
Wie das Fräulein „So-La-La“ der gefährlichsten aller Schlangenarten begegnet
Am nächsten Morgen wachte das Fräulein „So-La-La“ mit einem riesigen Brummen im Magen auf. Ein Blick auf das Quecksilberthermometer ließ sie erleichtert aufatmen. Ihre Temperatur näherte sich wieder dem Normalwert an.
Mit dem Fieber verschwand auch der angedrohte Weltuntergang aus den Nachrichten.
Am Nordpol froren die Eisberge wieder fest. In der Karibik zogen sich die übergelaufenen Ozeane auf ihr altes Ufer zurück. Und in den Wüsten kühlte eine Regenfront den heißen Sand ab.
Die Welt drehte sich im gleichen Tempo weiter. Die Menschen gingen ihren gewohnten Geschäften nach, als wären die Nachrichten von gestern aus ihrem Gedächtnis gelöscht.
Genauso wie sie vergessen hatten, dass die Landschaft früher stillstand, wenn man aus dem Fenster blickte.
Mit dem ersten Sonnenstrahl, der im Fenster auftauchte, sprang das Fräulein „So-La-La“ aus dem Bett.
Das Knurren ihre Magens fühlte sich bedrohlicher an als der Lärm der Motoren.
Nach einem kräftigen Frühstück lockte sie die Mutter mit einem Einkaufsbummel. Begeistert schlüpfte das Fräulein „So-La-La“ in ihre Schuhe. Sie fühlte sich wie neugeboren, als sie auf der Straße die frische Morgenluft einsog.
An diesem Tag herrschte in den engen Gängen des Supermarktes ein riesiges Gedränge. Nach dem abgesagten Weltuntergang hatten die Menschen nichts Besseres zu tun, als die leeren Kühlschränke aufzufüllen. An manchen Stellen war das Getümmel unüberschaubar.
Das Fräulein „So-La-La“ hatte Mühe nicht unter die Räder der herumschwirrenden Einkaufswagen geraten, die aus allen Richtungen an ihr vorbei schossen.
it wohligem Schauer genoss sie das Schauspiel, das sich vor ihren Augen abspielte. Beim Einkaufen verwandelten sich friedliebende Bürger in wilde Einkaufskrieger, die sich mit ihren Streitwägen in einen erbarmungslosen Kampf lieferten. Als Siegespreis lohnten Sonderangebote und Rabatte.
In langen Kolonnen bewegte sich die Schlange durch die engen Gänge.
Jeder kämpfte gegen jeden. Eifersüchtig wurde jedes Überholmanöver beäugt. Allerorts ritten Nachzügler wilde Attacken. Da und dort fuhren Ellbogen aus, traten Schuhspitzen gegen Schienbeine und hieben Einkaufskörbe aufeinander ein.
Seite an Seite mit ihrer Mutter kämpfte das Fräulein „So-La-La“ an vorderster Front. Mit ihrer Größe schlüpfte sie an den Wühltischen leichtfüßig unter den Beinen der Widersacher hindurch. Dicht gefolgt von der Mutter, die sich den Weg unter Einsatz ihrer Handtasche freiboxte.
Ihre Taktik variierte nach Art der Sonderangebote. Bei Konserven und Tiefkühlpizzas reichte eine Drohgebärde, um die Konkurrenz in die Flucht zu schlagen. In der Abteilung Brot und Gebäck nahmen die Gefechte an Heftigkeit zu. Am härtesten tobte der Kampf an der Fleisch- und Wursttheke.
Selbst kampferprobte Einkaufskrieger benötigten Nerven aus Stahl, um geduldig mit anzusehen, wie ein dicker Schinken für den Vordermann langsam in dünne Scheiben geschnitten wurde.
Als das Fräulein „So-La-La“ mit ihrer Mutter dort eintraf, kam es unter den Wartenden bereits zu kleinen Scharmützeln. Bald rumorte es ungeduldig aus allen Richtungen.
Die Verkäuferinnen an den Schneidemaschinen fingen an, nervöse Blicke zu tauschen.
us den hinteren Reihen reckten sich die ersten Köpfe hoch. Die Unruhe schwoll zu einem lauten Zischen an.
„Kann das nicht schneller gehen?“, erhoben sich ungeduldige Stimmen.
Der Lärm steigerte sich zum Tumult.
Mit blutiger Schürze trat der Fleischer aus seiner Kühlkammer. Beim Anblick der Warteschlange wurde er leichenblass. Hals über Kopf rettete er sich durch eine Fluchttür zum Ausgang hinaus.
Die Geschäftsleitung meldete sich über Lautsprecher zu Wort. Sie kündigte neue Angebote an, um die bedrohlich gegen die Wursttheke drückende Menge zerstreuen. Eilig wurde neues Personal herangeschafft, das die freien Wurstschneidemaschinen besetzte.
Mit vereinten Kräften gelang es, die Warteschlange in Zaum zu halten. Nach und nach verschwanden ihre Köpfe wieder unsichtbar in der Menge. Das Zischen verstummte allmählich.
Nach wenigen Minuten endete der Spuk so unvermittelt wie er begonnen hatte.
Die Verkäuferinnen blickten in freundliche Gesichter, die höflich nach Fleisch und Wurst verlangten. Nach geraumer Zeit wagte sich auch der Fleischer in seine Kühlkammer zurück.
Das Fräulein „So-La-La“ brauchte lange, bis sie sich von ihrem Schrecken erholt hatte. Es war kein Kindergeburtstag, der gefährlichsten aller Schlangenarten zu begegnen. Wer eine Warteschlange herausforderte, stand Auge in Auge gegen einen vielköpfigen Drachen, der keinen Pardon kannte.
In der gleichen Nacht kehrte das Fräulein „So-La-La“ in den Supermarkt zurück. Im Traum schwebte sie mit schlafwandlerischer Leichtigkeit durch die Gänge. Als sie ihren vollen Einkaufwagen zu den Kassen schob, verwandelte sich der Supermarkt in eine riesige Konzerthalle.
Mächtige Scheinwerfer strahlten von der Decke und leuchteten jeden Winkel der Halle aus.
Aus allen Richtungen strömten Besucher heran und besetzten die bereit gestellten Stühle. Bald war der Saal bis zur letzten Sitzreihe gefüllt.
Auf der ganzen Länge der Bühne waren riesige Scannerkassen platziert. Schmallippige Kassierinnen traten aus dem Dunkel und nahmen ihre Plätze auf den unbequemen Drehsesseln hinter dem Förderband ein. Das Getue und Gerücke zwischen den Stühlen erinnerte an ein Orchester, das mit angemessenem Ernst den Auftritt des Dirigenten erwartete.
Ein Raunen ging durch die Menge, als ein Scheinwerfer die Gestalt des Maestros erfasste.
Im Frack mit weißen Hemdkragen schob er würdevoll einen vollen Einkaufswagen durch die Reihen des Publikum.
Am Dirigentenpult löschte er mit einer Handbewegung das Gemurmel in den Sitzreihen aus. Ein strenger Blick brachte die letzten Störenfriede zum Schweigen. Es herrschte Totenstille im Raum als seine Arme über dem Einkaufswagen schwebten.
Die Luft war zum Zerreißen gespannt. Der Wagen war bis zum Rand mit Dosen, Flaschen und Konserven beladen. Eine Packung, die aufplatzte, ein Glas, das in Scherben zerbrach, eine Konserve, die sich an den Ecken verbeulte und das Konzert war verdorben.
uf dem Höhepunkt der Spannung ging ein Ruck durch den Maestro. Seine Hände bohrten sich mit dramatischer Wucht in die Tiefe des Einkaufswagens. Dem Publikum stockte der Atem.
Der Beginn glich dem Tanz auf einem feuerspuckenden Vulkan. Mit einer nie gesehenen Meisterschaft trieb er die Aufführung dem Höhepunkt entgegen. In seinen Händen verwandelten sich sperrige Dosen, Flaschen und Konserven zu willfährigem Treibgut. Mal tänzelten sie im Spiel seiner Finger an der Oberfläche. Mal sanken sie langsam auf den Grund des Einkaufswagens zurück.
In unnachahmlicher Grazie drängten sich die Käseecken an die Jogurtbecher. Rieben sich Margarinewürfel an den Marmeladengläsern. Unaufhaltsam brach sich die Dauerwurststange zwischen zwei Gurkengläsern ihre Bahn.
Innerhalb weniger Augenblicke tobte im Einkaufswagen ein ozeanischer Sturm.
An einer Ecke züngelte eine mächtige Salatwelle hoch. Konserven purzelten scheppernd durcheinander. Flaschen schlugen klirrend aufeinander ein.
Der Maestro bot sein ganzes Können auf, um den Klangteppich unter Kontrolle zu halten. Mit ungeahnter Könnerschaft inszenierte er ein lärmendes Fest. Kein Zittern seiner Hand, kein nachlässiges Augenblinzeln und kein unkontrolliertes Nasenjucken gefährdeten seine Kunst.
Nachdem sich die Wogen des ersten Aufruhrs geglättet hatten, folgte der eigentliche Höhepunkt des Konzertes.
An der Schwelle zwischen Wahn und Genie dirigierte der Maestro den Inhalt des Einkaufswagens auf die Förderbänder. In der von ihm bestimmten Reihenfolge schwebten die Milchpackungen, Fischkonserven, Senftuben, Wurststangen und Saftflaschen den Scannerkassen entgegen, wo die Kassierinnen ihren Strichcodes Piepstöne entlockten, die das schrille Getöse in eine virtuose Klangwolke verwandelten.
ie Musik schmeichelte sich in die Ohren des Publikums. Die feine Melodie wurde untermalt von den vielstimmigen Seufzern der Kassierinnen.
Als das letzte Gurkenglas mit der Leichtigkeit einer zerbrechlichen Ballerina das Ende des Laufbandes stieß und der finale Piepser des Strichcodes ausklang, hatte der Maestro ein neues Meisterwerk geschaffen.
Glückselig rissen die Kassierinnen die weißen Streifen ab, welche die Kassen ausspuckten und schwenkten sie über ihre Köpfe. Auf ihnen war in langen Zahlenreihen die Musik des Maestros für die Nachwelt festgehalten. Nun hielt es das Publikum nicht länger auf den Stühlen. Tosender Applaus brandete auf.
Die Begeisterung war ohnegleichen. Zugaben wurden eingeklatscht. Nicht enden wollende Bravissimorufe brandeten aus unzähligen Kehlen.
Der Maestro wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Die Anstrengung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Im Rausch seines Erfolges hob er die Arme in die Höhe. Augenblicklich fiel der Saal wieder in eine Totenstille zurück.
Was folgte, war ein verzückendes Fingerspiel, das den Scannerkassen Tonminiaturen in allerhöchster Perfektion entlockte.
eglückt lauschte die Zuschauer der Schokoriegel- und Kaugummizugabe, die der Maestro mit unnachahmlicher Leichtigkeit aus dem Ärmel schüttelte.
Der Erschöpfung nahe verbeugte er sich vor seinem dankbaren Publikum. Mit bescheidener Geste reichte er den tosenden Beifall an die erschöpften Kassierinnen weiter. Im gleißenden Licht der Scheinwerfer konnte man erkennen, wie klein gewachsen er war. Sein Kopf verschwand bis zur Nasenspitze unter den breiten Hemdkragen. Der Frack hing ihm schlaff von den Schultern. Die Hose flatterte an den dünnen Beinen.
Als das Gesicht des Maestros von den Scheinwerfern erfasst wurde, ging ein Raunen durch den Saal.
Das Licht beleuchtete ein Mädchen, das dünn war wie eine Scheibe Brot, weniger wog als ein Sack Hühnerfedern und aufrecht unter dem Tisch stehen konnte, ohne sich den Kopf anzustoßen.
Mit dem glückseligen Lächeln des Maestros auf den Lippen streckte das Fräulein „So-La-La“ im Schlaf ihre Arme in die Höhe. Für einen kurzen Moment blinzelte sie mit den Augen, um sich zu vergewissern, dass noch kein Morgen graute.
Dann drehte sie sich zur Seite und kehrte in ihren Traum zurück, wo sie sich dem Beifall eines begeisterten Publikums hingab.
Zwischenspiel
Ich fühlte mich plötzlich hundeelend. Mir wurde bewusst, dass ich allein in einem viel zu großen Haus lebte. Die Zimmer meiner Töchter waren leer. Sie waren in alle Winde zerstreut. Wie die Geschichten, die ihnen erzählt hatte und nun in meinem Kopf auftauchten.
Mitten in der Nacht konnte ich die Stille hören. Sie klang mir in den Ohren wie der Lärm von Motoren. Die Welt flog an mir vorbei. Ich sah ihr hinterher, bis sie hinter einem glühenden Horizont verschwand.
Als der Lärm der Motoren verklang, lag allein ich im Bett. Es war stockdunkel. Das Fenster stand offen. Meine
einzige Gesellschaft war eine Geschichte, die an meiner Bettkante saß.
Die Geschichte blickte auf die Mappe mit den Bildern. Sie lagen verstreut auf dem Bett.
„Auf meiner Reise bin ich einer Maus begegnet.“, sagte sie.
„Sie lief ein Leben lang mit einer Katze um die Wette. Die Katzen waren flinke Jäger. Ihre Krallen hatten die Schärfe eines Rasiermessers. Ein einziger Hieb genügte, um ein übermütiges Mäuseleben zu beenden. Aber diese Maus war anders.
Weit und breit fand sich keine Katze, die mit ihr Schritt halten konnte. Natürlich war auch die schnellste Maus nicht davor gefeit, über ein Hindernis zu stolpern und unter einer Katzenpfote ihr Leben zu lassen. Aber ein solches Unglück kam sehr selten vor. Ihre Jäger hatten lange das Nachsehen.“
Plötzlich verdüsterte sich der Ausdruck der Stimme, die mir ins Ohr flüsterte.
rgendwann kam der Tag, an dem die Maus müde wurde. Ihre Beine fühlten sich schwer an. Längst hatte sie die Lust verloren, vor dem Maul einer Katze herum zu tanzen. Ihr einziger Trost war der Gedanke, dass auch die Katze, die sie verfolgte, älter und langsamer geworden war.
Aber sie war ihrem Jäger nie von Angesicht zu Angesicht begegnet. Sie wusste nicht, dass die Geduld der Katzen endlos ist.
Die Sehnsucht nach einem sicheren Unterschlupf wuchs mit jedem Tag. Aber nirgendwo fand sich eine Bleibe, die der Maus eine Atempause gönnte. Als ihre Beine lahm wurden, erkannte sie die Aussichtslosigkeit ihrer lebenslangen Flucht.
Eines Tages würde das Unvermeidliche geschehen. Die Frage, die sich stellte, war wann und wo die Katze zum entscheidenden Sprung ansetzte.“
„Du bist zurückgekommen, um mir von einer Maus zu erzählen?“, fragte ich erstaunt.
„Du hast diesen Augenblick bestimmt.“, antwortete sie.
Schlagartig begriff ich, was in dieser Nacht geschah. Die Geschichte war nicht zufällig hier. Meine Sehnsucht hatte sie zurückgerufen.
Seit die Kinder das Haus verlassen hatten, lag ein Schatten über mir. Ich hatte Angst, dass ihre Geschichten in Vergessenheit geraten. Deshalb öffnete ich jede Nacht das Fenster.
Ich wollte sie für die Nachwelt festhalten. Aber mir fehlte die Kraft dazu. Deshalb hatte ich im Äther der Welt nach ihr gerufen.
Ich überließ es der Geschichte, den richtigen Zeitpunkt für ihre Rückkehr zu wählen.
