
Es läutet Sturm an der Haustür. Als ich sie öffne, blicke ich in das breite Grinsen meines Freundes. Seine gute Laune gilt nicht mir. Mit ausgestreckten Armen lenkt er meinen Blick zu seiner neuesten Anschaffung. Weißer Lack, schwarzes Leder, vier Räder und kein Dach.
<Wo ist mein Auto?>, ringe ich nach Luft beim Anblick des Cabrios, das in der Hauseinfahrt parkt.
Die alte Kiste habe ausgedient, lässt mich mein Freund wissen. Das Strahlen in seinem Gesicht erwartet Dankbarkeit von mir. Ich zwinge mich dazu, ihm nicht an die Kehle zu springen und auf der Stelle vor der Haustür zu erwürgen.
<Deutlicher kann man seine Midlife-Crisis nicht vor sich hertragen.>, japse ich nach Sauerstoff ringend.
<Für Luxus ist es nie zu spät.>, antwortet er mit der Galanterie eines edlen Gönners und schlägt die Autotür vor mir auf. Ich blicke auf das erlesene Interieur einer Edelmarke. Im Boden unter mir öffnet sich ein schwarzes Loch. Meine Knie beginnen zu zittern.
<Wieviel?>, jaule ich in Vorbereitung des Schmerzes, der mich erwartet.
<250 Pferdestärken.>, lacht er und klopft mir auf die Schulter, als könnte man mit dieser Beschleunigungsreserve allen Lebenskrisen einschließlich jener durch die Anschaffung einer solchen Luxuskarosse entkommen.
<Wieviel hat der Wagen gekostet?>, präzisiere ich unter wildem Gebrüll.
Mein Freund quittiert mein kleinbürgerliches Verhalten, die Dinge allein nach ihrem Preis zu bewerten, mit einem mitleidigen Blick.
Er habe für meine alten Rostlaube das Bestmögliche herausgeschlagen, weicht er einer klaren Antwort aus. Damit erübrigt sich meine nächste Frage. Die letzten Reserven auf meinem ohnedies schon strapazierten Konto dürften sich dank seiner Unterstützung endgültig in Luft aufgelöst haben.
Welcher Teufel ihn geritten hat, ohne mein Wissen einen Wagen anzuschaffen, der einzig für Schönwetterausfahrten taugen würde, schreie ich ihn an.
Anstelle eine Erklärung abzugeben, zieht mein Freund den Zündschlüssel aus seiner Hosentasche. Mit einer für sein Alter beeindruckenden Leichtigkeit springt er in die tiefergelegte Karosserie des Wagens. Ein Knopfdruck lässt den Motor aufheulen. Der Auspuffknall erschüttert mein Trommelfell. Sekunden später faltet sich wie von Zauberhand ein Dach aus dem Kofferraum und rastet vorne auf der Windschutzscheibe ein.
Nachdem meine Wut verraucht ist, überredet er mich, selbst das Steuer zu übernehmen. Lenkrad und Sitz fühlen sich gut an. Als ich nach dem Schalthebel greife, ebbt der Schmerz über meinen geschrumpften Kontostand ab. Langsam freunde ich mich mit dem Gedanken an, dass in meinem Vorgarten ein stromlinienförmiger Sportbolide mit dem Innenraum eines Kinderwagens parkt.
Mein Freund blickt mich augenzwinkernd an. Dass ich zum glücklichen Besitzer eines Cabrios geworden bin, sei ausschließlich seiner Nervenstärke zu verdanken, berichtet er von den Mühen, die ihm der Kauf abverlangt habe.
<Wir sind gerne für sie da.>, kündigt ihm das Schild an der Eingangstür des Autohauses an. Allerdings nur theoretisch. Die knappen Öffnungszeiten bis Mittag lassen erahnen, dass die Verkäufer die Nachmittage lieber im vertrauten Kreis verbringen.
Mein Freund drückt die aufgedruckte Telefonnummer auf dem Türschild in sein Handy. Nach zwei vergeblichen Anläufen bedauert die freundliche Damenstimme am anderen Ende der Leitung, den Wunsch nach einem sofortigen Termin nicht erfüllen zu können. Die Verkäufer arbeiten gerade unter Hochdruck rund um die Uhr an der Erledigung von Kundenanliegen. Erfreulicherweise könne sie bereits für Ende der kommenden Woche ein Verkaufsgespräch anbieten.
Die Telefonstimme scheint nicht auf dem Laufenden zu sein. Dem Verkäufer hinter der Glaswand müssen einige Termine ausgefallen sein. Er sitzt mit den Beinen auf dem Schreibtisch an seinem Sessel und starrt gelangweilt in sein Handy.
Mein Freund drückt die Nase an die Glastür und winkt ihm freundlich. Dem Schrecken über das unerwartete Auftauchen eines Kunden folgt ein gequältes Lächeln. Langsam setzt er sich in Bewegung. Der Geschäftsgang muss an seinen Kräften zehren. Nach dem Tempo zu schließen, mit dem er sich durch den Verkaufsraum bewegt, spart er seine letzten Reserven für das drohende Verkaufsgespräch auf.
Man könne telefonisch gerne einen Termin vereinbaren, lässt er meinen Freund durch die einen Spalt geöffnete Tür wissen. Als er sie wieder ins Schloss fallen lassen will, bemerkt er, dass der Fuß meines Freundes im Weg steht. Nach einem kurzen Protest gibt der Verkäufer seinen Widerstand auf.
Der Anfang der Verhandlungen erinnert an ein Polizeiverhör, erzählt mein Freund. Der Verkäufer entwickelt ein lebhaftes Interesse an seinen Lebensumständen. Sorgfältig notiert er Name, Geburtsdatum, Wohnadresse, Familienstand und Kinderanzahl auf einem Formular, das er meinem Freund zur Unterschrift vorlegt.
<Das Datenpreisgabegesetz>, klärt er auf und rollt vielsagend mit den Augen. Man könne nicht vorsichtig genug mit der Weitergabe seiner Daten sein. Aber mit Unterfertigung der Datenfreigabeerklärung seien sie bei ihm so sicher wie in einem Safe.
Nachdem ihm mein Freund auch noch meine Telefonnummer und die Email-Adresse anvertraut hat, verlangt der Verkäufer nach seinem Führerschein.
<Das Führerscheinvorlagegesetz.>, versucht er, die leicht unentspannte Miene meines Freundes zu besänftigen. Ohne den Nachweis eines Führerscheines sei ein Verkauf gemäß den geltenden Vorschriften leider nicht möglich. Die Wagenverkaufsbehörde sei in ihren Vorgaben unerbittlich. Sie bestehe darauf, dass der Käufer die behördlich attestierte Bestätigung besitzt, die erworbene Luxuskarosse auch zu steuern.
Mein Freund legt meinen Führerschein auf den Tisch. Zum Glück sehen wir uns auf dem alten Foto beide nicht mehr ähnlich.
Nachdem der Verkäufer ein Kopie angefertigt hat, kommt er auf den Punkt. Der Wagen, den mein Freund für eine Fahrt ins Glück ins Auge gefasst hat, erfordert mehr als die Liebe zum Blech. Die Leistbarkeit wird zur Schlüsselfrage.
<Das Einkommennachweisgesetz lasse ihm keine Wahl, begründet der Verkäufer seine Neugierde und fixiert meinen Freund mit stechendem Blick. Neben dem Kaufpreis müsse auch die Aufbringung der Kosten für den laufenden Betrieb nachgewiesen werden.
Er sei Privatier, schummelt sich mein Freund über die Tatsache hinweg, dass er tagsüber im Badezimmer herumlungert, anstelle einer geregelten Tätigkeit nachzugehen.
Auf der Stirn des Verkäufers zeichnen sich dunkle Falten ab, die sich erst glätten, als mein Freund meines Kontostand preisgibt.
Nachdem durch die Vorlage eines Kontoauszuges auch das Geldherkunftsgesetz milde gestimmt ist, stößt er einen erlösten Seufzer aus.
Gönnerhaft zieht der Verkäufer einen Hochglanzprospekt aus einer Schublade und legt ihn auf den Schreibtisch. Mit zittriger Hand blättert sich mein Freund durch die Bildergalerie. In verführerischen Leuchtfarben strahlt ihn der Wagen an. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Vor seinem geistigen Auge sieht er sich schon in trauter Zweiskamkeit über die Landstraßen cruisen. Da zieht der Verkäufer ein neues Formular aus dem Schreibtisch.
<Das Beratungsprotokollgesetz.>, klärt er lakonisch den Sachverhalt auf. Es müsse sicher gestellt werden, dass das Cabrio den Bedürfnissen des Käufers entspricht.
In den nächsten Minuten quält er meinen Freund mit Fragen, die zu stellen ich nie wagen würde. Was hat er? Was will er? Was muss er? Was darf er? Was verträgt er?
Am Ende der Prozedur hellt sich das Gesicht des Verkäufers auf.
Das Alter meines Freundes entspräche den Bestimmungen für den Erwerb eines Therapiemodelles.
<Welche Therapie?>, schnauft mein Freund genervt.
<Daseinskrise.>, lächelt der Verkäufer die Frage weg und wechselt das Thema.
Ich spüre ein leichtes Rumoren in der Magengegend. Scheinbar gibt es kein Gesetz, dass es meinem Freund verbietet, mein Geld auszugeben.
Nachdem man sich über Ausstattung und Preis einig ist, äußert mein Freund den Wunsch, vor dem Kauf eine Probefahrt mit dem Wagen zu unternehmen. Das Verlangen erzeugt ein nervöses Zucken im Gesicht des Verkäufers.
Das wäre in der Eile nicht möglich, flüchtet er sich in Ausreden. Der Wagen stünde quasi fahrbereit im Lager. Dennoch bedürfe es noch einiger Schraubarbeiten, um ihn mit den gewünschten Sonderausstattungen den Bedürfnissen meines Freundes anzupassen.
Er beabsichtige nicht, einen Bausatz zu kaufen, äußert mein Freund seinen Unmut.
Der Verkäufer bemüht sich, ihn zu beruhigen. Die gewählte Vorgangsweise entspräche am besten den Kundenbedürfnissen, unterstreicht er die Vorteile der individuellen Betreuung. Man kaufe bei ihm praktisch alles außer einer Hand. Durch die Optimierung der Ablaufprozesse im Unternehmen gehöre neben dem Verkauf auch das Backoffice, die Kundenbetreuung und die Werkstätte zu seinen Aufgabenbereichen. Bei Bedarf stünde er zudem als Mechaniker zur Verfügung. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass meinen Freund nach dem Kauf des Wagens das Schicksal einer Reparatur ereilt.
Den Bedenken meines Freundes weiß der Verkäufer mit festem Blick zu begegnen.
Diese Service gelte weltweit rund um die Uhr mittels einer online freigeschalteten Videoaufzeichnung, präzisiert er seinen unermüdlichen Arbeitseinsatz.
Mein Freund sieht sich im Geschäft um.
<Homeoffice.>, beeilt sich der Verkäufer die menschenleere Halle zu erklären. <Wir sind ein vollautomatisierter Betrieb.>
Der Blick meines Freundes fällt auf den Computerbildschirm. Er ist schwarz. Das einzige Wesen, das ein Lebenszeichen von sich gibt, ist der Verkäufer, der weiter unverdrossen seinen Notizblock mit Zahlen befüllt.
<Eine Kleinigkeit fehlt noch.>, lenkt dieser das Gespräch auf das Thema zurück.
Der Kauf bedinge die Vorlage eines Auszuges aus dem Strafzettelregister.
Mein Freund gerät über die im letzten Moment auftretende Hürde ins Schwitzen. Zum Schein kramt er in seiner Jackentasche.
<Reine Formsache.>, winkt der Verkäufer glücklicherweise ab. Das Strafzettelregistergesetz würde erst für das kommende Monat gelten. Bis dahin könne er die Unterlagen nachreichen. Damit schiebt er meinem Freund den leeren Kaufvertrag mit der Bitte um Unterfertigung über den Tisch. Die Befüllung erfolge im Nachhinein mittels automatischer Einspielung der Aufzeichnungen auf seinem Notizblock.
Fünfzehn Formulare und ebenso viele Unterschriften später händigt er meinem Freund den Wagenschlüssel aus.
Nachdem die Formalitäten geklärt sind, springt der Verkäufer von seinem Stuhl hoch und öffnet den Schrank hinter sich. Er greift nach einem blauen Overall und zieht ihn über seinen Anzug.
Durch die Automatisierung sei der Vertrieb nunmehr in der Lage, die Endfertigung der gesamten Produktpalette in Eigenregie abzuwickeln, entschuldigt er seine plötzliche Eile. Das eingesparte Personal sei selbstverständlich im Preis eingerechnet. Den skeptischen Blick meines Freundes wischt der Verkäufer lächelnd beiseite. Das Geschäft sei bei ihm in guten Händen. Schließlich habe man seitens der Unternehmensleitung keine Mühen gescheut und ihm als Vertriebsunterstützung eine Online-Unterweisung samt Montageanleitung für den Zusammenbau des Wagens zur Verfügung gestellt. Zur Untermauerung seiner Ausführungen holt er einen Werkzeugkasten unter seinem Schreibtisch hervor.
Ungläubig lausche ich den Ausführungen meines Freundes. <Was ist dann passiert.>, frage ich.
<Zwei Stunden später stand der Wagen zur Abholung bereit. Ich musste nur noch eine App herunterladen, die mich zum Parkplatz lotste.>, antwortet mein Freund und liebkost das Cabrio mit verträumten Blicken.
Langsam durchschaue ich sein hinterhältiges Spiel.
<Ich hoffe, der Wagen ist nicht gestohlen.>,schnauze ich ihn an und knalle ihm die Haustür vor der Nase zu.