
Ich habe einen Freund, der sein Herz auf der Zunge trägt. Menschen kennenzulernen, fällt ihm leicht. Er redet und lacht gerne. Nie bleibt er lang alleine. Frauen kreuzen oft seine Wege. Viele begleiten ihn zu kurz, um sich die Namen und Gesichter zu merken. Eine ist ihm in Erinnerung geblieben. Er hat sie längst aus den Augen verloren. Aber wenn von ihr erzählt, funkelt etwas in seinem Blick.
<Mit ihr war es anders.>, sagt er.< Mit ihr habe ich in die Zukunft geblickt.>
Sie lernten sich in der Zeit kennen, als die Geschäfte und Restaurants geschlossen hatten. Es waren die Wochen und Monate, in der ein Virus die Welt verrückt machte.
<Sie war ein Jahr bei mir.>, erzählt mein Freund. <Wir haben abgesperrte Städte besucht. Wir sind durch leere Straße spaziert. Die Verpflegung trugen wir in einem Rucksack mit uns. Wir waren unbeschwert und verliebt. Bis wir der Frau am Fluss begegnet sind.>
Mein Freund ist kein Spinner. Er liest Zeitungen. Er verfolgt die Nachrichten. Er vertraut seinem Verstand. Wenn er etwas nicht versteht, fragt er nach.
<An dem Tag begannen die Banalitäten.>, sagt mein Freund. <Wir waren auf einem Hügel der Stadt unterwegs. Beim Rückweg hatten wir unseren ersten Streit.>
Es ist nicht leicht, mit meinem Freund zu streiten. Er verhält sich wie ein Boxer, der alle Schläge einsteckt. Aber er geht nicht zu Boden. Wenn der Gegner erschöpft ist, fängt er ihn mit den Armen auf. Man kann ihm nicht böse sein.
<Am Fluss, der die Stadt kreuzt, hatte sie sich müde geredet.>, sagt mein Freund. <Wir setzten uns ans Ufer. Wir legten ein Picknick aus. Eine Frau saß neben uns auf einem Stein und blickte uns an. Mir fiel sofort die Ähnlichkeit auf. Die gleiche Figur. Das Gesicht schmal wie ihres. Die blonden Strähnen. Aber etwas war anders. Ihre Kleider waren zerlumpt. Wenn sie lachte, öffnete sich ein schwarzer Mund. Sie hatte keine Zähne mehr.>
Mein Freund lacht und redet gerne. Es fällt ihm nicht schwer, Menschen kennenzulernen. Wenige Blicke reichen ihm, um ein Gespräch zu beginnen.
Er hat der Bettlerin ein Bier spendiert. Er hat mit ihr geredet. Am Ende hat er ihr sein Essen zurückgelassen.
<Die Frau hatte Verstand.>, sagt mein Freund. Sie hat nicht immer auf der Straße gelebt. Es ging ihr gut. Aber irgendwann in ihrem Leben hat sie sich falsch entschieden.>
Ich denke nach. Ich habe die Freundin nie kennengelernt. Aber in seinen Augen spiegelt sich ihr Bild. Er muss sie geliebt haben.
<Auf der Heimfahrt waren wir heiter.>, reißt mich seine Stimme aus den Gedanken. <Über Telefon haben wir chinesisches Essen bestellt. Es wurde ein schöner Abend. Aber bei jedem Blick in ihr Gesicht sah ich die Frau am Fluss.>
Mein Freund mag die Frauen. Sie mögen ihn auch. Bis er ihnen zu mühsam wird. Ein Boxer, der alle Hiebe einsteckt, ist schwer zu ertragen.
<Ich habe an dem Tag in die Zukunft gesehen.>, sagt mein Freund. <Ich habe sie sofort wieder erkannt. Und nichts dagegen getan, dass sie sich müde schlägt an mir.>
<Wessen Zukunft.>, frage ich. Mein Freund blickt mich an. Er schüttelt den Kopf. <Ich erinnere mich nicht mehr.>, antwortet er.
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