
Wie dem Fräulein „So-La-La“ ein schlimmes Unglück widerfährt
Manche Tage schwebten für das Fräulein „So-La-La“ leicht wie eine Feder dahin. Andere lagen ihr schwerer als ein Stein auf der Brust.
Und es gab Tage, an denen sie sich wünschte, morgens im Bett geblieben zu sein. Dann hätte sie im richtigen Moment aus dem Schlaf schrecken können, und alles Geschehene verpuffte als leerer Schrecken.
Tage, die es eigentlich nicht geben dürfte, glichen in ihrem Kern Wetterstürzen, Heuschreckenschwärmen und Finanzamtbescheiden. Sie kündigten ihre Besuche nicht an, sondern fielen aus dem Hinterhalt über ihre ahnungslosen Opfer her.
In den harmlosen Fällen waren sie eine rasch vorüberziehende Karawane, die für eine Nacht Quartier nahm. Am Morgen danach fand sich keine Spur mehr von ihnen. Allenfalls ließen sie eine hässliche Erinnerung zurück.
Die hartnäckigen unter den Störenfrieden richteten sich auf einen längeren Aufenthalt ein. Man wurde sie erst wieder los, wenn ein Liebeskummer ausgestanden, die letzte Kreditrate abgestottert, oder die Schwiegermutter abgereist war.
Das größte Übel verbreiteten jedoch die schwarzen Tage, die für immer sesshaft wurden. Die Zeitungen waren voll von ihnen. Ohne ihr Zutun wären aus den Geschichtsbüchern keine dicken Wälzer geworden. Das Unglück dieser Tage lag in ihrer Endgültigkeit. Der Schrecken, den sie verbreiteten, ließ sich nicht mehr abschütteln.
Sie trieben ihren Handel rund um die Uhr und kannten weder Öffnungszeiten noch Mittagspausen. Wer mit ihnen Geschäfte machte, litt lange unter den Verlusten.
esäßen diese Tage ein Gesicht, wäre es griesgrämig. Hätten sie einen Charakter, wäre er von übler Natur. Gingen sie einer Arbeit nach, wäre es die eines Handelsreisenden für Schicksalsschläge und Unglücke aller Art. Und führten sie ein Geschäft, wäre es ein Trödelladen für versperrte Türen, leere Stühle und verwaiste Koffer.
Einer dieser Tage veränderte das Leben des Fräulein „So-La-La“ für immer. Er stand völlig unauffällig im Kalender und war ein Sonntag wie viele andere.
Für die meisten Menschen verstrich er bedeutungslos. Sie wussten nichts Besseres mit ihm anzufangen, als ihr Auto zu waschen oder sich gegenseitig mit Besuchen zu ärgern.
Als der Abend dämmerte, hatte die Welt keinen anderen Klang als am Morgen. Aber für das Fräulein „So-La-La“ war sie ein stiller Ort geworden. Es war der Tag, an dem das Herz ihrer Großmutter aufhörte zu schlagen.
Manchmal gleicht das Glück dem Eis zugefrorener Flüssen. Der Frost der kalten Tage kann ihm nichts anhaben. Es sind die sonnigen Stunden, die es dünnwandig werden lässt und den Leichtsinn der Eistänzer bestraft.
Zeit ihres Lebens wusste sich die Großmutter durch ihre robuste Natur vor den Pillen und Spritzen der Ärzte beschützt. Am Ende wurde ihr ein hartnäckiger Husten, der sich über Wochen hinschleppte, zum Verhängnis. Trotz ihrer Hustenanfälle schlich sie frühmorgens auf der Jagd nach den Frühstückszeitungen der Nachbarn im Nachthemd durch das ungeheizte Stiegenhaus. Bei ihrem letzten Streifzug brach sie mit einem heftigen Hustenanfall im Treppenhaus zusammen.
Von einer Sekunde zur nächsten verwandelte sich die Großmutter in eine der Geschichten, die sie am liebsten in ihrem Küchenofen verbrannte. Sie wurde eine schlechte Nachricht, von der man in der Zeitung las.
s stand von Anfang an nicht gut um sie. Zwei Tage durfte sie niemand im Krankenhaus besuchen. Als das Fräulein „So-La-La“ in Begleitung der Mutter vorgelassen wurde, fand sie das Krankenbett der Großmutter von weißen Kitteln umlagert vor.
Der Eifer, mit dem sich die Ärzte an ihr zu schaffen machten, ließ das Schlimmste befürchten.
Eine hochgezogene Augenbraue las die Werte an den Apparaten ab, mit denen sie von Kopf bis Fuß verdrahtet war. Ein gestreckter Zeigfinger mit einem Klemmbrett im Arm notierte geflissentlich mit. Neben ihm diktierte eine mitleidige Stimme ihre Diagnose in ein Tonbandgerät.
Es war eine Verhandlung ohne Pardon. Die Anklage wog schwer. Und die Kräfte der Großmutter reichten nicht aus, sich dagegen zur Wehr zu setzen.
Nachdem die Ärzte ihre Untersuchung beendet hatten, schritten sie zur Urteilsverkündung vor die Tür. Tränenaufgelöst eilte ihnen die Mutter hinterher.
In der Hektik blieb das Fräulein „So-La-La“ allein im Krankenzimmer zurück. Sie kauerte ängstlich unter einem kleinen Blumentisch, der neben dem Bett der Großmutter stand.
Ohne das Stimmengewirr der Ärzte herrschte eine gespenstische Stille im Raum. Ein Windstoß schlug das Fenster auf und rieb sich an den Gardinen.
Vor Schreck streckte das Fräulein „So-La-La“ den Rücken durch. Sie spürte einen Schlag, dem ein heftiger Schmerz folgte. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie mit dem Kopf gegen einen Tisch gestoßen.
Eine Vase kippte um und rollte über den Rand. Der Knall, mit dem sie auf dem Boden in Scherben zerplatzte, hätte Tote vor Schreck wieder lebendig gemacht.
So verwunderte sich das Fräulein „So-La-La“ wenig, dass die Stimme, die sie beim Namen anrief, anhörte, als käme sie direkt aus dem Jenseits.
it klopfendem Herzen blickte sie zum Krankenbett hoch. In ihrem weißen Krankenhauskleid wirkte Oma Rosa wie ein blasses Gespenst. Von ihrer stattlichen Pracht war nichts mehr übrig.
Innerhalb weniger Tage hatte der Husten die Hälfte ihrer Körperfülle aufgezehrt.
Ihr Gesicht war kreidebleich. Die schlaffe Haut hing von den eingefallenen Wangen wie die zerfetzten Segel eines alten Schiffes. Die rote Mähne auf dem Kopf hatte sich in ein stumpfes Grau verfärbt.
Zögerlich näherte sich das Fräulein „So-La-La“ den ausgestreckten Armen ihrer Großmutter. Mit den unzähligen Drähten, die an ihr hingen, wirkte sie wie die Marionette eines Puppenspielers.
Die Großmutter atmete schwer. In ihren Lungen blubberte die Luft wie heißes Wasser in einem Kessel.
„Du musst keine Angst haben. Der Husten tut nicht weh.“, sagte sie.
Die knochigen Hände der Großmutter fassten das Fräulein „So-La-La“ am Arm und zogen sie dicht zu sich heran.
„Was jetzt geschieht, ist nichts Schlimmes.“, flüsterte sie ihr ins Ohr.
„Es ist wie in den Büchern.“, erinnerte sie ihre Enkelin an die Geschichten, die sie ihr vorgelesen hatte.
„Das Ende ist kein wirkliches Ende. Man muss nur auf die erste Seite zurückblättern. Schon beginnt alles wieder von neuem.“
Ein Hustenanfall unterbrach sie. Der Puppenspieler zog unerbittlich an den Fäden, an denen die Großmutter hing. Ihr Körper begann zu zucken. Sie bog und krümmte sich.
Ängstlich drückte das Fräulein „So-La-La“ den Kopf an sie, um ihren Herzschlag zu hören. Aber das Rumoren in der Lunge übertönte den vertrauten Klang. Vom dröhnenden Glockenschlag einer Kathedrale in ihrer Brust war nur noch ein leiser Klingelton übriggeblieben.
ie Großmutter strich ihr sanft durch die Haare.
„Wenn es so weit ist, schlägt mein Herz an einem Ort für dich weiter.“, stöhnte sie.
Das Fräulein „So-La-La“ sah sie mit entsetzten Augen an. Es war nicht mehr die Großmutter, die zu ihr sprach. Durch ihre tränenverhangenen Augen blickte sie auf einen Engel, der langsam seine Flügel ausbreitete.
Der Wind, der durch das Fenster wehte, wirbelte die Vorhänge durcheinander, als forderte er die Seele der Großmutter auf, mit ihm mitzufliegen.
„Die Äzrte fniden enie Meidzin.“, bäumte sich das Fräulein „So-La-La“ gegen die dunklen Gedanken in ihrem Kopf auf.
Oma Rosa wusste es besser. Sie drückte das Fräulein „So-La-La“ fest an sich.
„Es ist Zeit, die Dinge loszulassen, bevor sie zu schwer werden.“, sagte sie, ohne dass sich eine Spur von Traurigkeit in ihr Stimme mischte.
Es sollten die letzten Worte sein, die das Fräulein „So-La-La“ aus dem Mund der Großmutter hörte. Das Rumoren in ihrer Lunge schwoll zu einem lauten Gezische an. Ihr Blick erstarrte.
Ein letztes Mal zog der Puppenspieler an seinen Fäden. Dann fiel ihr Arm schlaff auf das Bett zurück.
Im gleichen Augenblick begannen die Apparate, mit denen sie verkabelt war, laut zu piepsen.
Auf dem Gang wurden Schritte laut. Eine Tür sprang auf. Stimmengewirr erfüllte den Raum. Weiße Mäntel schwirrten aufgeregt an das Bett heran.
Eine kräftige Hand fischte das Fräulein „So-La-La“ aus dem Bett und zog sie mit sich fort.
Auf dem Gang blieb sie untröstlich. Mehrmals versuchte sie, sich von der Mutter loszureißen und in das Krankenzimmer zurück zu stürmen.
chließlich erlahmten ihre Kräfte. Ein erlösender Dämmerzustand umfing sie. Im Halbschlaf hörte sie Stimme der Großmutter nach ihr rufen.
„Du musst mich loslassen.“, wehte der Wind ihre Stimme heran.
Das Fräulein „So-La-La“ drückte die Hände an die Ohren. Tränen rannen über ihre Wangen.
Plötzlich begann der Boden unter ihren Füßen zu zittern. Die Wände wackelten. Die Fensterscheiben klirrten.
Verwirrt blickte das Fräulein „So-La-La“ um. Am Ende des Ganges nahm sie die Gestalt eines Riesen wahr. Er musste sich ducken, um nicht mit dem Kopf an die Wand zu stoßen. Der Schatten, den er warf, erstreckte sich über die ganze Länge des Krankenflurs. Mit donnernden Schritten eilte er heran.
In seinen Händen schwenkte er das Fläschchen mit der rettenden Medizin für die Großmutter.
Mit lauten Rufen wies ihm das Fräulein „So-La-La“ den Weg. Noch einmal schöpfte sie Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendete. Niemand würde es wagen, sich einem Koloss in den Weg zu stellen, der mit seinen baggerschaufelgroßen Händen die Sterne wie Murmeln vom Himmel pflückte.
Aber kaum hatte der Riese den Fuß über die Schwelle des Krankenzimmers der Großmutter gesetzt, passierte etwas Unerwartetes. Mit jedem Schritt büßte er an Größe ein. Mit jedem Atemzug wurden seine Schultern schmäler, die Arme dünner und die Beine kürzer.
Bevor die Hälfte der Strecke hinter ihm lag, war er zu einem dürren Männchen geschrumpft, das sich mühsam vorwärts schleppte.
In der gleichen Zeitspanne dehnte sich das Krankenzimmer zu einem riesigen Saal auseinander. Das Bett, in dem die Großmutter ihr Leben aushustete, verlor sich als winziger Punkt am Horizont.
us wenigen Schritten wurde eine lange Reise. Auf den letzten Metern verkümmerte der Riese zu einem Zwerg, der eine riesige Last auf seinem Rücken schleppte.
Als er nach endlosen Mühen das Bett der Großmutter erreichte,
war es zu spät. Die Medizin, die er auf ihre Lippen träufelte, konnte sie nicht mehr retten. Oma Rosa hatte sich in eine leere Hülle verwandelt.
„Wir haben alles versucht.“, riss eine tiefe Bassstimme das Fräulein „So-La-La“ aus ihrem Traum.
Eine Armlänge von ihr entfernt erhob sich die riesenhafte Gestalt eines Arztes, der mit ihrer Mutter sprach.
Zwischen seinen Fingern rollte er ein kleine Ampulle. Bei seinem Anblick erbleichte das Fräulein „So-La-La“. Es war das Fläschchen, das der Zwerg an das Bett der Großmutter geschleppt hatte.
Die Mutter biss sich die Lippen schmal. Das Makeup unter ihren Augen verschmierte zu einem dunklen Fleck. Sie schwieg. Es gab nichts zu sagen.
Die Seele von Oma Rosa hatte ihre Flügel ausgebreitet.
Zwischenspiel
„Das Ende ist kein Ende.“, lenkte mich die Geschichte, die an meiner Bettkante saß, von meinen traurigen Gedanken ab.
„Man muss nur die Seiten zurückblättern. Schon beginnt alles von neuem.“
Ich blickte sie mit glasigen Augen an.
„Sie ist gestorben.“, widersprach ich.
Ich glaubte, es besser zu wissen. Meine Worte hatten die Großmutter zum Leben erweckt. Sie war nichts weiter als eine Figur, die an den Fäden meiner Finger hing, mit denen ich ihre Geschichten in die Tastatur tippte.
Die Geschichte schüttelte energisch den Kopf.
„Sie ist nicht tot.“, widersprach sie.
„Ihr Herz schlägt an einem anderen Ort weiter.“
Schlagartig wurde mir bewusst, welchen Zweck sie mit ihrer Reise verfolgt hatte.
„War deine Suche erfolgreich?“, versuchte ich vom Thema abzulenken.
„Ich musste nicht danach suchen.“, antwortete die Geschichte.
„Ihr Herz war immer bei mir.“
Eine unerschütterliche Überzeugung schwang in ihrer Stimme. Es tat mir gut, es aus ihrem Mund zu hören. Ich hatte ihr diesen Glauben in den Kopf geschrieben. Es gehörte zum Besten, dass ich für sie getan hatte.
Den Ort zu finden, an dem das Herz der Großmutter weiterschlug, hatte ihrer Reise ein Ziel gegeben.
Ein verrückter Einfall schoss mir durch den Kopf. Ich erinnerte mich an die Zeit, als die Großmutter die Zeitabkürzungsmaschine startete und die Tage wie im Flug vergingen.
Plötzlich wusste ich, wohin es die Geschichte verweht hatte. Ungewollt hatte ich ihr den Weg vorgezeichnet. Sie war den Spuren ihrer Großmutter gefolgt.
ch erinnerte mich wieder an die Sätze, die ich ihr vor vielen Jahren in den Mund gelegt hatte. Ich musste nicht nachdenken. Sie kamen mir so leicht über die Lippen wie damals, als ich sie in die Tastatur getippt hatte.
„Sie war schlank wie eine Gerte und leichter als der Morgentau Ein laues Lüftchen genügte, um sie bis über
die höchsten Wolken hinaustragen.“
Eine wilde Begeisterung erfasste mich. Alle Traurigkeit war wie weggeblasen. In meinem Kopf begann ein Film zu laufen.
„Zum Frühstück schlürfte sie Kokosnüsse in Afrika.“, flüsterte ich in die Dunkelheit hinein.
Die Geschichte blickte mich an.
„Mittags speiste sie Straußeneier in Australien.“, las sie in meinen Gedanken.
„Abends aß sie Reis in China.“, flüsterte ich in die Dunkelheit hinein.
Minutenlang wechselten wir uns in dieser Tonart ab.
„Und jeden Tag kreiste sie um Schlag Mitternacht wieder um den Kirchturm ihrer Heimatstadt.“, sagte ich, als kein Flecken auf der Erde mehr übrig war.
Die Geschichte an meiner Bettkante lächelte.
„Der Riese in meinem Kopf hat ihr jedes Wort geglaubt.“
„Er besitzt die Kraft, Berge zu versetzen.“, lachte ich.
Die Geschichte nickte.
„Ohne diesen Glauben wäre meine Reise nicht möglich gewesen.“, sagte sie.
„Er hat mir die Welt geöffnet.“
Plötzlich verstand ich, warum die Geschichte durch mein Schlafzimmerfenster gestiegen war und an meine Bettkante gesetzt hatte. Sie wollte mir beweisen, dass niemand die Macht besaß, ein Herz für immer zum Verstummen zu bringen.
„Wenn wir uns erinnern, hören wir es in uns schlagen.“, flüsterte sie mir ins Ohr.
Mein Blick wanderte zu der Mappe. Es lagen noch zwei Blätter darin. Ich wählte eines und reichte es ihr.
Die Geschichte warf einen Blick auf die alte Zeichnung, aus der ein riesiger Wasserkopf in die Welt lachte.
„Es ist meine letzte Geschichte.“, sagte sie.
Schlagartig verebbte mein Lachen. Ich schwieg. Die Stimme in meinem Kopf erstickte jedes Wort in mir.
