Tagebuch eines Stubentigers -75

Fischgeruch

Wer sich nach Jahren wieder an eine alte Liebe bindet,
bemerkt schnell, dass er in einer Zeitung von gestern blättert,
die nur noch auf Fischmärkten Verwendung findet.

Man entdeckt in den vergilbten Berichten
die vergessenen Gesichter aus vergangenen Tagen
und in der Chronik die alten Mordgeschichten. 

Der Sportteil feiert einen verblassten Sieg,
und die Börsenkurse, die man liest, rufen die Erinnerung wach,
dass man am Ende auf den Verlusten sitzen blieb.
 
Am schlimmsten ist der Fischgeruch, der aus den Seiten
 in die Nase steigt und beweist,
dass sich alte Zeitungen nur noch als Packpapier eignen.


Speichellecker

Ängstlich sie man sie,
sich vor den Mächtigen ducken
und mit ihren Zungen auflecken,
was diese auf den Boden spucken.

Unterwürfig kriechen sie
mit gebeugten Köpfen auf allen Vieren
vor ihren Herren und zählen
zu den erbärmlichsten unter den Tieren.

Tropfen

Wir bleiben nicht, was wir sind
und vergehen, wie Staub
verweht im Wind.

Manche leise, manche laut,
tropfen wir aus
und rinnen fort

mit jedem Atemzug,
mit jedem Tropfen Blut
langsam an einen anderen Ort.