unaufschiebbares darauf, von ihm gelesen, unterschrieben oder in dicken Aktenordnern abgelegt zu werden.

Er durfte keine Zeit verlieren. In seinem Büro wuchs die Arbeit schneller als das Gras auf der Wiese.  
Die Aktenstöße, die jeden Morgen ungeduldig auf sein Eintreffen warteten, stapelten sich zu einem riesigen Turm hoch.   

Ständig herrschte ein wildes Gedränge und Gezerre unter den Arbeiten, die er zu erledigen hatte.  Selbst die unbedeutendste unter ihnen behauptete,  von allerhöchster Dringlichkeit zu sein.  Keine Arbeit wollte vor einer anderen zurückstehen. Jede drängte darauf,  ganz oben auf der Liste gereiht zu werden.

Schon beim Aufwachen trieben sie den Vater zur Eile an. Hatte er sich  schief und verbogen ins Bad geschafft, blickte ihn das Bürogesicht vorwurfsvoll aus dem Spiegel an. Es  war ernst und blass.

Auf der Nase hatte es eine dicke Hornbrille sitzen. Und auf der Stirn zeichneten sich tiefe Falten ab. 
Obwohl es jeden Morgen glattrasiert und gescheitelt wurde, blieb sein Gesicht bis weit in den Tag misslaunig. Selten rutschte ihm vor dem Mittagessen ein Lächeln über die Lippen.

Trotz aller täglichen Anstrengungen führte der Vater  einen aussichtslosen Kampf.  

Die Aktenstöße  auf seinem Schreibtisch wuchsen unaufhaltsam an. War eine Zahlenkolonne durchgerechnet, warteten bereits dutzende neue auf ihn.  

An keinem Tag schaffte er es, die Aktenberge, die sich vor ihm hochtürmten, zur Gänze zu erledigen.
Bevor er das Büro verließ,  verstaute er das Unaufschiebbare  in seiner Aktentasche. Wütend kündigten ihm die auf dem Schreibtisch zurückbleibenden Arbeiten furchtbare Rache an.

Dann läutete spät nachts das Telefon, das den schlaftrunkenen Vater an den Schreibtisch befahl.  Oder es platzte  eine dringende Nachricht ohne Vorankündigung im Postfach seines  Computers auf, die eine sofortige Beantwortung verlangte.   

Die hartnäckigsten unter den Störenfrieden standen  an den Wochenenden unangekündigt in der Tür. 

An diesen Tagen durfte man nur auf Zehenspitzen durch das Haus schleichen und musste mit gedämpfter Stimme reden. Außerdem wurden für die Dauer ihres Aufenthaltes  alle Ausflüge und anderen Vergnügungen abgesagt.

Viel zu selten gönnte der Vater seinem Bürogesicht eine Pause. Dem Fräulein „So-La-La“ fiel es schwer, ihre Abneigung vor ihm zu verbergen. Mehr Gefallen fand sie an seinem Feiertagsgesicht. Es war besser gelaunt und schnitt komische Grimassen.

Meist blieb es bis zum Mittagessen unrasiert und hatte zerzauste Haare. Sein Atem roch nach heißem Kaffee. Zwischen den Mundwinkeln hing noch der Rest der Frühstücksmarmelade. Und wenn sie ihm einen Kuss auf die Wange drückte,  kratzten sie  die Bartstoppeln auf der Haut,  als würde sie mit einem Igel kuscheln. 

Durch die Arbeit des Vaters  lernte das Fräulein „So-La-La, wie die Welt funktionierte.  Jeder hatte ständig etwas zu tun. Jedermann gab vor in Eile zu sein.

Erwartungsvoll blickten die Menschen auf ihre Terminkalender, um ihre  Bedeutung für die Welt zu prüfen. Wer zu tun hatte, war wichtig. Und niemand wollte bedeutungslos erscheinen.

Auch die Sonne hatte zu tun. Die Wolken hatten zu tun. Der Wind hatte zu tun. Die Flüsse hatten zu tun. Selbst das Gras auf der Wiese hatte zu tun.   
Je länger das Fräulein „So-La-La“ über die Dinge nachdachte, die zu tun hatten, desto länger wurde die Liste.

Jeder Regentropfen fiel in wichtigem Auftrag vom Himmel.
Jedes Staubkorn wusste um seine Bedeutung.

„Nur ich hbae ncihts zu tun.“,  beklagte das Fräulein  „So-La-La“  vor Oma Rosa ihr unnützes Dasein.

Die Großmutter schüttelte entschieden den Kopf.

„Ich kennen niemanden, der mehr beschäftigt ist als du.“, widersprach sie mit einem feinsinnigen Lächeln auf den Lippen.

„Von allen Arbeiten, die ich kenne, gehört das Warten zu den schwierigsten Aufgaben. Für diese Herausforderung braucht es einen Geduldsfaden, der stark genug ist, das Gewicht eines Elefanten auszuhalten.“, sagte die Großmutter.

Von einem Augenblick zum nächsten steckte das Fräulein „So-La-La“   bis über beide Ohren in Arbeit.  
Auf ihren Schultern lastete  eine Verantwortung, denen bloß  die Stärksten gewachsen waren.    

Wenn sie mit der Mutter vor der Supermarktkasse anstand. Wenn sie an der Haltestelle auf den Bus wartete. Wenn sie ihrer täglichen Lieblingssendung im Fernsehen entgegen fieberte. Wenn sie hungrig am Tisch saß und auf das Mittagessen wartete.
Wenn sie in einem Wartezimmer vor Langeweile in der Nase bohrte. 

Sie hatte ständig zu tun. 

Ich hbae keine Ziet.“, entschuldigte sie sich bei ihrer Puppe. 

Vor lauter Dingen, die sie zu erledigen hatte, blieb keine freie Minute mehr für ein vertrautes Schwätzchen mit ihrer Freundin.

Aber die schwerste von allen Arbeiten war der Blick in den Kalender. Ihr Geburtstag fiel auf einen einzigen Tag im Jahr.  Dazwischen lagen lange Wochen und Monate des Wartens.  Die gleiche Mühe bereitete auch der Rest der Feiertage. Zwischen Ostern und Weihnachten platzte der Terminkalender aus allen Nähten. Manchmal wollte das Warten kein Ende nehmen.

„Ich wnüschte, es gbäe wneiger zu tun für mcih.“, schnaufte sie ihrer vernachlässigten Puppe ins Ohr,  bevor sie  vor Erschöpfung auf der Stelle  einschlief.

Zwischenspiel

Die Geschichte an meiner Bettkante zog ein neues Blatt aus der Mappe heraus und betrachtete es nachdenklich.

„Oma Rosa hatte recht.“, sagte sie.
„Mit der Zeit kann man nicht verhandeln. An einer Stelle scheint sie in Windeseile zu verdampfen. An einer anderen friert sie über Jahre fest.“

Ich blickte auf den stummen Wecker. Die Zeiger hatten sich seit der Rückkehr der Geschichte keinen Millimeter vorwärts bewegt.

„Die Menschen mögen die Zeit nicht.“, sagte die Geschichte.

„Sie glauben, dass sie ihnen das Leben und das Glück raubt.  In Wahrheit verhält es sich genau umgekehrt.“

Ich sah sie schweigend an. Als ihre Stimme meinem Kopf ertönte, vernahm ich das Schlagen von Äxten und das Rauschen.