
Weihnachten lag auf den Tag genau eine Woche zurück. Das alte Jahr neigte sich seinem Ende zu. Die Menschen in aller Welt trafen Vorbereitungen, den Jahreswechsel zu feiern.
In dieser Nacht lag ein kleiner Junge lange wach. Knapp vor Mitternacht fielen ihm die Augen zu. Im Schlaf fand er sich an einer Kreuzung wieder. Am Himmel darüber funkelte ein Sternenregen. <Wo bin ich?>, fragte der Junge den Weg, der ihn hierher geführt hatte. <Es ist der letzte Ort unserer gemeinsamen Reise.>, antwortete der Weg.
<Hier trennen wir uns.> Der Junge blickte den Weg traurig an.
<Werden wir uns einmal wiedersehen?>, fragte er. Der Weg nickte. <Ja.>, sagte er.<Aber anders als jetzt. Wenn wir einander wieder begegnen, werde ich für dich eine Erinnerung in Bildern und Briefen sein. Vom Leichten, das wir geteilt haben, wirst du nur noch ein fernes Lachen hören und vom Schweren keine Traurigkeit mehr empfinden.>
Der Junge wandte sich in die Richtung um, aus der sie der Weg hierher geführt hatte. Das meiste lag bereits im Nebel. Einiges war schon zur Gänze von ihm verschluckt. Manches ragte nur noch verschwommen heraus.
Er warf einen Blick auf den neuen Weg, der ihn auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung zu sich winkte. Nur zaghaft fasste er Vertrauen zu ihm. Zu überschwänglich fiel ihm die Begrüßung aus. Viel zu laut war das Feuerwerk, das sich über seinem Kopf entzündete. Wohin führte ihn dieser Weg, der bei der ersten Begegnung übermütig Raketen in den Himmel schoss? Aber ihm blieb keine Wahl. Der Abschied rückte mit jeder Minute näher.
Der Junge legte sich auf den Boden und umarmte den Weg, der ihn ein Jahr begleitet hatte, ein letztes Mal. Als er sich erhob, war er von unzähligen Gesichtern umringt. Er ging von einem zum anderen und sah allen lange in die Augen. Einige schickte er fort. <Ihr seid mir fremd geworden.>, sagte er zu ihnen.
Die Gesichter blickten ihn traurig an, bevor sie im Nebel versanken. Andere winkte er näher zu sich heran. <Ich will euch an meiner Seite haben.>, sagte der Junge und streckte ihnen die Hände entgegen.
Zuletzt fiel sein Blick auf eine Gestalt, die sich schemenhaft in der Dunkelheit abzeichnete. Es war seine verstorbene Schwester. Ein namenloses Unglück hatte sie vor zwei Jahren aus dem Leben gerissen. Nun würde sie der neue Weg wieder ein Stück von ihm fortführen.
<Ich vermisse dich.>, schluchzte der Junge mit Tränen in den Augen. <Du musst keine Angst haben.>, flüsterte sie ihm ins Ohr. <Mein Herz wird dich auf dem neuen Weg begleiten. Der Junge griff nach der Hand, die sich ihm entgegenstreckte. Sie fühlte sich warm und vertraut an. <Es wird Zeit für dich, aufzubrechen.> ermahnte ihn die Stimme des Weges, der hinter ihm lag. Der Junge nickte. Dann marschierte er über die Kreuzung, wo ihn der neue Weg mit offenen Armen in Empfang nahm.
Damit endete der Traum.
Als der Junge am Morgen die Augen aufschlug, trug der Kalender bereits die Zahl des neuen Jahres. Ängstlich blickte er auf das Bild, das an der Wand gegenüber dem Bett hing. Es zeigte seine Schwester, deren Lächeln ihn jede Nacht im Schlaf bewachte. Mit Tränen in den Augen blickte er sie an. Dann legte er die Hand auf seine Brust und atmete erleichtert auf. Die Schwester hatte ihr Versprechen gehalten und ihm ihr Herz anvertraut. Laut und deutlich hörte er es schlagen. Es schlug mitten in ihm.
Eine unbekannte Zuversicht durchströmte den Jungen. Er strampelte die Decke zur Seite und sprang aus dem Bett. Der Boden unter seinen Füßen fühlte sich fest an. Wie ein Weg, der ihm Halt gab. Mutig wagte er die ersten Schritte.
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