Das Zirkuskind – 21

Wie das Fräulein „So-La-La“ die größte aller Lieben entdeckt

An einem trüben Herbsttag schlenderte das Fräulein „So-La-La“ an der Hand ihrer Mutter durch einen Park.
Der Himmel hatte sich bereits dunkel gefärbt, als über ihr ein wildes Gekreische losging.

Zwei dunkle Schatten rasten aufeinander zu und verschmolzen zu einem schwarzen Punkt, der auf die Erde zuraste. Sekunden später schlug er um Haaresbreite neben dem Fräulein „So-La-La“ ins Gras.
Nach dem Aufprall zersprang er in zwei Teile. Aus einem erhoben sich zwei Flügel, die sich dicht über ihrem Kopf in den Himmel hoch schwangen.  Der andere Teil blieb reglos am Boden zurück.

Neugierig näherte sich das Fräulein „So-La-La“ der Absturzstelle.  Zu ihrer Enttäuschung war kein Stern vom Himmel gefallen. Vor ihren Füßen lag ein kleiner Vogel. Die Mutter hob ihn vorsichtig hoch.
Der bedauernswerte Federknäuel sah übel zugerichtet aus. Der nächtliche Jäger hatte ihm einen Flügel gebrochen und eine blutige Schneiße in sein Gefieder gerissen.
Die flehenden Augen des Fräulein „So-La-La“ ließen der Mutter keine Wahl. Sie nahm ihren Schal vom Hals und wickelte den Vogel darin ein.


Der Fahrer des herbeigerufenen Taxis blickte misstrauisch auf das blutige Bündel in ihren Händen.

„Wir müssen etwas retten, das aus dem Himmel gefallen ist.“, erklärte ihm die Mutter die Eile.

„Es scheint bloß ein Vogel zu sein.“, schüttelte der Fahrer verständnislos den Kopf.

Seinem Gesicht war deutlich anzusehen, dass er sich um die Sitze des Taxis mehr sorgte als um den blutenden Vogel, den die Mutter in den Armen hielt.

s ist der schönste Vogel der Welt.“, wies ihn das Fräulein „So-La-La“ scharf zurecht.
Zuhause hatte der Vater alles für den angekündigten Notfall vorbereitet. Auf dem Küchentisch lag Verbandsmaterial bereit. Ein Topf mit Wasser kochte auf dem Herd.  

Es wurde eine lange Nacht. Ein gebrochener Flügel musste geschient und das zerrupfte Gefieder wieder hergestellt werden.

Als das Fräulein „So-La-La“ am nächsten Morgen erwachte, galt ihr erster Blick der Schuhschachtel neben ihrem Bett, aus der ihr zwei misstrauische Vogelaugen entgegen starrten. 

Schnell wurde klar, dass der Vogel eine längerfristige Pflege benötigte. Ein gebrochener Flügel heilte nicht über Nacht. Der Vater besorgte einen Käfig. Die Mutter kaufte Futtervorräte für einen ganzen Winter ein.
In den folgenden Wochen verbrachte das Fräulein „So-La-La“ jede freie Minute mit ihrem neuen Freund, der ihr aus dem Himmel beinahe auf den Kopf gefallen war.
Sie genoss seine Gesellschaft. Der Vogel störte sich nicht an dem verrückten Clown, der in ihrem Mund hauste. Bald waren sie ein  unzertrennliches Paar.

Nachts öffnete das Fräulein „So-La-La- heimlich den Käfig. Dann sprang der Vogel auf ihre Schulter und legte einen Flügel um ihren Hals. So hockten sie bis zum Morgengrauen.
Im Überschwang weihte das Fräulein „So-La-La“ ihren gefiederten Freund in ihre Reisepläne ein.

„Enies Tgaes wrede ich enie Geschcihte sien, die um die Wlet riest.“

Der Vogel flatterte aufgeregt mit den Flügeln, als wollte er mitfliegen.
Die vertraute Zweisamkeit wurde erst unterbrochen, als die Mutter frühmorgens in das Zimmer stürmte und den Vogel in den Käfig zurück sperrte.

„Ein Vogel ist kein Bettgenosse.“, fauchte sie ihre entsetzte Tochter an.

hr könnt euch ein Luftschloss bauen.“, flüsterte die Großmutter beim Frühstück dem Fräulein „So-La-La“ heimlich ins Ohr, dass es die Mutter nicht hörte.
„Dort könnt ihr dann gemeinsam wohnen. Eine halbes Limonadenglas tief und eine Schokoladenbreite lang. Bis der Mond wieder aus den Wolken taucht und euch nach Hause schickt.“

Das Fräulein „So-La-La“ starrte sie geknickt an. Sie hatte keine Ahnung, wie man ein Luftschloss baute. Schon gar nicht würde die Mutter ihren Garten dafür opfern.

Die Großmutter lachte laut auf.

„Für ein Luftschloss braucht es keine Wiese und keinen Garten.“, erklärte sie ihrer erstaunten Enkelin.
„Sein Fundament liegt in den Wolken. Als Baumaterial genügt etwas Rauch und Spucke.  Es hat keine Zugbrücken und keine Wassergräben. Denn in einem Luftschloss, das hoch am Himmel schwebt, muss man keine Feinde fürchten.  An diesem Ort ist alles möglich und nichts wirklich.“

Noch am gleichen Abend machte sich das Fräulein „So-La-La“ an die Arbeit.
Das luftige Bauwerk war in Windeseile fertig gebaut. Auf einer Wolke, die sich vor den Mond schob, ragte es bis zum Himmel hoch.

Inmitten von Mauern aus Rauch und Spucke und einem Turm in der Mitte saß sie mit ihrem Vogel auf einer Hängeschaukel und zählte die Sterne, die aus der Dunkelheit leuchteten.

Die gemeinsamen Nächte vergingen wie im Flug.
Der Tag kam, an dem der Vater die Schiene von  dem gebrochenen Flügel entfernte.   
Die Vertrautheit zwischen ihnen blieb. Jede Nacht sprang der Vogel auf ihre Schulter und blickte aus dem Fenster in die Ferne.

Als der Frühlingswind den Winter aus dem Land blies, hackte er mit dem Schnabel gegen die Gitterstäbe des Käfigs und begann aufgeregt mit den Flügeln zu flattern.

„Dein Freund ist nicht dafür bestimmt, in einem Käfig zu leben.“,  bemerkte die Mutter als erste die Veränderung.

as Fräulein „So-La-La“ war blind vor Liebe.  Um nichts in der Welt war sie bereit, sich von ihrem Gefährten zu trennen.

„Der Vgoel ist glcüklich bei mir.“, wollte sie das Unvermeidliche nicht wahrhaben.

„Seine Flügel sagen etwas anderes.“, antwortete die Mutter.
„Vielleicht sollten wir ihn selbst entscheiden lassen.“

Nach langem Zögern willigte das Fräulein „So-La-La“ ein. Sie trug den Käfig in den Garten hinter dem Haus und öffnete die Tür. Der Vogel hüpfte heraus.  Er blickte das Fräulein „So-La-La“ an, als wollte er sie um Entschuldigung bitten.
Dann streckte er seine Flügel aus. Beinahe federleicht erhob er sich in die Luft und schwebte zu den Bäumen hoch. Für eine Weile kreiste er über dem Dach des Hauses, bis der Wind ihn langsam höher trug.  
Das Fräulein „So-La-La“ schossen die Tränen in die Augen, als der Vogel in den Wolken verschwand.

Es folgten traurige Tage. In den Nächten wartete sie vergeblich in ihrem Luftschloss, dass der Vogel auf ihre Schulter sprang und den Flügel um sie legte. Er  kehrte nie wieder zu ihr zurück.

„Du hast das Richtige getan.“, tröstete sie die Mutter.
„Das Loslassen ist die größte aller Lieben. Was immer das Schicksal bereit hält für deinen Vogel? Keine Liebe kann größer sein, als die Liebe, die ihm die Freiheit schenkte, über den Wolken zu fliegen mit dem Wind unter seinen Flügeln und der grenzenlosen Weite vor sich.“

„Ich habe ihn losgelsasen, wiel ich ihn gelibet hbae.“, schluchzte das Fräulein „So-La-La“ und war beinahe stolz auf sich, ohne zu wissen warum.

„Ich finde keine andere Erklärung.“, antwortete die Mutter.

Zwischenspiel

„Als mich der Wind von Ost nach West wehte, verging kein Tag, an dem ich nicht nach ihm Ausschau gehalten habe.“, sagte die Geschichte.

Der traurige Ton in ihrer Stimme verriet mir, dass sie ihrem gefiederten Freund nicht wieder begegnet war.

„Ein Vogel ist wie die Liebe.  Beides lässt sich nicht festhalten,  wenn sie ihre Flügel ausstrecken.“, seufzte sie.
„Man kann nur warten, bis sie einem vom Himmel auf den Kopf fallen.“

Ich blickte stumm zur Decke hoch. Ich wartete schon lange.