Eine „andere“ Ostergeschichte

Bei Josef und Maria hängt der Haussegen schief. Seit Wochen brodelt es zwischen ihnen.
An einem Freitagnachmittag platzt Josef am Küchentisch der Kragen. Sein Gesicht läuft puterrot an. In einem Zug schwemmt er eine Flasche Bier durch seine Kehle. Aber sein Zorn lässt sich nicht mehr ertränken. Wütend zerknüllt er das Schreiben, das vor ihm auf dem Tisch liegt.
„Das Maß ist voll.“, brüllt er seine Frau an.
Über Jahre hatte er kein böses Wort an sie gerichtet. Aber die Wirkung der drei Bier, die seinen Verstand vernebeln, bringt das Fass in ihm zum Überlaufen. In einer nicht enden wollenden Schimpftirade verschafft er seinem Ärger Luft.
„DEIN missratener Bengel entwickelt sich zur Landplage!“, lässt er kein gutes Haar an ihrem gemeinsamen Sohn. Seine verhaltensauffällige Erscheinung sorgt seit Jahren dafür, dass er nachts kein Auge mehr zubringt.
Die Schlaflosigkeit hatte auch mit seiner zweifelhaften Entstehung nach einem Dorffest zu tun. Am Morgen danach war Josef verkatert mit einer Erinnerungslücke neben Maria, die er bis zu diesem Tag nicht gekannt hatte, aufgewacht. Seither nagt der Zweifel in ihm, ob der Junge tatsächlich unter seiner Mitwirkung zustande gekommen war.
Neben dem dunklen Schleier, der über der Empfängnis des Sohnes schwebte, lagen auch die Umstände, die seine Geburt begleiteten, im Unklaren.
Eine Autopanne hatte sie an einem kalten Dezembertag dazu gezwungen, die Nacht in einem verlassenen Haus weit ab des Dorfes zu verbringen, als bei Maria die Wehen einsetzten.
Kaum hatte der Junge das Licht der Welt erblickt, erschienen drei merkwürdig gekleidete Männer auf der Bildfläche. Beim Anblick des Neugeborenen fielen sie auf die Knie und malten ihm ein Kreuz auf die Stirn. Seit dieser Begegnung klebte seinem Buben das Pech wie Öl an den Fersen.
„Die Ausländer haben den armen Jungen mit Unglück gesegnet.“, schwappt in Josef die Erinnerung an die ungebetenen Taufpaten hoch.
Sie hatten Maria das Hirngespinst in den Kopf gesetzt, drei Pilger aus dem Orient zu sein, die auf der Suche nach dem Erlöser durch die Welt zogen.
„Der Komet hat ihnen den Weg gewiesen.“, fällt ihm Maria ins Wort.

Josef bricht in ein lautes Gelächter aus.
Tatsächlich hatte in jener Nacht ein helles Licht durch das Fenster gestrahlt. Es konnte aber auch der Scheinwerfer des Lieferwagens gewesen, aus dessen Kofferraum die Pilger aus dem Morgenland gesprungen waren.
Als die drei Geburtshelfer am nächsten Morgen von der Polizei in Gewahrsam genommen wurden, entpuppten sie sich als illegal eingereiste Flüchtlinge, die weniger auf der Suche nach dem Erlöser der Welt, als nach einem besseren Leben waren.
„Das Gras, das sie geraucht haben, hat dem Jungen das Gehirn vernebelt.“, schiebt es Josef dieser unseligen Begegnung in die Schuhe, dass sich sein Sohn nicht nach seinen Vorstellungen entwickelt hatte.
Maria zieht ihre Mundwinkel nach unten. Sie hatte ihrem Sohn längst verziehen, dass er von allen Schulen geflogen war, die er besucht hatte.
„Die Lehrer waren scheinheilige Pharisäer.“, protestiert sie.
„Wenn ich vor der Wahl stünde, ein betuchter Pharisäer zu werden oder ein langhaariger Herumtreiber, wüsste ich, für welche Seite ich mich entscheiden würde.“, brüllt Josef zurück.
Der Schulabbruch seines Sohnes war für ihn eine Enttäuschung gewesen. Aber als er auch die Tischlerlehre hinschmiss, wurde seine Vaterliebe bis ins Mark erschüttert.
„Er folgt nur seiner Berufung, die Welt zu erlösen.“, setzt ihm Maria die Prophezeiung der Geburtsnacht entgegen.
Der unerschütterliche Glaube von Maria lässt die Verzweiflung von Josef weiter anwachsen. Er tröstet sich mit einem neuen Bier.
Die Fehltritte seines Sohnes haben deutliche Spuren in seinem gealterten Gesicht hinterlassen.
Mit Schaudern ist ihm der Tag in Erinnerung geblieben, als der langhaarige Sprössling großspurig ankündigte, ein Startup gründen zu wollen. Es sollte die Keimzelle für einen weltumspannenden Konzern werden. Kurz war er der Versuchung erlegen, der Schwärmerei seines Sohnes Glauben zu schenken.
Zu seinem Leidwesen musste er erfahren, dass sich das Kerngeschäft des Unternehmens auf ein Haargel beschränkte, das er mit zwölf gleich gesinnten Taugenichtsen im örtlichen Freibad zum Kauf anbot.
Der Einstieg seines Sohnes ins Ölgeschäft endete mit einer saftigen Rechnung der Gemeinde für die Reinigung der verschmierten Filteranlage des Schwimmbades. Nach diesem Rückschlag verlagerte er seine Aktivitäten auf den Fischteich eines benachbarten Bauernhofes. Im jugendlichen Leichtsinn postete er Bilder im Internet, die ihn zeigten, wie er nachts über das Wasser wandelte. Schnell stellte sich heraus, dass der Teich vorher leergepumpt worden war, um den Fischbestand zu plündern.
Noch mehr Ärger brachte ihm der Handel mit gefälschten Weinflaschen ein, deren Inhalt er mit Wasser auf die doppelte Menge streckte.
Beim anschließenden Prozess hielt er eine begeisternde Rede, bei der er sich dazu hinreißen ließ, der Strenge des Gesetzes neben der rechten Wange auch die linke hinhalten zu wollen.
Am Tag der Urteilsverkündung stellte sich jedoch heraus, dass es sich dabei um das Auto von Josef handelte, dessen Verkauf zur Wiedergutmachung des Schadens erforderlich war.
Nach dem Rückzug aus dem Fisch- und Weingeschäft widmete er sich wieder zur Gänze seiner Freizeitgestaltung.
Kaum hatte er den vierzigtägigen Sozialdienst, zu dem ihn das Gericht verdonnerte, abgebüßt, vergnügte er sich in einem Stripteaseclub mit dem klingenden Namen “Magdalena”, wo er seine Hände auf eine gleichnamige Tänzerin legte.
Die Augen von Maria funkeln zornig.
„Er hat ihr nur die Füße gewaschen.“, stellt sie sich schützend vor ihren Sohn.
Josef schnauft genervt und liebäugelt mit dem Gedanken, seinen Kummer in einem weiteren Bier zu ertränken.
„Dein Erlöser war bloß zu besoffen, um auch den Rest von ihr einzuseifen.“ redet er sich den Frust von der Seele.
Die Sorge über den schlechten Umgang seines Sohnes ruft in Josef die Bilder des letzten Dorfkirtages wach, bei dem der Junge die Bierschank des Bürgermeisters in Trümmer geworfen hatte.
Maria rollt mit den Augen und stemmt die Arme in die Hüften.
„Der Philister hat das Bier gepantscht und zum doppelten Preis verkauft.“
Der Ton in ihrer Stimme lässt keinen Zweifel darüber, auf wessen Seite sie steht.
In seiner Not sieht Josef nur noch einen Weg, Maria die Augen über das wahre Treiben ihres Sohnes zu öffnen.
Wutentbrannt reibt er ihr die zerknüllte Anzeige der Polizei unter die Nase.
Einer seiner Gesinnungsgenossen hatte den vermeintlichen Erlöser angeschwärzt, auf einer Party Drogenkekse und als Blutprobe getarnten Stoff an seine Jünger verteilt zu haben.
Als hätte er nicht genug Unglück über die Familie heraufbeschworen, war er am zurückliegenden Sonntag am Kirchenplatz als Anführer einer Fahrraddemo in Erscheinung getreten. Der Tumult, den er damit auslöste, hatte die Zufahrt zum Kirchenwirt verstopft.
Die durstigen Kirchgänger vor Augen, die fluchend die Faust in die Höhe streckten, als er auf seinem Drahtesel an ihnen vorbeifuhr, malt Josef ein düsteres Bild von der Zukunft seines Sohnes.
„Eines Tages werden sie ihn dafür ans Kreuz nageln und ihre Hände in Unschuld waschen.“, bellt er seinen Kummer lautstark durch die Küche.
„Er folgt nur seinem Schicksal.“, versucht Maria, den Zorn ihres Mannes zu besänftigen.
„Eher legen die Hasen bunte Eier ins Nest, als dass der Junge etwas Gutes in die Welt bringt.“, knurrt Josef zurück und setzt sich die Bierflasche wieder an den Mund.
Die lauten Glockenschläge der Küchenuhr unterbrechen ihren Streit. Beim dritten Schlag wendet sich Maria von Josef ab und blickt aus dem Fenster.
„Die Erlösung ist nahe.“, seufzt sie mit Tränen in den Augen und sinkt auf die Knie.
Josef starrt sie verdutzt an. Der Ton in ihrer Stimme ruft eine ungute Erinnerung in ihm wach.
„Jessas, schon wieder der Heilige Geist.“, schreit er auf, als er das Licht bemerkt, das durch das Fenster fällt und den Kopf von Maria umkränzt. Nur mit Mühe gelingt es ihm, die Mordlust zu unterdrücken, die die Erscheinung in ihm hochsteigen lässt.

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