Tagebuch eines Stubentigers – 44

Schneewittchenspiegel

Eitel blicke ich mich im Spiegel an
und sehe einen Mann,
dem keine Frau widerstehen kann.
<Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist der Schönste im Land?
Da antwortet der Spiegel mit Gesang.
<Du bist der Schönste hier,
aber draußen steht einer vor der Tür,
der noch schöner ist. >

Beleidigt nehme ich die Bürste in die Hand
und betrachte am Ende der Frisur
die Verschönerung meiner Natur.
<Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer hat die feinsten Locken im Land?>
Da antwortet der Spiegel mit Gesang.
<Deine sind die längsten hier,
aber draußen steht einer vor der Tür ,
dessen Pelz noch feiner sind.>

Entschlossen zeige ich meine Blöße
hochgestreckt zu voller Größe
und schreie in den Spiegel wutentbrannt.
<Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer hat den Längsten im Land?>
Da antwortet der Spiegel mit Gesang.
<Deiner ist der Längsten hier,
aber draußen steht einer vor der Tür,
bei dem er noch länger ist.>

Mein Herz beginnt zu toben.
Klirrend fällt der Spiegel zu Boden.
<Heute muss der Kerl sterben.>,
brülle ich und greife nach den Scherben.
Mordlüstern öffne ich die Tür
und erblicke die verhasste Kreatür.
<Miau.>, schnurrt das Ungetier,
und stolziert vorbei an mir,
mein alter, dicker Stubentiger.