Das schwarze Loch

Sie legte das Besteck aus den Händen. Er sah zu ihr auf. Sie erwiderte seinen Blick mit einem gequälten Lächeln. Mit Mühe gelang es ihr, den letzten Bissen hinunterzuschlucken. Sie spürte das Würgen in ihrer Kehle. Es blieb ihr keine Wahl. Das schwarze Loch wartete schon ungeduldig. Sein Rufen übertönte alles andere in ihr.

Als sie vom Tisch aufstand, bereute sie, ihm davon erzählt zu haben. Nur wenige wussten, wie sehr es ihr Leben bestimmte. Und jetzt er. Sein Wissen machte ihn zum Beobachter. Der Gedanke brachte sie beinahe zur Verzweiflung. Das schwarze Loch gehörte ihr allein. Meist ließ sie es in ihrer Wohnung zurück oder versteckte es an Orten, wo es niemand bemerkte. Nun war es in seinem Haus und rief sie zu sich. Er hatte sie dazu aufgefordert, es mitzunehmen. <Es ändert nichts.>, hatte er geantwortet, als sie es ihm unter Tränen eingestand.

Sie schloss die Tür hinter sich ab und blickte in das dunkle Loch, das sich vor ihr auftat. Es fiel ihr leicht, ihm zu geben, was es verlangte. Sie musste nicht einmal den Finger in den Mund stecken. Es genügte, den Reflex in ihrem Gehirn wachzurufen. Sie schloss die Augen und beugte sich nach vor. Lautlos glitt es aus ihr heraus.

Die Toilettenspülung rauschte. Sie wusch sich den Mund mit Wasser aus. Als sie die Tür öffnete, wartete er am Ende des Flurs auf sie. Er lächelte komplizenhaft. Das schwarze Loch machte ihm keine Angst. Trotzdem stach ihr sein Blick in die Brust.

Man sah es ihr nicht sofort an. Ihre Figur war tadellos. Nur im Gesicht wirkte sie etwas schmal. Das schwarze Loch forderte nicht immer seinen Tribut. Es war geduldiger als bei anderen. Manchmal blieb es über Tage stumm.

Sie erinnerte sich nicht mehr, wie es anfing. Es war über die Jahre ein Teil von ihr geworden. Wenn sie mit ihm allein war, fühlte es sich beinahe vertraut an. Es quälte sie nur, wenn sie die Sehnsucht spürte, mit jemandem zusammen zu sein. Unzählige Male hatte es sie zur Flucht gezwungen. Keine Liebe hatte seiner Macht standgehalten. Das schwarze Loch duldete keine Nähe.

Ihr Blick fiel auf den Koffer neben der Eingangstür. Sie hatte ihn gepackt, weil sie ahnte, dass sie sein Wissen nicht ertragen würde. In ihrem Leben gab es keinen Platz für einen Beobachter. Als sie den Kopf gegen seine Schulter lehnte, spürte sie, wie ihre Knie zu zittern begannen. Sie wusste, dass sie keine Wahl hatte. Auch dieses Mal würde sie nicht bleiben.

<Es ist, wie es ist.>, versuchte er, sie umzustimmen. Zwischen seinen Fingern rollte er einen kleinen Stein. Sie verstand das Zeichen und schüttelte den Kopf. <Alle Steine dieser Welt können das Loch nicht schließen.>, sagte sie. <Wenn ein Augenblick die Welt verändert, kann auch ein Kieselstein groß genug sein, um ein Loch kleiner zu machen.>, antwortete er. <Es wird nie verschwinden.>, widersprach sie ihm. <Ich habe ein ganzes Leben lang Zeit, Steine zu sammeln.>, sagte er.

Sie blieb stumm. Tausend Gedanken stürmten auf sie ein. Als sie den Kopf hob und ihn ansah, streifte ihr Blick den Koffer an der Eingangstür.