
Wie das Fräulein „So-La-La“ die allerschlimmsten Fragen erfindet
Die ersten Versuche, um die Welt zu reisen, führte das Fräulein „So-La-La“ in die Dachkammer ihres Vaters. Dort stand ein verstaubter Globus.
Wenn sie das Fernweh packte, versetzte sie der um die eigene Achse rotierenden Kugel einen leichten Stoß. Dann schloss sie die Augen und tippte mit dem gestreckten Zeigefinger auf den Globus.
Der Punkt, auf dem er landete, markierte das Reiseziel.
Ohne einen Schritt vor die Tür zu setzen, übersprang das Fräulein „So-La-La“ mühelos die Weiten der Kontinente und Ozeane.
Auf den Spuren ihrer Großmutter schlürfte sie morgens Kokosnüsse in Afrika. Mittags verspeiste sie Straußeneier in Australien. Abends aß sie Reis in China. Und pünktlich zum Abendessen kehrte sie in das Arbeitszimmer ihres Vaters zurück.
Bald hatte das Fräulein „So-La-La“ mit Hilfe ihres gelenkigen Zeigefingers jeden Ort der Welt erkundet.
Irgendwann begann es zu langweilen, von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten zu hüpfen.
Sie fing an, die Dinge, denen sie bei ihren Reisen im Kopf begegnete, zu hinterfragen.
Wie viele Farbtöpfe waren nötig, um den Himmel anzumalen? Warum hatte man ihn blau gestrichen? Und wer malte den Himmel nach, wenn die Farbe abblätterte?
Wie waren die Sterne und Planeten am Himmel festgemacht? Waren sie geschraubt? Hatte man sie angenagelt? Oder waren sie aufgeklebt?
Wenn die Welt bereits zu zwei Drittel von Wasser bedeckt war. Warum drehte niemand den Wasserhahn zu, bevor es zu spät war?
In dieser Tonart ging es endlos weiter.
Als wäre es für das Fräulein „So-La-La“ nicht schon Plage genug, einen verrückten Clown im Mund zu haben, lieferten ihre Fragen Stoff für zusätzliches Gerede.
Kein Tag verging, ohne dass sich die gestreckten Zeigefinger, hochgezogenen Augenbrauen und mitleidigen Stimmen in ihrem schadenfrohen Vergnügen badeten.
„Wraum tärgst du einen Ball auf der Nsae spzaizeren?“, fragte das Fräulein „So-La-La“ eine Nachbarin, der sie im Stiegenhaus begegnete.
Die arme Frau, deren Gesicht durch eine riesige Warze auf der Nase verunstaltet wurde, funkelte das Fräulein „So-La-La“ böse an.
„Eine solche Frechheit gehört verboten.“, empörte sie sich und zog die Augenbrauen in die Höhe.
Bei einer medizinischen Untersuchung erregte das Doppelkinn des Arztes die Aufmerksamkeit des Fräulein „So-La-La“.
„Wraum wcähst dir ein Buach im Gesciht?“, erkundigte sie sich neugierig nach der Ursache über den Makel in seiner Erscheinung.
„Allerschlimmste Sprachstörungen.“, lautete seine mit gestrecktem Zeigefinger getippte Diagnose.
Der Besuch in einer Autowerkstätte sorgte für neuen Unmut.
„Wraum bdaet dcih diene Mtuter nicht mher.“, vermutete in der mangelnden Körperpflege des ölverschmierten Mechanikers einen familiären Zwist.
„Deine Zunge stottert wie ein alter Motor.“, verhöhnte sie die mitleidige Stimme des Mechanikers.
Die Reihe der Demütigungen setzte sich endlos fort. Ihren Kummer schluchzte das Fräulein „So-La-La“ jede Abend heimlich unter die Bettdecke.
nes Nachts entlud sich über dem Dach des Hauses ein Gewitter. Die grelle Blitze tauchten das Zimmer in ein gespenstisches Licht. Ein gewaltiger Donner erschütterte den Himmel. Im gleichen Augenblick sprang ein Zahnrad im Kopf des Fräulein „So-La-La“ vor Schreck an die falsche Stelle.
Die unabsichtliche Vierteldrehung löste eine verhängnisvolle Kettenreaktion in ihrem Räderwerk aus.
Mit kaltem Blick beobachtete sie das nächtliche Wetterleuchten im Fenster. Das Lächeln auf ihren Lippen gefror zu Eis.
„Ich quläe sie mit Fargen, die sie nciht beantorwten knönen.“, schwor sie ihren Peinigern bittere Rache.
Ein Blitz, der direkt vor dem Haus in eine Stromleitung einschlug, lieferte die unheilvolle Melodie dazu.
Die Wirklichkeit der nächsten Tage bot ein anderes Bild. Zum Entsetzen des Fräulein „So-La-La“ verfehlten die ersten Fragen die hochgesteckten Erwartungen.
Die gestreckten Zeigefinger, hochgezogenen Augenbrauen und mitleidigen Stimmen sahen keinerlei Veranlassung, Reißaus zu nehmen. Großzügig beantworteten sie ihre Fragen.
Was als Vergeltung für die tagtäglichen Demütigungen geplant war, geriet zur leichten Unterhaltung.
Das Fräulein „So-La-La“ wurde als Wunderkind herumgereicht. Wildfremde Menschen klopften ihr auf die Schulter und beglückwünschten sie zu ihrer Neugier, den Geheimnissen der Welt auf den Grund zu gehen.
„Ich wundere mich jeden Tag mehr über sie.“, plagten die Mutter Zweifel über die tatsächlichen Absichten ihrer Tochter.
„Ihre Neugier erinnert an eine Heuschreckenplage.“,
stöhnte der Vater angesichts der unaufhörlichen Flut von Fragen.
Nacht für Nacht brütete das Fräulein „So-La-La“ an der Verbesserung ihres finsteren Planes.
Sie war nicht eher zufrieden, bis die Schärfe einer Rasierklinge aus ihnen blitzte.
Nach Tagen und Wochen verbuchte sie erste kleine Erfolge. Ihre Nachtarbeit begann, sich bezahlt zu machen.
„Solche Fragen stellt man nicht.“, kapitulierte eine zuckende Augenbraue.
Diese Antwort ist nicht für Kinderohren geeignet.“, räumte ein geknickter Zeigefinger das Feld.
„Ich habe die Frage nicht verstanden.“, berief sich eine wehleidige Stimme auf ihre Schwerhörigkeit, um ihre Niederlage zu verbergen.
Das Fräulein „So-La-La“ spürte Genugtuung. Aber ihr Hunger nach Vergeltung war noch lange nicht gestillt.
Nach den ersten Siegen verfeinerte sie ihren Plan um einen ausgeklügelten Hinterhalt.
Mit einer einfachen Erstfrage schaffte sie Vertrauen. Wenn sich das ahnungslose Gegenüber gönnerhaft in seiner Antwort sonnte, brachte sie ihn mit einer Hauptfrage ins Wanken. Verfiel ihr Opfer in ein hilfloses Stottern schickte das Fräulein „So-La-La“ die furchtbarste ihrer Waffen in den Kampf.
Mit dicht gestaffelten Nachfragen stieß in die offene Flanke des taumelnde Gegners und brachte ihn zur Strecke. Es folgte eine Zeit großartiger Triumphe.
Das Fräulein „So-La-La“ genoss den Anblick der blassen Gesichter der gestreckten Zeigefingern, hochgezogenen Augenbrauen und mitleidigen Stimmen, wenn sie zu stammeln begannen.
Mit der Ruhe eines kalten Herzens setzte sie zum entscheidenden Schwinger an, der ihre Gegner zu Boden warf. Mitleid war ihr fremd. In ihrer gequälten Seele gab es keinen Platz für Gefühlsduselei. Aber der Preis für ihre Siege war hoch bezahlt.
Als eine Supermarktkassierin unter einer Welle von Nachfragen ohnmächtig vom Stuhl kippte, verhängte die Mutter einen mehrtägigen Hausarrest.
Der Schwächeanfall einer Putzfrau im Stiegenhaus kostete sie den Preis eines dreiwöchigen Fernsehverbotes.
Und als sie der Kinderarzt unter lautstarken Beschimpfungen aus seiner Praxis warf, strafte sie die Mutter mit einer Woche Schweigen.
ber alle Verbote und Strafen hielten das Fräulein „So-La-La“ nicht davon ab, ihren Rachefeldzug fortzusetzen. Mit kaltblütiger Präzision teilte sie die Schläge gegen ihre Widersacher aus.
Im Siegesrausch hatte sie keinen Blick für den Schatten, der ihr Leben langsam verdunkelte.
Die Menschen begannen, einen weiten Bogen um sie zu schlagen. Eine nie gekannte Stille breitete im Haus aus.
Nach außen weinten die Eltern den gestreckten Zeigefingern, hochgezogenen Augenbrauen und mitleidigen Stimmen keine Träne hinterher.
„Sie sollten Steuern zahlen müssen für ihre Dummheit.“, giftete ihnen die Mutter nach.
„Mögen sie selbst mit solchen Töchtern gesegnet sein.“, wünschte ihnen der Vater gar Schlimmeres an den Hals.
Freunde und Nachbarn, die zum Essen geladen waren, benötigten Nerven aus Stahl, um ein dreigängiges Menü durchzustehen.
Die meisten Gäste flohen bereits nach der Suppe. In der Regel ergriffen die gepeinigten Opfer nach der ersten Hauptfrage unter fadenscheinigen Ausreden die Flucht.
Die wenigsten hielten bis zur Nachspeise durch, ehe auch sie Reißaus nahmen.
Oft blieben bei den überstürzten Aufbrüchen Mäntel, Jacken und Schuhe zurück. Mit der Zeit häufte sich eine herrenlose Garderobe an, die niemand zurückforderte, weil die ehemaligen Besitzer das Risiko eines erneuten Besuches scheuten.
Als ein guter Freund der Familie nicht nur fluchtartig das Weite gesucht, sondern auch seine Telefonnummer geändert hatte, sprach der Vater ein Machtwort.
„Die Fragen müssen ein Ende haben.“, forderte er seinen eigenen Untergang heraus.
Seit Wochen hatte sich kein Besucher mehr über die Türschwelle gewagt.
t zusammengekniffenen Augen fixierte er seine Tochter, die am Tisch mit ihrer Puppe spielte und tat, als ginge sie die Unterhaltung nichts an.
Unter Aufbringung all seiner Kräfte gelang es dem Vater, die Augenbrauen unten und den Zeigefinger krumm zu halten.
Das Fräulein „So-La-La“ schenkte ihm keine Beachtung. Die Mutter protestierte halbherzig.
Das Gesicht des Vaters lief puterrot an. Reflexartig schnellte seine rechte Hand hinter dem Rücken hervor. Der Zeigefinger zielte in gestreckter Haltung auf das Fräulein „So-La-La“. Sofort wurde dem Vater bewusst, welches Unglück er gegen sich heraufbeschworen hatte. Im Bruchteil einer Sekunde verlor er jede Farbe aus dem Gesicht. Kalter Schweiß glänzte ihm auf der Stirn.
Kreidebleich starrte er die Mutter an. Dann drehte er sich um die eigene Achse und sprang zur Tür hinaus.Mit einem lauten Knall schlug die Küchentür hinter ihm ins Schloss.
Nun platzte auch der Mutter der Kragen. Für einen Moment verlor sie die Kontrolle über sich und zog die Augenbrauen in die Höhe. Bestürzt über den unverzeihlichen Frevel, schlug sie sich die Hände vor die Ohren.
Aber es war bereits zu spät. Bevor sie sich aus der Tür retten konnten, prasselten die Fragen des Fräulein „So-La-La“ mit der Wucht eines Orkans auf sie herein.
Eine dünne Rauchsäule stieg aus ihren Ohren. Dann sackte sie bewusstlos zusammen.
Sie wachte auf dem Sofa im Wohnzimmer auf. Der Vater kniete auf dem Boden und betupfte ihre Stirn mit einem nassen Tuch. Zum Schutz gegen weitere Fragen, hatte er sich Wattestäbchen in die Ohren gesteckt.
Sie lässt uns keine andere Wahl.“, schrie er gegen das auf volle Lautstärke aufgedrehte Radio an.
Die weitere Unterhaltung zwischen ihnen bedurfte keiner Worte.
Minuten später schrillte in einer zigarrenverqualmten Wohnung ein Telefonapparat mit einer Wählscheibe einem knochenartigen Hörer auf der Gabel. Es dauerte lange, bis es in der Leitung knackste und sich eine tiefe Stimme meldete. Der Vater schluchzte einen Hilferuf ins Telefon.
Die Antwort der Stimme am anderen Ende der Leitung fiel knapp aus.
„Da hilft nur noch der Mundtotmacher.“
Dem Vater fiel vor Schreck beinahe der Hörer aus der Hand. Die Mutter starrte ihn fragend an. Der Vater nickte. Sein Gesicht war aschfahl.
Am nächsten Tag stürzte die Mutter frühmorgens aus der Tür. Der Vater hetzte atemlos hinterher. Ihr hektischer Aufbruch glich der Flucht aus einem brennenden Haus.
Nach wenigen Minuten stand der Vater wieder in der Tür. In der Aufregung war er in Socken auf die Straße gelaufen. Kaum war er wieder aus dem Haus, schlug die Glocke erneut an. Die Mutter hatte vergessen, die Lockenwickler aus den Haaren zu drehen.
Das Fräulein „So-La-La“ beobachtete das hektische Treiben aus sicherer Entfernung. Sie schlürfte am Küchentisch ihre heiße Schokolade und genoss den Duft der Frühstücksbrote, der sich in ihre Nase schmeichelte.
„Ein Notflal?.“, heuchelte sie das Unschuldslamm.
Die Frage richtete sich an die füllige Gestalt, die in einem smaragdgrünen Kleid auf der anderen Seite des Tisches saß.
ma Rosa blickte von ihrer Zeitung hoch. Das schwere Gestell der Hornbrille drückte auf ihre Nasenspitze.
Der gestreckte Zeigefinger ihrer rechten Hand fuhr dem Fräulein „So-La-La“ direkt unter die Nase.
„Einer von der übelsten Sorte.“, antwortete sie und zog die Augenbrauen hoch.
Ohne ihrer Aussage etwas hinzuzufügen, widmete sie sich wieder ihrer Lektüre.
Das Fräulein „So-La-La“ schaukelte unruhig auf ihrem Stuhl. Eine düstere Vorahnung verfinsterte ihre Gedanken. Die Großmutter saß nicht zum Frühstücksplausch mit ihr am Tisch.
Heimlich bereitete sie ihre Verteidigung vor.
„Worum ghet es?“, spielte sie weiter die Ahnungslose.
„Allerschlimmste Fragen.“, antwortete die Großmutter mit mitleidiger Stimme.
„Ach ja.“, reagierte das Fräulein „So-La-La“ gelassen auf die Provokation, um ihr Opfer in Sicherheit zu wiegen.
Im gleichen Atemzug ging sie mit einer Fragenkanonade, mit der sie die Supermarktkassierin vom Stuhl geholt hatte, zum Gegenangriff über. Die Großmutter zeigte keinerlei Reaktion. Seelenruhig rückte sie das Brillengestell auf ihrer Nase zurecht.
Das Fräulein „So-La-La“ erhöhte die Schlagkraft ihrer Attacke und feuerte eine Salve ab, die zwei Tage zuvor ihren Kinderarzt außer Gefecht gesetzt hatte.
Die Fragen prallten an der Großmutter ab wie an einem Panzer. Ungerührt las sie sich durch den Sportteil der Zeitung.
Das Fräulein „So-La-La“ geriet in Panik. Hektisch plauderte sie sich durch ihr gefürchtetes Arsenal an allerschlimmsten Fragen.
Eine Frage nach deren anderen verpuffte, ohne dass sie an der Großmutter Wirkung zeigten.
Einmal antwortete sie mit einem mitleidigen Stoßseufzer. Ein anderes Mal blickte sie mit hochgezogenen Augenbrauen von ihrer Lektüre hoch, bevor sie mit gestrecktem Zeigefinger die Seite umblätterte.
Nervös stopfte sich das Fräulein „So-La-La“ ein Frühstücks-brötchen in den Mund.
Explosionsartig quoll der Bissen zwischen ihren Zähnen zu einem zähen Brei auf. Binnen Sekunden verfestigte er sich zu einer betonharten Masse.
„Mpfmpfmpf.“, stöhnte das Fräulein „So-La-La“.
Sie brachte keinen Ton mehr über die Lippen. Verzweifelt versuchte sie, die Großmutter auf ihre Notlage aufmerksam zu machen.
Oma Rosa blickte teilnahmslos von ihrer Zeitung hoch.
Nun ging dem Fräulein „So-La-La“ ein Licht auf. Die überstürzte Flucht ihrer Eltern war ein abgekartetes Spiel. Sie war einem Hinterhalt in die Falle gegangen.
Ihr Blick schwenkte zu dem Teller hinüber, auf dem sich die Frühstücksbrötchen stapelten. Unter einer hauchdünnen Schicht aus Schokolade versteckt, glänzte ein dicke Geleeschicht.
„Mpfmpfmpf.“, rumorte es in ihrer Kehle.
Die Übersetzung ließ sich an ihrer Miene ablesen. Es war die unverhohlene Drohung, ihrem Gegenüber mit den Fingernägeln das Gesicht blutig zu pflügen.
Inzwischen war der Brei zur Gänze ausgehärtet. Wütend fegte das Fräulein „So-La-La“ den Teller vom Tisch.
Die Großmutter blickte sie verständnisvoll an und schüttelte den Kopf. Dann widmete sie sich wieder ihrer Lektüre.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie die letzte Seite umgeblättert hatte. Oma Rosa faltete die Zeitung zusammen und nahm die Brille von der Nase.
Schweigend bückte sie sich nach ihrer Tasche und kramte ein Paar Gummihandschuhe heraus.
„Wer seine eigene Mutter mit allerschlimmsten Fragen von den Beinen holt, hat den Mundtotmacher verdient.“, seufzte sie.
as Fräulein „So-La-La“ wurde leichenblass. Der Anblick der Handschuhe ließ sie das Schlimmste befürchten. Sie fühlte, wie ihr langsam die Sinne schwanden.
„Mpfmpfmpf.“, flehte sie um Erbarmen.
Ungerührt streifte die Großmutter die Handschuhe über.
„Es wird Zeit, dem Übeltäter das Handwerk zu legen.“, sagte sie.
Der Mundtotmacher wäre eine bewährte Methode, um Plappermäuler zum Schweigen zu bringen. Die Behandlung würde lediglich einen kurzen Eingriff erfordern. Danach ginge das Leben weiter.
Das Fräulein „So-La-La“ zitterte am ganzen Körper. Vor ihren Augen explodierte ein Sternenregen. Dann versanken ihre Sinne in einer erlösenden Dunkelheit.
Den dumpfen Schlag, mit dem ihr Kopf auf die Tischplatte schlug, spürte sie nicht mehr.
Sie wachte mit einem schmerzhaften Pochen an der Stirn auf. Ihr Schädel brummte. Verschwommen nahm sie das Geschehen vor sich wahr. Die Großmutter stand mit dem Rücken zu ihr am Tisch. Ihre Miene war ernst wie die Gesichter der Könige, Präsidenten und Generäle, wenn sie ihre Reden schwangen.
Sie trug einen blauen Kittel über ihrem smaragdgrünen Kleid. Die rote Haarmähne war unter einem Haarnetz verschwunden.
Mit dem Oberkörper beugte sie sich über den Tisch, wo sie in einer Werkzeugkiste kramte.
„Mpfmpfmp.“, keuchte das Fräulein „So-La-La.
Die Großmutter drehte kurz den Kopf zu ihr. Der flüchtige Blick, den sie ihr schenkte, ging durch das Fräulein „So-La-La“ hindurch, als säße sie unsichtbar auf ihrem Stuhl.
Der blanke Stahl eines Schraubendrehers in ihrer Hand blitzte bedrohlich im Licht der Deckenlampe.
Sie wischte sich mit dem Ellbogen über die Stirn und bückte sich nach der Werkzeugkiste, die am Boden stand.
un konnte das Fräulein „So-La-La“ sehen, welchem Zweck der Schraubendreher diente.
Der Schrei, der sich aus ihrer Kehle löste, zerschellte an dem Mundtotmacher, der jeden Ton erstickte.
Auf dem Tisch lag ein Mädchen auf dem Rücken. Es war mit einem weißen Laken zugedeckt. Nur die nackten Füße und der Kopf ragten hervor. Der Hals war mit einer Schraubzwinge fixiert.
Vorsichtig kämmte die Großmutter die Haare entlang des Mittelscheitels zurück.
Bei einem dunklen Muttermal setzte sie den Schraubendreher an.
Nach wenigen Umdrehungen ertönte ein lautes Klacken. Die Schädeldecke sprang auf und gab einen Mechanismus frei, in dem sich tausende winziger Zahnrädern drehten.
Entschlossen machte sich die Großmutter an die Arbeit. Sie wuchtete und schraubte. Sie hämmerte und klopfte. Schnell hatte ihr geschultes Auge den Fehler gefunden. Mit geübten Handgriffen setzte sie den Schraubenschlüssel an und beseitigte das Übel.
Innerhalb weniger Minuten war der Spuk vorbei. Nirgendwo blieb eine Schramme zurück.
Die Großmutter klappte die Schädeldecke wieder zu und zog die als Muttermal getarnte Schraube fest.
Nach getaner Arbeit streifte sie die Handschuhe ab und legte den Kittel ab. Sie setzte sich auf ihren Stuhl und trank einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse.
Zwischen ihren Fingern drehte sie ein kleines Zahnrädchen. Gebannt starrte das Fräulein „So-La-La“ auf das Metallstück, das nicht größer war als Kopf einer Stecknadel.
Plötzlich durchschaute sie das Spiel der Welt. Ihr Schicksal lag in den Händen von Mechanikern, die schraubten, schmierten und demontierten.
it ausgestreckten Zeigefingern standen die Könige in der ersten Reihe. Mit hochgezogenen Augenbrauen blickten die Präsidenten über die Köpfe der Massen, die an ihnen vorbeizogen. Mit mitleidigen Stimmen bestimmten die Generäle den Lauf der Geschichte.
Der Pomp ihrer Fahnen und Parolen dienten bloß dem Zweck, den Blick auf die Werkzeugkisten in ihren Händen zu verschleiern.
Tanzte ein Gedanke aus der Reihe, drehten sie daran, bis er sich wieder einfügte. Wurde eine Idee zu laut, schmierten sie das lästige Geräusch leise. Und bewegte sich ein Zahnrad in die falsche Richtung, entfernten sie es kurzerhand.
Jemand musste die Welt vor den Machenschaften der Mechaniker, der auch ihre Großmutter angehörte, warnen, empörte sich das Fräulein „So-La-La“.
Im gleichen Augenblick klatschte ihr ein nasser Lappen ins Gesicht.
„Mpfmpfmph.“, prustete sie
Verdutzt blickte sie sich um. Sie lag mit dem Rücken auf dem Sofa.
Die Großmutter kniete in ihrem smaragdgrünen Kleid vor ihr und blickte sie lächelnd an.
„Es war nur ein kurzer Schwächeanfall.“, beschwichtige sie ihre Enkelin.
Das Fräulein „So-La-La“ rieb sich die Augen. Ihr Kopf brummte immer noch.
Sie richtete sich auf und blickte zum Küchentisch. Nichts erinnerte dort an die schaurige Operation, deren Zeuge sie geworden war. Er war mit Tassen und Tellern gedeckt. Neben einer Kanne mit Tee lag die Frühstückszeitung.
Die Werkzeugkiste war ebenso verschwunden wie das Haarnetz auf dem Kopf der Großmutter. Nirgendwo fand sich eine Spur von dem blauen Kittel, den die Großmutter nach der Operation über einen Stuhl geworfen hatte.
ie griff sich an die Stirn. Die Beule fühlte sich echt an.
Nachdem die Großmutter die Schwellung mit einer Salbe versorgt hatte, träufelte sie einige Tropfen aus einem Fläschchen auf die Lippen des Fräulein „So-La-La“.
Die scharfe Tinktur brannte sich wie eine Feuerwalze durch den steinharten Mundtotmacher. Binnen weniger Augenblicke zerschmolz er zu einem zuckersüßen Karamellbrei. Mit einem lauten Knirschen löste sich die Zunge aus ihrer Versteinerung.
Erleichtert spuckte das Fräulein „So-La-La“ die klebrigen Überreste des Mundtotmachers auf einen Teller.
Eine halbe Stunde später saß sie in eine warme Decke gehüllt am Frühstückstisch und leckte vorsichtig an einem Kuchenstück.
Die Großmutter war in bester Laune. Das Fräulein „So-La-La“ machte gute Miene zum bösen Spiel.
Im Stillen arbeitete sie bereits an einer neuerlichen Attacke.
Inzwischen wusste sie, wie es zu ihrer Niederlage gekommen war. Die Großmutter hatte sich die Ohren mit Watte zugestopft.
Dieses Mal würde sie vorbereitet sein, zeigte sich das Fräulein So-La-La“ fest entschlossen, ihre Schmach zu rächen. Merkwürdigerweise konnte sie sich an keine einzige ihrer allerschlimmsten Fragen mehr erinnern.
Während sie verzweifelt versuchte, ihre Gedächtnis wiederzugewinnen, stach ihr ein Metallstück ins Auge, das unter der Zeitung hervorblitzte.
Sie hob es auf und drehte es zwischen ihren Fingern. Es war ein feingezacktes Zahnrad von der Größe einer Stecknadel.
Blitzschnell sprang die Großmutter an den Tisch und fischte es ihr aus der Hand.
„Das ist nur eine harmlose Schraube.“, bemühte sie sich um einen gelassenen Ton.
Das Fräulein „So-La-La“ wollte laut aufschreien. Aber das Kuchenstück in ihrem Mund unterdrückte jeden Ton.
Zwischenspiel
Die Geschichte, die an meiner Bettkante saß, blickte mich fragend an.
„Die Erinnerung an die Fragen ist nie wieder zurückgekommen. Ich weiß bis heute nicht, was an diesem Tag geschehen ist.“
„Ich weiß es auch nicht.“, antwortete ich.
Es war die Wahrheit. Ich hatte die Geschichte geschrieben. Sie war meine Erfindung. Aber die Fragen hatte sich das Fräulein „So-La-La“ in den Nächten ausgedacht, in denen mein Schreibtisch verwaist blieb.
Ich kannte sie nicht. Ich habe sie nie danach gefragt. Es ist ein Teil der Geschichte, den ich nicht aufschreiben wollte.
Gleiches galt für das Rezept des Mundtotmachers. Es wäre möglich gewesen, es für die Nachwelt festzuhalten. Die Großmutter hatte es mir anvertraut. Als ich es in die Tastatur tippte, fand ich es falsch. Ich habe die Zeilen wieder gelöscht. Ich wollte der Welt kein Rezept in die Hände spielen, das freche Zungen mundtot machte. Zu groß erschien mir das Risiko, dass es die Könige, Präsidenten und Generäle für ihre Zwecke missbrauchten.
„Schade.“, bedauerte die Geschichte meine Entscheidung.
„Dann scheint es wie die Fragen für immer verloren.“
Wir schwiegen uns an.
Keiner wagte es, den Gedanken aussprechen. Oma Rosa konnte das Geheimnis nicht lüften. Ihre Stimme war für immer verstummt.
Ich fühlte, wie ich langsam müde wurde. Es fiel mir schwer, die Augen offenzuhalten.
„Vielleicht ist das beste, dass die Fragen aus der Welt verschwunden sind.“, unterbrach die Geschichte ihr Schweigen, als wollte sie verhindern, dass ich einschlief.
„Niemand sollte die Macht besitzen, andere zum Schweigen zu bringen.“, sagte sie.
Sie griff nach einer Zeichnung aus der Mappe. Als ich ihre Stimme im Kopf hörte, war ich wieder hellwach. An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken.
