Tagebuch eines Stubentigers – 93

Katzenliebe

Die entscheidende Frage in der Liebe ist,
ob man als Hund oder wie eine Katze liebt.
Als Hund wird man zum Diener seines Herrn. 
Die Katze genießt den umgekehrten Fall,
von ihrem Besitzer angebetet zu werden.

Der Hund fügt sich seinem Schicksal,
dass er sein Leben lang zu Füßen liegt.
Die Liebe der Katze sich dadurch unterscheidet,
dass man unter ihren scharfen Krallen leidet,
wenn man sich an sie schmiegt.

In der Liebe finden sich beide Charaktere.
Aber wer mit der Seele einer Katze liebt,
es meist durch die Erfahrung lernte,
dass in der Liebe der Teil mehr gewinnt,
der ihr als König und nicht als Sklave dient.

Angst

Im Glauben, allein zu sein,
und nicht genug zu sein,
sieht sie tausend Wände
und dahinter für sich kein freies Land,
dass sie ihr ganzes Leben lang
ausharrt im Kerker ihrer Ängste.

Ihr letzter Blick durch die Mauern,
lässt sie kalt erschauern,
als sie erkennt, dass das ersehnte Land
vor ihr zum Greifen nahe liegt,
jenseits ihrer Angst,
die sie ein Leben lang gefangen hielt. 

Apokalyptische Reiter

Der Kern des Übels dieser Tage
sind nicht die apokalyptischen Reiter.
Vielmehr stellt sich die Frage.
Wer sind ihre Wegbegleiter?

Die größte Gefahr in der Welt von heute
findet sie im Kleingeist der Leute,
die ihnen als Steigbügelhalter dienen,
wenn sie sich in den Sattel schwingen.

Als Trost bleibt, dass auch diese meist,
wie es die Geschichte beweist,
enden unter den Hufen
der Reiter, die sie schufen.


Selfie-Wahn

Wir halten uns in Bildern fest,
die uns zeigen in den
 im schönsten Licht gewebten,
strahlenden Momenten.

Eitel schmeicheln wir uns
mit eingefrorenen Augenblicken 
als für die Ewigkeit
maßgeschneiderten Kleidungsstücken.

Erst mit den Jahren begreifen wir, 
dass sie einmal getragen
eine abgelegte Hülle werden,
dessen flüchtiges Modell wir waren.

Zuhause

Wir begegnen den Dingen,
die wir im Leben zurücklassen,
eines Tages wieder
in verfallenen Ruinen.
Der Kindheit, den Eltern
und den verlorenen Lieben.

Sie starren uns an,
wie unbewohnte Häuser
mit verwitterten Fassaden
und zerbrochenen Scheiben.
Die Kindheit, die Eltern
und die verlassenen Lieben.

Schweigend gehen wir vorüber
an den leeren Gemäuern
mit dem Schmerz in uns,
dass sie einmal ein Zuhause waren.
Die Kindheit, die Eltern
und die vergessenen Lieben.