Das Zirkuskind – 07

Wie das Fräulein „So-La-La“ das Geheimnis lüftet, wer jeden Morgen die Sonne über den Horizont hochzieht

Das Fräulein „So-La-La“ hatte die beste und schönste aller Mütter. Schon ihr Lächeln fühlte sich anders an. Es erstrahlte die ganze Welt. Wenn sie morgens die Vorhänge am Fenster zur Seite schob, flutete ein neuer Tag das Haus, als würde sie die Sonne an einem Seil über dem Horizont zum Himmel hochziehen.
Um ihrer Mutter bis zum Bauchnabel zu reichen, musste das Fräulein „So-La-La“ auf Zehenspitzen balancieren und die Arme über den Kopf strecken. Ihr einen Kuss auf die Wange zu drücken, erforderte die Kühnheit  auf den Küchentisch zu klettern.
Mit ihrer Größe überragte die Mutter alle anderen Mütter. Sie war hochgewachsen wie ein Wolkenkratzer. In ihren Stöckelschuhe ragte sie .

Die Welt war viel zu niedrig für sie. Ständig stieß sie mit dem Kopf gegen Straßenlaternen und Dachvorsprünge. Bei schlechtem Wetter musste sie tief unter ihren Regenschirm ducken, um sich nicht die Stirn an den Wolken blutig zu schlagen.

„Mit irher Görße  shiet sie bis nach Arfika.“, schwärmte das Fräulein „So-La-La“  der Großmutter von der Aussicht ihrer Mutter vor.

In den Nachrichten und Schlagzeilen wimmelte es von Menschen, die ihr Leben lang auf den Zehenspitzen spazierten, um dem Himmel näher zu kommen.
Mit wichtigtuerischen Gesichtern lachten sie von den Titelseiten der Zeitungen.   Ihre  staatstragenden Reden dröhnten aus allen Nachrichtenkanälen. Meist gefielen sie sich darin,  um die Weltherrschaft zu streiten oder zumindest weltberühmt zu sein.

Das Fräulein „So-La-La  zweifelte keine Sekunde, dass die Mutter mit ihrer schwindelerregenden Größe eine wichtige Rolle in der Welt spielte.  Musste sie doch schon frühmorgens das Haus verlassen, um wichtige Geschäfte zu erledigen.  

Bevor die Sonne aufging, hetzte das Fräulein So-La-La“  an der Hand der Mutter die Stufen eines muffigen Treppenhauses hoch.  Während sie sich tagsüber um ihren Anteil an der  Weltherrschaft  kümmerte,  blieb das Fräulein „So-La-La“ in der Obhut der Großmutter zurück.  Sie wohnte im dritten Stock eines heruntergekommenen Wohnhauses. Im Sommer hing der Geruch von Küchenabfällen in der Luft.  An kalten Wintertagen  kitzelte der Rauch verbrannter Kohlen die  Nase.  

Nach einer kurzen Umarmung stürzte die Mutter wieder die Stufen zum Ausgang hinunter.
Manchmal war sie so in Eile, dass sie vergaß, ihrer Tochter einen Kuss auf die Wange  zu drücken. Dann hastete sie zwei Stufen auf einmal nehmend zurück, weil ein kleines Mädchen ein fürchterliches Gebrüll veranstaltete und drei Umarmungen lang untröstlich blieb.
Es waren jene Tage, an denen die Sonne nicht aufging und die Menschen ratlos zum Himmel hochblickten. 

Erst wenn sich die Fensterscheiben dunkel färbten, kehrte die Mutter von ihren Geschäften zurück.

Seltsamerweise tauchte sie nie in den Nachrichten auf, die über die Fernsehschirme flimmerten. Keine Zeitung fand es der Mühe wert, ein Bild von ihr zu abzudrucken.
Bald dämmerte dem Fräulein „So-La-La“ ein furchtbarer Gedanke.
Ihre Mutter schien mit der Weltherrschaft genauso wenig zu tun haben wie sie nicht weltberühmt war.

„Was  gbit es Wcihtigeres  für sie zu tun, als für mcih da zu sien?“, begann sie sich bei ihrer Großmutter über das tägliche Verschwinden ihrer Mutter zu beschweren.
Die Eifersucht in ihren Adern verkochte zu einem giftigen Gebräu. Eines Tages schüttete sie der Großmutter ihr Herz aus.
„Obwhol sie scih den gnazen Tag nciht um mcih  kümermt, ist sie sie für den Rset  der Wlet vlölig unwcihtig.“, verschaffte sie ihrem  Ärger Luft.

„Die Arbeit deiner  Mutter ist bedeutender, als es auf den ersten Blick erscheint.“, widersprach die Großmutter.

Eine dicke Rauchwolke stieg aus ihrem Mund.
„Andere Mütter sorgen nicht weniger gut für ihre  Töchter. Sie bereiten ihnen das Frühstück.  Sie helfen ihnen beim Anziehen und beim Zähneputzen.  Mittags stellen sie ihren Kindern das Essen auf den Herd. Wenn die Sonne vom Himmel lacht, unternehmen sie gemeinsam einen Spaziergang in den Park. Oder sie erledigen zusammen die Einkäufe im Supermarkt.  
Abends sitzen sie an der Bettkante und lesen  Geschichten  aus den Büchern vor. Kurz und gut, sie sind für ihre Kinder die besten Mütter der Welt. Aber an die Arbeit ihrer Mutter können sie nicht heranreichen.“


Im Flüsterton weihte sie ihre Enkelin in das Geheimnis ein, das die Mutter hütete. Nicht einmal der Vater wusste davon. Er glaubte, mit einer  Krankenschwester verheiratet zu sein.
„Es sticht sie tief ins Herz, dich tagsüber allein lassen zu müssen. Aber ohne ihre Arbeit würde sich die Welt in einen dunklen und kalten Ort verwandeln.“

Das Fräulein „So-La-La“ zeigte wenig Verständnis für die Bedürfnisse der Welt. Sie war entschlossen, der Herumtreiberei ihrer Mutter ein Ende zu machen.

„Ich hbae gneug Aufgbaen für sie.“, schnaufte sie.

In der Tat gab es für die Mutter in den gemeinsamen Stunden Arbeit in Hülle und Fülle.  
Lachen und Weinen,  Hoffen und Bangen.  Loben und Schimpfen. Fröhlich sein. Kummer haben.  
Für all diese Dinge wollte das Fräulein „So-La-La“ als neue Arbeitgeberin reichlich sorgen.    
Außerdem konnte sie ihre Beschäftigung bequem von Zuhause erledigen. Neben solchen Annehmlichkeiten lockte das Angebot des Fräulein „So-La-La“ mit  Dienstzeiten wie im Schlaraffenland.

 „Ncah dem Fürhstcük  knan sie bis Mitatg im Btet mit mir leigen.“,  stellte sie  ausgedehnte Pausen in Aussicht.

Vor Aufregung schwoll das Buchstabendurcheinander zu einem schrillen Gekreische an.

Innerhalb kürzester Zeit fabrizierten sie eine Liste mit Aufgaben, die auf die Mutter warteten.
Zauberei war darunter die geringste aller Fähigkeiten, die sie  benötigte. 
Neben Essen kochen, Wäsche waschen, Geschirr abspülen, Betten machen, Zimmer aufräumen,  Fenster putzen, Böden schrubben und  Einkäufe erledigen, durfte sie nie müde, ungeduldig  oder griesgrämig  sein.
Vor allen anderen Dingen  hatte die Mutter ihrer zukünftigen Arbeitgeberin jeden Wunsch von den Augen abzulesen.  
Das Fräulein  „So-La-La“ konnte es kaum abwarten, ihrer Mutter die von ihrer neuen Anstellung zu berichten. 

„Bleibt noch die Frage nach der  Bezahlung  offen.“,  dämpfte die Großmutter ihre Freude.

Ohne Zögern erklärte sich das Fräulein bereit, ihr Sparbuch  zu opfern.

„Das  Gled riecht bestmimt für die ncähtsen Jhare.“, verkündete sie großspurig.

In ihrer Großzügigkeit ließ sie unerwähnt, dass der Großteil ihrer Ersparnisse vor kurzem durch die Anschaffung einer neuen Puppe verflüchtigt hatte.
Aber auch mit dem verbliebenen  Rest glaubte sie, die Kosten  bestreiten zu können. Ohnehin rechnete sie mit bescheidenen Gehaltsvorstellungen.

„Ich wrede sie mit Umamrungen und Ksüsen bezhalen.“, gab sich das Fräulein „So-La-La“ spendabel. 

Sparsamkeit lag ihr fern, wenn es darum ging, das Auskommen ihrer Mutter zu sichern
Die Zweifel der Großmutter, ob diese Art der Entlohnung die Kosten für den täglichen Haushalt decken und den Kühlschrank füllen würde, taten ihrer Begeisterung keinen Abbruch.

„Ich fürchte, die Gehaltsverhandlungen werden sich schwierig gestalten.“,  entgegnete Oma Rosa augenzwinkernd. 

Zu ihrem Entsetzen erfuhr das Fräulein „So-La-La“, dass die Arbeit der Mutter unverzichtbar war.

Wenn der Morgen dämmerte, rollte sie die schwarzen Tücher ein, die nachts den Himmel verdunkelten. Dann nahm sie ein dickes Seil und zog die Sonne über dem Horizont am Himmel hoch.
Zwischendurch pustete sie die Wolken von Osten nach Westen oder von  Süden nach Norden.
Wie ihre Laune war das Wetter. Trug sie ein Lächeln auf den Lippen, wurde es ein heiterer Tag. War ihre Stimmung gereizt, fiel das Thermometer und es hagelte Blitz und Donner. 

Wenn sie weinte, fiel der Regen aus den Wolken  und auf den Straßen bildeten sich kleine Pfützen.
Hatte sie einmal verschlafen, musste sie sich sputen, damit es rechtzeitig Morgen wurde.
An diesen Tagen wehte ein kräftiger Wind durch die Welt, der das Laub der Bäume aufwirbelte und die Äste bog.

Am Ende ihrer Schicht ließ sie die Sonne am Horizont untergehen und  spannte die schwarzen Tücher zurück in den Himmel, dass es in den Nächten dunkel wurde.


Als die Großmutter ihren Bericht beendete, konnte man eine Mücke husten hören.

Plötzlich fügten sich im Kopf des Fräulein „So-La-La“ die Dinge schlüssig zusammen. Wenn die Mutter morgens an ihrem Fenster die Vorhänge zur Seite schob, tat sie es für die ganze Welt. Wenn sie abends das Licht abdrehte, wurde es nicht nur in ihrem Zimmer dunkel.

„Wie hsat du die Wharhiet üebr sie herausgefnuden?“, forschte in einem letzten Anflug von Zweifel nach.

Oma Rosa grinste.  Sie klemmte ihre Zigarre zwischen die Zähne und nahm einen tiefen Zug,

„Es gehörte früher zu meinen Aufgaben, diese Dinge zu erledigen. Irgendwann war es an der Zeit, sie an jüngere Hände zu übergeben.“, antwortete sie mit einem Zwinkern in den Augen.  
„Die Arbeit kann immer nur von der Mutter auf die Tochter übertragen werden.

Das Fräulein  „So-La-La“ kämpfte mit den Armen gegen die Rauchwolke an, die aus dem Mund der Großmutter quoll.  

 „Dnan  bin ich…..“ 

Ihre Zunge stotterte wie ein altersschwacher Motor. Der Gedanke überstieg ihr Vorstellungsvermögen.

„Es kommt der Tag, an dem die Reihe an dich kommt, in die Fußstapfen deiner Mutter zu treten.“, brachte die Großmutter ihren Gedanken zu Ende.
„Aber es braucht Geduld dafür. Mit der Zeit lässt sich nicht verhandeln. “

Das Fräulein“ „So-La-La“ hatte das Gefühl schwerelos durch die Luft zu schweben.

Es  spielte keine Rolle mehr, ob der Name der Mutter  in  der Zeitung stand oder ihr Gesicht über die Fernsehschirme flimmerte.  Sie war viel bedeutender als nur weltberühmt. Über nichts wurde mehr geredet als über das Wetter.

Wer etwas über ihre Mutter erfahren wollte,  musste es nicht in einer Zeitung nachlesen.  Ein Blick in den Himmel genügte, um sie bei der Arbeit zu beobachten. 

Die Staatsmänner mochten wichtige Reden schwingen und sich gegenseitig die Weltherrschaft streitig machen. Aber im Vergleich zu ihrer Mutter waren sie klein und bedeutungslos.
Die Präsidenten, König und Generäle bestimmten über das Schicksal von Millionen von Menschen.  Ihre Unterschriften entschieden über Krieg und Frieden.  Aber sie konnten keinem einzigen Regentropfen befehlen, wann und wo er auf die Erde fiel.  Diese Macht lag allein in den Händen ihrer Mutter. Ihrer Laune blieb es überlassen, ob ein warmer Südwind wehte oder sich ein Sturm zusammen braute. Ob eine Hitzefront im Anmarsch war oder ein Kälteeinbruch die Welt in Atem hielt. 

Freudestrahlend warf sich das Fräulein „So-La-La“  der Großmutter in die Arme.  
Nie wieder würde sie als verlassenes Mädchen fühlen, dem die Mutter jeden Morgen einen flüchtigen Kuss auf die Wangen drückte, bevor sie ihrer Arbeit nachging.  Sie musste nur aus dem Fenster blicken, um ihr nahe zu sein.  

In jedem Sonnenstrahl schimmerte ein Lächeln von ihr. Mit jedem Regentropfen fiel eine Träne aus ihren Augen vom Himmel.

Wenn die Mutter eine schlechte Laune brütete,  weil sie neben ihrer Arbeit noch Einkäufe erledigen,  Essen kochen, Wäsche waschen, Geschirr abspülen, Betten machen, Zimmer aufräumen, Fenster putzen,  Boden wischen, und tausend andere Dinge zu erledigen hatte, diente es einem höheren Zweck.  Denn ohne Regen, Donner und Blitz ging es  auf der Welt nicht.

Am Schluss musste das Fräulein „So-La-La“  der Großmutter versprechen, keiner Menschenseele etwas zu verraten, dass sie über das Geheimnis ihrer Mutter Bescheid wusste. Der Schwur schloss auch ihren Vater ein,  der weiterhin überzeugt blieb, mit einer Krankenschwester verheiratet zu sein.

Einzig bei ihrer Lieblingspuppe, die mit ihr das Bett teilte,  konnte das Fräulein  „So-La-La“  den Mund nicht  halten.
Die Mutter tobte in der Küche gerade in der Windstärke neun, weil sie den Verlust einer Suppenschüssel beklagte. Der Vater hatte das wertvolle Stück  beim Abendessen aus Versehen vom Tisch gestoßen.

Als eine heftige Sturmböe gegen die Fensterschlug, drückte das Fräulein „So-La-La“ ihre Puppe an sich.  

„Man msus keine Agnst vor ihr hbaen.“, flüsterte sie ihr ins Ohr.
„Sie tut kiener Filege etaws zu Liede.“

Und wer einmal anfängt ein Geheimnis auszuplaudern, kann meist erst damit  aufhören, wenn es ganz verraten ist.

„Miene Mtuter ist enie Wteterfee.“,  plapperte das Fräulein  „So-La-La“ munter weiter.
„Enies Tgaes terte ich  in irhe Fußstpafen, Dnan zeihe ich jdeen Mrogen ich  die Snone üebr den Hroiznot am Hmimel hcoh.  Bei schlehcter Luane lsase ich es in den Wloken dnonern.  Wnen ich  es eliig hbae, bälst ein hftieger Strum druch die Starßen.  Und wnen mir zum Wienen ist,  rgenet es auf der Edre.“.

Das Fräulein redete und redete, bis das Donnerwetter der Mutter verebbt war. Und weil ihre schlechte Laune lange anhielt,  war am Ende das Geheimnis kein Geheimnis mehr.

Da überkam das Fräulein „So-La-La“ ein  schlechtes Gewissen. Vor lauter Sorge, die Welt mit ihrem Verrat in Gefahr gebracht zu haben, brachte sie kein Auge zu. Sie schlüpfte aus ihrem Bett und schlich sich die Treppe hoch.

In der Dachkammer saß ihr Vater bis spät nachts an seinem Schreibtisch, wo er endlose Rechenkolonnen in seinen Computer eintippte.
An diesem Abend hockte er zu einem Häufchen Elend versunken  in seinem Sessel.    

 „War ihr Luane  so schelcht?“,   erkundigte sich das Fräulein „So-La-La“  besorgt.

Der Vater nickte.   

„Ich glaube, morgen wird das Wetter richtig  mies.“,   seufzte er, ohne zu wissen, wie nahe er mit seiner Vorahnung der Wahrheit rückte.

Bevor sie ins Bett zurückhuschte  beichtete sie ihm, was sie angestellt hatte.

„Nun knan die Ppupe jdeermnann davon erzhälen.“, schluchzte sie.

Der Vater sah keinen Grund zur Besorgnis.   

„Einer Puppe kann man alles anvertrauen.“,  beruhigte er seine in Tränen aufgelöste Tochter, ohne nach dem Geheimnis zu fragen, das sie in sich trug.
„Ihre Ohren sind dunkler und verschlungener als die tiefsten  Brunnen. Die Dinge, die man in sie hineinflüstert, finden nie wieder ans Tageslicht zurück.“

Als die Mutter spät nachts einen Blick ins Kinderzimmer warf, fand sie das Fräulein  „So-La-La“ schlafend in den Armen ihrer Puppe vor.  
Sie hatte die Fäuste geballt und stöhnte bei jedem Atemzug.

Besorgt machte die Mutter das Licht an. Verschlafen blinzelte das Fräulein „So-La-La“ in das Licht der Deckenlampe.  Mit einem Lächeln drehte sie sich zur Seite. Sie schloss die Augen und griff wieder nach dem Seil, um die Sonne ein Stück weiter am Himmel hochzuziehen.