Der schwarze Mann

Am Anfang stand eine Pressekonferenz, die im Fernsehen live übertragen wurde. Millionen Menschen berauschten sich an dem Vergnügen, einem geltungssüchtigen Geschäftsmann zuzuhören, der mit staatstragender Miene versuchte, die Menge mit sinnentleerten Sprechblasen zu begeistern. Die unverhohlenen Drohungen, die er ins Mikrofon brüllte, brachten das Hohnlachen in den Wohnzimmern nicht zum Verstummen. Niemand sah Anlass, das Gestammel des orangehäutigen Clowns zu fürchten. Belustigt feierte man ihn für die kurzweilige Unterhaltung, die sein grotesker Auftritt bot.
Als es noch keine Bildschirme in den Wohnzimmern gab und man sich ins Theater bemühen musste, um Zerstreuung zu finden, genügte ein Blick auf den Bühnenvorhang, um sich zu vergewissern, dass das Geschehen, das sich zwischen den billigen Sperrholzkulissen abspielte, nicht die Realität widerspiegelte. Wenn der Vorhang fiel und die Deckenbeleuchtung den Zuschauerraum in helles Licht tauchte, löste sich das Spektakel auf der Bühne in Luft auf.
Der Applaus, mit denen die Akteure am Ende der Vorführung bejubelt wurden, war nicht zwingend ihrer schauspielerischen Leistung geschuldet. Manchmal drückte sich im Beifall die Erleichterung darüber aus, dass die Welt durch das Spiel auf der Bühne keine andere geworden war. Wenn sich das Publikum von den Stühlen erhob, nahm das Leben wieder seinen gewohnten Lauf.
In einer Zeit, in der die Nachrichtenkanäle für die abendliche Unterhaltung sorgen, hat die Fernbedienung die Aufgabe des Bühnenvorhanges übernommen. Ein Druck auf die Tastatur genügt, dass über die Dramen der Welt, die über die Bildschirme flimmern, der Vorhang fällt.
Aber dieses Mal sollte es anders kommen. Der Affenzirkus des bösartigen Clowns endete nicht, wenn man das Programm wechselte. Seine bizarre Darbietung lief auf unzähligen anderen Bühnen weiter. Die Groteske wurde zur Normalität, die beim Publikum verfing.
Über Wochen und Monate setzte sich der Clown in den Wohnzimmern fest. Und mit jeder Sendeminute in den Nachrichtenkanälen webte er sein Netz aus Intrigen und Lügen dichter.
Langsam ebbte das Gelächter ab. Beklemmendes Schweigen breitete sich aus. Irgendwann ließ sich die Wahrheit nicht mehr leugnen.
Der Menschenfänger feierte seine triumphale Rückkehr an die Macht. Wie so oft in der Geschichte trat er größer und mächtiger aus der Mitte derer hervor, die ihn zuvor belacht hatten. Unter dem Gespött der Menge hatte er geduldig seine Gefolgschaft eingesammelt, bis sie zur Mehrheit geworden war und ihm die Macht verlieh, die er schon in sich fühlte, als er auf der Bühne hinter eine unsichtbare Linie trat.
Nun schlug seine Stunde. Und jene, die ihm auf der anderen Seite gegenüber standen, spürten plötzlich ein Unbehagen, das in mir eine Erinnerung aus der Schulzeit wachrief.

Sie hat mit einem Spiel zu tun, das wir in der Volksschule im Turnunterricht spielten. Es hieß „Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann“? Als Zweitklässler ahnte ich damals nicht, wie nahe es dem Leben kam.
In der Klasse fürchtete niemand den „Schwarzen Mann“, wenn die Wahl auf ihn fiel. Weil er einer von uns war. Weil er mitten aus uns kam. Viele hängen diesem Leichtsinn aus der Kindheit ein Leben lang nach. Der Menschenfänger hat es leicht, seine Beute zu finden, wenn er die Opfer glauben machen kann, dass er einer von ihnen ist.
In der kleinen Landschule, die ich besuchte, drängten sich dreißig Bubenköpfe mit kurzgeschorenen Haaren auf wackeligen Stühlen zwischen abgenutzten Holzbänken. Es war eine Zeit, in der Jungen und Mädchen noch getrennt in der Schule unterrichtet wurden.
Der Turnunterricht bot eine willkommene Abwechslung, dem stundenlangen Stillsitzen in der Schulbank zu entrinnen. Zu dem ohrenbetäubenden Krach, mit dem wir den Turnsaal stürmten, mischte sich der Geruch von Schweiß und ungewaschenen Füßen.
Der Turnlehrer war ein Mann mittleren Alters, der die prägenden Jahre seines Lebens in den Schützengräben des letzten Weltkrieges verbracht hatte. Weder die Schulleitung noch unsere Eltern fanden etwas Seltsames daran, dass er uns einem Drill aussetzte, der seiner Erfahrung aus dieser Zeit entsprach.
In den ersten Minuten ließ er unserem Bewegungsdrang freien Lauf, um unsere Gemüter abzukühlen. Ein scharfer Pfiff aus seiner Trillerpfeife rief uns zur Ordnung. Niemand wagte es, sich dagegen aufzulehnen. Wie er es uns beigebracht hatte, fädelten wir uns in einer Linie vor ihm auf.
Die Regel, die er uns ins Leben mitgab, schrieb vor, dass die Größe die Reihenfolge festlegte. Es war das erste Mal, dass wir mit der Ordnung in Berührung kamen, die unser weiteres Leben prägen würde. Daran sollte sich nichts mehr ändern. Das Einzige, woran sich die Welt zu der Schule unterschied, war, dass nicht das Zentimetermaß die Hackordnung vorgab, sondern Geld und Macht die Reihenfolge bestimmte, nach der man sich einzuordnen hatte.
Als kleine Buben, die der Trillerpfeife des Turnlehrers gehorchten, war damals unsere Körpergröße der einzige erkennbare Unterschied, den wir untereinander ausmachen konnten. Der Klassenriese führte die Riege ungefährdet an. An ihrem Ende fügte sich der Kleinste von uns in die scheinbar unverrückbare Ordnung der Dinge.
Schweigend fieberten wir jedes Mal dem Höhepunkt der Turnstunde entgegen. Einer von uns wurde auserwählt, dem „Schwarzen Mann“ die Gestalt zu geben.
Wir wussten nicht, wie dunkel die Rolle war. Noch weniger ahnten wir, welche Macht sich darin verbarg.
Wie die meisten meiner Klassenkameraden verspürte ich wenig Lust, den „Schwarzen Mann“ zu spielen. Er machte einen von uns zum Außenseiter, der alleine gegen den Rest der Klasse bestehen musste.
Nach welcher Methode der Lehrer seine Entscheidung traf, blieb uns verborgen. Gebangt lauschten wir dem Klang seiner Schritte, wenn er die Reihe auf der Suche nach einem geeigneten Kandidaten abschritt. Nicht alle hielten seinem Blick stand. Manche schlugen die Augen nieder und starrten auf den Boden. Zu den wenigen, die ihn erwartungsvoll anblickten, gehörte der schwächliche Junge, der das Ende der Reihe bildete. Sein körperlicher Nachteil machte es ihm schwer, im Turnunterricht mit dem Rest der Klasse mitzuhalten. Bei keinem Mannschaftsspiel schaffte er es in die Auswahl. Meist musste er bis zum Schluss ausharren, bis er vom Turnlehrer einen Platz zugewiesen bekam.
Er war von Beginn an dem „Schwarzen Mann“ verfallen. Instinktiv erkannte er in der Macht das Werkzeug, das ihm zu der Geltung verhelfen würde, nach der er sich sehnte.
Eines Tages war es soweit. Der Turnlehrer schritt ans Ende der Reihe. Mit einer Handbewegung deutete er auf den Klassenzwerg und teilte ihm die Rolle zu. Neunundzwanzig Augenpaare beobachteten, wie der „Schwarze Mann“ mitten aus uns kam.
Ungläubig starrten wir die unscheinbare Gestalt an. Selten fiel die Wahl auf den Größten oder Stärksten. Aber dieses Mal schien der Turnlehrer die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Der Junge, den er ausgewählt hatte, brachte keinerlei Voraussetzungen mit, dem Spiel gerecht zu werden. Erstmals schien der „Schwarze Mann“ zum Scheitern verurteilt zu sein.
Mit geducktem Kopf machte sich sonderliche Zwerg auf den Weg ans Ende des Turnsaales, wo er hinter einer weißen Linie Aufstellung nehmen musste. Wir spürten die Einsamkeit, die ihn auf seinem Gang begleitete. Er gehörte nicht mehr zu uns. Beinahe empfanden wir Mitleid mit ihm. Aber mit jedem Schritt, der ihn seinem Ziel näher brachte, trat er entschlossener auf. Vor unseren Augen verwandelte er sich in den „Schwarzen Mann“.
Nachdem er seinen Platz eingenommen hatte, versammelte sich der Rest der Klasse am anderen Ende der Halle. Gelassen blickten wir auf den kümmerlichen Außenseiter, der uns gegenüber stand. Seine Gestalt hatte nichts an sich, das bedrohlich auf uns wirkte.
Aber nie werde ich das Flackern in seinen Augen vergessen. Die Entschlossenheit war seiner Miene anzusehen. Ungeduldig fieberte er seinem großen Auftritt entgegen.
In diesem Augenblick wurde mir das erste Mal bewusst, welche Veränderung die Macht in einem Menschen bewirken kann, wenn sie ihm durch glückliche Umstände in die Hände fällt. Es ist als würde man in den Spiegel des Teufels blicken, in dem die Fratze sichtbar wird, die in einer vergrämten Seele auf eine Gelegenheit lauert, sich zu zeigen.
Im Spiel liefen beide Parteien aufeinander zu, um zur jeweils anderen Seite des Turnsaales zu gelangen. Die Aufgabe des „Schwarzen Mannes“ bestand darin, einen aus der Menge, die ihm entgegen kam, einzufangen. Wer von ihm berührt wurde, musste auf seine Seite wechseln und ihm für den weiteren Spielverlauf Gefolgschaft leisten.
Ein kurzer Pfiff aus der Trillerpfeifer des Lehrers eröffnete das Spiel. Für die Größeren und Schnelleren unter uns glich es einem Spaziergang, sicher auf die andere Seite zu kommen.
Die Ersten, die das Schicksal traf, dem „Schwarzen Mann“ in die Fänge zu geraten, empfanden es als Demütigung, der sie widerwillig nachkamen.
„Wer hat Angst vor dem Schwarzen Mann?“, brüllte der Junge von seinen Erfolgen aufgepeitscht mit piepsender Stimme durch den Turnsaal.
„Niemand.“, schmetterten wir dem schmächtigen Zwerg auf der anderen Seite stolz entgegen.
„Und wenn er kommt?“, schrie der „Schwarze Mann“ gegen die Übermacht an, die ihm immer noch gegenüber stand.
„Dann laufen wir davon.“, spottete ein vielstimmiger Chor zurück.
Belustigt verfolgten wir die ungelenken Drohgebärden des Klassenzwerges. Seine Einschüchterungsversuche vermochten uns nicht zu beeindrucken. In unserem Gelächter schwang die Überheblichkeit, die wir ihm entgegen brachten. Wir wähnten uns in Sicherheit. Wir waren zu viele, als das uns die wenigen, die uns gegenüber standen, etwas anhaben konnten.
Was sollte uns die unscheinbare Erscheinung anhaben können? Wir wähnten uns in Sicherheit
In der Aufregung achteten wir nicht darauf, dass jeder, den er auf seine Seite zog, sich in einen „Schwarzen Mann“ verwandelte. So wurde das Spiel zu einem Rennen gegen die Zeit. Mit jeder Runde webte der „Schwarze Mann“ das Netz dichter.
„Wer hat Angst vor dem Schwarzen Mann?“, hallte es uns aus seiner wachsenden Heerschar entgegen. Das Stimmengewirr erhob sich zu einem lauten Choral. „Niemand.“, antworteten wir und spürten, wie uns das Lachen im Hals stecken blieb.
Wir sahen uns immer noch Auge in Auge mit einem Zwerg. Aber der Schatten, den er über uns warf, wurde mit jedem Durchgang länger.
Die Lücken, die der „Schwarze Mann“ in unsere Reihen schlug, waren nicht mehr zu füllen. Die anfängliche Überheblichkeit schlug in Unsicherheit um. Die meisten schwiegen, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Schafe hatten ihren Wolf erkannt.
Die Erkenntnis löste in manchen den Wunsch aus, sich der neuen Mehrheit anzuschließen. Bereitwillig liefen sie dem „Schwarzen Mann“ und seinen Helfershelfern in die Arme.
Bald schwoll seine Überlegenheit erdrückend an. Am Ende standen ihm und seinem Gefolge nur noch wenige gegenüber. Inmitten dutzender Handlanger, die sich in der unerwarteten Macht sonnten, blickte der „Schwarze Mann“ siegessicher auf das kleine Häufchen Widerspenstiger, die nervös nach einem Weg suchten, unbeschadet die andere Seite zu erreichen, wo sie für wenige Augenblicke in Sicherheit waren.
„Wer hat Angst vor dem Schwarzen Mann?“, schallte es den Verbliebenen entgegen. „Niemand.“, lautete die verzweifelte Antwort.
„Und wenn er kommt?“
„Dann laufen wir davon.“
Aber es gab kein Weglaufen mehr. In der Ausweglosigkeit fügten sich die Letzten ihrem Schicksal. Der „Schwarze Mann“ hatte gewonnen.
Lachend klopfte der Lehrer dem kleinen Jungen, den er aus der Unsichtbarkeit geholt hatte, auf die Schulter. Er hatte uns vor Augen geführt, wie die Macht funktionierte. Sie war nicht den Besten oder Stärksten vorbehalten. Sie war eine Rolle, die auch ein kleiner Zwerg ausfüllen konnte, wenn die Wahl auf ihn fiel.
Der „Schwarze Mann“ im Turnunterricht war mehr als ein Spiel. Es bereitete uns auf die Welt vor, die uns erwartete.
Man entkommt dem „Schwarzen Mann“ nicht, indem man ihn gewähren lässt. Man läuft ihm direkt in die Arme.
Unauffällig steht er in einer Reihe mit uns. Wir sehen ihm den Teufel nicht an. Weil es keinen Richter gibt, der einen Teufel dazu verurteilt wie ein Teufel auszusehen. Weil er einer von uns ist. Weil er uns mit seiner vorgetäuschten Harmlosigkeit zu blenden weiß. Bis er heraustritt mitten aus uns und in seine Rolle schlüpft.
Als goldhaariger Clown mit rotem Schlips. Als schmallippiger Gnom mit kurzen Beinen. Als gelbgesichtiger Harlekin mit erstarrter Mimik.
Seine Wahl bleibt in den meisten Fällen unergründlich. Spöttisch begleiten wir seinen Werdegang in den Nachrichtenkanälen hinter die weiße Linie. Wir sehen einen Grimassen ziehenden Sonderling, der die Bühne betritt.
„Wer hat Angst vor dem Schwarzen Mann?“, bellt er mit überschlagender Stimme in die Mikrofone.
Die entschlossene Miene, die er bei seinem Auftritt zeigt, mag uns nicht zu beeindrucken. Wir sind blind für seine Bereitschaft, das Äußerste zu wagen.
„Niemand.“, antworten wir ihm belustigt über seinen Auftritt von der gegenüberliegenden Seite, wo wir auf bequemen Stühlen in unseren Wohnzimmern sitzen.
„Und wenn er kommt?“, schallt es uns entgegen.
„Dann laufen wir davon.“,schreien wir ihm mit der Überheblichkeit von Millionen Stimmen entgegen.
Aber die Welt ist kein Turnsaal. Und wir sind keine kleine Jungen mehr. Unsere Beine sind müde geworden. Wir laufen anders davon als in unserer Kindheit. Es ist ein Wegsehen, ein Weghören, mit dem wir hoffen, uns auf die andere Seite retten zu können.
Tatenlos geben wir dem „Schwarzen Mann“ den Weg frei, bis die ersten Risse in unseren Reihen sichtbar werden. Mit ausgefahrenen Ellbogen und geballten Fäusten fischt er nach den Schwächsten und Langsamsten in den Wohnzimmern und zehrt sie auf die Straße zu sich hinter die weiße Linie.
Wir weigern uns, in seinem Aufstieg die kommende Gefahr zu erkennen. Wir wähnen uns in Sicherheit im Schutz der Masse, die in ihren Häusern hockenbleibt und teilnahmslos auf die Fernsehschirme starrt. Wir beruhigen uns mit dem Gedanken, die schweigende Mehrheit zu sein. Wir verlassen uns auf die Vernunft. Bis der „Schwarze Mann“ Wahlen gewinnt. Bis er uns mit seinen Parolen vergiftet. Bis sich die Willfährigen und Geltungssüchtigen bereitwillig von ihm einfangen lassen und die Seite wechseln. Bis im Spiegel des Teufels seine wahre Fratze sichtbar wird.
Verzweifelt starren wir auf das Theater, das sich in den Nachrichten abspielt. Wir klammern uns an die Hoffnung, dass irgendwann der Vorhang fällt und die Deckenbeleuchtung angeht. Aber die Fernbedienung in unserer Hand versagt ihren Dienst. Der „Schwarze Mann“ lässt sich nicht mehr aus unseren Wohnzimmern vertreiben. Vor aller Augen schreitet er ans Rednerpult, um seinen Sieg zu erklären. Die Genugtuung ist seiner Miene abzulesen.
Im Rückblick erscheint es mir, als wollte uns der Turnlehrer vor diesem Tag warnen, als er einen unscheinbaren Zwerg bestimmte, aus der Reihe vor zu treten. Er bereitete uns darauf vor, dass der „Schwarze Mann“ irgendwann mitten aus uns kommt, wenn die Wahl auf ihn fällt.