Tagebuch eines Stubentigers – 79

Eierfarbe

Als ein Osterhase im Hühnerstall
großmäulig mit der Behauptung prahlte,
dass er die größten Eier habe,
hat ein Hahn es missverstanden
und mit dem Schnabel zugebissen,
dass der Hase mit zerrissener Hose
kleinlaut das Weite suchte.

Später fragte eine Henne neugierig nach,
was es mit der Größe der Eier
bei dem Hasen auf sich habe,
worauf der Hahn lächelnd sagte,
man bekäme wohl zu hören,
dass zu Ostern seine Eier
blau gefärbt gewesen wären.

Kanonenschützen

Die Lust der Männer wird bestimmt
vom Dürfen, Wollen, Können und Müssen
in ihrer Rolle als Kanonenschützen.

Im Sturm und Drang der frühen Jahre
kämpft man(n) nicht mit der Schussanzahl,
sondern mit der geringen Zielauswahl.

Im Eheleben gehört man(n) den Kanonieren an,
die sich in der Lust nach Kanonenschüssen
auf ein Ziel beschränken müssen.

Ein Umstand, der man(chen) dazu verführt,
dass er mit seiner Kanone zieht
in ein anderes Kriegsschaugebiet.

Man(n) bleibt ein Schütze ein Leben lang,
wobei am Schluss nicht das Wollen leidet,
sondern man(n) an seinem Können zweifelt.

Traumreise

Eines Nachts verführte mich das Schicksal,
als es mich im Traum auf die Reise schickte mit der Freiheit,
 meine hundert Jahre zu leben ein zweites Mal.

Neugierig trat ich in die eigenen Fußstapfen
mit dem Unterschied, dass ich wusste, was gewesen war,
und folgte den vorgegebenen Koordinaten.

Tausendfach lockte mich die Erinnerung, neu zu wählen,
mit der Möglichkeit, die Geschichten von falschen Freundschaften,
verlorenen Lieben und verratenen Träumen anders zu erzählen.

Erschrocken bemerkte ich, je tiefer ich mich verstrickte
in mein zweites Leben, desto mehr fühlte es sich an,
als ob mich ein Fremder aus dem Spiegel anblickte.

Ich erlebte alle Freuden, Leiden und Tränen
mit anderen Menschen und Dingen, Freunden und Lieben
und begann mich nach den alten zurückzusehnen.

Schweißgebadet kehrte ich am Morgen zurück von dieser Reise
und stellte erleichtert fest beim Anblick der vertrauten Dinge,
das Leben fühlt sich am besten an auf einmalige Weise.