
Wie das Fräulein „So-La-La“ lernt, den Zufall nicht zu fürchten
In der Nacht, als die Mutter die Entscheidung fasste, den Zufall zum entscheidenden Kampf herauszufordern, wehte ein eisiger Luftzug durch ihr Schlafzimmer und wirbelte die Kalenderblätter hoch.
Die Mutter ahnte nichts von dem unseligen Geist, der sich in seinem Schlepptau den Weg ins Zimmer ihrer Tochter bahnte.
Der Zufall, der an der Tür lehnte, ließ ihn schweigend gewähren. Keine Regung an ihm verriet, ob es ihn kümmerte, was unter seinen Blicken geschah.
In dieser Nacht focht das Fräulein „So-La-La“ den schwersten Kampf ihres Lebens. Nicht weil es das Beste für sie war. Nicht weil es in ihrem Terminkalender stand. Es passierte, weil es der Zufall so wollte.
Als sie am nächsten Morgen erwachte, hatte sich ihr Kopf in einen glühenden Feuerball verwandelt. Die Stirn brannte lichterloh. Die Wangen dampften in einem heißen Fieber.
Jeder Atemzug schmerzte unter der unsichtbaren Last, die auf ihre Brust drückte.
Die Bilder vor ihren Augen zerrannen zu einem wilden Tanz. Das Bett drehte sich im Walzer. Der Lampenschirm an der Decke schlug Pirouetten. Die Wände sprangen Polka durch das Zimmer. Die Kästen und Regale hüpften Sirtaki. Und die Vorhänge im Fenster flatterten zu einem Tango hoch.
ast hätte sie den Riesen nicht bemerkt, der an ihrer Bettkante saß. Er musste den Kopf beugen, dass er nicht gegen die Decke stieß. Sein Gesicht wirkte schief und verbeult wie nach einem langen Boxkampf, den ein anderer gewonnen hatte.
Mit seinen Händen, die groß wie Bratpfannen waren, strich er ihr die verschwitzten Haarsträhnen aus den Wangen und tupfte die glutheiße Stirn mit einem feuchten Tuch ab. Dann griff er nach ihrem Arm und maß den Puls.
Schließlich zog er aus einer Tasche eine Apparatur mit zwei Schläuchen heraus. An ihrem oberen Ende waren dünne Rohre befestigt, die sich der Riese in die Ohren steckte. Am unteren Ende waren die Schläuche mit einer dünnen Scheibe verbunden, mit der er ihren Brustkorb abtastete.
Die Miene des Riesen verfinsterte sich von Minute zu Minute. Seine Mundwinkel zuckten im Takt ihrer Herzschläge. Auf seiner Stirn wölbten sich dicke Falten.
Schließlich zog er die Rohre aus seinen Ohren und legte die Schläuche auf ihrem Bett ab.
„Ich fürchte, ich muss dich mitnehmen.“, sagte er.
Das Fräulein „So-La-La“ wich entsetzt zurück. Sie schlug mit Armen und Beinen nach dem hässlichen Riesen, der versuchte, sie mitten in der Nacht aus ihrem Bett zu zehren.
Verzweifelt versuchte sie nach ihrer Mutter zu schreien. Aber der verrückte Clown in ihrem Mund, der sonst jede Gelegenheit nutzte, sie in die schlimmsten Verwicklungen zu bringen, brachte keinen Pieps hervor.
Das Fieber, das in ihrem Kopf tobte, flüsterte ihr Schauerliches ins Ohr.
Nun nimmt es ein schlimmes Ende mit dir.“, kicherte es schadenfroh.
„Der Zuflal wrid mcih rteten.“, bettelte das Fräulein „So-La-La“ im Fieberwahn um ein Wunder.
Das Fieber zeigte sich unbeeindruckt.
„Der Zufall kann dir nicht helfen. Der Riese an deinem Bett schlägt ihn mit einem Hieb mausetot.“,
verkündete es siegessicher.
Sein heißer Atem blies dem Fräulein „So-La-La“ unheilschwanger ins Gesicht.
„Zuflälig ghet der Schalg ins Leree.“, hielt sie tapfer dagegen.
Das Fieber reagierte auf die unerwartete Gegenwehr mit einem ärgerlichen Grunzen.
„Der Riese packt ihn mit bloßen Händen am Hals.“, zischte es.
Das Fräulein „So-La-La“ spürte wie sich eine heiße Flammenwelle durch ihren Körper walzte.
„Niemlas.“, kreischte sie in Schweiß gebadet.
„Zuflälig strüzt ein Bcüherrgeal auf den Reisen.“
„Auch gut.“, steckte das Fieber den Schlag ein, ohne von dem Fräulein „So-La-La“ abzulassen.
„Zuflälig schälgt ein Bcuh dem Resien die Nsae bultig.“, kämpfte das Fräulein „So-La-La“ mit der Kraft eines Löwe gegen das Feuer in ihrem Kopf.
„Die blutige Nase lässt den Riesen noch wütender werden.“, begann sich das Fieber an dem ungleichen Ringen zu langweilen.
Das Fräulein „So-La-La“ bündelte ihre letzten Kräfte.
„Zuflälig stlopert der Resie im Dnukeln üebr das Fharrad, das utner dem Fenster sthet.“, versuchte sie das Fieber in einen Hinterhalt zu locken.
„Dadurch ändert sich nichts. Der Riese rappelt sich wieder auf die Beine.“, grunzte das Fieber verärgert über den sinnlosen Widerstand seines Opfers.
Das Fräulein „So-La-La“ ließ die Falle zuschnappen. Jede Geschichte hatte einen roten Faden, der vom Anfang bis zum Ende reichte. Wenn man daran zog, tat die Geschichte, was man von ihr wollte. Sie zögerte keine
Sekunde.
„Zuflälig sthet das Fnester ofefen, als der Resie uebr das Fharrad stlopert. Er strüzt auf die Starße hinutner und bircht sich das Gencik.“, riss sie mit aller Macht an dem Faden ihrer Geschichte.
ange Sekunden verstrichen, ohne dass etwas passierte. Das Fieber lachte sich halbtot vor Schadenfreude.
„Der Riese ist nicht tot.“, amüsierte es sich.
Bestürzt musste das Fräulein „So-La-La“ miterleben, wie das Fieber recht behielt. Obwohl sie den roten Faden in der Hand hielt, tat die Geschichte nicht, was sie wollte. Der Riese war über das Fahrrad gestolpert und aus dem Fenster gestürzt. Aber er lag nicht mit gebrochenem Genick auf dem Fußweg vor dem Haus, sondern klammerte sich mit den Händen am Fensterrahmen fest.
Augenblicke später tauchte das Gesicht des Riesen im Fenster auf. Es war wutverzerrt. Mit den stählernen Muskeln seiner Arme befreite er sich aus seiner misslichen Lage. Als würde ein Ungeheuer aus dem Boden wachsen, tauchte sein Schatten im Fensterrahmen auf. Wenige Zentimeter fehlten ihm noch, bis er wieder festen Boden unter den Füßen hatte.
Das Fieber führte einen Freudentanz auf. Siegestrunken schwang es sich auf die Schultern des Riesen.
„Am Ende geschieht das Unvermeidliche.“, höhnte es.
Das Ende vor Augen sprang das Fräulein „So-La-La“ aus dem Bett und stürmte zum Fenster vor, wo sie dem Riesen einen heftigen Stoß gegen die Brust versetzte.
„Zuflälig whet ein Strum vorbei und schälgt die Fensterldäen zu.“, schrie sie aus voller Brust.
Dieses Mal hatte sie den Faden an der richtigen Stelle erwischt. Beim zweiten Anlauf tat die Geschichte, was
sie von ihr wollte.
„Wie hast du das gemacht?“, heulte das Fieber erschrocken auf.
Der Schlag hatte den Riesen überrascht. Mit dem Fieber auf der Schulter kippte er nach hinten. Im letzten Moment gelang es ihm, mit den Händen Halt zu finden. Keuchend begann er erneut, sich an der Fassade hochzuziehen.
a fegte aus dem Nichts ein gewaltiger Orkan durch die Straße und fegte alle Blätter von den Bäumen.
Krachend schlugen die Fensterläden zu. Die scharfen Metallkanten brachen dem Riesen die Finger, mit denen er sich am Fensterrahmen festklammerte. Er stieß einen wilden Fluch hervor. Dann stürzte er rücklings in die Tiefe.
Das Fieber versuchte verzweifelt, sich mit einem tollkühnen Sprung zurück in das Zimmer zu retten. Aber es prallte an den geschlossenen Fenstern ab und stürzte dem Riesen hinterher ins Verderben.
Sein markerschütternder Schrei schreckten das Fräulein „So- La-La“ aus dem Schlaf. Es war dunkel im Raum. Sie lag mit dem Rücken auf dem Bett. Vorsichtig blickte sie sich um. In einer Ecke des Zimmers konnte sie die schummrigen Umrisse einer Gestalt erkennen. Sie erkannte ihn sofort und lächelte ihm zu.
Erschöpft sank sie in die Kissen zurück, wo sie der Schlaf bereits erwartete.
Als sie am nächsten Morgen aufwachte, blinzelte die Mittagssonne durch das Fenster. Die Luft roch nach frisch gewaschenen Daunen. Eine leichte Pfefferminzbrise umspielte ihre verbrannten Wangen.
Der Himmel über ihr war weiß gestrichen. In seiner Mitte schwebte das Gesicht eines Engels, der ihre Stirn mit einem feuchten Lappen abtupfte. Das Fräulein „So-La-La“ atmete erleichtert auf. Der Riese war verschwunden und mit ihm auch das Feuer, das eine Nacht lang in ihrem Kopf gebrannt hatte.
„Mein tapferes Mädchen.“, hörte sie eine vertraute Stimme flüstern.
Glückselig strahlte das Fräulein „So-La-La“ ihre Mutter an. Mit gebrochener Stimme berichtete sie ihr in allen Einzelheiten von ihrem Kampf mit dem Riesen und von dem Zufall, der sie in letzter Sekunde gerettet hatte.
ls ihre Schilderung die Stelle erreichte, wo der Riese aus dem Fenster stürzte, unterbrach sie die Mutter.
„Woran du dich zu erinnern glaubst, ist nicht wirklich passiert. Es hat keinen Zufall gegeben. Das Fieber hat dir diesen Unsinn vorgegaukelt.“
Das Fräulein „So-La-La“ widersprach heftig.
Ein lautes Knacksen ertönte im Raum. Innerhalb von Sekunden erschütterte ein ohrenbetäubender Knall die Wände. Ein tropfnasser Lappen klatschte dem Fräulein „So-La-La“ ins Gesicht.
„Der Riese hat nur in deinem Kopf existiert.“, tobte die Mutter mit hochrotem Kopf an ihrem Bett.
Im nächsten Moment brach sie in bittere Tränen aus. Minutenlang saß sie regungslos an der Bettkante und sprach kein Wort.
Nachdem sie ihren gerissenen Geduldsfaden notdürftig zusammengeflickt hatte, schilderte die Mutter die Ereignisse, wie sie sich wirklich zugetragen hatten.
Im Fieberwahn hatte sich das Fräulein „So-La-La“ an der riesenhaften Gestalt des Arztes erschrocken, der mitten in der Nacht an ihr Bett geeilt war.
„Wir mussten dich an Armen und Beinen festhalten. Du hast den armen Mann gekratzt und gebissen und gedroht, ihn aus dem Fenster zu werfen.“, sagte die Mutter.
Das Fräulein „So-La-La“ schüttelte ungläubig den Kopf. Zu lebhaft hatte sich der nächtliche Kampf mit dem Riesen in ihr Gedächtnis eingebrannt.
Die Mutter benötigte viel Geduld, um sie vom Gegenteil zu überzeugen. Behutsam führte sie dem Fräulein „So-La-La“ die Widersprüche ihrer Erinnerung vor Augen.
Im Zimmer fanden sich nirgendwo Spuren eines Kampfes. Die Bücher standen Rücken an Rücken im Regal. Das Fahrrad unter dem Fenster glänzte ohne einen Kratzer im Blech.
as Laub der Bäume, die vor dem Fenster standen, raschelte leise unter einem sanften Wind. Kein Sturm hatte ihre Blätter von den Ästen gefegt.
Nach und nach dämmerte dem Fräulein „So-La-La“ die Wahrheit. Gebannt lauschte sie den Worten der Mutter, die von den Umständen ihrer dramatischen Rettung berichteten.
„Der Kampf stand auf Messers Schneide. Jemand hat deinen Wecker auf die falsche Uhrzeit gestellt.“
Tatsächlich hatte das Sturmgeläut des Weckers um Mitternacht das ganze Haus aus dem Bett geholt.
Die Mutter war in das Zimmer gestürmt, um dem Lärm ein Ende zu machen.
„Es war ein Glück. “, sagte sie.
„Das Fieber hatte dich beinahe schon verschlungen.“
„Dnan war es der Zuflal, der mcih gertetet hat.“, fiel das Fräulein „So-La-La“ ihrer Mutter ins Wort.
Das Gesicht der Mutter lief puterrot an. Abermals rumorte ein lautes Knacksen im Raum. Doch dieses Mal blieb die Explosion aus.
„Nie zuvor in meinem Leben hatte ich einen größeren Schatz zu hüten als dich.“, stammelte sie unter Tränen.
„Seit deiner Geburt quälte mich die Angst, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Jede Nacht flüsterte sie mir ihre schrecklichen Botschaften ins Ohr.“
Von ihren Gefühlen überwältigt, sprang die Mutter vom Bett hoch und stürzte aus der Tür. Mit dem Terminkalender in der Hand kehrte sie ins Zimmer zurück.
„Welchen Narren hat dieses Ding aus mir gemacht.“, sagte sie. „Das Fieber hat mir gezeigt, dass ein Augenblick genügt, um alle Urkunden und Diplome in nutzlosen Trödel zu verwandeln.“
Sie nahm den Terminkalender zwischen ihre Hände und zerriss ihn vor den Augen des Fräulein „So-La-La“, bis nur noch kleine Schnipsel von ihm übrigblieben. Dann öffnete sie das Fenster und warf die Fetzen hinaus.
Ein Windstoß erfasste die Überreste des Terminkalenders und wirbelte sie wie Konfetti in alle Himmelsrichtungen auseinander.
ie Malstunden des Fräulein „So-La-La“ zerstreuten sich im Süden. Der Ballettkurs verschwand gegen Osten. Den Klavierunterricht zog es nach Norden. Und die Tennisstunden flatterten in Richtung Westen davon.
Mit dem Kalender verwanden auch alle Termine, die bis vor wenigen Stunden den Tagesablauf des Fräulein „So-La-La“ bestimmt hatten, auf Nimmerwiedersehen aus ihrem Leben.
Das Fräulein „So-La-La“ setzte sich auf und schlang ihre Arme um den Hals der Mutter. Ein warmer Strom ergoss sich über ihr Gesicht. Die Mutter weinte. Die Tränen rannen in dicken Tropfen über ihre Wangen.
Ein verdächtiges Geräusch schreckte das Fräulein „So-La-La“ auf. Sie streckte den Kopf zur Tür. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie die schemenhafte Gestalt, die langsam zur Tür hinausschlich.
Sie erkannte den Zufall auf den ersten Blick. Er hatte in der Nacht an der Wand gestanden, als sie gegen das Fieber kämpfte. Heimlich warf sie ihm zum Abschied eine Kusshand hinterher.
Wie seltsam der Zufall war, dachte sie.
Einmal blieb er stumm und rührte keinen Finger. Und ein anderes Mal ließ er einen Wecker, den niemand gestellt hatte Sturm, läuten. Mit dem gleichen Fleiß, mit dem er ein Leben rettete, verschleuderte er ein anderes. Er war niemandes Freund. In seinem Charakter war er weder gut noch böse.
Wie Rceht sie hbaen.“, murmelte das Fräulein „So-La-La“.
Solange die Fische, Schmetterlinge und Mäuse den Zufall nicht fürchteten, musste niemand Angst vor ihm haben.
Zwischenspiel
„Kannst du die Tiere verstehen?“, fragte die Geschichte, die an meiner Bettkante saß.
„Ich mag Fisch.“, lachte ich.
Das Brummen in meinem Magen erinnerte mich daran, dass ich auf das Abendessen vergessen hatte. Ich bereute es nicht. Vielleicht verdankte ein Fisch diesem Zufall, dass er dem tödlichen Haken entgangen war.
„Ich kenne keine tapferen Wesen als sie.“, sagte die Geschichte.
„Sie fürchten ihre Zukunft nicht.“
Die Geschichte wandte sich wieder der Mappe zu. Es lagen nicht mehr viele Blätter darin.
„Die Tiere träumen ihr Leben nicht. Sie leben ihre Träume.“, sagte die Geschichte, als sie ein neues Blatt auswählte.
