
Der albanische Rucksack
Über vier Jahrzehnte lang existierte Albanien nur als dunkler Fleck auf der europäischen Landkarte. Der mit eiserner Faust herrschende Machthaber Enver Hoxha schottete das Land nach innen und außen ab.
Seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1913 und nach der Neuordnung Europas in der Zwischenkriegszeit quetschte sich das kleine auf der Balkanhabinsel gelegene Land trotzig zwischen größeren Nachbarn Jugoslawien im Norden und Osten und Griechenland im Süden. Im Westen bildete das Mittelmeer eine natürliche Barriere zu Italien.
Nach einem kurzen Intermezzo der Italiener und Deutschen während des Zweiten Weltkrieges gelangten schließlich die Kommunisten an die Macht und führten Albanien in die Diktatur.
Geprägt von der jahrhundertlangen Fremdherrschaft der Türken entwickelte er eine Paranoia, die sich in Beton manifestierte. Zur Abschreckung ausländischer Invasoren ließ er über das gesamte Staatsgebiet hunderttausende kleine Bunkeranlagen errichten.
Der Stahlbeton der in ihrem Nutzen zweifelhaften Wehrbauten, deren winzige Kuppeln das Land wie Maulwurfshügel durchzogen, hätte ausgereicht, Albanien mit einem modernen Verkehrsnetz auszustatten. Stattdessen existierten außerhalb der großen Städte kaum befestigte Straßen. Die notdürftig in Stand gehaltenen Schotterpisten wurden hauptsächlich von Eselfuhrwerken und Schafsherden frequentiert. Motorisierte Fahrzeuge blieben ausschließlich dem Militär und den Repräsentanten des Regimes vorbehalten. Im Gegensatz zu der sonstigen Rückständigkeit des Landes prägten überwiegend Modelle der deutschen Edelmarke Mercedes das Straßenbild. Ihrer robusten Bauweise wurde nachgesagt, als einzige dem desolaten Straßennetz trotzen zu können.
Die deutschen Autos auf die Straßen waren über viele Jahre der einzige Hinweis für seine Bevölkerung, dass außerhalb von Albanien eine andere Welt existierte. Ausländer kamen kaum ins Land. Gleichzeitig erstickten die lückenlos abgeriegelten Grenzen alle Fluchtversuche der unterdrückten Bewohner im Keim.
Als der Diktator starb, hielten seine Nachfolger an dem totalitären Regime fest. Aber sie vermochten die Risse, die der Verlust ihres Anführers hinterlassen hatte, nicht mehr auszufüllen. Sein Tod bildete die Keimzelle für den Zerfall der Diktatur.
Die Albaner waren an Fremdherrschaft und Unterdrückung gewöhnt. Über Jahrhunderte hatten die Türken das Land besetzt und islamisiert. Aber es war ihnen nicht gelungen. den Menschen ihre Sprache und Mentalität aufzuzwingen.
Die Wasserläufe, die in ihren Bergen entsprangen, hatte den Albanern beigebracht, beharrlich zu bleiben. Die Gebirgsketten, die im Norden die Grenze zu Jugoslawien bildeten, wirkten ihrer aufragenden Mächtigkeit unüberwindbar. Aber dem Wasser vermochten nicht zu trotzen. Geduldig bahnte es sich seinen Weg durch die Risse gebahnt, um sich in den Flussläufen des Landes zu sammeln und ins Mittelmeer abzufließen.
Wie das Wasser ließ sich auch Wille der Albaner nach Selbstbestimmung nicht aufhalten. Irgendwann würde das Wasser den Felsen, auf denen die Diktatur ihre Machte baute, sprengen und ihnen die Freiheit bringen.
Der Zerfall kündigte sich im wirtschaftlichen Niedergang des Landes an. In seiner Verzweiflung lockerte das Regime die strikten Einreisebestimmungen für Ausländer und stimmten auf Vorschlag der Vereinigten Staaten einem Studentenaustauschprogramm zwischen den Ländern zu. Als Gegenleistung bewahrten die Amerikaner den autoritären Balkanstaat mit in harter Währung bezahlter Wirtschaftshilfe vor dem Bankrott.
Unter den ersten, die von der Vereinbarung profitierte, gehörte Mary Sullivan. Sie studierte an einer New Yorker Universität im vierten Semester Volkskunde mit Schwerpunkt Südosteuropa.
Als sie in der Studentenzeitung eine Anzeige las, in der Freiwillige für ein Auslandsstipendium in Albanien gesucht wurde, zögerte sie keine Sekunde.
Wenige Menschen wussten um das Geheimnis ihrer albanischen Wurzeln.
Ihre Großmutter gehörte zu den abertausenden Albaner, die in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts nach Amerika eingewandert waren.
Die Großmutter von Mary wurde in Theth, einem kleinen Bergdorf im Norden Albaniens am Fuß des Berges Arapi geboren, in dem ihre Eltern einen kleinen Bauernhof bewirtschafteten. Mit ihren zwei älteren Brüdern wuchs sie inmitten von Schafen und Ziegen auf.
Als sie zehn Jahre alt war, geriet ihr Vater mit einem Nachbarn in Streit um ein Stück Weideland.
Nachdem alle Schlichtungsversuche vergeblich blieben, ging der Vater eines Morgens mit dem Gewehr in der Hand aus dem Haus.
Als er zurückkehrte, schloss er sich in der winzigen Schlafkammer, in der die Familie ihr Nachtlager teilte, ein. Am Nachmittag des gleichen Tages fand man den Nachbarn mit einer Kugel in der Brust tot im Wald.
Nachdem die Mutter von seinem Tod erfuhr, machte sie ihrem Mann keine Vorwürfe. Sie verkaufte die Hälfte der Schafe und Ziege, die sie besaßen.
Mit dem Geld ging sie zur Kulla, einem kleinen Turm in der Mittes des Dorfes, um ihren Mann von der Blutrache, die der albanische Kanun vorschrieb, freizukaufen.
Der Kanun war ein ungeschriebener Ehrenkodex, nach dem die Albaner in den Bergdörfern abgeschieden von den staatlichen Behörden und ihren niedergeschriebenen Gesetzen ihr Zusammenleben regelten.
Der Dorfälteste gewährte dem Vater dreißig Tage Aufschub, um ein Abkommen mit der Familie des Getöteten zu vereinbaren.
Während dieser Zeit bot ihm die Dachkammer des Blutfehdeturmes eine sichere Zuflucht.
Einen Stock darunter verhandelten die beiden verfeindeten Familien die Sühne für den getöteten Nachbarn. Nach den Regeln des Ehrenkodexes durfte der Angeklagte Ohrenzeuge der Verhandlung sein, ohne selbst zu Wort zu kommen.
Als innerhalb der gewährten Frist keine Einigung erzielt werden konnte, kehrte der Vater in sein Haus zurück. Nach den Regeln des Kanun galten er und seine beiden Söhne, die bereits volljährig waren, als vogelfrei. Zur Wiederherstellung ihrer Ehre hatte die Familie des erschossenen Nachbarn das Recht, den Vater oder einen seiner Söhne zu töten.
Der Streit um ein Stück Weideland hatte einen blutigen Reigen in Gang gebracht, der seit Jahrhunderten in den albanischen Bergen wütete. Auge um Auge. Zahn um Zahn. Die Ehrenkodex kannte keine Gnade. Nur Alte, Frauen und Kinder blieben von ihm verschont.
Die Familie der Großmutter von Mary Sullivan wusste um ihr Schicksal. Aus Angst um sein eigenes und das Leben der erwachsenen Söhne spannte der Vater frühmorgens die Pflugochsen vor den Karren. Verborgen im Herbstnebel, der das kleine Tal erfüllte, in dem ihre Vorfahren seit Generationen lebten, stieg die Familie in den Wagen und verließ mit ihren Habseligkeiten das Dorf in Richtung Amerika.
Die Hoffnung nach einem Leben in Wohlstand und Sicherheit erwies sich als trügerische Illusion, die sich im Nichts auflöste, als die Großmutter amerikanischen Boden betrat.
Die Familie hauste in elenden Quartieren in bitterer Armut. Der Vater und die beiden Brüder schlugen sich als Gelegenheitsarbeiter durch.
In ihrer albanischen Heimat besaßen sie trotz der harten Lebensbedingungen ein sicheres Dach über dem Kopf. Das Haus, das sie bewohnten, stand seit Generationen im Eigentum der Familie. Die Felder, die sie bewirtschafteten, gehörten ihnen. Die Schafe und Ziege, die auf ihren Wiesen weideten, lieferten die Milch und das Fleisch, um die Mägen zu füllen.
Den Hunger, von dem die Großmutter ihrer Enkelin erzählte, lernte sie erst in Amerika kennen. Das Geld, das der Vater und die Brüder verdienten, reichte kaum aus, die Miete zu bezahlen und Familie zu ernähren.
Wenige Jahre nach der Ankunft in den Staaten starb der Vater bei einem Arbeitsunfall. Die erwachsenen Söhne gingen zur Armee und fielen in den Schlachten des Zweiten Weltkrieges für ihre neue Heimat.
Als die Großmutter achtzehn Jahre alt war, starb ihre Mutter, von dem Elend und dem Leid erschöpft, das ihre Familie getroffen hatte. Sie war vor dem Kanun aus einem kleinen albanischen Bergdorf geflohen. Aber sein langer Arm reichte bis über den Atlantik.
Nach ihrem Tod war die Großmutter gezwungen, sich allein durchzuschlagen. Als junges Mädchen ohne Mann in einem fremden Land musste sie sich mit den Gegebenheiten abfinden.
Amerika war ein hartes Land. Wie den Bergen Albaniens galt auch hier das Gesetz des Stärkeren. Wer schwach war, blieb auf der Strecke.
Das raue Leben in den Bergen, half der Großmutter, in dem Land zu Fuß fassen.
Kein Felsen würde die Macht besitzen, die Geduld des Wassers zu besiegen, schilderte sie Mary ihren Durchhaltewillen.
Am Ende würde es ihn sprengen und durch ihn hindurchfließen. Sie lernte die Sprache des fremden Landes, das zu ihrer neuen Heimat geworden war und arbeitete als Küchenhilfe in einem Restaurant.
Wenn sie nachts in den Himmel blickte, sehnte sie sich nach den Bergen ihrer alten Heimat zurück. Aber die Rückkehr blieb ein unerfüllbarer Traum. Der karge Lohn reichte kaum zum Überleben in einer Baracke, in der sie sich eine Matratze mit zwei Mitbewohnerinnen teilte.
Irgendwann gab sie dem Drängen eines amerikanischen Verehrers nach und stimmte seinem Antrag zu. Gemeinsam kauften sie eine kleine Ranch in Pennsylvania und zogen vier Kinder groß.
Mit den Jahren schwand das Heimweh. Aber mit dem Alter und der Geburt ihrer Enkelin Mary kam der Schmerz über die verlorene Heimat zurück.
In den Nächten erzählte sie Mary von den Sitten und Bräuchen ihrer Kindheit. Sie erzählte ihr von den Legenden und Märchen, wobei sie unvermittelt in die Sprache zurückfiel, die sie aus dem Mund ihrer Eltern kannte.
Mary lauschte gebannt ihren Ausführungen. Nach ihrem Tod erbte sie neben der Sprache und einem alten zerfledderten Buch, das von den albanischen Mythen erzählte, auch die Sehnsucht, die Berge ihrer Vorfahren mit eigenen Augen sehen zu können.
Lange Zeit schien es unmöglich, einen Fuß in das Land setzen zu können. Die Diktatur in Albanien ließ aus Angst vor Spionen keine Touristen ins Land.
Die Anzeige in der Studentenzeitung versetzte Mary in hellen Aufruhr. Noch am gleichen Tag schickte sie ihre Bewerbung ab. Sie begründete ihren Wunsch, in das Programm aufgenommen zu werden mit der albanischen Herkunft ihrer Großmutter. Dazu führte sie aus, die Landessprache in ihren Grundzügen zu beherrschen.
Vier Wochen später saß sie mit einem Dutzend anderer wagemutiger Kommilitonen in einem Überseeflug nach Albanien.
Die Ankunft in der Hauptstadt Tirana erwies sich als enttäuschend. Die Tristesse der morbiden Häuserschluchten und leeren Straßen, auf denen sich nur wenige alte Autos bewegten, war unübersehbar. Trotz des blauen Himmels schien ganz Albanien unter einem grauen Nebel zu liegen, der keine Farben zuließ.
Das Studentenheim, in dem die Amerikaner untergebracht wurden, war eine alte Kaserne. Es gab kein fließendes Wasser in den Räumen. Für ihre Notdurften mussten die Studenten die verschmutzten Toiletten im Hof benutzen.
Dutzende schwer bewaffnete Soldaten waren an den Eingängen postiert und überwachten jeden Schritt der Studenten. Es blieb den Studenten verboten, sich frei in der Stadt zu bewegen.
Jeden Morgen brachte sie ein Armeefahrzeug zur Universität. In den ungelüfteten Lehrsälen beschworen die Professoren in schlechtem Englisch die Vorzüge der sozialistischen Errungenschaften. Die Diaprojektoren, die ihre Vorträge mit einem Bilderreigen begleiteten, zeigten ein modernes und fortschrittliches Land, die den krassen Widerspruch zur Realität, welche die Studenten jeden Tag vor Augen hatten, noch deutlicher zum Vorschein brachten.
Die meisten von ihnen zweifelten nach wenigen Wochen an der Sinnhaftigkeit ihres Aufenthaltes in dem rückständigen Land. Mary bildete die Ausnahme. Sie ließ sich von der Unbehaglichkeit, die sich unter den Studenten breit machte, nicht anstecken.
Schon nach wenigen Tagen begann sie ihren Marsch durch die Bürokratie, um die Bewilligung für eine Studienreise in das Innere des Landes zu erhalten. Zur Blütezeit des Regimes wären ihre Bemühungen in der Paranoia, die ganz Albanien im Würgegriff hielt, versandet.
Aber in der Zeit, als Mary ins Land kam, bahnte sich das Wasser bereits seinen Weg durch die Risse des Regimes. Ihre Sprachkenntnisse und die Dollarnoten, die sie den Anträgen beilegte, halfen ihr, die notwendigen Stempel zu erhalten.
Nach zwei Wochen bekam sie die Bewilligung für eine Studienreise, um das Leben der Bauern und Schäfer in den Bergen Albaniens zu dokumentieren. Ihre wahren Beweggründe verschwieg sie vor den Behörden. Der Verfolgungswahn des Regimes war noch nicht überwunden. Die Gefahr, als ausländische Agentin gebrandmarkt zu werden, war allgegenwärtig.
Eines Morgens klopfte es an der Tür ihres kleinen Zimmers, das sie mit einer Kommilitonin teilte. Ein Uniformierter mit einer Pistole im Gürtelhalfter übergab ihr einen kleinen Reiserucksack in der Farbe der albanischen Nationalflagge und feste Schuhe.
In knappen Worten wies er sie an, die Schuhe anzuziehen und ihr Gepäck zu packen. Ohne Fragen zu stellen, folgte Mary seiner Aufforderung. Mit dem Koffer in der Hand schloss sie die Tür hinter ihrem Zimmer, ohne zu ahnen, dass es ein Abschied für immer war.
Am Eingang der Kaserne parkte ein albanischer JAZ 69. Der Fahrer ließ den Motor laufen. Neugierig umringten die Studenten das Militärfahrzeug, dessen Ähnlichkeit mit einem amerikanischen Jeep unverkennbar war.
Der Soldat, der Mary aus dem Haus führte, befahl ihnen, zur Seite zu gehen. Er lud den Koffer von Mary in den Wagen. Dann stieg er auf der Beifahrerseite in den Wagen. Mary nahm auf der Rückbank Platz.
Der Fahrer schaltete in den ersten Gang. Rumpelnd setzte sich der vom Rost zerfressene JAZ 69 in Bewegung. Der stinkende Rauch aus seinem Auspuff drang in die Fahrerkabine und biss Mary in der Nase.
Die Fahrt führte über leere Straßen von Tirana nach Shkodra. Die Soldaten, die Mary begleiteten, erwiesen sich als schweigsame Reisegefährten.
„Prokletije“, antwortete der Fahrer und deutete mit der Hand auf die Silhouette der Gebirgskette, die sich vor ihnen am Horizont spiegelte, als sie ihn nach dem Ziel der Reise fragte. Mehr war ihm nicht zu entlocken.
Mary blätterte in ihrem Reiseführer. Die Fahrt führte sie zu den verwunschenen Bergen. Mary lächelte still in sich hinein. Für eine Moment gab sie sich der Illusion hin, in die Märchenwelt ihrer Großmutter einzutauchen.
Als der JAZ durch ein Schlagloch rumpelte, riss sie die Realität unsanft aus ihrem Tagtraum.
Die Straßen in der Hauptstadt waren schlecht. Außerhalb der Stadt wich der Asphalt einer schmalen Schotterpiste. Nach drei Stunden erreichten sie die Stadtgrenze von Shkodra. Die Gebäude waren noch verkommener als in Tirana.
Mary bezog ihr Quartier im ersten Stock einer kleinen Pension. Das Zimmer war klein und mit alten Möbeln ausgestattet. Mary fühlte sich wohl. Zum ersten Mal stand ihr ein Badezimmer mit einer Dusche und einer Toilette zur Verfügung.
Am nächsten Morgen quälte sich der JAZ an den Hängen der Drin-Schlucht hoch zu einem künstlich aufgestauten See, wo eine Fähre für sie bereitstand. Das Kraftwerk am Ende des über sechzig Kilometer langen Stausees war gerade fertig gestellt worden und sollte Mary von den Errungenschaften des Landes überzeugen. Das Kraftwerk am Ende schloss Albanien an das Stromnetz der modernen Zeit an.
Der Blick auf die Steilklüften, die an beiden Seiten des Sees hochragten, faszinierte Mary. Auf dem Deck der Fähre fragte sie einen alten Matrosen nach dem Namen des Stausees.
Der Seemann blickte die dunkelhaarige Fremde verwundert an. Sie hatte ihn auf Albanisch angesprochen.
„Koman.“, sagte er und winkte sie zur Seite, wo sie aus dem Blick der Soldaten waren.
„Ein wunderschönes Gewässer.“, begeisterte sich Mary an dem glasklaren Wasser des Sees.
Der Matrose zog die Mundwinkel nach unten.
„Die Dörfer, die das Wasser unter sich begraben hat, waren auch schön.“, gab er mürrisch zur Antwort.
Mary erinnerte sich an die neue Ansiedlung an der Anlegerstelle der Fähre. Sie hatte bisher wenige Neubauten in Albanien bemerkt.
„Die Toten haben sie nicht umgesiedelt.“, sagte der Fährmann und deutete mit der Hand in Richtung der Soldaten, die für ihn das Regime verkörperten.
„Sie haben ihre Seelen einfach dem Wasser überlassen.“
Mary begriff die Anspielung des Matrosen. Das Regime hatte die Menschen gezwungen, ihre Ansiedlungen und ihre Toten zu verlassen. In Albanien wurden die Verstorbenen nicht auf Friedhöfen beerdigt. Sie lagen nahe bei den Häusern begraben, damit die Seele des Toten bei der Familie bleiben konnte.
Der alte Matrose ließ sie den See, der den Fortschritt in Albanien verkörperte, mit anderen Augen sehen. Der See zeigte ihr, wieviel Wasser sich in diesem Land aufgestaut hatte und auf eine Gelegenheit wartete, in das System einzudringen, um es zu sprengen. Es musste nicht mehr lange warten, war Mary überzeugt. Die Risse waren nicht mehr zu übersehen. Sie zogen sich wie unsichtbare Gräben durch ein verwüstetes Land, das auf das Wasser wartete, die es flutete. Der See würde den Wunsch der Menschen erfüllen.
Ohne es zu ahnen, hatte das Regime das Symbol ihres Unterganges selbst errichtet.
„Das Wasser wird auch sie wegfegen.“, antwortete Mary dem Matrosen.
Der Seemann nickte.
„Das Wasser ist unsere letzte Hoffnung.“, sagte er und zuckte zusammen. Abrupt wandte er Mary den Rücken zu.
Aus den Augenwinkeln sah sie die beiden Soldaten heraneilen. Sie hatten Mary die Order gegeben, mit Einheimischen nur in ihrer Gegenwart zu sprechen.
„Die Menschen in den Bergen reden Unsinn.“, begründeten sie ihre Anweisung, die sie aus Tirana mit auf den Weg bekommen hatten.
Mit lauten Worten vertrieben sie den Matrosen.
Mary bemühte sich, die Situation zu beruhigen.
„Ich habe ihn nach dem Namen des Sees gefragt.“, sagte sie.
Um die Soldaten abzulenken, packte Mary ihre Kamera aus, die sie in ihrem roten Rucksack verstaut hatte. Die Soldaten beäugten die Kamera misstrauisch. Albanien war kein Land der Bilder. Die Menschen besaßen keine Fotoapparate. Das Regime sah in ihnen eine gefährliche Waffe, von denen es sich mehr bedroht fühlte als von einem Maschinengewehr. Bilder sagten die Wahrheit. Sie zeigten den grauen Nebel, der Albanien gefangen hielt.
Einen Feind mit einem Gewehr in der Hand konnte man bekämpfen. Ein gezielter Schuss reichte aus, um ihn auszuschalten. Aber Bildern war mit Kugeln nicht beizukommen. Sie verbluteten nicht wie Menschen im Kugelhagel der Maschinengewehre. Gleichgültig, ob man sie zerriss oder ins Feuer warf. Sie standen wieder auf und kämpften weiter.
Das System sah in ihnen einen Feind, den es an den Wurzeln bekämpfen musste, um ihn zu hindern, die Oberhand zu gewinnen. Wer in Albanien eine Kamera besaß, wurde als Verräter gebrandmarkt, der den ausländischen Feinden in die Hände arbeitete.
Umso mehr erstaunte es die Soldaten, als ihnen Mary ein Papier vorlegte, das ihr die Mitnahme der Kamera bei ihrer Studienreise erlaubte. Die Stempel darauf waren echt.
Die Leica M6, die Mary mit sich führte, war ein Geschenk ihres Universitätsprofessors in Amerika. Er teilte ihre Leidenschaft für diesen Teil Europas, dessen wunderbare Landschaften seit Jahrzehnten hinter einem eisernen Vorhang verschwunden waren.
Bei der Einreise nach Albanien war ihr die Kamera zusammen mit den Filmrollen abgenommen worden. Die Rückgabe hatte sie ein Bündel Dollarnoten gekostet.
Mary gab sich keinen Illusionen hin, dass das Regime wusste, wie viele der wertvollen Filmrollen sich in ihrem Rucksack befanden. Sie zweifelte auch nicht daran, dass ihr am Ende der Studienreise die Filme abgenommen werden würden. Das Regime würde die Auswahl der Bilder mitbestimmen, die sie behalten durfte. Die Unruhe, mit der beiden Soldaten sie beim Fotografieren der Seelandschaft im Auge behielten, bestätigte ihren Verdacht. Jedes falsche Bild würde sie dem Verdacht aussetzen, sich mit der Fremden gegen das Land verbündet zu haben.
Mary versuchte ihr Vertrauen zu gewinnen, indem sie die Soldaten mit ihrer Neugierde lockte. Die Menschen in Albanien waren nicht gewöhnt, mit einer Kamera ihr tristes Dasein abzubilden.
Sie überredete einen Soldaten, einen Schnappschuss von ihr zu machen. Es amüsierte sie, zu sehen wie er mit verkrampften Händen die Kamera umklammerte und sie gegen das Gesicht presste, um durch den Sucher das Motiv zu fixieren.
Mary posierte mit dem anderen Soldaten vor dem JAZ und lächelte. Der Soldat mit der Kamera vor dem Gesicht drückte den Auslöser.
Nachdem sie die Fähre am Ende des Stausees verlassen hatten, setzten sie die Reise durch das Hochland von Valbona fort.
Die Fahrt führte sie in eine kleine Stadt, an deren Einfahrt ein Ortschild ihren Namen verriet.
Bajram Curri war ein verschlafenes Nest, dessen einziger Reiz darin bestand, am Fuß der Berge zu liegen.
Nach einer kurzen Mittagspause setzte sich der Fahrer wieder ans Steuer. In der Ferne rückte die mächtige Gebirgskette, die Albanien von Jugoslawien trennte, langsam näher.
Je länger die Fahrt dauerte, desto schmäler wurde die Straßen. Langsam verschwand der Schotterbelag. Der alte JAZ quälte sich über von tiefen Schlaglöchern durchzogene Fahrwege, die kaum befestigt waren und fast ausschließlich von Eselfuhrwerken genutzt wurden. Mehrmals zwangen Schafherden, die von einem Hirten angeführt die Straße querten, den Fahrer zu einem Stopp.
Die Scheinwerfer des alten JAZ besaßen nicht mehr Leuchtkraft als Taschenlampe. Bei Einbruch der Dunkelheit übersah der Soldat, der den Wagen lenkte, ein Schlagloch. Rumpelnd schlug das Fahrzeug mit der Hinterachse auf. Das Geräusch brechenden Metalls hallte Mary in den Ohren. Der Fahrer stoppte unvermittelt. Mary prallte mit dem Kopf gegen Dach des Wagens.
Wilde Flüche ausstoßend stellte der Fahrer den Motor ab und stieg aus dem Fahrzeug. Der Soldat auf der Beifahrerseite folgte ihm. Nachdem sie den Schaden besichtigt hatten, entwickelte sich auf der Straße ein heftiger Disput zwischen ihnen.
Aus den Wortfetzen, die ins Innere des Wagens gelangten, konnte Mary entnehmen, dass die Hinterachse gebrochen war. An eine Fortsetzung der Fahrt war nicht zu denken.
Der Soldat forderte Mary auf, aus dem Wagen zu steigen. Sie blickte sich um. In der Dämmerung leuchteten nirgendwo die Lichter einer Siedlung auf. Sie waren mitten im Niemandsland gestrandet.
Nach einer kurzen Diskussion nahm der Soldat den Koffer von Mary aus dem Wagen. Er schulterte seine Militärtasche, in der sich zwei Wasserflaschen befanden. Dann forderte er Mary auf, ihm zu folgen.
Zu Fuß machten sie sich in der Dunkelheit auf den Weg.
Der Fahrer setzte einen Funkspruch ab und blieb bei dem Wagen zurück.
Das Wasser, das sich seinen Weg durch die Risse des Systems gebahnt hatte, erlaubte es nicht, den JAZ ohne Bewachung zurückzulassen. Zu groß war die Gefahr, dass die örtliche Bevölkerung ihn bei Tagesanbruch als Ersatzteillager ausbeutete, bis nur ein Metallskelett von ihm übrigblieb.
Der Soldat begleitete leuchtete den Weg mit einer Taschenlampe aus. Nach einer Stunde setzte er den Koffer ab. Das unhandliche Gepäckstück erwies sich als ungeeignet für einen Transport zu Fuß.
Mary nahm einige Wäschestücke aus dem Koffer und stopfte sie in den Rucksack, den sie als Kameratasche auf dem Rücken trug.
Die Wege, auf denen sie vorwärtsschritten, wurden schmäler und steiler.
Bei Einbruch der Morgendämmerung begegneten sie einem Schäfer, der sie in seine Behausung mitnahm und ihnen zu essen und trinken gab.
Als der Soldat einen Geldschein aus seiner Tasche zog, lehnte der Schäfer die Annahme ab. Es war nicht das erste Mal, dass Mary ein ungeschriebenes Gesetz in Albanien kennenlernte. Dem Gast gehört für die Dauer seines Aufenthaltes das Haus.
Nach einem kurzen Schlaf setzten sie ihre Wanderung durch die albanische Bergwelt fort. Am Nachmittag durchschritten sie ein schmales Tal, das von hohen Bergketten flankiert wurde.
„Verfluchte Berge.“, stöhnte der Soldat mit einer Handbewegung in Richtung der hohen Gipfel, unter denen sie wie kleine Insekten marschierten.
Auf ihrer Strecke querten sie zahllose Bergquellen, bei denen sie ihren Wasservorrat auffüllten. Der Durst blieb ein ständiger Begleiter. Der Sommer war heiß in Albanien.
Als sie bei Vusanje ein Tal durchwanderten, öffnete sich der Blick auf ein steil in den Himmel ragendes Gebirgsmonument, das Mary an ein Motiv erinnerte, dass sie von einer Ansichtskarte kannte, die ihr eine Studienkollegin aus der Schweiz geschickt hatte. Sie konnte sich nicht an den Namen des Berges in der Schweiz erinnern. Aber die Gestalt des Felsmassives, zu dessen Füßen erinnerte sie an ihn.
Mary nahm ihre Kamera aus dem Rucksack. Die Berge ihrer Großmutter vor Augen, drückte sie den Auslöser. Sie war am Ziel ihrer Sehnsucht angelangt.
Nach einer Passüberquerung strandeten sie in einem kleinen Bergdorf.
Die Bäuerin, die sie bewirtete, beäugte den Soldaten am Tisch argwöhnisch.
Mary war die Veränderung in seinem Wesen nicht verborgen geblieben.
Im Laufe der Reise hatte sein militärisches Gehabe abgenommen. Sie brachte den Menschen in ihm zum Vorschein, der vom Leben in den Bergen schwärmte.
Er war der Sohn eines Schafhirten. Der Militärdrill in den Kasernen des Landes hat ihn seine Wurzeln vergessen lassen. Die Täler und Berge riefen den Schäferjungen in ihm wach, der mit den Tieren umzugehen verstand, die ihnen begegneten.
Für die Bäuerin verkörperte er das System, das die Menschen unterdrückte.
Sie maß den Soldaten nicht nach seiner Herkunft, sondern nach der Uniform, die er trug. Es war eine Mischung von Angst und Abscheu, die sie ihm entgegenbrachte. Sie wagte es nicht, ihre Abneigung ihm gegenüber offen zu zeigen. Die Uniform und die Pistole in seinem Halfter hielten sie davor zurück. Aber wenn er ihr den Rücken zudrehte, verfinsterte sich ihre Miene. Das Wasser bahnte sich auch in den abgelegenen Orten Albaniens seine Wege. Irgendwann würde es den Felsen sprengen und das Regime wegfegen.
Mary versuchte mit der Bäuerin ins Gespräch zu kommen. Sie erzählte von der Großmutter und ihrem Schicksal, das sie nach Amerika vertrieben hatte. Von ihrer Sehnsucht nach den Menschen, die in den Bergen dieses Landes lebten.
Die Bäuerin lächelte und blickte sie mit freundlichen Augen an, als erkenne sie in ihr eine verlorene Tochter, die nach Hause zurückgekehrt war.
Der Soldat zeigte kein Interesse, an dem Gespräch Anteil zu nehmen. Er saß abseits am Tisch und füllte sich den Magen mit Ziegenfleisch und Schafskäse. Dazu trank er Raki, den Schnaps, den die Menschen in den Bergen Albaniens zu jedem Essen auf den Tisch stellten, in großen Schlucken aus der Flasche. Die Milch, die ihm die Bäuerin in einem Becher servierte, ließ er unberührt.
Während sich der Soldat an der üppigen Mahlzeit den Magen vollschlug, blinzelte die Bäuerin Mary komplizenhaft zu.
Am nächsten Morgen erkannte Mary, welches Risiko die Bäuerin eingegangen war.
Eine Frau, die von den Dingen leben musste, die ihr die Felder und die Tiere zum Überleben hergeben, besaß mehr Kenntnisse über die Funktionen des menschlichen Organismus als viele Ärzte.
Der Soldat saß kreidebleich am Tisch. Ein heftiger Durchfall hatte bei ihm angeschlagen. Mehrmals stürzte er aus der Tür nach draußen, um Erleichterung zu suchen.
An eine Fortsetzung der Reise war nicht zu denken. Völlig geschwächt kroch er in sein Schlaflager zurück.
Die Bäuerin zeigte mit der Hand auf den Verschlag, hinter dem sich der Soldat vor Schmerzen krümmte. Sie streckte drei Finger hoch und lächelte Mary an.
Mary verstand. Die Bäuerin hatte den Soldaten nicht vergiftet, um ihn zu töten. Sie hatte ihr eine Tür geöffnet, wie man einem Schaf den Verschlag seines Stalles öffnet und zur Seite tritt. Es musste von selbst ins Freie finden.
Mary traf eine Entscheidung. Sie zog zwei der begehrten Dollarnoten aus einer Seitentasche ihres Rucksackes. Eine legte sie auf den Tisch. Die Bäuerin schüttelte den Kopf und schob Mary das Geld zurück.
Ihr Dienst kostete keine Gegenleistung. Das Leiden des Soldaten genügte ihr als Bezahlung.
Mary stand auf und ging zu dem Verschlag, hinter dem der Soldat seine Krämpfe ausschwitzte.
Der Zufall hatte ihr die Gelegenheit in die Hand gespielt, ohne Wachhund durch die Täler ihrer Großmutter zu ziehen. Diese Chance wollte sie sich nicht entgehen lassen.
Sie legte dem Soldaten eine Dollarnote hin machte ihm den Vorschlag, ohne ihn durch die Berge zu ziehen, während er sein Leiden auskurierte.
Abends würde sie zurückkehren. Niemand würde von ihrer Der Soldat lehnte ab. Der Durchfall, der ihn plagte, machte es ihm unmöglich, die Reise fortzusetzen. Aber der Gedanke, dass die Fremde ohne ihn aufbrach, versetzte ihn in Angst. Es war seine erste Begegnung mit einer Ausländerin. Er war zu ihrer Bewachung abkommandiert war, weil er als Sohn eines Schafhirten die Berge und seine Wege kannte. Die Propaganda hatte ihm eingetrichtert, in jedem Fremden, der ins Land kam, einen Feind zu sehen, der Albanien Schaden zufügen wollte. Im Lauf ihrer gemeinsamen Reise musste er sich eingestehen, dass die junge Frau nicht in dieses Bild passte. Sie schwärmte von seiner Heimat, als wäre es ihrer eigene. Sie verstand seine Sprache und begegneten den Menschen, auf die sie trafen, freundlich.
Aber die Furcht vor dem System, dem er diente, hielt ihn zurück, die Sympathie, die sie ihm zeigte, zu erwidern. Die Gehirnwäsche des Regimes zeigte Wirkung.
Über Jahrhunderte hatten die Fremden, die ins Land kamen, Tod und Unterdrückung nach Albanien gebracht. Die abertausenden Bunker, die im ganzen wie kleine Trotzburgen aus dem Boden ragten, bildeten das Symbol für das Misstrauen, das jedem Neuankömmling entgegenschlug. Ein ganzes Land war gefangen in einer Paranoia wie ein zusammengerollter Igel, der unter seinen Stacheln davon träumte, frei und unabhängig zu leben.
Diese Angst war größer als sich einzugestehen, dass er sich zu der jungen Frau hingezogen fühlte, die die Strapazen, welche das unwegsame Land den Menschen abverlangte, zu genießen schien.
Das Leiden, das ihn plagte, war ein kleines Übel, gegen die Strafe, die ihn erwartete, wenn das System erfuhr, dass er die Amerikanerin auf eigene Faust losziehen ließ.
Mary hatte bei ihrem Sturmlauf gegen die albanische Bürokratie gelernt, hartnäckig zu bleiben. Das System stand bereits auf wackeligen Beinen. Man musste ihm nur einen Stoß versetzen, dass es in sich zusammenbrach.
Unablässig redete sie auf den Soldaten ein. Sie schwor auf die Ehre ihrer Großmutter, vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu zurückzukehren.
Zwei weitere Dollarscheine überzeugte den Soldaten, ihrem Drängen nachzugeben. Das Wasser sickerte durch die Risse des Regimes und bahnte sich unaufhaltsam seinen Weg durch den mächtigen Felsen.
Der Soldat nahm das Geld, das ihm Mary entgegenstreckte und nickte. Dann sprang er auf die Beine und lief nach draußen. Das Leiden, das ihn plagte, forderte seinen Tribut.
Mary schulterte ihren Rucksack und folgte dem Weg der Schafhirten in die Berge.
Zwei Tage war sie in der Wildnis unterwegs und bestaunte die Schönheit der Täler, Wiesen und Berge in Albanien. Sie weinte vor Glück. Die Schäfer und Bauern, die unterwegs ihren Weg kreuzten, nahmen sie freundlich auf und versorgten sie, mit Proviant und Wasser.
Nachts kehrte sie zu der Bäuerin und dem Soldaten zurück. Inzwischen hatte er seine durch das Leiden verdreckte Uniform abgelegt und vorübergehend gegen die Kleider des verstorbenen Mannes der Bäuerin getauscht.
Die Kleider, die er trug, schienen den Groll, den Bäuerin gegen ihn hegte, besänftigt zu haben.
Am dritten Tag geriet Mary in ein Unwetter. Der Regen und Sturm veranlassten sie, in einem kleinen Bergdorf, das aus einer Ansammlung armseliger Hütten bestand, Schutz zu suchen. Der Nebel und die hereinbrechende Dunkelheit machten eine Rückkehr zu dem Hof der Bäuerin unmöglich.
Der Dorfälteste wies ihr einen Schlafplatz in einer leerstehenden Hütte zu. Dann trug er einen kleinen Jungen auf, Holz zu holen, um den Ofen in der Stube zu befeuern. In den Bergen Albaniens konnten die Nächte auch im Sommer kalt werden. Mary verdrängte den Gedanken, dass der Soldat, der vergeblich auf ihre Rückkehr wartete, Alarm schlagen und sie als Agentin brandmarken würde. Sie genoss die Wärme des Feuers. Mit den Gedanken an ihre Großmutter schlief sie ein.
Bujar war der Schafhirte des Dorfes. Er war fünfzehn Jahre alt. Jeden Morgen trieb er die Schafherde aus dem Gatter in der Mitte des Dorfplatzes hinaus auf die hügeligen Weiden, die das Dorf wie die erstarrten Riesenwellen einer Flut umsäumten.
Er hatte die Fremde, die allein durch die Wildnis streifte, von der Anhöhe, wo die ihm anvertrauten Schafe weideten, erspäht. Mit einem scharfen Pfiff rief er seinen Hund zur Herde zurück.
Dann lief er den Abhang hinunter und schlich der Fremden hinterher. Bujar wagte nicht, sich ihr offen in den Weg zu stellen. Das Leben hatte ihm gelehrt, Menschen gegenüber vorsichtig zu sein. Er unterschied nicht zwischen Fremden, Nachbarn oder Freunden. Sein Misstrauen ging tief. Jeder, der nicht zur Familie gehörte, konnte sich als Feind zu erkennen geben.
Bujar mied die Menschen. Seinen Vater hatte dieser Leichtsinn das Leben gekostet. Bujar war Zeuge gewesen, als er und sein älterer Bruder getötet wurden.
Sie waren auf der Jagd unterwegs gewesen. Der Vater trug sein Gewehr auf der Schulter. Auf einer Lichtung traten plötzlich zwei Männer aus dem Dunkel des Waldes heraus und stellten sich dem Vater entgegen. Bujar kannte ihre Gesichter. Es waren Nachbarn aus dem Dorf, in dem sie lebten. Sie riefen die Namen des Vaters und seines Bruders. Dann gaben sie aus ihren Gewehren zwei Schüsse ab. Nachdem sie sich überzeugt hatten, dass die beiden Männer tot waren, verschwanden sie wieder im Wald.
Sie kümmerten sich nicht um Bujar, der weinend vor seinem toten Vater kniete. Er war zu jung, um getötet zu werden. Der Kanun verbot, Kinder zu erschießen. Auch wenn es der Sohn des Todfeindes war.
Die Mutter packte noch am gleichen Tag ihre Habseligkeiten und floh mit ihm über den Pass auf die andere Seite der Berge. Sie wusste, dass man auch ihren jüngsten Sohn töten würde, wenn er alt genug war, um ihn daran zu hindern, Sühne zu fordern für das Blut seines Vaters und Bruders.
Die Fehde, deren Anlass in Vergessenheit geraten war, hatte die männliche Linie der Familie ausgelöscht. Nur der Junge war noch am Leben. Seine Jugend gewährte ihm eine Galgenfrist. Früher oder später würden die Mörder auch an ihn herantreten und mit der Waffe in der Hand seinen Namen rufen.
Die Bauern der kleinen Ansiedlung auf der anderen Seite des Berges nahmen sie auf. Sie überließen ihnen eine kleine Hütte am Rand des Dorfes. Seither arbeitete die Mutter als Wäscherin, die am Fluss die Wäsche für die Bewohner schwemmte.
Bujar bekam die Aufgabe zugewiesen, die Schafe der Bauern zu hüten. Niemand wollte sein Freund sein. Er trug das Stigma des Todes auf der Stirn. Er konnte dem Kanun nicht entkommen. Er bot ihm nicht mehr als eine Verschnaufpause.
Als letzter männliche Überlebende der Familie war es ihm bestimmt, ihre Ehre wieder herzustellen. Bujar wusste um seine Aufgabe, wenn die Zeit dafür gekommen war. Er hatte die Wahl, Rache zu nehmen und zum Mörder zu werden oder das Schicksal seines Vaters und Bruders zu teilen.
Diese Bestimmung lehrte ihn, Abstand vor den Menschen zu halten. Jeder konnte eines Tages sein Feind sein, den er töten musste, um selbst nicht getötet zu werden.
Wenn Fremde ins Dorf kamen, verschwand er in den Wald. Die Bäume und Tiere waren seine Freunde. Die Bäume boten ihm Schutz. Von den Tieren lernte er, auf kleinste Geräusche zu achten und andere zu beobachten, ohne selbst gesehen zu werden.
Vorsichtig schlich er sich durch das Gebüsch an die Fremde heran. Er verfolgte sie wie ein Wild im Wald. Für einen Mann mit einem Gewehr in der Hand, bot sie ein leichtes Ziel. Der rote Rucksack, den sie auf dem Rücken trug, würde der Kugel im Lauf den Weg weisen.
Bujar besaß kein Gewehr. Und er war nicht auf der Jagd. Die Neugier trieb ihn an, der Fährte der Fremden zu folgen.
An manchen Stellen des felsigen Geländes war er nur einen Schritt von ihr entfernt, ohne dass sie ihn bemerkte. Er folgte ihr, wie die Männer, die seinem Vater und seinen Bruder auf der Jagd folgten, bevor sie zwischen den Bäumen hervortraten und ihre Gewehrläufe auf sie richteten.
Das Gesicht des jungen Mädchens verwirrte ihn. Es wirkte anders als die Gesichter der Frauen, die er kannte. Trotzdem spürte er etwas Vertrautes in ihren Zügen, das ihn anzog. Er fühlte, wie seine Hand von dem Verlangen zitterte, sie zu berühren.
Der Weg, den sie nahm, führte direkt in sein Dorf. Als sie die erste Hütte erreichte, ergoss sich ein heftiger Wolkenbruch über das Tal. Die Fremde suchte Schutz unter einem Holzverschlag neben einer Scheune. Bujar beobachtete sie noch eine Weile. Dann beschloss er, zu seiner Schafherde zurückzukehren.
Der Regen, der ihn durchnässte, perlte an ihm ab wie an einem Panzer. Er war an das Wetter in den Bergen gewöhnt. Barfuß stapfte er durch den schlammigen Morast zu seiner Herde. Die Schuhe, die er besaß, schonte er für den Winter.
Als er am Abend die Schafe in das Gatter in der Mitte des Dorfes zurücktrieb, regnete es noch immer. Gleichzeitig verschluckte ein grauer Nebel das Land und seine Berge.
Die Fremde hockte auf einer Bank vor der Hütte des Dorfältesten. Sie zitterte am ganzen Körper. Ihr Kleider waren völlig durchnässt.
Als sie seinen Blick bemerkte, hob sie ihren Arm und winkte ihm. Bujar drehte das Gesicht zur Seite, ohne ihren Gruß zu erwidern.
Nachdem er zu Abend gegessen hatte, rief ihn der Dorfälteste zu sich. Er wies ihn an, den kleinen Ofen in der Hütte, die er der Fremden als Schlafplatz zur Verfügung gestellt hatte, zu befeuern.
Bujar nickte und machte sich auf den Weg in den Wald, um Holz zu sammeln.
In der Hütte war Bujar allein mit der Fremden. Sorgsam schlichtete er das trockene Holz im Ofen. Er entflammte ein Streichholz und zündete das dürre Reisig an. Knisternd brannte das Feuer hoch.
Als er gehen wollte, sprach ihn die Fremde an. Die Worte klangen seltsam in seinen Ohren. Sie entsprachen nicht der Reihenfolge, wie er es gewohnt war, sie zu sprechen. Aber der Klang ihrer Stimme gefiel ihm.
Sie bat ihn, stehen zu bleiben. Er sah, wie sie in ihren Rucksack griff und einen Apparat herausnahm, den er noch nie gesehen hatte. Es war ein schwarzes Metallgehäuse mit einem vorstehenden Glasauge. Die Fremde hielt sich den Apparat an das Gesicht. Dabei kniff sie ein Auge zu, wie man mit einem Gewehr ein Ziel ins Visier nimmt. Ein leises Klicken ertönte. Erschrocken sprang Bujar zur Seite. Aber es ertönte kein Knall.
Die Fremde lachte und verstaute den fremden Apparat wieder in ihren roten Rucksack.
Aus einer Seitentasche nahm sie ein Bündel heraus. Sie zog einen Schein ab und streckte ihm das Geld entgegen.
Bujar schüttelte den Kopf und warf die Tür hinter sich ins Schloss. Er fühlte sich beschämt.
Die Nächte waren dunkel in den Bergen. Wenn der Himmel bewölkt war, konnte man die Hand vor Augen nicht erkennen. Das Dorf war in tiefem Schlaf versunken, als Bujar von einem Knirschen geweckt wurde. Es klang, wie die Schritte eines Menschen, der versuchte, kein Geräusch zu machen.
Sofort war Bujar hellwach. Er sprang von seinem Schlafplatz neben der Tür auf und lugte durch einen Spalt zwischen dem Bretterverschlag in die Dunkelheit hinaus. Es hatte aufgehört zu regnen. Der Nebel lag wie ein graues Tuch über dem Dorf.
Trotzdem bemerkte Bujar den Schatten, der sich lautlos zwischen den Hütten bewegte. Der Wald hatte ihm beigebracht, Dinge zu sehen, die für andere Menschen unsichtbar blieben.
Vorsichtig schob er den Sperrriegel an der Tür zur Seite und schlich nach draußen. Geräuschlos folgte er dem Schatten, der sich der Hütte näherte, in dem die Fremde schlief.
Calib blickte besorgt zum Himmel hoch. Eine Schlechtwetterfront zog über den Bergen auf. Der Regen, der sich ankündigte, drückte den Nebel, der in den Gipfel der Berge hing, auf den Boden.
Das Leiden, das ihn vor zwei Tagen befallen hatte, war abgeklungen. Er hegte keinen Verdacht gegen die Bäuerin. Das Kasernenessen hatte seinen Magen verdorben. Das fette Essen in den Bergen brachte seine Gedärme aus dem Gleichgewicht. Er hatte seit Tagen ein Grollen in ihnen gespürt, das sich in ihnen wie ein Unwetter zusammenbraute.
Das fette Essen, das die Bäuerin servierte, war der Funke gewesen, unter dem es sich Bahn brach.
Die Bäuerin hatte ihn überzeugt, ihr seine durch das Leiden verschmutzte Wäsche zu überlassen, um sie zu reinigen. Die Zivilkleider, die ihm die Bäuerin gegeben hatte, zwangen ihn, nahe beim Haus zu bleiben.
Soldaten, die ohne ihre Uniform angetroffen wurden, drohte der Tod. Das System hatte auch mit dem Ableben des Diktators nichts von seiner Grausamkeit verloren.
Aber die Kleider ließen ihn die Veränderung an sich bewusstwerden. Die Berge riefen in ihm die Erinnerung an den Schäferjungen wach, der er in seiner Kindheit gewesen war.
Er spürte, wie mit der Uniform auch das System, dem er diente an ihm Schicht für Schicht abzublättern begann wie faules Laub.
Als er sich in den fremden Kleidern in dem kleinen Spiegel betrachtete, den die Bäuerin in ihrer Kleiderkammer hängen hatte, blickte er auf einen Fremden.
Er war in einem abgelegenen Tal in einer kleinen Hütte mit sechs Brüdern aufgewachsen. Der Vater verdingte sich bei den Bauern als Schafscherer. Der Hunger blieb ein ständiger Begleiter der Familie.
Der Militärdienst, zu dem alle jungen Männer verpflichtet waren, bot ihm eine willkommene Gelegenheit, der Armut und der Enge des Tales zu entkommen.
Albanien war von der Paranoia gefangen, an seinen Grenzen von Feinden umzingelt zu sein, die auf einen Moment der Schwäche lauerten, um losschlagen zu können.
Wie die meisten Männer seines Alters, glaubte Calib an die Verpflichtung, dem Land seiner Vorfahren mit der Waffe in der Hand als Schild zu dienen.
Die Repression des Regimes mochte sich erdrückend anfühlen. Aber es bewahrte Albanien davor, als Sklaven leben zu müssen.
Geduldig formte es aus ihm ein Bollwerk, der sich dem Ansturm des Feindes bedingungslos entgegenstellte wie die tausenden Bunker im Land. Das Regime beschwor die Seele der Menschen, die ihre Ehre auch unter Knechtschaft der Osmanen bewahrt hatte.
Der graue Nebel, der sich unter der Herrschaft des Diktators über Albanien legte und es zu einem blinden Flecken auf der Landkarte machte, erschien Calib ein geringer Preis für ein Leben in Ehre.
Wie alle Soldaten eiferte er dem Nationalhelden Skanderbeg nach. Der Heerführer hatte im 15. Jahrhundert die Mauern seiner Burg einem angenehmen Leben als Vasal der Türken vorgezogen. Eingeschlossen hinter den Burgmauern von Kruja hatte er fünfundzwanzig Jahre ihrem Sturmlauf getrotzt und Albanien die Unabhängigkeit bewahrt.
Calib verglich das Regime mit den mächtigen Gebirgsketten, die Albanien an drei Seiten einschlossen. Er war an die Grausamkeit und Unberechenbarkeit der Berge gewöhnt. Für ihn stellten sie keine Bedrohung dar. Sie schützten die Menschen vor ausländischen Invasoren.
Den Schatten des Regimes über sich zu wissen, fühlte sich für Calib besser an, als auf den Knien leben zu müssen.
Nach dem Militärdienst beschloss Calib, Soldat zu bleiben. Die Kaserne sicherte ihm Verpflegung und ein Dach über dem Kopf. Der Sold reichte für Zigaretten und Raki.
Auf den Brief seiner Mutter, in dem sie ihn anbettelte, zur Familie zurückzukehren, antwortete nicht. Er hatte seine Entscheidung getroffen.
Der Kasernendrill hatte den Menschen in ihm versteinert und ihn zu einem Teil des Mauerwerks geformt, das sich den ausländischen Invasoren an der Grenze in den Weg stellte.
Als er den Befehl erhielt, die Amerikanerin auf ihrer Studienreise zu begleiten, war er bereit, dem Befehl, ihr bei einem Fluchtversuch in den Rücken zu schießen, bedingungslos Folge zu leisten.
Er hinterfragte nicht die Gründe, warum man eine Angehörige des Feindes, die Erlaubnis erteilte, sich frei im Land zu bewegen. Eine Freiheit, die dem Großteil der Albaner verwehrt blieb. Er war daran gewöhnt, den Stempeln zu gehorchen, die in ihren Papieren standen. Selbst als sich das Gerücht verbreitete, dass sie mit Dollars bezahlt waren.
Er fügte sich, weil er wusste, dass Mauern, die mit Waffen nicht zu bezwingen waren, gegen Passierscheine machtlos blieben.
Auf der Reise erzählte die Amerikanerin, die seine Sprache beherrschte, von einer Welt, die ihm völlig unbekannt war. Von Wolkenkratzern, die in den Himmel ragten. Von Straßen, die, ohne auf eine Grenze zu stoßen, über den Horizont hinausführten. Von einem Reichtum, der allen Menschen offenstand. Von der Freiheit, das eigene Schicksal selbst zu bestimmen.
Calib erinnerte sich, wie sie vor einem der zahllosen Bunker, die mit ihren Stahlbetonkuppeln wie übergroße Pilze aus dem Land ragten, stehen blieb und nach seinem Nutzen fragte.
Seine Erklärung stieß auf ihr Unverständnis.
„Man könnte ihn als Weinkeller nutzen.“, sinnierte sie über eine sinnvollere Verwendung.
„Es gibt nicht genug Wein im Land, um sie füllen.“, prahlte er der Anzahl der Bunke, die das Land schützten.
Die Amerikanerin betrachtete den kleinen Wehrbau, aus dem sich der Rost des Stahlgeflechts langsam durch den Beton fraß.
„Der Tag wird kommen, an dem an den Hügeln genügend Wein dafür wächst.“, antwortete sie und lächelte ihn an.
Schweigend gingen sie weiter. Calib kannte keine Wolkenkratzer. Die Kasernen, in denen er hauste, waren geduckte Gebäude, die dem Feind bei einem Angriff kein Ziel boten. Der Wohlstand, von dem er träumte, war ein Raum mit einer Tür, die er hinter sich abschließen konnte. Und die einzige Freiheit, die er in seinem Leben kennen gelernt hatte, war der Blick in den Himmel.
In diesem Moment spürte Calib den ersten Tropfen des Unwetters, das sich über ihm zusammenbraute. Er ging zu dem schmalen Pfad hoch, der in den Wald führte.
In den vergangenen Tagen war die Amerikanerin bei Einbruch der Dämmerung von ihren Wanderungen zurückgekehrt. Dieses Mal wartete er vergeblich auf sie. Er verfluchte sich für seinen Leichtsinn, ihren Versprechen vertraut zu haben.
Die Gefahr, in dem Gebiet einer Grenzpatrouille in die Arme erschien ihm gering. Größer war das Risiko einer der zahllosen Schmugglerbanden zu begegnen. Die Moral der Soldaten an der Grenze hatte nach dem Tod des Diktators nachgelassen. Sie wurden schlecht versorgt und waren leicht zu überreden, mit den Schmugglern, die sich in den Bergen ausbreiteten, gemeinsame Sache zu machen. Die Waffen der Armee waren an beiden Seiten der Grenze eine begehrte Ware, die mit gutem Geld bezahlt wurden.
Calib spürte, wie sein Puls anstieg. Er fühlte eine Sorge, die ihm fremd war. Es war nicht die Angst, für seine Nachlässigkeit bestraft zu werden, die Amerikanerin auf eigene Faust losziehen zu lassen. Sie schien ihm mehr zu bedeuten, als er sich einzugestehen bereit war.
Als der Nebel unter die Baumwipfel fiel, ging Calib ins Haus zurück. Er nahm seine Pistole aus dem Halfter und steckte sie in seinen Hosenbund. Seine Uniform ließ er auf dem Haken hängen. Für den Fall, dass die Amerikanerin in die Fänge einer Schmugglerbande geraten war, schien es ihm von Vorteil, sich nicht von weitem als Zielscheibe zu präsentieren. Als Calib ins Freie trat, schlug in der Nähe ein Blitz in einen Baum. Dem Donnerschlag folgte ein heftiger Regen. Die Tropen prasselten Calib wie Kugeln ins Gesicht.
Amir zählte in seiner Kammer die Geldscheine durch. Der Widerschein der Taschenlampe unter der Decke leuchtete die Matratze aus. Das Geld fühlte sich gut an in seinen Händen. Er zählte es durch. Enttäuscht stellte er fest, dass es zur Gänze aus ein und fünf Dollarnoten bestand. In Summe war es weniger, als er erhofft hatte. Aber es reichte aus, um sein Geschäft ausbauen zu können.
Amir war in den Bergen aufgewachsen. Die Nähe zu der jugoslawischen Grenze erwies sich nach dem Tod des Diktators als Glücksfall.
Sein Verschwinden hatten die hermetisch unsichtbare Wand zum Nachbarland an vielen Stellen aufgerissen.
Es war leicht das Vertrauen der Soldaten gewinnen, die zum Schutz der Grenze abgestellt waren. Sie wurden schlecht versorgt und hungerten. Die Schafe, die er ihnen aus der Herde des Vaters überließ, bezahlten sie mit Waffen und Munition. Es war die einzige Ware, sie im Überfluss besaßen. Niemand machte sich mehr die Mühe, die Bestände zu zählen.
Amir erkannte schnell, dass er auf eine Goldader gestoßen war. Er musste nur zugreifen.
In Jugoslawien brodelte es unter den Volksgruppen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Pulverfass explodierte. Die Menschen, die auf der anderen Seite der Grenze in der Provinz Kosovo lebten, waren Albaner wie er. Sie spürten, dass sich die Zeiten änderten. Sie wollten vorbereitet sein. Die Waffen der Albaner waren ein begehrtes Gut. Und Amir versorgte sie damit.
Auf den alten Schmuggelpfaden über die Pässe herrschte ein reger Warenverkehr. Unter den Augen der Soldaten schmuggelte er Gewehre und Pistolen, die er für seine Schafe bekam, über die Grenze und verschacherte sie an Mittelsmänner, deren Gier nach Waffen unersättlich blieb. Die Preise für seine Waren stiegen mit jeder Woche an. Und Amir erkannte sein Talent, Geschäfte zu machen.
Er war der Sohn des Dorfältesten und dafür bestimmt, die Nachfolge seines Vaters anzutreten. Aber Amir hatte anderes im Sinn, als sein Leben in den Bergen bei den Schafen zu verbringen.
Sein Vater hatte ihn nach Shkodra und Tirana geschickt, um mit den Behörden einen Landkauf auszuhandeln. In den Städten spürte er, dass sich das Land änderte. Die Zeiten standen auf Umbruch. Er wollte die Gelegenheit nicht verpassen, seinen Teil vom Kuchen für sich abzuschneiden, wenn er verteilt wurde.
Die Waffen, die ihm die albanischen Grenzsoldaten überließen, waren das Werkzeug dafür. Die unteren Kader ließen sich mit Schafen bestechen. Aber die Offiziere, die sie kommandierten, hungerten nicht. Für sie brauchte es ein anderes Schmiermittel. Devisen. Für Dollars und Deutsche Mark bekam er von ihnen mehr als nur Pistolen, Gewehre und Handgranaten.
Ein Wettersturz in den Bergen war nichts Ungewöhnliches. Die Menschen, die ihr ganzes Leben dort verbrachten, konnten ihn am Wind und den Wolken vorhersagen und sich vorbereiten.
Die Fremde, die völlig durchnässt an der Tür seines Vaters klopfte, war blind hineingelaufen.
Sie war eine Ausländerin, die ohne Bewachung durch die Berge streifte. Es grenzte an ein Wunder, dass sie nicht in die Arme einer Patrouille gelaufen war. Die Disziplin der Soldaten hatte nachgelassen. Das Wasser, das in die Risse des Regimes sickerte, hatte auch sie erreicht. Sie waren damit beschäftigt, ihre Zukunft für die Zeit nach dem Zusammenbruch des Systems vorzubereiten.
Amir bat sie in die Stube. Verwundert stellte er fest, dass die Fremde die Landessprache beherrschte. Sie berichtete ihm, dass sie aus Amerika stammte und für eine Studienreise durch die Berge reiste.
Amir erkannte sofort die Gelegenheit, die sich ihm bot. Amerikaner besaßen Geld. Er bat die Fremde ins Haus und rief seinen Vater.
Der Alte empfing die Fremde freundlich. In seinem Gesicht konnte Amir ablesen, dass ihm die Begegnung mit ihr keine Freude bereitete. Die Ausländerin war zu nahe an die Grenze geraten. Wenn Soldaten sie bei ihm im Haus fanden, würden sie ihn verdächtigen, eine feindliche Agentin bei sich zu verstecken.
Erst als die Fremde Papiere mit Stempeln aus Tirana auf den Tisch legte, legte sich die Unruhe des Vaters.
Sie berichtete, bei einer Bäuerin im Tal zu wohnen. Das Wetter war zu schlecht, um sie beim Abstieg zu begleiten. Es dämmerte bereits und Nebel und Regen kündigten sich an.
Er bot der Fremden eine Mahlzeit einen Schlafplatz in einer der verlassenen Hütten an.
Amir sah, wie die Fremde in ihren roten Rucksack griff und ein Bündel Geldnoten herauszog. Sie bot seinem Vater eine Dollarnote an. Der Vater schüttelte den Kopf.
Amir lächelte. Der Alte erkannte ihren Wert nicht. Er ahnte nichts von den Geschäften, die sein einziger Sohn in den Bergen betrieb.
Das Bündel erweckte die Gier in Amir. Der Zufall hatte ihm eine Amerikanerin in die Hände gespielt, die ihm half, sein Geschäft auszubauen. Er musste nur zugreifen.
Amir fasste einen Plan. Es gab keinen Strom im Dorf. Die Nächte waren dunkel. Der Nebel, den der Regen auf den Boden drückte, würde sein Komplize sein.
Nach dem Abendessen legte er sich auf die Lauer. Gegen Mitternacht schlich er sich aus dem Haus. Er wusste um das Schlupfloch, durch das er in die Hütte eindringen konnte, in dem die Fremde die Nacht verbrachte, ohne die Tür zu öffnen. Der frühere Bewohner hatte in der Außenwand ein kleines Loch als Ausgang für seinen Hund geschnitten. Nach seinem Tod war es notdürftig mit Brettern abgedichtet worden.
Das Geschäft, das er als Schmuggler betrieb, hatte ihn mit einem breiten Sortiment ausgestattet. Die Soldaten, die an der Grenze ihren Dienst versahen, bekämpften ihre Schlaflosigkeit mit Beruhigungsmitteln.
In einem unbeobachteten Moment hatte er dem Raki, den er der Fremden zu trinken anbot, beigemengt. Sie würde ihn bei seinem Vorhaben nicht stören.
Lautlos schlich Amir sich an die Hütte heran. Er löste die Bretter von der Wand und schlüpfte durch die Hundeklappe. In der Hütte sah man die Hand nicht vor Augen. Er zündete ein Streichholz an und blickte sich um. Die Fremde lag in ihrem Bett und schlief. Amir entdeckte den Rucksack am Fußende. Er blies das Streichholz aus.
Sekunden später schlüpfte er durch die Hundeklappe wieder ins Freie. Im Schutz des Nebels schlich er in den Wald. Auf einer Lichtung knipste er die Taschenlampe. Er kniete sich auf den Boden und öffnete die Seitentasche des Rucksackes. Das Bündel, das er herauszog, fühlte sich dick an. Er durchsuchte den Rucksack, ohne weiteres Geld zu finden. Die Kamera, die er entdeckte, ließ er unberührt.
Der Diebstahl würde für Unruhe im Dorf sorgen. Die Kamera barg das Risiko, als Dieb entlarvt zu werden, wenn man sie bei ihm fand. Es war auch keine Ware, die Abnehmer fand. Die Jugoslawen hatten kein Interesse daran.
Das Geld ließ sich leichter verstecken. Irgendwann würde die Fremde das Dorf verlassen. Dann konnte er die Kamera immer noch an sich nehmen.
Amir nahm den Spaten, den er unter einem Baum bereitgelegt hatte. Er hob ein Loch aus und warf den Rucksack hinein. Nachdem er das Loch wieder mit Erde gefüllt hatte, deckte er die Stelle sorgfältig mit Blättern zu, um keine verräterischen Spuren zu lassen.
Bevor er den Ort verließ, blickte sich Amir um. Ein leises Knacken im Gebüsch hatte ihn aufgeschreckt. Der Lärm, den er mit dem Spaten verursacht hatte, mussten ein Tier aus dem Schlaf gerissen haben.
Mit der Taschenlampe leuchtete er die Stelle ab, an der er den Rucksack vergraben. Er konnte nichts Auffälliges feststellen.
Der Nebel hatte sich aufgelockert. Am Himmel leuchteten die Sterne. Er griff ihn seine Hosentasche. Das Bündel, das seine Hand umfasste, erfüllten ihn mit Hochstimmung, als er ins Dorf ging.
Das Glück war auf seiner Seite. Vor ihm öffnete sich eine goldene Zukunft. Er wusste um das Wasser, das langsam in die Risse des Systems sickerte. Es floss unaufhaltsam aus den Bergen in das Land. Bald würde es den Felsen, der Albanien umklammerte, sprengen und sich auf das ganze Land ergießen. Das Geld der Amerikanerin würde ihm helfen, auf seinen Wellen zu reiten.
Prokletije „Verfluchte Berge“, nannten die Albaner das Bergmassiv ehrfurchtsvoll, durch dessen vorgelagerten Wälder und Täler seit Jahrhunderten einer alten Legende nach eine verwunschene Seele streifte, die den Menschen Gerechtigkeit abverlangte.
In dieser Nacht schienen die verwunschenen Berge ihrem Ruf gerecht zu werden.
In Panik hetzte Mary durch das Gewirr der Bäume, unter dessen mächtigen Wipfeln der Himmel verschwand. Mit jedem Schritt wuchs ihre Verzweiflung. Vergeblich hielt sie nach einer Lichtung Ausschau, um Orientierung zu finden. Der Weg, dem sie folgte, verstrickte sie immer tiefer in das Dickicht des Waldes.
Unvermittelt trat eine Frau aus dem Schatten einer verwachsenen Linde hervor, deren knorriger Stamm seit Jahrhunderten den Jahreszeiten trotzte. Sie winkte Mary zu sich. In ihren Augen glühte ein rotes Feuer.
In den Armen hielt sie ein kleines Bündel, um das sie eine Decke gewickelt hatte.
Die Frau deutete Mary, ihr zu folgen. Schweigend schritt sie den Weg entlang, auf dem ihr die Frau mit drei Armenlängen Abstand voranging. Mary bemühte sich, zu ihr aufschließen, um einen Blick auf das Bündel zu werfen, das sie in den Armen trug. Aber es gelang ihr nicht. Wenn sie ihre Schritte beschleunigte, erhöhte die Frau das Tempo. Nach einigen vergeblichen Versuchen gab Mary auf.
Der Wald lichtete sich. Erleichtert blickte Mary auf das Tal, auf das die Sonne heiß herab brannte. Bald spürte Mary, wie die sengende Hitze sie zu quälen begann. Sie stöhnte und sehnte sich nach dem Schatten des Waldes zurück. Aber als sie sich umdrehte, war der Wald aus ihrem Blick verschwunden.
Auf dem Marsch durch das Tal fühlte Mary einen unstillbaren Durst in sich aufsteigen. Verzweifelt hielt sie nach einer Quelle Ausschau, aus der sie trinken konnte. Aber die Frau, die sie führte, duldete keine Rast. Völlig erschöpft erreichte Mary das Ende des Tales. Vor ihr ragte ein mächtiges Bergmassiv in den Himmel.
Als sich Mary nach dem Tal umwandete, das sie durchschritten hatten, war es wie vom Erdboden verschluckt.
Mary blieb keine Wahl, als der Frau zu folgen und den steilen Pfad, der auf den Gipfel des Berges führte, hinaufzusteigen. Der Hunger nagte an ihr. Aber in den kargen Felsen, die Mary hochkletterte, fand sich keine Nahrung.
Je höher sie stieg, desto kühler fühlte sich die Luft an. Die Kälte kroch durch ihre Kleider. Regen und Schnee fielen auf sie herab. Ein grauer Nebel hüllte sie ein. Mary fühlte, dass ihre Finger steif wurden. Aber die Frau kannte kein Erbarmen. Unerbittlich trieb sie Mary zur Eile an.
Unter Qualen erreichte sie den Pass unterhalb des Gipfels. Beim Abstieg lichtete sich der Nebel. Der Himmel klarte auf. Der Weg führte sie wieder in einen Wald. Als sie das Gewirr der Bäume verschluckte, erstarrte Mary plötzlich. Sie befand sich wieder an der Stelle, wo ihr die Frau begegnet war.
Bevor die Frau im Schatten der knorrigen Linde verschwand, schlug sie die Decke von dem Bündel auf, das sie in den Armen hielt und zeigte es Mary. Aus der Decke leuchtete das Gesicht eines toten Kindes. Es glänzte nass von den Tränen seiner Mutter.
Mary stieß einen Schrei aus schlug die Augen auf. Erleichtert stellte sie fest, in einem Bett zu liegen. Es war nur ein Traum gewesen.
Er erinnerte sie an eine Geschichte, von der ihr die Großmutter in Kindheitstagen erzählt hatte. In alter Vorzeit floh eine Frau mit ihrem Kind in die Berge im Norden Albaniens, um es vor seinen Feinden zu retten. Doch das felsige Land zeigte kein Erbarmen mit ihr. Wochenlang irrte sie von Hunger und Durst gequält mit dem Kind durch die Wälder und Täler. Die Berge verbargen sie vor den Verfolgern, die ihr auf den Fersen waren. Aber sie gönnten ihr keine Rast. Am Ende lag das Kind tot in ihren Armen.
In ihrem Schmerz verfluchte die Frau die Berge. Ihr Fluch gab dem Gebirge seinen Namen. Seit dieser Zeit werden die Menschen, die am Fuß der verwunschenen Berge leben, in den Sommern von Dürre und Hitze und in den Wintern von klirrender Kälte und gewaltigen Lawinen heimgesucht.
Ein Schatten über ihrer Nase riss Mary aus den Gedanken.
Vor ihrem Gesicht baumelte eine dicke Spinne an einem dünnen Faden. Angeekelt scheuchte sie das Tier mit der Hand weg und schlug die Decke über sich. Sie spürte die schmerzhafte Kälte, die durch ihren Körper raste. In ihrem Kopf hämmerte es. Es dauerte, bis sie begriff, dass sie in ihren feuchten Kleidern eingeschlafen war.
Ein klammes Gefühl, das ihr fremd war, lähmte sie. Sie konnte sich kaum bewegen. Ihr Körper fühlte sich wie versteinert an. Sie rieb sich die Augen. Der Schleier, der die Welt in einen schlammigen Brei verwandelte, ließ sich nicht vertreiben wie die Spinne.
Schlaftrunken rappelte sie sich aus dem Bett. Es fiel ihr schwer, sich auf den Beinen zu halten.
Vorsichtig bewegte sie sich auf die Tür der Hütte zu. Die Welt verwandelte sich in ein schwankendes Schiff, das gegen eine schwere See kämpfte.
Als sie ins Freie trat, sog sie die kalte Morgenluft ein. Langsam schüttelte sie ihre Benommenheit ab. Sie blickte zum Himmel hoch. Der Regen und der Nebel waren verschwunden. Am Himmel lösten sich die letzten Wolkenfetzen auf.
Mary beschloss, keine Zeit zu verlieren. Der Soldat, der sie begleitete, würde sich bereits auf die Suche nach ihr gemacht haben.
Sie ging in die Hütte zurück. Mit einem Schlag war sie hellwach. Ihr Rucksack war verschwunden.
Der Diebstahl verbreitete sich in Windeseile in dem kleinen Dorf. Rasch fand sich eine kleine Menschenmenge vor der Hütte des Dorfältesten zusammen. Die Ehre des Dorfes stand auf dem Spiel.
In einer Region, in der Hab und Gut knapp waren, galt Diebstahl als schweres Delikt, das nach den Regeln des Kanun mit grausamen Strafen belegt war.
Der Dorfälteste versuchte, die Fremde zu beruhigen. Er versprach ihr, alles zu unternehmen, um den Dieb ausfindig zu machen und ihr den Rucksack zurückzugeben.
Nach einer kurzen Beratung löste sich die Versammlung auf. Mary sah zwei Männer ihre Gewehre schultern und aus dem Dorf gehen.
Nach einer Stunde kehrte einer von ihnen zurück. Er hatte den Jungen in Gewahrsam genommen, der am Abend für sie das Feuer gemacht hatte. Seinen Begleiter war bei den Schafen, die der Junge hütete, zurückgeblieben.
Der Mann trug sein Gewehr im Anschlag. Der Lauf zielte auf den Jungen, der zwei Schritte vor ihm ging. Der Verdacht, der auf ihm lastete, wog schwer. Er war der Einzige, der die Hütte betreten hatte, in der die Fremde schlief. Nur er konnte wissen, wo die Fremde ihren Rucksack aufbewahrt hatte.
Der Mann mit dem Gewehr legte eine leere Filmdose auf den Boden, die er in der Tasche des Jungen entdeckt hatte. Der Dorfälteste blickte Mary an und fragte sie, ob die Dose aus ihrem Besitz stammte. Mary nickte.
Der Dorfälteste fragte den Jungen, wie die Dose in seinen Besitz gelangt sei. Der Junge biss sich auf die Lippen und schwieg.
Zornig über seinen Widersinn, befahl ihm der Dorfälteste, auf die Knie zu fallen. Er erteilte dem Mann mit dem Gewehr, den Befehl, die Hütte, die der Junge mit seiner Mutter bewohnte, zu durchzusuchen.
Nach wenigen Minuten kehrte der Mann zurück. Er schüttelte den Kopf. Der Rucksack blieb verschwunden.
Im Schlepptau des Mannes tauchte die Mutter des Jungen auf. Sie bettelte den Dorfältesten an, ihren Sohn von dem Verdacht freizusprechen. Sie schwor bei der Ehre ihrer in den Gräbern liegenden Familie, dass er kein Dieb wäre.
In scharfen Ton wies sie der Alte an, die Versammlung zu verlassen. Die Frau senkte den Kopf und zog sich schweigend zurück, ohne ihren Sohn mitzunehmen. Mary begriff, dass ihr keine Wahl blieb. Es gab keinen Mann, der sie und ihren Jungen verteidigte.
Als der Dorfälteste den Jungen aufforderte, den Diebstahl einzugestehen und den Rucksack an die Fremde zurückzugeben, streckte ihm dieser die leeren Handflächen entgegen, um seine Unschuld zu beteuern.
Wütend schlug ihm der Dorfälteste mit einem Stock die Arme nieder. Der Junge steckte den Schlag ein, ohne dass ihm der Schmerz einen Laut entlockte.
Mary verfolgte das Verhör, dem er unterzogen wurde, aus dem Hintergrund. Die Menschen hatten sich von ihr abgewandt. Sie spürte die Ablehnung, die ihr entgegenschlug. Die Bewohner des Dorfes betrachtete sie als Ursache des Übels, das die Dorfgemeinschaft erfasst hatte. Ohne ihr Auftauchen hätte es den Diebstahl nicht gegeben, der ihre Gemeinschaft bedrohte.
Instinktiv fühlte Mary, dass die Anklage, die sich gegen den Jungen richtete, auch sie betraf.
Sie hatte einen der ihren dazu verführt, seine Ehre preiszugeben und zum Dieb zu werden.
Dem Dorf blieb keine andere Wahl, als das Verbrechen zu sühnen. Aber Mary spürte in der Feindseligkeit der Mienen, dass die Strafe, die gegen den Dieb ausgesprochen werden würde, auch für sie galt, ohne sie zu vollziehen.
Sie fragte eine Frau, die an ihr vorbeiging, was mit dem Jungen geschehen würde, wenn er seine Schuld eingestand.
„Die Natur wird an ihm und seiner Mutter Gerechtigkeit üben.“, antwortete die Frau, ohne dass eine Regung in ihrem Gesicht abzulesen war.
Mary erstarrte. Selbst wenn der Junge den Diebstahl abstritt, würde er sein Leben lang als Dieb ihres Rucksackes gebrandmarkt sein. Sie hatte bestätigt, dass sich die Dose mit der Filmrolle, die bei ihm entdeckt wurde, darin befunden hatte.
Mary ahnte, welches Schicksal den Jungen erwartete. Das Dorf würde ihn und seine Mutter aus dem Dorf jagen. Sie dachte an ihren nächtlichen Traum. Ohne die Unterstützung der Gemeinschaft konnten sie in den Bergen nicht überleben.
Der Ärger über den Verlust ihrer Habseligkeiten verblasste angesichts dieser Vorstellung.
Mit ihrem Kopfnicken hatte sie Urteil über den Jungen gesprochen. Diesen Rucksack würde sie nicht mehr ablegen können. Er würde ein Leben auf ihren Schultern lasten.
„Dieses Gewicht darfst du nicht mit dir tragen.“, begehrte eine Stimme in ihrem Kopf auf.
Es war nicht ihr eigene. Sie dachte nicht auf Albanisch. Es war die Stimme ihrer Großmutter, die mit ihr sprach.
Mary fasste einen Entschluss. Ohne über die Konsequenzen nachzudenken, drängte sich durch die Menschenmenge. Sie bückte sich nach der Filmrolle, die den Jungen als Dieb überführt hatte und drückte sie ihm in die Hand.
Schlagartig verstummte das Stimmengewirr auf dem Platz. Alle Blicke richteten sich auf sie.
„Er hat es nicht getan.“, sagte sie laut und deutlich, dass es jeder hören konnte.
„Ich habe ihm die Dose geschenkt als Dank für das Feuer, das er im Ofen für mich gemacht hat.“.
Der Dorfälteste blickte sie misstrauisch an.
„Bist du deiner Sache sicher?“.
Mary stellte sich vor den Jungen, der am Boden kniete.
„Der Rucksack wurde mir nicht gestohlen.“, sagte sie.
„Ich habe ihn im Wald versteckt, um im Dorf bleiben zu können.“.
Mary erzählte von dem Soldaten, mit dem sie in die Berge aufgebrochen war. Sie gab vor, auf der Flucht vor ihm zu sein.
Auf der Suche nach einem Unterschlupf wäre sie in das Dorf gekommen. Nachts wäre ihr die Idee gekommen, den Rucksack in den Wald zu bringen und einen Diebstahl vorzutäuschen, um nicht weiterziehen zu müssen.
Der Junge blickte sie an, ohne dass seine Miene verriet, was in ihm vorging.
Der Dorfälteste gab ihm einen Wink, sich zu erheben. Der Junge stand auf und warf die Filmrolle fort. Dann ging er aus der Tür.
In Albanien besaß die Ehre einen größeren Wert als alle anderen Dinge. Wer einem Mann seine Ehre absprach, machte sich einer Beleidigung schuldig, die Sühne verlangte.
Das Dorf hatte den Jungen zu Unrecht als Dieb gebrandmarkt. Er hatte keinen Vater, der die Sühne einfordern konnte. Er musste warten, bis er selbst ein Mann geworden war.
Mary ahnte die Gefahr, in der sie schwebte. Ihr Leben hing an einem seidenen Faden. Mit ihrer erfundenen Geschichte, um das Leben des Jungen zu retten, bestätigte sie die Paranoia des Regimes. Die Fremden brachten Streit und Zwietracht in das Land.
Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie der Mann mit dem Gewehr, den Finger an den Abzug legte und den Lauf auf sie richtete.
In diesem Augenblick wurde die Tür aufgestoßen. Mit gezogener Waffe stürmte der Soldat, der Mary allein hatte ziehen lassen, in den Raum.
Seine Suche brachte ihn rasch auf ihre Spur. Eine Fremde, die in ausländischer Kleidung durch die Bergtäler zog, blieb nicht unbemerkt. Die Schäfer und Bauern, die ihren Weg kreuzten, hatten ihm den Weg zu dem Dorf gewiesen.
Mary blickte den Soldaten an, der in den abgenutzten Kleidern eines Bauern vor ihr stand. Sie hatte ihn beinahe nicht erkannt. Ihr blieb keine Zeit, ihn zu fragen, warum er seine Uniform nicht trug.
Der Soldat fasste Mary an der Hand und zog sie hinter seinen Rücken, während er die Menschenmenge, die sie umringte, mit der Pistole auf Abstand hielt.
Nach einem kurzen heftigen Wortwechsel gewährte ihnen der Dorfälteste freies Geleit.
Die Diktatur hatte Risse. Aber das Wasser war noch nicht tief genug eingedrungen, um sich offen dagegen zu stellen.
In Begleitung des Soldaten ließ Mary das Dorf hinter sich. Der Soldat hielt seine Pistole schussbereit in der Hand. Ein Hitzkopf aus dem Dorf konnte leicht in Versuchung geraten, sich mit einem gezielten Schuss für die Schmach zu rächen, mit gezogener Waffe ihre Versammlung zu stören.
Als die Ansiedlung hinter einem Hügelkamm verschwand, trat der Junge, bei dem man die Filmdose gefunden hatte, plötzlich aus den Bäumen hervor.
Der Soldat richtete die Pistole auf ihn. Die Junge ließ sich davon nicht einschüchtern. Er sprach einen kurzen Satz, von dem Mary nur das letzte Wort verstand.
„Besa.“
Bevor sie antworten konnte, verschluckte der Wald den Jungen wieder.
„Was hat er gesagt?“, fragte sie den Soldaten.
„Er hat das Versprechen gegeben, dir den Rucksack zurückzugeben.“, antwortete er.
Mary lächelte gequält. Sein Verlust kümmerte sie nicht mehr. Beinahe hätte sie ihn mit dem Gewicht des Jungen ein Leben lang schleppen müssen.
„Ich brauche ihn nicht mehr.“, sagte sie kopfschüttelnd.
„Das Besa eines Albaners währt länger als ein Leben andauert. Es gilt über den Tod hinaus.“, antwortete der Soldat.
Mary nickte und blickte auf die schroffen Berge, die ihren Weg einrahmten.
Sie wusste um die Legende, die jede albanische Seele von Kindesbeinen an begleitete und die Mentalität der Menschen in diesem Land prägte. Die Großmutter hatte sie ihr aus dem zerfledderten Buch in der Sprache ihrer Ahnen vorgelesen.
Es war eine der Geschichten, die jedes Herz mit Stolz erfüllte.
Vor langer Zeit lebte ein wunderschönes Mädchen mit ihren zwölf Brüder glücklich in einem Tal inmitten der albanischen Berge.
Als für das Mädchen die Zeit gekommen war, sich zu verheiraten, fiel es ihr schwer, das Haus, das sie mit ihren Brüdern geteilt hatte, zu verlassen. Der Mann, der sie zur Frau nahm, lebte mit seiner Familie weit entfernt in der Fremde.
In der Nacht vor ihrer Heirat blickte sie auf den Sternenhimmel ihrer Heimat und vergoss bittere Tränen. Da kam der jüngste ihrer Brüder, mit dem sie eine Seelenverwandtschaft teilte, zu ihr und versprach ihr, sie nach Hause zurückzuholen, wenn sie unglücklich wäre. Durch die Seele, die sie gemeinsam teilten, könnte keine Entfernung der Welt sie voneinander trennen. Er würde ihre Traurigkeit spüren und zu ihr eilen, um sein Versprechen einzulösen. Mit dieser Gewissheit im Herzen heiratete das Mädchen den Mann und zog mit ihm fort.
Nach ihrer Heirat brach ein Krieg aus und die Brüder mussten für ihr Land in den Kampf ziehen. Keiner von ihnen kehrte aus den blutigen Schlachten zurück. Traurig mussten die Eltern das Schicksal ihrer zwölf Söhne annehmen. Das Mädchen, das in der Fremde lebte, erfuhr nichts vom Tod ihrer Brüder.
Schon bald fühlte sie sich an der Seite ihres Mannes unglücklich und sehnte sich nach der Heimat zurück. Die Traurigkeit, die sie erfasste, vermochte ihre Zuversicht nicht zu brechen. Sie vertraute dem Versprechen ihres jüngsten Bruders und wartete geduldig darauf, dass er sie nach Hause zurückbrachte.
Eines Nachts klopfte es an ihrem Schlafzimmer. Sie sah einen Reiter in der Dunkelheit und erkannte in ihm die Umrisse ihres Bruders.
Seine Stimme befahl ihr, zu ihm aufs Pferd zu steigen. Sie setzte sich in seinem Rücken auf den Sattel und umfasste in mit den Armen.
Gemeinsam flohen sie in einem wilden Ritt durch die Nacht in Richtung ihrer Heimat. Das Pferd galoppierte so schnell über den Boden, dass sie glaubte zu fliegen.
Mit dem Zweigespann, das sie zu der Heirat mit dem ungeliebten Mann gebracht hatte, war sie viele Tage unterwegs gewesen.
Auf dem Rücken des Pferdes ihres Bruders erreichten sie vor dem Morgengrauen ihr Ziel.
Überglücklich sprang das Mädchen aus dem Sattel und eilte von ihrem Bruder fort in das Haus ihrer Eltern, die sie überglücklich in Empfang nahmen.
Voller Freude berichtete sie ihnen von dem Versprechen, das ihr Bruder eingelöst hatte und von der gelungenen Flucht auf dem Rücken seines Pferdes. Da verfinsterte sich die Miene der Eltern. Mit Tränen in den Augen erzählten sie der zurückgekehrten Tochter vom Schicksal ihrer zwölf Brüder, die im Krieg umgekommen waren.
Seither gilt in Albanien ein Versprechen als Besa, das über den Tod hinaus gilt.
Mary lächelte bei dem Gedanken an die rührselige Geschichte und richtete den Blick wieder auf das Tal, das sich vor ihr ausbreitete und an zwei Seiten von malerischen Bergketten eingerahmt wurde.
Der Schatten, der sich an der Hütte zu schaffen machte, in der die Fremde schlief, bemerkte den Verfolger nicht, der ihm an den Fersen klebte.
Bujar hatte im Wald gelernt, sich lautlos wie ein Taucher im Wasser zu bewegen. Sein Körper bewegte sich geschmeidig wie eine Schlange. Er zitterte kein Ast, wenn er durch ein Gebüsch kroch.
Manchmal gelang es ihm, bis auf eine Armlänge an das Wild heranzukommen, das er jagte. Friedlich äste es vor ihm im Gras, bis er es mit seinem Gewicht zu Boden warf und ihm mit dem Messer die Kehle durchschnitt.
Bujar spürte, wie sein Herz langsamer schlug. Seine Augen waren an die Dunkelheit gewöhnt. Sie registrierten jede Bewegung des Schattens, als würde er sich in Zeitlupe bewegen.
Er drückte seinen Körper flach auf den Boden, dass er mit seinen Konturen verschmolz.
Die Gestalt hantierte wenige Meter vor an der Holzverkleidung der Hütte. Sie löste zwei Bretter an der Außenwand ab und schlüpfte durch den Spalt, der sich nach innen freigab.
Der Körper von Bujar spannte sich zum Sprung bereit wie eine Katze, die vor einem Mausloch auf ihre Beute lauerte.
Am Himmel riss der Wind, der über die Berge fegte, die Nebelschwaden fort. Bujar bemerkte, wie das Licht der Sterne auf das Dorf niederstrahlte und die Silhouetten der Hütten sichtbar macht. Blitzartig erkannte er die Gefahr, entdeckt zu werden. Er sprang auf die Beine und veränderte seine Position, um dem Lichtstrahl zu entgehen.
Im gleichen Augenblick tauchte der Schatten wieder im Spalt der Hüttenwand auf. Er kroch wie eine Maus aus der Hütte. Er ahnte nichts von seinem Glück, dass der Mond die Katze, die auf der Lauer nach ihm lag, verjagt hatte. Ruhig setzte er die losgelösten Bretter an ihre Stelle und verschwand in der Dunkelheit.
Bujar hockte hinter einem Holzstapel. Sein Atem ging heftig. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Die Sterne hatten dem Schatten ein Gesicht gegeben. Er hatte es an der markanten Form der Nase erkannt.
Bujar rappelte sich auf die Beine und folgte im Licht des Mondes dem Schatten, der in den Wald eintauchte. Vor einer Lichtung sah er das Licht einer Taschenlampe zwischen den Bäumen aufblitzen.
Bujar warf sich auf den Boden. Sein Körper verwandelte sich in eine Schlange, die unter das Laub schlüpfte und sich lautlos auf ihr Ziel zubewegte.
Hinter einem Gebüsch suchte er Deckung. Er befand sich im Rücken des Schattens, der auf dem Boden kniete. Im Lichtkegel seiner Lampe flammte das Rot des Rucksackes der Fremden wie ein glühendes Feuer hoch.
Bujar beobachtete, wie der Schatten die Seitentasche durchwühlte. Er zog ein Bündel hervor, das er in seine Tasche steckte. Dann nahm er einen Spaten und hob eine Grube aus. Er warf den Rucksack hinein und schaufelte das Loch wieder zu. Sorgfältig bedeckte er die verräterische Erde mit Laub. Mit dem Spaten in der Hand tauchte er in der Dunkelheit unter.
Bujar wartete eine Stunde im Gebüsch und überlegte, was geschehen war. Die Hütte gehörte dem Dorfältesten. Der Schatten wusste um das Schlupfloch an der Außenwand. Bujar wagte nicht, seinen Namen zu denken. Er ahnte die Gefahr, die ihm und seiner Mutter drohte, wenn er dem Schatten einen Namen gab.
Er hatte seinen Plan sorgfältig vorbereitet und gewartet, bis das Dorf schlief, um ihn auszuführen.
Bujar wusste, was das Bündel war, das er aus der Seitentasche des Rucksackes gezogen und in seine Hose gesteckt hatte. Es waren die Dollarnoten der Fremden.
Bujar überlegte. Wer würde einem Aussätzigen, an dem der Tod haftete, Glauben schenken, wenn er den Dieb entlarvte? Man würde ihn selbst bezichtigen, den Diebstahl begangen zu haben und gemeinsam mit seiner Mutter aus dem Dorf jagen.
Die Menschen in diesem Land fällten ihre Urteile grausam und vertrauten der Natur, dass sich ihr Urteil an jenen vollstreckte, die sie aus ihrer Gemeinschaft ausstießen.
Nirgendwo würden sie mehr Unterschlupf finden. Einen ehrlosen Dieb, dem der Tod wie ein Schatten folgte, würde niemand aufnehmen.
Bujar fasste einen Entschluss. Er kroch aus dem Gebüsch hervor und zog sein Messer. Mit einem scharfen Schnitt markierte er den Baum, unter dem der Schatten den Rucksack vergraben hatte. So konnte er die Stelle wiederfinden und den Rucksack ausgraben, wenn die Zeit dafür reif war. Niemand würde die Markierung an der Wurzel des Baumes bemerken. Mit dem Fuß trat er auf etwas, das sich fremd auf dem Waldboden anfühlte. Er bückte sich und griff mit den Händen danach. Es war eine kleine Dose in der Form eines Zylinders. Er rollte sie zwischen seinen Finger. Sie musste dem Schatten aus dem Rucksack gefallen sein. Bujar steckte sie in seine Tasche. Langsam ging er ins Dorf zurück.
Mary kehrte in Begleitung des Soldaten noch am gleichen Tag zu dem Hof der Bäuerin zurück. Am nächsten Morgen brachen sie bei Sonnenaufgang auf, um ins Tal zu gelangen und nach dem Fahrer des JAZ zu suchen, der nach einem Achsenbruch am Wagen zurückgeblieben war.
Die Uniform, die der Soldat wieder trug, verwandelten ihn in den versteinerten Diener des Regimes zurück, den die Menschen mit finsterer Miene gegenübertraten.
Aber das Wasser der Berge war bereits in seine Uniform gesickert. Die Risse klafften unübersehbar an ihr. Bald würde es den Felsen sprengen, der den Soldaten umklammerte.
Die nächsten Tage liefen wie ein ruhiger Fluss dahin. Sie wanderten durch ausgedehnten Täler und Hochebenen.
Der Soldat berichtete von seiner Kindheit in den Bergen und von seinem Verlangen zu seinen Wurzeln zurückzukehren. Mary erzählte ihm von der Begeisterung, mit der die Großmutter von ihrer verlorenen Heimat schwärmte.
In der Nacht des dritten Tages campierten sie unter offenem Himmel. Als ein Bär auf der Suche nach Futter im Widerschein des Lagerfeuers auftauchte, zog der Soldat seine Pistole und feuerte zwei Kugeln in Richtung des Bären ab.
Sie hörten ein Knirschen im Unterholz. Die Schüsse hatten den Bären vertrieben. Aber der Hunger des Bären war stärker als seine Angst. Er kehrte zwei Mal an das Feuer zurück, wo ihn das gebratene Schaffleisch lockte.
Der Soldat verschoss ein ganzes Magazin leer, bis der Bär im Wald verschwand, um an seinen Wunden zu verbluten.
Den Rest der Nacht saß Mary Schulter an Schulter mit dem Soldaten. Sie konnte seine Wärme fühlen, die auf ihren Körper übersprang. Für einen kurzen Moment legte der Soldat den Arm um sie. Aber das Wasser hatte den Felsen in ihm noch nicht gesprengt. Der Soldat zog seinen Arm zurück. Er stand auf und warf ein Stück Holz ins Feuer.
Als er sich wieder zu ihr setzte, drückte er Mary die Pistole in die Hand. Er unterwies sie in der Handhabe der Waffe für den Fall, dass der Bär zurückkam. Dann drehte er sich zur Seite und schlief.
Mary kümmerte sich um das Feuer. Nach zwei Stunden wechselten sie sich ab. Mary legte sich im Rücken des Soldaten und rollte sich zusammen. Sie versuchte zu schlafen. Aber sie brachte kein Auge zu. Der Junge aus dem Dorf ging ihr nicht aus dem Kopf. Tausend Gedanken stürmten auf sie ein. Hatte sie einen Dieb in Schutz genommen? Warum sollte der Junge ihr dann das Versprechen geben, in ihr eines Tages zurückzubringen. Es ergab keinen Sinn.
Als der Morgen dämmerte, brachen sie ihr Lager ab und zogen weiter. Gegen Mittag stießen sie auf einen Weg, der breit genug war, um Fuhrwerke eine Fahrrinne zu bieten. In der Ferne sah Mary eine Staubwolke aufwirbeln. Der Soldat stieg auf einen Felsen und winkte mit den Armen.
Im Tempo einer Schafherde rumpelte der rostige JAZ über den schmalen Hirtenpfad die Hügelkette hinauf. Mit aufheulendem Motor stoppte der Fahrer den Wagen vor ihnen. Die von ihm über Funk angeforderte Reparatureinheit hatte den Achsbruch behoben.
Seither war er auf der Suche nach ihnen durch das Land abgefahren. Ein Schäfer hatte ihm die Richtung gewiesen.
Erschöpft nahm Mary auf der Rückbank ihren Platz ein. Der Soldat stieg auf der Beifahrerseite in den Wagen.
Der Fahrer schaltete auf den Retourgang und schob den JAZ zurück. Nach einem kurzen Kampf mit einem Schlammloch legte der Fahrer den Vorwärtsgang ein. Mit brüllendem Motor setzte sich der JAZ in Richtung Shkodra in Bewegung.
Das Motorgeräusch drang dröhnend in die Fahrerkabine, dass sie schreien mussten, um sich unterhalten.
Der Fahrer erzählte, dass er drei Tage bei dem Wagen ausharren musste, bis ihn der Reparaturdienst mit den Ersatzteilen für die gebrochene Hinterachse erreichte.
Er fragte Calib nach den Orten, die er mit der Amerikanerin besucht hatte. Calib blieb wortkarg. Er berichtete von den verschiedenen Stationen bis zum Hof der Bäuerin. Er erzählte von dem Bären, den er am Lagerfeuer angeschossen hatte. Dabei verschwieg er dem Fahrer das Leiden, das ihn befallen hatte und er die Amerikanerin auf eigene Faust losziehen ließ.
Calib hatte beschlossen, über den Vorfall im Dorf zu schweigen. Mit keinem Wort erwähnte er den Diebstahl des Rucksackes. Er warf zu viele Fragen auf. Das Dorf lag zu nahe an der Grenze.
Der Fahrer blieb misstrauisch.
Er sprach von der Unruhe, welche die Fremden in Land brachten. Dabei blickte er die Amerikanerin im Rückspiegel an, als würde er ihn ihr das Wasser sehen, das sich über das Land ergoss.
Nach zwei Stunden Fahrt neigte sich der Zeiger der Tankuhr der Nulllinie. Der Fahrer parkte den JAZ am Straßenrand. Er stieg aus dem Wagen und öffnete die Heckklappe, um den Reservekanister zu holen.
Die Amerikanerin saß mit dem Rücken zu ihm. Sie spürte seinen stechenden Blick und drehte sich nach ihm um.
Nachdem er den Tank gefüllt hatte, sprach er sie auf den Rucksack an, den sie mit der Kamera und den Filmrollen bei sich getragen hatte, als sie zu Fuß mit dem Soldaten aufbrach.
Die Amerikanerin senkte den Blick und schwieg.
Calib ahnte, was auf ihn zukam. Er kannte den Befehl, den der Fahrer hatte. Er hatte ihm zu Beginn der Reise ins Vertrauen gezogen. Der Fahrer war kein Soldat. Die Uniform, die er trug, war nur eine Tarnung, um bei den Amerikanern keinen Verdacht zu erregen. Er war ein Agent des Sigurimi, wie der albanische Geheimdienst hieß.
Für die Spionageabwehr bestand keinerlei Zweifel, dass die Amerikaner versuchen würden, mit den Studenten verdeckte Agenten zur Aufklärung ins Land zu schleußen.
Mit dem Antrag der Amerikanerin, eine Studienreise in die Berge unternehmen zu können, bekam die feindliche Spionage ein Gesicht. In den folgenden Wochen konzentrierte sich die Aufmerksamkeit des Geheimdienstapparates auf sie. Die Tatsache, dass sie die Landessprache beherrschte, räumte alle Zweifel aus. Sie hatten den Maulwurf gefunden, den die Amerikaner geschickt hatten. Sie mussten nur warten, bis der Hügel, den er grub, hoch genug war, um den Kapitalisten vor Augen zu führen, wie gefährlich es war, sie täuschen zu wollen.
Der Sigurimi gab den Kontaktleuten in den Behörden die Anweisung, die notwendigen Bewilligungen zu erteilen, und der Amerikanerin die bei der Einreise beschlagnahmte Kamera samt den Filmrollen auszuhändigen.
Es war undenkbar, einer Ausländerin zu erlauben, sich derart nahe der Grenze zu frei zu bewegen. Das Regime zeigte Auflösungserscheinungen. Aber es besaß immer noch genügend scharfe Zähne, um zuzubeißen.
Die erfolgreichen Bestechungen dienten lediglich dazu, die Amerikanerin in Sicherheit zu wiegen, bis genügend Beweismaterial gegen sie vorlag.
Mit den Bildern konnten sie die Amerikaner unter Druck setzen. Sie würden die Peinlichkeit, unter dem Deckelmantel eines friedlichen Studentenaustausches, Spionage zu betreiben, nicht in der Öffentlichkeit breittreten wollen.
Die Anweisung war eindeutig. Wenn sich der Verdacht bestätigte, dass die Studienreise der Amerikanerin zu Spionagezwecken missbraucht, würde sie umgehend verschwinden lassen.
Der Bergwelt in Albanien war gefährlich. Ein tödlicher Unfall konnte jeden Augenblick passieren. Die Amerikaner würden keine Untersuchung verlangen und den Tod ihrer Agentin als Betriebsunfall akzeptieren.
Calib hatte dem Agenten, der als Fahrer zugeteilt wurde, zugesichert, den Befehl bedingungslos auszuführen, wenn sich der Verdacht bestätigte.
In den Bergen hatte er seine Meinung über die Amerikanerin geändert. Der verschwundene Rucksack hatte ihm bewiesen, dass sie keine Agentin war, sondern ins Land gekommen war, um das Land ihrer Vorfahren kennenzulernen.
Sie hatte ihm beigebracht, die Schönheit des Landes mit ihren Augen zu sehen. Der Blick, den sie ihm öffnete, hatte ihn geöffnet für das Wasser, das aus den Bergen floss.
Er wusste, welche Folgen der Verlust des Rucksackes für Amerikanerin nach sich ziehen würde. Ihr Leben hing an einem seidenen Faden. Der Sigurimi funktionierte mit der Grausamkeit einer Schlachterei. Er kümmerte sich nicht um das Wohl der Schafe, sondern um ihr Fleisch.
Als er seine Pistole aus dem Halfter und sie mit durchgezogenen Lauf für die Amerikanerin sichtbar auf dem Sitz zurückließ, hatte er sich entschieden, dem Schaf eine Gelegenheit zu geben, sich gegen seinen Metzger zur Wehr zu setzen.
Calib stieg aus dem Wagen, ohne dem Fahrer seine Anspannung merken zu lassen und ihn einige Meter zur Seite, bis sie aus der Hörweite von Mary waren.
Er redete auf den Fahrer ein, dessen Miene sich zunehmend verfinsterte. Er begann zu schreien und mit den Armen zu gestikulieren. Dabei deutete auf den Wagen, aus dem die Amerikanerin die Diskussion der Soldaten verfolgte.
Calib versuchte, den Fahrer zu beschwichtigen und ihn von der Unschuld der Amerikanerin zu überzeugen. Der Fahrer stieß ihn zur Seite. Sein Gesicht war rot angeschwollen.
Plötzlich zog er seine Waffe und richtete sie auf Calib. Unter den Augen der Amerikanerin hob Calib die Arme, um die Gefahr zu signalisieren und wich einige Schritte zurück.
Der Fahrer deutete der Amerikanerin mit einer Handbewegung, aus dem Wagen zu steigen. Sie nickte und kletterte auf der Beifahrerseite aus dem JAZ, wobei sie die Pistole, die Calib auf dem Vordersitz zurückgelassen hatte, unbemerkt an sich nahm und am Rücken in den Hosenbund steckte.
Der Fahrer zielte mit der Pistole sie.
In scharfem Ton forderte sie auf, ihm den Verbleib des Rucksackes zu verraten.
Die Amerikanerin warf Calib einen verzweifelten Blick. Er gab ihr mit einem Nicken zu verstehen, die Wahrheit zu erzählen.
Mary berichtete von dem Diebstahl und dem Zwischenfall mit dem Jungen im Dorf.
Der Fahrer fragte nach dem Namen des Dorfes. Er musste nur einen Funkspruch mit dem Funkgerät in seinem JAZ absetzen, um eine Maschinerie in Bewegung zu setzen, die das Dorf unter sich begrub.
Die Moral der Soldaten an der Grenze war noch nicht schlecht genug, um den Befehl zu verweigern. Sie sahen das Wasser, das aus den Bergen floss und in die Risse des Systems eindrang. Aber die Paranoia in ihren Köpfen war immer noch stark genug, um die Einwohner der kleinen Ansiedlung ins Verderben zu stürzen.
Sie würden das Dorf auf der Suche nach dem Rucksack dem Erdboden gleichmachen.
Das Zögern der Amerikanerin bestätigte den Fahrer in seinem Verdacht. Er hatte ihr Lügengebäude zum Einsturz gebracht.
Er ahnte nicht, dass sie über den Jungen nachdachte, den sie mit ihrer Lüge vor der Rache der Dorfbewohner gerettet hatte.
Dabei hatte sie ihm nur eine Galgenfrist verschafft, bis sich ein etwas viel Mächtigeres seines Schicksals annahm.
Der Fahrer brüllte die Amerikanerin an. Er drohte ihr, den Soldaten und sie zu erschießen, wenn sie den Namen des Dorfes nicht preisgab. Mit zittriger Stimme versuchte sie, ihm glaubhaft zu machen, dass die Ansiedlung keinen Namen hatte.
Der Fahrer schüttelte den Kopf und feuerte zur Untermauerung seiner Drohung eine Kugel ab, die vor ihren Füßen in den Boden einschlug
Er bezichtigte sie, eine amerikanische Spionin zu sein, die den Auftrag hatte, die Grenze auszuspionieren und die Kamera samt den Filmrollen mit den Bildern den Schmugglern zu übergeben, um sie über die Grenze nach Jugoslawien zu schleußen.
Calib fiel ihm ins Wort. Der Fahrer herrschte ihn an, zu schweigen und spuckte ihm ins Gesicht.
Unter wilden Beschimpfungen beschuldigte er Calib beschuldigte Calib, ein Verräter zu sein und mit der Amerikanerin gemeinsame Sache zu machen.
Sein Wutausbruch, die seine Angst widerspiegelte gemeinsam mit dem Regime dem Untergang geweiht zu sein,
Als er sich der Amerikanerin zuwandte, um sie zu erschießen, nutzte Calib seine Chance und sprang ihn von der Seite
an, dass er das Gleichgewicht. Der Schuss, der sich aus der Waffe löste, ging ins Leere.
Beide Männer stürzten und wälzten sich ineinander verkeilt am Boden. Ein heftiger Kampf entbrannte. Der Fahrer war ein bulliger Mann, der das Gewicht seines Körpers zu seinem Vorteil einsetzte. Ein wuchtiger Schlag mit dem Griffstück der Pistole gegen den Kopf von Calib verschafften ihm die Oberhand. Er setzte sich wie ein Ringer auf seine Brust, und hielt Calib den Lauf ins Gesicht, um ihm den Gnadenschuss zu geben. Bevor er abdrücken konnte, ertönte ein lauter Knall. Der Fahrer sackte leblos über Calib zusammen.
Calib schüttelte den toten Körper ab und rappelte sich auf die Beine. Mary blickte ihn mit entsetztem Gesicht an. Calib nahm ihr die Pistole aus der Hand.
Er wusste, was er zu tun. Er musste die Amerikanerin lebend nach Tirana bringen. Für ihn würde die Geschichte ein böses Ende für ihn nehmen. Aber darüber konnte er später nachdenken.
Mary verfiel in eine Schockstarre. Sie hatte einen Menschen getötet. Diesen Rucksack konnte ihr niemand mehr abnehmen. Sie wusste nicht, welches Gewicht in diesem Rucksack für sie bereit lag, der nun ein Leben lang auf ihren Schultern liegen würde. Sie blickte auf den toten Fahrer. Sein Gewicht bildete den Maßstab.
Mary fand keine Antwort darauf, ob seine Absicht, sie zu töten, ein Gegenwicht bildete, das ihr half die Last zu tragen, die sie sich aufgebürdet hatte.
Der Schock verwandelte sie in einen Automaten aus Fleisch und Blut, der den Anweisungen des Soldaten willenlos gehorchte. Gemeinsam schlugen sie die Leiche, in die Decken einschlugen, die sie im Wagen fanden. Vielleicht waren es die Decken, die für sie bereit lagen. Bei dem Gedanken, selbst in einem Loch mitten im Niemandsland verscharrt zu werden, musste sie sich übergeben.
Der Soldat versuchte, sie beruhigen. Er nahm sie in die Arme, um sie zu trösten. Er bedankte sich bei ihr, dass sie ihm das Leben gerettet hatte. Aber Mary wusste, dass es anders war. Sie hatten sich gegenseitig das Leben gerettet.
Es gelang ihr nicht mehr, sich die Vorgänge in Erinnerung zu rufen. Die Bilder verschwammen in ihrem Kopf. Das letzte klare Bild, das sie vor Augen hatte, war der Lauf einer Pistole, die sich gegen sie richtete.
In einem Reflex, den sie sich nicht zu erklären, war sie zu den Männern gelaufen, die sich im Sand wälzten.
Als der Fahrer die Oberhand gewann, stand sie in seinem Rücken bereit. Sie musste ihm nur die Pistole an den Kopf halten und abdrücken.
Ihre Hand zitterte nicht, als sie die Waffe aus der Hose zog. Sie hatte beobachtet, wie der Soldat die Pistole durchlud, als er aus dem Wagen stieg.
Sie sah das Bild eines Bären, als der Knall die Stille zerriss. Aber es war ein Mensch, der tot vor ihr auf den Boden lag.
Gemeinsam luden sie den toten Fahrer in den Gepäckraum des JAZ. Die Benzinkanister hatten sie zuvor auf den Rücksitzen verstaut.
Der Soldat ließ den Motor an und lenkte den Wagen von der Straße. Über Stunden kurvten sie durch unwegsames Gelände, bis der Fahrer eine Stelle fand, die ihm unauffällig genug für ein Grab erschien.
Als es dunkel wurde, nahm er eine Schaufel aus dem Wagen und grub ein Loch.
Die Arbeit verschaffte Mary wieder einen klaren Kopf. Sie erfuhr, dass man sie für eine amerikanische Agentin hielt und ihr eine Falle stellen wollte.
Sollte sich der Verdacht gegen sie bestätigen, erteilte man den beiden Soldaten, die man zu ihrem Schutz abstellte, den Befehl, sie zu töten.
Gegenüber den amerikanischen Behörde hätte man ihren Tod als Unfall vertuscht in der Sicherheit, dass niemand Interesse an einer Untersuchung zeigen würde.
Der Verlust des Rucksackes hatte sie in den Augen des Geheimdienstes als Agentin entlarvt. Mary hatte das Gesicht des Jungen vor Augen, als ihr bewusst wurde, dass ihr der Dieb nicht nur den Rucksack gestohlen hatte. Der Leichtsinn, an seine Unschuld zu glauben, hätte ihr beinahe das Leben gekostet.
Aber warum hatte er das Besa geleistet, ihn ihr zurückzubringen. Sie hatte die Albaner als abergläubische Menschen kennengelernt. Es käme ihnen niemals in den Sinn, ein Versprechen zu geben, von dem sie wussten, dass es unmöglich war, es einzuhalten. Ein Besa galt über den Tod hinaus. Und kein Albaner würde das Wagnis eingehen, noch nach seinem Tod dafür einstehen zu müssen. War der Junge der Dieb. Oder hatte er den Diebstahl beobachtet und schwieg aus Angst vor dem wahren Täter?
Am darauffolgenden Morgen setzten sie die Fahrt nach Shkodra fort. Der Soldat hatte den Platz des Fahrers eingenommen. Mary saß neben ihm auf dem Beifahrersitz.
Der Soldat gab einen Funkspruch durch, in dem er den Fahrer des JAZ als vermisst meldete.
So würde bei einer Straßensperre sein Fehlen nicht für unnötige Aufregung sorgen. Desertationen standen in den Zeiten des Umbruches an der Tagesordnung.
Ohne in eine Kontrolle zu geraten, erreichten sie Shkodra. Der Soldat bestätigte in mehreren Rückfragen aus der Zentrale, dass der Fahrer am Morgen vor der Rückfahrt nach Shkodra nicht aufgetaucht wäre. Dann herrschte Funkstille in der Leitung. Mary erkannte im Tonfall des Fragestellers, dass der Sigurimi der Verlust ihres Agenten überraschte. Der Geheimdienst schien bereits Maßnahmen einzuleiten.
Der Soldat erklärte ihr seinen Plan. Wenn es gelang, sie lebend in die Hände der Polizei in Tirana zu übergeben, würde es dem Sigurimi nicht mehr gelingen, den amerikanischen Behörden einen Unfall als Todesursache vorzutäuschen.
Mary blickte ihn entsetzt an.
Leben, heißt in Albanien, überleben, sagte der Soldat kaltschnäuzig und schaltete den JAZ einen Gang höher.
Nach einem kurzen Aufenthalt in der Stadt, wo der Soldat den Wagen auftankte und die Reservekanister befüllte, setzten sie die Fahrt über die von Schlaglöchern durchzogene Straße fort, die direkt nach Tirana führte.
Der Soldat parkte den JAZ nach Einbruch der Dunkelheit vor der Polizeizentrale der Hauptstadt. Er begleitete Mary in das Gebäude und übergab sie dem diensthabenden Offizier. Er meldete ihm keine besonderen Vorkommnisse bei der Reise.
Dann stieg er in den Wagen und tauchte mit dem JAZ im Gewirr der unbeleuchteten Straßen unter.
Amir lief um sein Leben. Hinter ihm zerrissen die Schüsse der albanischen Grenzpatrouille, die ihm dicht auf den Fersen war, die nächtliche Stille. Es waren Soldaten, die nicht auf seiner Liste standen.
Die Lieferung sollte um Mitternacht über die Grenze gehen. Die Esel waren vollgepackt mit zwölf fabrikneuen Maschinengewehren und zwei Munitionskisten.
Er hatte sie dem Offizier mit den Dollars der Amerikanerin bezahlt. Die Abmachung mit ihm beinhaltete auch freien Durchgang über die Grenze.
Irgendetwas musste ihn überzeugt haben, es sich anders zu überlegen. Sie hatten ihn am Peja Pass abgefangen und aus einem Bunker mit Maschinengewehrfeuer in Empfang genommen.
Amir verfluchte sich, der Versuchung nicht widerstanden zu haben, den Rucksack der Amerikanerin zu stehlen. Ihr Geld brachte ihm kein Glück.
Hinter ihm leuchteten die Taschenlampen der Soldaten wie Glühwürmer in der Dunkelheit
Er stolperte über einen Stein und prallte der Länge nach auf den felsigen Boden auf. Als er sich aufrappelte, spürte er einen brennenden Schmerz im Oberschenkel.
Das Bellen der Gewehre in seinem Rücken gab ihm die Kraft, sich aufzurappeln und in einer Mulde in Deckung zu werfen. Die Kugeln zischten über seinen Kopf hinweg.
Sekunden später blickte er den grellen Schein einer Taschenlampe. Amir hielt sich die Hände schützend vor das Gesicht. Zwischen seinen Beinen breitete sich ein feuchtwarmes Gefühl aus. Tränen schossen ihm in die Augen. Er drückte die Lider zu und wartete auf die erlösende Kugel.
Die goldene Zukunft Albanien, die er zum Greifen nahe spürte, würde ihn ohne ihn stattfinden.
Er hatte mit hohem Einsatz gespielt. Die Gier hatte ihn einem Streich gespielt und dem Tod in die Arme gespielt.
Die Kugel, die Amir erwartete, kam nicht. Stattdessen spürte er Arme, die ihn am Körper packten und aus der Mulde zerrten, in der er sich verkrochen hatte. Die Soldaten bildeten einen Kreis um ihn. Das Gewirr ihrer Stimme hallte in seinen Ohren. Das letzte, das er spürte, war ein heftiger Schlag gegen den Kopf. Dann wurde es dunkel.
Er wachte in einem dunklen Raum auf. Er lag auf dem Boden. Die Ketten an Armen und Beinen schnitten ihm in die Haut. In seinem rechten Oberschenkel pochte ein heftiger Schmerz.
Amir versuchte, sich zu orientieren. Er befand sich in einer Holzbaracke, die mit einer Öllampe beleuchtet wurde. Ein Mann saß in einem Stuhl vor ihm. Er trug Zivilkleidung. An der Tür stand ein Soldat. Er trug die Uniform der Grenzposten. Sie hatten ihn nicht ins Tal weggebracht. Er befand sich noch an der Grenze.
Der Mann in Zivil bot ihm eine Zigarette an. Amir zeigte seine gefesselten Hände. Der Mann steckte ihm die Zigarette in den Amir. Amir nahm einen Zug und sog den Rauch tief in seine Lunge ein.
Der Mann stellte ihm Fragen über seine Mittelsmänner in Jugoslawien. Er fragte ihn nach den Preisen, die sie ihm für die Waffen boten.
Die Fragen erstaunten Amir. Es war kein Verhör. Es gab kein Geschrei. Es kamen keine Schläge. Die Stimme des Mannes klang freundlich. Das Gespräch mit ihm fühlte sich an wie ein Meinungsaustausch unter Geschäftsleuten.
Der Handel mit den Waffen, schien den Mann, der ihn verhörte, nicht interessieren. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Grenzsoldaten mit den Schmugglern gemeinsame Sachen machten und Waffen über die Grenze verschoben.
Nach wenigen Sätzen sprach der Mann das Thema an, dem sein eigentliches Interesse galt. Er fragte nach den Dollarnoten, mit denen er die Waffen bezahlt hatte. Amir wurde hellhörig.
Er hatte mit seinem Leben abgeschlossen. Aber das Schicksal war noch nicht fertig mit ihm.
Amir drückte die Augen zusammen, um ein Bild von dem Mann zu bekommen, der im Halbdunkel vor ihm saß.
In der Zivilkleidung, die der Mann trug, lieferte Amir die Antwort. Er befand sich nicht in den Händen der Soldaten. Ein war in die Fänge einer größeren Macht geraten. Der Mann auf dem Stuhl war ein Agent des Sigurimi.
Amir wusste, dass er sein Leben nur retten konnte, wenn er sich kooperativ verhielt.
Bereitwillig erzählte er von seiner Begegnung mit der Amerikanerin und lieferte dem Agenten die Geschichte, die er hören wollte. Er beschönigt den Diebstahl des Rucksackes, in dem er vorgab, die Amerikanerin als feindliche Spionin enttarnt zu haben. Amir erinnerte sich an die Kameraausrüstung, die er in dem Rucksack entdeckt hatte. Nun stellte es sich als Glücksfall heraus, dass er sie nicht an sich genommen hatte. Er besaß etwas, dass der Sigurimi haben wollte. Im Austausch dafür konnte er sich anrechnen lassen, die Spionage einer feindlichen Macht vereitelt zu haben. Amir schöpfte Hoffnung.
Der Mann auf dem Stuhl hörte geduldig seinen Ausführungen zu, bis er auf den Punkt kam, dass er den Rucksack vergraben hatte, um ihn zu einem späteren Zeitpunkt dem Geheimdienst zu übergeben.
Der Mann erhob sich von seinem Stuhl und ging vor die Tür. Amir wusste, dass er mit der Zentrale in Tirana telefonierte, um weitere Anweisungen zu bekommen.
Nach einer halben Stunde kehrte der Agent zurück. Er befahl dem Soldaten, der an der Tür Wache hielt, Amir die Ketten abzunehmen und ihm frische Kleidung zu bringen.
Jetzt bemerkte Amir, dass er stank. Er hatte sich bei der Gefangennahme in die Hosen gemacht.
Zwei Stunden später trat ein eilig zusammengestellte Trupp auf den Weg ins Dorf von Amir. Neben Amir gehörte ihm der Agent und zwei Grenzsoldaten an.
Amir humpelte auf einen Stock gestützt voraus. Im Morgengrauen erreichten sie das Dorf. Amir zeigte dem Agenten die Stelle, wo er den Rucksack vergraben hatte. Sie war mit Laub bedeckt. Ein Soldat holte einen Spaten aus dem Dorf und hob an der Stelle ein Loch aus, wo die Erde locker war. Nachdem die Soldaten abwechselnd bis zu den Hüften tief gegraben hatte, gab ihnen der Agent ein Zeichen, die Grabung einzustellen.
Mit jedem Spaten Erde, den die Soldaten neben dem Graben aufschütteten, wuchs in Amir die Verzweiflung an. Der Boden gab den Rucksack mit der wertvollen Kamera nicht frei. Der Soldat konnte sich bis zum Mittelpunkt der Erde graben, ohne auf ihn stoßen.
Amir begann zu begreifen, dass ihn jemand beim Vergraben des Rucksackes beobachtet haben musste. In Panik suchte er die Umgebung ab, bis er auf einer aus dem Boden ragenden Wurzel auf eine mit einem Messer eingeritzte Markierung stieß.
Er zeigte sie dem Agenten, um zu beweisen, dass er nicht gelogen hatte.
Der Agent lächelte und nickte zum Zeichen, dass er ihm Glauben schenkte. Er erteilte den Soldaten den Befehl, sich zu entfernen. Dann griff er in seine Jacke. Er holte einen Revolver hervor und schoss Amir ins Gesicht.
Bujar war kein Dieb. Er wusste es. Seine Mutter wusste es. Er kannte den wahren Schuldigen. Aber niemand würde seinem Wort vertrauen. Er war ein Aussätziger, dem der Tod auf den Schultern saß. Es gab niemanden, der für ihn einstand. Das Dorf wusste um die Feinde, die auf der anderen Seite Berge auf ihn lauerten. Sie hatte seinen Vater und seine Brüder auf dem Gewissen. Sie würden keine Ruhe geben, bis auch er tot vor ihnen auf dem Boden lag.
Dieses Wissen hatte es ihnen leicht gemacht, vor den Augen seiner Mutter, erniedrigen. Sie hatten ihn mit vorgehaltenem Gewehr gezwungen, auf den Knien zu liegen. Als er die Versammlung verlassen hatte, waren sie vor ihm zurückgewichen. Er spürte die Furcht in ihren Augen. Er konnte den Angstschweiß unter ihren Kleidern riechen.
Die Frauen hatten Tränen in den Augen. Sie wussten, dass er eines Tages zurückkehren und ihren Männern Sühne abverlangen würde.
Ihre Hoffnung war, dass seine Feinde der Rache, die er nehmen wollte, zuvorkommen. Nach seiner Volljährigkeit würden sie ihn auf der anderen Seite der Berge erwarten. Die Männer, die sie ausgewählt hatten, zwischen den Bäumen herauszutreten und seinen Namen zu rufen, hielten schon ihre Gewehre bereit.
Bujar blieb keine andere Wahl. Es war ihm ein Leben vorbestimmt, in dem er töten oder getötet werden würde. Er war es der Ehre seiner Familie schuldig.
Die Berge und Wälder, die er durchstreifte, hatte ihm Geduld gelehrt. Die Berge hatten sich über mehrere Erdzeitalter langsam in den Himmel hochgeschoben, um mit ihren scharfkantigen Felsen die Wolken in Stücke zu schneiden. Die Bäume harrten mehrere Menschenleben aus, bis sie sich mit ihren Wipfeln mächtig genug waren, den Stürmen zu trotzen, die über die Berge brausten.
Sie hatten geduldig gewartet, bis ihre Stunde gekommen war. Bujar war entschlossen, ihrem Beispiel zu folgen.
Er hatte kein Gewehr, aber er wusste, dass es leicht war, in den Besitz einer Waffe zu gelangen.
Die Soldaten an der Grenze besaßen sie im Überfluss. Und sie waren allzu bereit, ihm eine Waffe gegen Bezahlung auszuhändigen. Die Währung in den Bergen war Fleisch. Ein Gewehr kostete nicht mehr als ein Schaf. Munition gab es im Tausch gegen ein Lamm.
Bujar verbrachte die Tage, an denen er die Schafe hütete, meist im Wald. Die Hirtenhunde waren seine gefügigen Diener, die sich ihren Dienst billig mit dem Fleisch abgelten ließen, das er ihnen mit dem erbeuteten Wild aus dem Wald lieferte.
Er war den Schmugglerpfaden bis hinauf zu den Grenzsoldaten gefolgt, ohne von einer Patrouille aufgegriffen zu werden. Es fiel ihm leicht, sich unsichtbar in den Felsen zwischen ihren Stellungen und Bunker zu bewegen.
Von seinen Verstecken hatte er die Geschäfte beobachtet, die sie mit den Schmugglern betrieben.
Es hatte ihn nicht überrascht, als er den Sohn des Dorfältesten dabei erwischte, wie er die Schafe seines Vaters gegen Waffen tauschte und über die Grenze nach Jugoslawien verschob. Amir erwies sich als geschickter Händler, der sich darauf verstand, Geschäfte zu machen.
Bujar beneidete ihn um dieses Talent. Amir war es im Gegensatz zu ihm nicht bestimmt, zu töten oder getötet zu werden.
Bujar hegte keinen Neid gegen ihn. Jeder musste seine Bestimmung leben. Amir würde eines Tages als angesehener Geschäftsmann im Bett sterben.
Von ihm lernte Bujar, dass die Gier ein schlechter Freund ist. Sie beraubte die Menschen ihrer natürlichen Instinkte, wie sie jedes Tier besaß, das im Wald um das Überleben gegen seine Feinde kämpfte.
Bujar bemerkte, wie Amir nachlässig wurde. Der Erfolg, den er mit seinem Waffenhandel erzielte, machte ihn unvorsichtig gegenüber seinen Feinden. Er betrog die Soldaten und verschacherte die kranken und alten Tiere an sie. Eines Tages würden sie sich dafür mit einer Kugel zwischen die Augen an ihm rächen wollen.
In der Gier war ihm die Fähigkeit verloren gegangen, seine Spuren zu verwischen. Es war leicht, seine Fährte zu verfolgen.
Die Gier verführte ihn auch, den Rucksack der Fremden, die der Regen ins Dorf getrieben hatte, zu stehlen. Bujar waren die Dollarnoten, die sich darin verbargen, gleichgültig. Er machte sich nichts aus Geld. Schafe und Lämmer genügten ihm als Währung.
Die Fremde zog ihn mit anderen Dingen an. Ihm gefiel ihr Gesicht und dass sie die Worte in ihren Sätzen anders reihte als die Menschen in den Bergen.
Bujar besaß die Gabe, jede Regung in einem Gesicht zu verstehen. Er konnte aus einer versteinerten Miene, die wahren Gefühle des Menschen lesen, der ihm gegenüberstand. Diese Fähigkeit sollte ihm in seinem späteren Leben dazu dienen, einen Feind zu enttarnen, der sich hinter einem freundlichen Gesicht verbarg.
Die Gefühle, die er aus dem Gesicht der Fremden las, gefielen ihm. Sie waren echt. Die Fremde liebte die Menschen.
Amir ahnte nichts von den Gefühlen der Feinden. Ihm gefiel das Geld, das sie in ihrem Rucksack bei sich trug.
Die Gier darauf verleitete ihn an der Hütte vorbeizuschleichen, in der Bujar schlief. Ohne ihr Zutun hätte er es vermieden, ihm zu nahe zu kommen. Das ganze Dorf wusste um seinen leichten Schlaf und seine wachsamen Ohren. Die Gier ließ es Amir vergessen, als er nachts zu ihr schlich, um an ihr Geld zu kommen.
Sie verführte ihn auch dazu, sich nicht mit den Dollarnoten zu begnügen, sondern den ganzen Rucksack in seine Hände zu bringen. Die Fremde hätte den Verlust erst bemerkt, als sie das Dorf wieder verlassen hatte und nicht sicher sein können, ob es ihr auf dem Weg verloren gegangen war.
Die Gier, die Amir antrieb, ließ diese Möglichkeit außer Acht. Er nahm das Geld und vergrub den Rucksack, ohne zu ahnen, dass er damit eine verräterische Spur legt, die zu dem Dieb führte.
Das Glück der Geschäftsmänner verschonte ihn davor, enttarnt zu werden. Es schickte ihm einen Verfolger, dem der Tod auf den Schultern saß. Niemand würde seinen Worten Glauben schenken.
Amir kam ungestraft davon. Anstelle von ihm musste Bujar auf die Knien liegen und seine Strafe empfangen.
Es war die Fremde, die ihn davor bewahrte, als Dieb für immer gebrandmarkt von den Menschen verstoßen zu werden. Für Bujar blieb es ein Rätsel, warum sie es tat und sich selbst bezichtigte, obwohl sie wusste, dass es nicht der Wahrheit entsprach. Bujar wusste, dass ihn diese Frage ein Leben lang quälen würde. Ebenso lange würde er sich nach Erlösung sehnen.
Die Fremde war ein großes Risiko eingegangen. Sie hatte mit dem angezeigten Diebstahl den Einwohnern des Dorfes die Ehre abgesprochen. Mit ihrem erfundenen Eingeständnis, den Rucksack selbst im Wald versteckt zu haben, um Unterschlupf vor ihren Verfolgern zu finden, hatte sie sich bereit, erklärt, die verlangte Sühne dafür zu bezahlen. Die Bewohner hätten nicht gezögert, sie den Geiern zum Fraß vorzuwerfen. Bujar wusste, dass der glückliche Umstand, der sie mit dem Auftauchen eines Unbekannten mit einer Pistole vor diesem Schicksal rettete, kein Zufall. Er hatte seine wahre Identität, die er in den Kleidern eines Bauern zu verschleiern versuchte, herausgelesen. Es war ein Soldat gewesen, der sie gerettet hatte. Bujar hatte noch mehr in seinem Gesicht lesen können. Der Soldat begehrte die Fremde wie ein Mann eine Frau begehrt.
Heimlich schlich er ihnen hinterher. Als sie das Dorf hinter sich gelassen hatte, lauerte er ihnen zwischen den Bäumen auf, um eine Antwort zu bekommen, warum die Fremde die Schuld an seiner Stelle auf sich genommen hatte. Bujar ahnte, dass ihn dieses Rätsel ein Leben lang quälen würde.
Dieses eine Mal war Bujar bereit, sich dem Schicksal auszuliefern, indem er schutzlos in die Schusslinie der Pistole des Soldaten sprang. Er wusste, dass ihm die Fremde, die Antwort nicht sofort geben konnte. Aber sein Wagnis gab ihm die Chance, eines Tages Erlösung von seiner Qual zu finden.
Er schenkte ihr das Heiligste, das ein Albaner einem anderen Menschen zu geben imstande war.
Er sprach ein Besa aus. Ein Versprechen, das bis in den Tod und darüber hinaus galt.
Er versprach der Fremden, ihr den Rucksack wieder zurückzugeben. Und Bujar wusste, dass kein Tag vergehen würde, ohne dass er daran dachte, sein Versprechen wahr zu machen.
Zwei Tage später begann er, den ersten Teil seines Sprechens zu erfüllen. Nachts schlich er sich mit einem Spaten aus dem Dorf. In der sternklaren Nacht fiel es ihm leicht, die Stelle zu finden, die er an der Wurzel eines Baumes markiert hatte. Die Gier hatte Amir verführt, das Loch nicht zu tief zu graben. Nach wenigen Spatenstich leuchtete ihn das Rot des Rucksackes an. Er zog ihn aus dem Loch heraus und schüttelte die Erde von ihm ab. Ohne ihn zu öffnen, wickelte er ihn ein Schafsfell ein und brachte ihn in den Wald hinaus, wo er ihn in einem sicheren Versteck von Regen und Dreck geschützt unterbrachte.
Er würde nicht lange dort lagern müssen. Bujar hatte sich entschieden, das Dorf und seine Bewohner zu verlassen. Seine Mutter konnte ihn nicht mehr umstimmen. Es blieb ihre Entscheidung, ob sie ihn begleitete.
Bujar fühlte, dass die Zeit für ihn gekommen war. Das Besa, das er der den Fremden gegeben hatte, hatte ihn zum Mann gemacht.
Drei Tage später packte seine Mutter unter Tränen heimlich ihre verbliebenen Habseligkeiten zusammen. Es blieb ihr keine andere Wahl, als ihrem einzigen Sohn in die Ungewissheit zu folgen.
Nachts schlichen sie sich unbemerkt aus dem Dorf. In ein Schaffell eingenäht, trug Bujar den Rucksack der Fremden auf dem Rücken. Bujar ahnte nicht, das seine Mutter und er nicht die einzigen waren, die in dieser Nacht das Dorf verließen. Die geduckte Gestalt nahm einen anderen Weg als Bujar. Aber aus der Karte, die das Schicksal zeichnete, konnte man schon damals ablesen, dass sich ihre Wege wieder kreuzen würden.
Nach ihrer Rückkehr wurde Mary in Tirana von der Polizei einem tagelangen Verhör unterzogen. Der Verbleib ihrer Kamera und der Filmrollen blieb rätselhaft. Mary beharrte auf ihrer Version, dass ihr der Rucksack, in dem sich ihre Filmausrüstung befand, bei der Rückfahrt mit der Fähre aus der Hand gerutscht und in den Fluten des Koman-Sees versunken wäre.
Der Soldat, der sie auf ihren Wanderungen begleitet hatte, konnte ihre Aussage nicht bestätigen. Er schien, wie der Fahrer des Wagens, vom Erdboden verschluckt worden zu sein.
Das Wasser hatte die Risse schon so weit aufgerissen, dass es dem Regime nicht mehr gelang, die zerklüfteten Stellen zu füllen. Es spürte, wie ihm die Fäden aus den Händen glitt. Selbst der Sigurimi als ihr übermächtiges Auge musste sich eingestehen, die Kontrolle über seine Ränder im Norden und Süden verloren zu haben. Das Wasser hatte in den Bergen bereits die Oberhand gewonnen.
Aus den Mienen der Verhöroffiziere ließ sich ablesen, dass sie den Angaben von Mary keinen Glauben schenkten.
Doch die aufwendigen Suchaktionen des Sigurimi entlang der Reiseroute förderten keinerlei Spuren der verlorenen Gegenstände zu Tage.
Die Befragungen der Bewohner der Dörfer, durch die Mary gereist waren, führten ebenfalls zu keinem Ergebnis.
Die abgelegenen Bergsiedlungen standen dem Regime schon zu Lebzeiten des Diktators misstrauisch gegenüber. Seine Bewohner wussten um die Macht des Wassers. Sie waren die ersten gewesen, die die Tropfen wahrnahmen, die in seine kleinsten Risse eindrangen und zeigten wenig Interesse, den Zerfall aufzuhalten.
Die Geschichte hatte die Menschen gelehrt geduldig abzuwarten. Eines Tages würde das Wasser durch die Täler in die Städte fließen und Albanien von seinem grauen Nebel befreien, der es auf der Landkarte verhüllte.
Trotz fehlender Beweise wurde Mary wurde angeklagt, als Studentin getarnt im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes nach Albanien eingereist zu sein, um das Land auszuspionieren. Der verschwundene Rucksack mit der Kamerausrüstung bildete den Mittelpunkt der Anklage. Ihre Sprachkenntnisse und die von ihr ausgewählte Reiseroute in den Norden des Landes, wo die Grenze zu Jugoslawien verlief, untermauerte diese These.
Die amerikanischen Behörden blieben in der Zeit nicht untätig. Die Nachricht, dass eine Studentin aus den Staaten in den Gewahrsam der Polizei genommen worden, brachte die diplomatischen Drähte zum Glühen.
Der Sigurimi besaß ausgeklügelte Methoden, Menschen zum Reden zu bringen. Doch die Weisungen von ganz oben, untersagten ihnen, diese bei Mary anzuwenden. Man fürchtete, die Amerikaner würden den Geldhahn zudrehen, wenn ihr Haar gekrümmt wurde.
Das Spiel hatte sich zu ihren Gunsten gedreht. Die Amerikaner waren der Falle entgangen, die man ihrer Agentin gestellt hatte. Zähneknirschend musste der Geheimdienst seine Niederlage einräumen. Nach wochenlangem Tauziehen kam zu einer Einigung, die vorsah, Mary an die Amerikaner zurückzugeben.
Die albanische Bürokratie versenkte ihren Akt in den Tiefen der Archive. Nicht ohne ihn vorher mit einer Aktenzahl sorgfältig zu kartographieren, um ihn zu einem späteren Zeitpunkt wieder herauszufischen und zu einem besseren Ende bringen zu können.
Die Unterschrift auf dem Protokoll beendete Marys Reise nach durch Albanien. Mit dem Hinweis, dass ihr weiterer Aufenthalt im Land nicht erwünscht wäre, wurde sie dem amerikanischen Konsulat übergeben.
Als das Flugzeug mit Mary an Bord auf dem Flughafen Tirana in Richtung Amerika abhob, hatte sich das Wasser der Berge schon bis ins Zentrum des Regimes durchgearbeitet. Das Dröhnen, mit dem des den Felsen zermalmte, hallte bereits durch das ganze Land. Es war nur noch wenige Jahre, bis er unter ihm zerbrach.
Amir wachte durch einen pochenden Schmerz auf. Ein schwarzer Vogel saß auf seiner Brust und pickte das gestockte Blut aus seinem Gesicht. Amir hob den Kopf und versuchte, den Todesengel mit den Händen abzuschütteln. Aber der Vogel zeigte seine wenig Bereitschaft von dem vermeintlichen Aas abzulassen.
Amir war gezwungen, eine kleine Schlägerei mit ihm auszutragen, bis er von ihm abließ und mit ausbreiteten Flügeln über den Bauwipfeln fortschwebte.
Der Schuss des Agenten hatten ihn direkt im Gesicht getroffen. Ein unbewusster Reflex hatte Amir das Leben gerettet. Er hatte im richtigen Moment den Kopf gedreht, dass die Kugel auf seiner linken Wange eindrang und aus der rechten Wange wieder austrat. Es war ein glatter Durchschuss, bei dem Amir viel Blut vier Backenzähne einbüßte. Das Blut, das seinem Gesicht ein fratzenhaftes Antlitz verlieh, hatte ihm das Leben gerettet. Der Agent hatte ihn für tot gehalten. Das Regime maß den Menschen, die in den Bergen Albaniens ein armseliges Leben fristeten, keine große Bedeutung bei. Sie waren dem Sigurimi keine zweite Kugel wert.
Amir versuchte, sich das Blut aus dem Gesicht zu wischen. Aber die getrocknete Kruste klebte wie eine dicke Farbschicht an ihm. Er spuckte die kaputten Zähne aus und übergab sich.
Mühsam rappelte er sich auf die Beine.
Er war am Leben. Amir konnte sein Glück nicht fassen. Er war in einer Nacht dem sicher geglaubten zweimal von der Schaufel gesprungen.
In diesem Moment wuchs ein Glaube in ihm, an dem er sein Leben festhalten würde. Sein Überlebenswille war zu stark, um von einer Kugel getötet zu werden. Er sollte ihm noch viele Male sein Leben retten, bis er am Ende feststellen musste, dass er sich geirrt hatte.
Es dauerte einige Minuten, bis er in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen.
Im Schnelldurchlauf analysierte er die Geschehnisse der letzten Stunden. Der Sigurimi war ihm durch die Dollarnoten auf die Spur gekommen. Aber der Geheimdienst hatte den Agenten nicht in die Berge geschickt, um sein Geschäft zu zerstören.
Amir lieferte die Waffen nicht an die jugoslawische Armee, sondern an ihre Gegner. Sie dienten dazu, die Rebellion in Jugoslawien zu schüren. Seit dem Titos gärte die Stimmung in dem Nachbarland. Waffen, die die nationalistische Pulverfass in der Provinz zur Explosion brachten, lagen im Interesse des albanischen Regimes. Amir schwächte mit seinen Geschäften den Feind. Er war mehr als ein Schmuggler. Er dient sein Geld als verlängerter Arm der Sigurimi. Wäre die Amerikanerin nicht aufgetaucht, könnte er weiter unbehelligt, seinen Geschäften nachgehen. Ihre Dollarnoten hatten ihn zu Fall gebracht.
Amir fluchte auf seine Gier. Die Kamera hätten ihn warnen sollen. Einen Mann, der seine Gefühle im Griff hatte, hätte eine Filmausrüstung in den Händen einer Amerikanerin nahe der Grenze die Gefahr spüren lassen.
Der Instinkt, den Menschen in den Berge hatten ihn auch im Stich gelassen, als er den Rucksack vergraben hatte. Jemand musste ihn aus dem Gebüsch beobachtet haben.
Amir suchte die Gegend rund um das Loch, das die Soldaten gegraben hatten ab. Aber nirgendwo fand sich ein Zeichen für ein Versteck.
Unvermittelt kamen ihm die Dinge in Erinnerung, die sich im Dorf zugetragen hatten, nachdem die Amerikanerin den Diebstahl ihres Rucksackes bei seinem Vater angezeigt hatte.
Schlagartig wurde Amir bewusst, wer hinter seinem Rücken unbemerkt im Gebüsch gesessen hatte, als er das Loch gegraben hatte, in dem er den Rucksack mit der Kamera versteckte.
Es war Bujar gewesen. Aber warum hatte dieser Bastard geschwiegen, als ihn sein Vater vor dem gesamten Dorf auf die Knie zwang und ihn aufforderte, den Diebstahl einzugestehen. Er hätte nur mit dem Finger auf ihn zeigen müssen.
Unvermittelt begriff Amir, warum Bujar geschwiegen. Die Filmdose, die bei ihm gefunden wurde, verdammte ihn dazu, zu schweigen.
Bujar musste über sie gestolpert sein, als er die Stelle an der Wurzel markiert hatte. Sie musste aus dem Rucksack gefallen sein, als er die Kamera in Augenschein nahm. Bujar hatte sie gefunden und mitgenommen.
Das Glück stand auf seiner Seite, sah sich in seiner Annahme bestätigt, vom Schicksal begünstigt zu sein.
Niemand im Dorf hätte ihm geglaubt, dass der Sohn des Dorfälteste hinter dem Diebstahl steckte. Schon gar, wenn er sie zu dem Versteck geführt hätte.
Der Besitz der Filmdose machte Bujar für alle zum Dieb.
Sein Schweigen war die einzige Chance gewesen, seine Haut zu retten. Aber ohne die Hilfe der Amerikanerin wäre sein Ende vorgezeichnet gewesen. Warum hatte sie die Schuld mit einer Lüge auf sich genommen und Bujar entlastet.
Für Amir sah in ihrem Verhalten den Verdacht bestätigt, der den Sigurimi veranlasste, einen Agenten im Anzug in der Berge zu schicken. Die Amerikanerin war mit dem Auftrag aus dem Tal hochgestiegen, die Lage an der Grenze auszuspionieren.
Der Zufall hatte sie in seine Hände gespielt. Ihm war es zu verdanken, dass sie aufgeflogen war. Das Land schuldete ihm etwas. Und er war entschlossen, seine Belohnung einzukassieren. Auch wenn er es andere Weise tun würde, als es dem Sigurimi in den Sinn kam.
Der Schmerz in seinem Gesicht brachte Amir dazu, seine Überlegungen abzubrechen. Er humpelte in den Wald. Niemand durfte ihn mit seinen Verletzungen zu Gesicht bekommen. Für den Sigurimi war er tot. Er wollte den Geheimdienst in diesem Glauben lassen. Seine Agenten würden dieses Dorf bald heimsuchen und jeden Stein auf der Suche nach dem Rucksack umdrehen. Die Bewohner, die arglos in ihren Betten schliefen, ahnten nicht, welches Schicksal ihnen bevorstand. Die Schergen des Sigurimi würde keine Gnade walten lassen, wenn sie entdeckten, dass sie der Amerikanerin Unterschlupf gewährt hatten.
Die Schussverletzung im Gesicht betrachtete Amir als Glücksfall. Sie bewahrte ihn davor, noch einmal in ihre Fänge zu geraten. Ihn erwartete etwas Besseres als der Tod.
Nachts würde er noch einmal zurückkehren, um im Schutz der Dunkelheit sein Geld zu holen, dass er in einer Kassette unter dem Bretterboden seiner Schlafkammer aufbewahrte.
Es reichte aus, sich eine neue Identität zu kaufen und ein neues Leben aufzubauen.
Er hatte an der Grenze sein Geschäft gelernt. Der Zeichen im Land standen auf Umbruch. Wie alle Menschen in den Bergen hörte Amir das Wasser in die Risse des Regimes sickern. Er würde bereitstehen, um sich seinen Teil vom Kuchen davon abzuschneiden, wenn es den Felsen sprengte.
Calib lenkte den JAZ durch das Zentrum von Tirana. Die Stadtmitte bildete in seinem Kern eine verbotene Zone, die militärisch abgeriegelt war. Der Zutritt blieb dem Kader des Systems vorbehalten war. In unmittelbarer Nähe zu der Nähe der Villa des verstorbenen Diktators errichtete man eine riesige Bunkeranlage, die dazu gedacht war, im Ernstfall der Führung des Landes Schutz zu bieten. In seinen tief in die Erde gegrabenen Räumen, die sich weitläufig unter dem Stadtzentrum ausbreiteten, würde sich das System bei einem Angriff von außen verschanzen und auf sein Überleben hoffen. Das albanische Volk sollte währenddessen das Land aus zigtausend lächerlichen Zwergbunkern verteidigen, die kaum Schutz vor einer gezielt geworfenen Handgranate boten.
Aber das System hatte nicht mit dem Wasser gerechnet, dass aus den Bergen in die Ebenen drängte. Die Bunkeranlage in der Mitte der Stadt war eines ihres ersten Opfer. Wer in die Bunkeranlage hinabstieg, spürte, dass sich das Wasser bereits hüfttief in den Katakomben des Regimes angesammelt hatte. Es würde darin, wie Ratten in einem überlaufenden Kanal absaufen.
Der JAZ querte den weitläufigen Skanderbeg-Platz, der menschenleer in der Dunkelheit lag. Die breiten Straßen, die ihn querten, wurde auch tagsüber überwiegend von Miltärfahrzeugen frequentiert. Tirana war die unfreiwillige Hauptstand der Fußgänger in der Welt. Es gab kaum Autoverkehr. Es gab keine Autos für die Albaner und kein Benzin, um sie zu betanken.
In den wenigen Karossen, die das in einem miserablen Zustand befindliche Straßennetz nutzten, saßen die Führungskader des Systems am Steuer. Als würden sie das Volk, als dessen Vertreter sich großspurig verzeichneten, verhöhnen, bevorzugten sie die Modelle des Mercedes-Konzerns. Ihre Vorliebe für die deutsche Edelmarke hatte auch praktische Gründe. Die robuste Bauweise der Autos hielten als einzige den Schlaglöchern der Straßen stand.
Bei ihnen hatte auch der JAZ, den Calib steuerte das Nachsehen.
Er querte den Aufmarschplatz des Regimes von Norden nach Osten vorbei an dem einzigen Hotel von Tirana, das diese Bezeichnung verdiente und mit seinen fünfzehn Stockwerken das höchste Gebäude Stadt war. Sein Bau war eines der Symbole, das die Lächerlichkeit des Regimes preisgab. Ausgerechnet ein Bauwerk, das dazu gedacht war, Gäste aufzunehmen, ragte aus dem Nebel eines Landes hervor, das sich gegen alles Fremde abschottete. Das Hotel thronte hoch über dem Nationalmuseum, in dessen Hallen die Entwicklung des Landes von seinen Kämpfen gegen die Türken bis zur sozialistischen Machtübernahme nach dem Zweiten Weltkrieg präsentiert wurde.
Davor hatte man eine riesige Statue des verstorbenen Diktators platziert, die wie die Revolverhelden im Wilden Westen das Reitermonument des legendären Heerführers Skanderbeg aus dem 15. Jahrhundert auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes herausforderte.
Die Albaner schlenderten achtlos an ihrem toten Anführer vorbei. Sie wussten, wie das Duell gegen den Nationalhelden, der das Land geeint und dem Ansturm der Türken getrotzt hatte, enden würde. Selbst der große Stalin hatte ihm nicht standgehalten und den Platz für ihn räumen müssen.
Calib blickte auf den Tacho des rostigen JAZ, der sich durch die Schlaglöcher kämpfte. Die Tankuhr zeigte an, dass der Sprit zur Neige ging. Die Reservekanister unter der Ladeklappe waren leer.
Er würde mit ihm nicht mehr aus der Stadt gelangen. Es gab kein Benzin in der Stadt. Calib beschloss, seine Fuß fortzusetzen. Er hatte sich entschieden, in die Berge zurückziehen, bis das Wasser, das aus den Bergen floss, das System weggespült hatte. Er spürte, dass sein Fundament bereits ins Wanken geraten war und sich sein Fall abzeichnete. Bis dahin würde er im Untergrund leben.
Wenn Albanien ein freies Land war, würde er auf den Korab hinaufsteigen, dessen Berggipfel in 2751 Meter Höhe das Land überragte und nach Amerika blicken, um sich einer Frau nahe zu fühlen, die wieder eine Fremde für ihn sein würde.
Calib lenkte den JAZ aus dem Zentrum der Stadt in einen Stadtteil von Tirana, dessen Bewohner den Ruf hatten wie Elstern über alles herzufallen, das unbewacht auf der Straße stand. Die Not, in der sie das System zwang, zu leben, ließ ihnen keine andere Wahl.
Calib wusste, dass seine Ankunft nicht unbemerkt geblieben war. Unzählige Augen gierten aus den Fenstern nach dem Gefährt, mit dem er in eine dunkle Seitengasse einbog.
Er parkte den Wagen am Straßenrand. Den Schlüssel für das Zündschloss ließ er stecken. Er würde mit dem Motor einen neuen Besitzer finden.
Calib warf einen letzten Blick auf den verrosteten JAZ, bevor er sich zu Fuß auf den Weg machte und in das Dunkel der Häuserschluchten eintauchte. Schon beim Anbruch der Morgendämmerung würde nur noch ein Stahlgerippe an seine Existenz erinnern.
Das kristallklare Wasser, das aus den Bergen Albaniens in die Ebenen floss, war eine Macht, die jeden Gegner besiegte, der sich ihm entgegenstellte. Die Quellen, aus denen es entsprang, waren in ihrem über Jahrtausende anhaltenden Krieg gegen die Berge kampferprobt. Sie hatten die Felsmassive des Jezerca und des Korak, die mit ihren hohen Gipfeln die Spitze der albanischen Alpen bildeten, überwunden.
In den Tälern sammelte es sich in schmalen Bächen, die im Landesinneren zu breiten Flüssen zusammenflossen. Mit dem in den Stromläufen zu scharfkantigen Waffen geformten Gestein und Geröll pflügte das Wasser durch die Reihen der feindlichen Eindringlinge. Mit der Geduld hunderter Jahre hatte es die Armeen der Türken und Italiener ins Meer zurückgeworfen. Das kommunistische Regime hielt ihm keine fünfzig Jahre stand.
Sein Versuch, die Kraft des Wassers mit Hilfe moderner Technik und Millionen Kubikmeter Beton zu bändigen, beschleunigte seinen Untergang. Das System pferchte das Wasser der Berge in einen riesigen Stausee in den Drin-Schluchten, der das Land elektrifizierte. Aber hinter den mächtigen Dämme der Kraftwerke setzte das Wasser zu einem Sturmlauf an, der es aus dem Land fegte. In Strom verwandelt ergoss sich eine riesige Flutwelle in die Städte und Dörfer und unterspülte den Felsen, auf dem die Diktatur seine Macht seine Machte baute.
Seiner Zerstörungskraft hatte das System nichts entgegenzusetzen. Das Wasser befreite das Land von dem Nebel, der über ihm lag und es zu einem blinden Flecken auf der Landkarte machte.
Aber seine wüste Gewalt riss auch die Strukturen mit, die dem Land seine Ordnung gaben. Der Herrschaft der Kommunisten folgte Anarchie und Gewalt. Nur langsam gewann eine neue staatliche Ordnung die Oberhand.
Die Menschen in den Bergen erfüllte die Flutwelle, die sich über das Land ergoss, mit Genugtuung. Es bestätigte ihr Vertrauen in das Wasser und dem Ehrenkodex, nach dem sie das Zusammenleben regelten.
Das Wasser und der Kanun bildeten die tragenden Säulen ihres Widerstandes. Sie hatten die Türken und Sieger besiegt. Es brachte auch die Diktatur in den Untergang.
Sein Fall brachte auch die dunklen Seiten wieder zum Vorschein. In allen Landesteilen flammten die seit Jahrhunderten schwelenden Konflikte und Feindschaften zwischen den Familien, die das System unterdrückt hatte, von neuem hoch.
Die verletzte Ehre eines Albaners kannte kein anderes Maß als das Blut des Gegners, das auch seine Familie nicht verschonte. Schon eine kleine Beleidung konnte einen blutigen Reigen eröffnen, der Leid und Tote nach sich zog und über Generationen andauerte.
Dem Nebel, der seit dem Zweiten Weltkrieg über dem Land lag, folgte ein wirtschaftlicher Niedergang, der Albanien zum Armenhaus Europas machte. Hundertausende Albaner kehrten ihrer Heimat den Rücken und flohen ins Ausland.
Die in demokratischen Wahlen antretenden Parteien führten einen verzweifelten und in wildem Streit und Korruption mündenden Kampf, um dem Land und seinen Menschen eine neue Rolle in der Welt zu geben.
Aber die Augen der Welt blickten nicht nach Albanien. Sie waren auf Jugoslawien gerichtet. Albanien hatte den Nebel abgeschüttelt. Aber ein neuer Schatten legte sich über das Land. Sein nördlicher Nachbar war in einem blutigen Bürgerkrieg verwickelt, der Not und Elend in die Region brachte.
Der Kampf des Wassers war noch nicht zu Ende.
Eine große Protestwelle durch das Land ergriffen. In den Städten brachen bürgerkriegsähnliche Zustände aus. Büros und Banken wurden gestürmt.
Die Menschen gingen auf die Straße und forderten ihr verlorenes Geld zurück. Der Lotterieaufstand zwang die Regierung das Militär einzusetzen, um die Lage unter Kontrolle zu halten.
Die abertausenden Albaner, die nach dem Fall des Regimes das Land verlassen hatten, schickten ihren Familien Geld, um ihr Leben zu sichern.
Das Geld, das ins Land floss, wuchs zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor ab. Aber in dem vom Wasser zerstörten Land, das die Diktatur fortgespült hatte, gab es nichts, in das die Menschen Vertrauen setzten, das vorhandene Kapital anzulegen. Die Investition in Grund und Boden brachten weder Sicherheit noch Ertrag. Die unklaren Besitzverhältnisse und die fehlende Infrastruktur verhinderten die Erneuerung der Städte und die Wiederbelebung der Landwirtschaft zur Versorgung der Bevölkerung. Die Inflation nahm überbordende Dimensionen.
Die Menschen hatten Geld. Aber sie sahen keine Möglichkeit, es auszugeben.
Das Vakuum rief geldgierige Glücksritter auf den Plan, die den Lauf des Geld mit wahnwitzigen Gewinnversprechen in ihre Taschen zu lenken versuchten. Sogenannte Lotteriegesellschaften schossen wie Pilze aus dem Boden. Sie sammelten das Geld der Menschen ein, in dem sie hohe Zinsen auszahlten.
Ein riesiges Pyramidenspiel hatte sich in Gang gesetzt, das mit immer neuen Geldern gefüttert werden musste, um nicht zusammenzubrechen.
Als der Geldfluss abebbte und die ersten Unternehmen die Ausschüttungen nicht mehr leisten konnte, setzte sich eine Abwärtsspirale in Gang, die im Zusammenbruch der Lotteriegesellschaften mündete.
Die Albaner sahen sich um ihr Geld betrogen und machten die Regierung für die Missstände verantwortlich. Bewaffnete Banden rissen vielerorts die Macht an sich.
Am Ende blieb der albanischen Regierung nichts anderes übrig, als die internationale Gemeinschaft um Hilfe zu bieten. Italienische Militäreinheiten strömten ins Land, um den Ausbruch eines Bürgerkriegs wie Jugoslawien zu verhindern.
Die albanische Geschichte mit der Besetzung durch fremde Mächte schien sich zu wiederholen. Wenn auch mit anderen Vorzeichen als die Eroberer in den Jahrhunderten davor. Die Soldaten kamen nicht, um das Land zu erobern, sondern um einen Bürgerkrieg zu verhindern und die Ordnung wiederherzstellen.
Am Höhepunkte der Proteste saß ein Mann in einem Cafe im Zentrum von Shkodra, dem das Übel der Zeit nichts anzuhaben schien.
Er war wohlgenährt und gut gekleidet. Von bewaffneten Wachleuten umringt, trank er seinen Kaffee und strahlte eine Gelassenheit aus, die die wenigen Albaner, die sich auf die Straße wagten, mit Unbehagen beschlich.
Die Kleidung des Mannes und der zufriedene Habitus, den er zur Schau stellte, standen in völligem Widerspruch zu seinem sonstigem Anblick.
Sein Gesicht war von wulstigen Narben entstellt, die sich über beide Wangen zogen. Durch die Narben war seine Mundpartie verschoben, was seinem Gesicht ein fratzenartiges Aussehen verlieh, dass die Menschen erschrecken ließ und veranlasste eilig weiterzugehen.
Amir kümmerten die Blicke der Menschen nicht. Ihre erschrockenen Mienen und der Spiegel konnte ihm nichts anhaben. Er hatte gelernt, sich darin anzusehen, ohne in Selbstmitleid zu verfallen.
Seine Geschäfte liefen gut. Der jugoslawische Bürgerkrieg hatte ihm enorme Gewinne beschert, die er gut anzulegen verstand. Er hatte sich nicht von den Versprechen der Lotteriegesellschaften blenden lassen. Mehrmals hatten sie an seine Türen geklopft. Er hatte ihre Lakaien lachend fortgeschickt. Die Zinsen, die sie für das investierte Kapital vermochten ihn nicht zu locken. Mit dem Geld, das in seine Taschen floss, kaufte er die brachliegenden Landflächen auf, die er bewirtschaften ließ. Die Gewinne daraus investierte er in die verfallene Prachtbauten im Zentrum der Städte im Wissen, dass sie sein Vermögen um ein Vielfaches vergrößern würden, wenn sich das Wasser, dass Albanien geflutet hatte, in seine Becken zurückzog und von der Gier der Ausländer abgelöst werden würde.
Der anschwellende Konflikt in der Provinz Kosovo im Norden von Albanien, die nach Unabhängigkeit von Serbien strebte, versprach ihm gute Geschäftsaussichten.
Die Waffen, mit denen er handelte, hatten Amir reich gemacht. Längst hatte er sich von einem Schmuggler, der seine Waffen auf Esel gepackt über die Grenze schleuste, zu einem angesehenen Geschäftsmann entwickelt, der seine florierendes Geschäft in einem klimatisierten Büro abwickelte.
In seinen geheimen Arsenalen lagerten genügend Waffen aus den Beständen der ehemaligen Volksarmee, um Albanien in einen blutigen Bürgerkrieg zu stürzen.
Amir hatte andere Pläne. Der Kosovo bot ihm bessere Gewinnaussichten als sein Heimatland.
Er konnte mit seinem Leben zufrieden sein. Selten dachte er an die Tage zurück, als er in den Bergen hinter einem windigen Bretterverschlag hauste.
Das Dorf, dem sein Vater vorstand, existierte nicht mehr. Die meisten seiner Bewohner waren verschwunden oder tot wie der Agent des Sigurimi, der ihm das Gesicht zerschossen hatte.
Die Kugel, die er sparte, um einen Schmuggler zu töten, hatte er ihn bitter bezahlen lassen.
Nach dem Zusammenbruch des Regimes war es ihm ein Leichtes den Mann aufzuspüren. Die Offiziere, die an der Grenze ihre Zelte abbrachen und sich einer ungewissen Zukunft gegenübersahen, konnten den Verlockungen des Geldes, das er für den Namen des Agenten, der ihn für sein Leben lang gezeichnet hatte, auf den Tisch legte, nicht widerstehen.
Eine Bürokratie verschwindet nicht einfach von der Bildfläche, wenn sie zusammenbricht. Sie hinterlässt Spuren in Akten und Archiven.
Amir wusste diesen Umstand für seine Rache auszunutzen.
Der Agent hatte seinen Bericht über die als Spion verdächtigte Amerikanerin, deren Dollarnoten aus dem Rucksack für Waffenkäufe an der Grenze verwendet worden waren, an die Zentrale in Tirana telegrafiert und mit seinem Namen gezeichnet.
Diese Eitelkeit sollte ihm zum Verhängnis werden.
Wenige Monate nach dem Umsturz machte ihn Amir mit seiner Familie in einer Wohnung in Tirana ausfindig. Nie würde er sein entsetztes Gesicht vergessen, als er die Wohnungstür öffnete und in den Lauf seiner Pistole blickte.
Das Glück begünstigte Amir. Mit dem Agenten befanden sich auch seine Frau und seine beiden kleinen Söhne in der Wohnung.
Amir ließ sich Zeit. Er wollte seine Rache auskosten. Er zwang seinen Feind auf einen Stuhl und knebelte ihn. Als erstes schoss er vor den Augen des Agenten der Frau in den Kopf. Ihr Blut ergoss sich auf den Boden und bildete eine dunkelrote Lache um den Stuhl, auf den der Mann angekettet war.
Das Wasser floss nicht nur aus den Bergen in die Städte. Es sprudelte auch aus dem Kopf der Frau, die tot auf dem Bretterboden der Wohnung lag.
Der Agent bebte vor Schmerz und Zorn. Aber Amir war nicht fertig mit seiner Rache an dem Sigurimi. Seine Schergen waren wenige Tage, nach dem Amir über die Grenze in den Kosovo geflohen war, zurückgekehrt und hatten auf der Suche nach dem verschwundenen Rucksack seinen Vater und seine Mutter getötet.
Amir nahm Blutrache. Für sein zerschossenes Gesicht. Für seine Eltern. Für das Dorf. Der Kanun zeigte an ihm seine unerbittliche Seite. Er forderte Blut für Blut. Auge für Auge. Zahn für Zahn.
Amir zwang die beiden Söhne des Agenten, sich vor dem Vater hinzuknien und schoss ihnen mit seiner großkalibrigen Pistole ins Gesicht, das von ihrem Kopf nur noch eine blutige Fleischmasse übrigblieb.
Amir lächelte zufrieden, als er sah, dass sich im Schritt der Hose des Agenten ein feuchter Fleck bildete.
Er richtete die Pistole auf sein Gesicht und rief ihn beim Namen, wie es das Ritual des Kanun vorschrieb. Dann drückte er den Abzug durch.
Amirs Wohlbefinden in dem schattigen Cafe änderte sich schlagartig, als er auf der anderen Seite den Mann wahrnahm, der einen kleinen Tabakladen verließ und sich nach allen Seiten umblickte, bevor er auf die Straße schritt.
Amir hatte in seiner Zeit als Schmuggler in den Bergen ein Gespür für Menschen entwickelt, die im Verborgenen lebten und nicht aus dem Wald in eine offene Lichtung traten, ohne vorher sie auf einen Hinterhalt oder einen möglichen Fluchtweg zu untersuchen.
Der Mann auf der anderen Seite gehörte zu ihnen. Er würde keinen Raum betreten, ohne sich nicht vorher an der Tür darin umzublicken und auf eine lauernde Gefahr in seinem Inneren zu prüfen. In seiner Kleidung täuschten er einen Bauern vor, der in der Stadt seine Einkäufe erledigte. Aber sein Gehabe verriet einen Mann, der auf der Flucht lebte und seine Verfolger im Nacken spürte.
Für einen Moment streifte sich ihr Blick. Der Mann schlug die Augen nieder und wendete ihm abrupt den Rücken zu.
Der kurze Augenblick genügte, um in Amir einen Reflex auszulösen, der ihm schon mehrmals geholfen hatte, in seinem Gegenüber einen Freund oder Feind zu erkennen. Ein Blick in ein Gesicht genügte ihm, um es in einem Raster abzuspeichern, den er binnen Sekundenbruchteile abzurufen imstande war und es im Fall, dass er ihm wieder begegnete, einer Erinnerung zuordnen konnte.
Amir kannte dieses Gesicht. Die Erinnerung, die es ihn wachrief, gehörte zu jenem Teil des Lebens, der ihn für immer gezeichnet hatte.
Mit der Hand winkte er einen der Wachleute, die für seinen Schutz sorgten an sich heran. Er erteilte ihm die Anweisung, dem Mann unauffällig zu folgen. Der Wachmann lehnte die Maschinenpistole, die an einem Gurt über seinen Schultern hing gegen einen Stuhl und heftete sich an die Fersen des Unbekannten.
Amir konnte sein Glück nicht fassen. Viele Male hatte er sich den Kopf zermartert, warum der Rucksack der Amerikanerin nicht wieder aufgetaucht war.
Er hatte ihm im Wald vergraben. Bei einem jungen Schafhirten, der seinen Diebstahl beobachtet hatte, wurde ein Gegenstand daraus gefunden. Allzu schnell bedankte sich Amir bei seinem Schicksal für diesen Zufall, der jeden Verdacht von ihm wegnahm.
Der Schafhirte musste ihn zusammen mit der Kamera, die der Amerikanerin dazu diente, die Grenze auszuspionieren, ausgegraben und dem Komplizen der Amerikanerin ausgehändigt haben.
Als Dank hatte sie sich selbst beschuldigt im Wissen, dass jemand mit einer Waffe bereitstand, wenn die Gefahr für sie zu groß wurde.
Der Mann, der mit gezogener Pistole in die Versammlung stürmte und die Amerikanerin rettete, trug die gleiche Kleidung, wie der Mann, der den Tabakladen verlassen hatte. Aber er war nicht der Bauer, der er vorgab zu sein. Seine Bewegungen verrieten ihn als Soldat.
Amir hatte das Geschehen aus dem Haus seines Vaters verfolgt. Er erinnerte sich an den Schweiß, der ihm aus allen Poren floss aus Angst, das gestohlene Geld könnte bei ihm gefunden werden und ihn als Dieb entlarven.
Zuerst verwirrte es ihn, als die Amerikanerin den Schafhirten, der den Verdacht durch eine Filmdose, die bei ihm gefunden wurde, auf sich lenkte, in Schutz nahm und vorgab, den Rucksack selbst heimlich im Wald versteckt zu haben.
Erst als er die Fänge des Sigurimi geriet und das Versteck, in dem er den Rucksack vergraben hatte, leer vorfand, begann er ihre Beweggründe zu begreifen. Sie rettete ihn nicht aus Menschenliebe, sondern um nicht von dem Hirtenjungen als Spionin entlarvt zu werden.
Amir hatte mit ihm noch eine Rechnung offen. Er rechnete ihm die Schuld zu, dass der Agent ihm ins Gesicht geschossen hatte.
Das Mann aus dem Tabakladen holte Amir sein Gesicht aus den Tiefen der Erinnerungen. Amir zweifelte keine Sekunde daran, dass er einer Verwechslung aufsaß. Der Raster, der ihn abspeicherte, funktionierte fehlerfrei.
Eine Woche später kam der Wachmann zurück und erstattete Amir Bericht. Der Mann hatte die Stadt einem Eselfuhrwerk hatte er die Stadt in Richtung der Berge verlassen. Es war leicht gewesen, ihm zu folgen. Der alte Esel, der den Wagen zog, war ein altes Tier, das lahmte.
Nachts hatte der Mann auf offener Straße übernachtet. Der Wachmann berichtete, dass der Mann bewaffnet war und mit einer Pistole in der Hand schlief, die er tagsüber unter seiner Jacke trug.
Am nächsten Morgen hatte er seine Fahrt im Morgengrauen fortgesetzt. Gegen Nachmittag bog er in einen verwachsenen Weg ein, zu einem kleinen Gehöft führte, in dem eine Frau mit zwei Kindern lebte.
Der Wachmann blieb zwei Tage in der Nähe des Gehöftes, um auszuspionieren, wie viele Menschen dazu gehörten.
Außer dem Mann aus dem Tabakladen und der Frau mit den beiden Kindern wohnte niemand dort, schloss er seinen Bericht.
Amir dankte ihm, ohne dass eine Miene die warme Freude verriet, die seinen Körper durchdrang. Er zog einige Geldscheine aus seiner Hose und drückte sie dem Wachmann in die Hand.
Bevor der Wachmann aus der Tür ging, machte er noch eine Bemerkung, die Amir ins Grübeln brachte.
Der Unbekannte schien mit der Frau nicht zusammenzuleben, wie es ein Mann mit einer Frau tat. Er schlief in einem abgetrennten Trakt und ging anders um mit ihr als Albaner es mit ihren Ehefrauen umgingen.
Amir blickte den Wachmann fragend an. Er behandelte sie respektvoll, lachte sein Gegenüber, als wäre sie seine Schwester.
Amir stimmte in das Gelächter des Wachmannes ein.
Zwei Tagesreisen von ihm entfernt, befiel einen Mann eine Unruhe, die er sich nicht zu erklären vermochte. Seit Jahren lebte er als unsichtbarer Geist auf dem Hof seiner Schwester ihren beiden Söhnen.
Ein Jahr hatte Calib als blasser Geist in ihrem Keller gehaust, bis das Wasser das kommunistische System aus dem Land gespült hatte.
Als er sich das erste Mal ans Tageslicht gewacht hatte, schmerzten ihm die Augen. Die Enge des Kellers hatten seine Körper geschwächt. Er fühlte sich nicht in der Lage, um das Haus zu gehen.
Seither waren Jahre vergangen. Noch immer mied er es, sich unter die Menschen zu mischen. Er hatte sich an das Leben eines Unsichtbaren gewöhnt, der allein durch die Wälder streifte. Nur wenige Menschen wussten von seinem Aufenthalt. Die zwei Söhne seiner Schwester hielten sich an das Gebot, über den Mann zu schweigen, der im Keller des Gehöftes hauste.
Das Wasser hatte den Felsen weggerissen, auf dem System seine Macht errichtet hatte. Aber die gesprengten Blöcke ragten noch überall im Land heraus.
Deserteure wurden auch in einem freien Albanien nicht mit Wohlwollen betrachtet.
Als das Land in einem bürgerkriegsähnliche Zustand versank und Hungerernten die Menschen bedrohten, hatten sie andere Probleme als sie um ihn zu kümmern.
In einem schwachen Moment fasste Calib den Entschluss, einen Ausflug nach Shkodra zu wagen. Er sehnte sich nach dem Geruch von Tabak in seinem Mund.
Allzu gern stimmte seine Schwester zu, für sie die Besorgungen in der Stadt zu übernehmen. Mit dem Eselfuhrwerk, auf dem er ihre bescheidene Gemüseernte lud, brach er auf. Der Mangel an Nahrungsmittel in der Stadt sorgte dafür, dass ihm die Menschen auf dem Markt die Ware aus den Händen rissen. Mit dem Geld erledigte er die Besorgungen, die ihm seine Schwester aufgetragen hatte. Einen kleinen Teil zweigte er für Zigaretten und Tabak ab.
Als er den Tabakladen verließ, beschlich ihn das Gefühl beobachtet zu werden. In einem Cafe gegenüber bemerkte er einen Mann, der ihn anstarrte, als würde er ihn erkennen.
Calib drehte ihm den Rücken zu und schritt eilig fort.
Auf dem Rückweg beschlich ihn das Gefühl, verfolgt zu werden. Aber nirgendwo konnte er eine Menschenseele erkennen. Nachts schlief er mit der Pistole in der Hand, um gegen einen Angreifer aus der Dunkelheit gewappnet zu sein.
Aber nichts geschah. Unbeschadet kehrte er zu dem Gehöft seiner Schwester zurück.
Seither wollte die Unruhe, die ihm aufgekommen war, als er den Tabakladen verließ, nicht aufhören.
Calib ahnte, dass ihn sein Instinkt nicht betrog. Er roch die Gefahr, die in der Luft lag. Irgendetwas Bedrohliches hatte die Fährte aufgenommen und verfolgte seine Spur.
Seit er die Amerikanerin der Polizei in Tirana übergeben hatte, um sie vor der Sigurimi zu beschützen, lebte er auf der Flucht.
Calib war nicht in die Kaserne zurückgekehrt. Er hatte den alten JAZ in einer Seitenstraße zurückgelassen und war zu Fuß durch Tirana geirrt.
Das System war ins Wanken geraten. Aber die Militärstreifen versahen immer noch ihren Dienst. Sie patrouillierten in ihren alten Militärwagen durch die nächtlichen Straßen der Hauptstadt, um Spione und andere zwielichtige Elemente, die das Regime bedrohten, unschädlich zu machen. Es war leicht, ihnen auszuweichen, da außer dem Militär niemand ein Auto besaß, um nachts durch Tirana zu fahren.
Calib hielt sich im Dunkel der Häuser. Im Morgengrauen gelang es ihm, von einer Wäscheleine, einige Kleidungsstücke zu stehlen. Er legte seine Uniform ab und tauschte sein Soldatenleben gegen das triste Dasein eines Bürgers der Stadt, dessen Gedanken darum kreisten, genügend Essen für sich und seine Familie aufzutreiben und für das System unsichtbar zu bleiben.
Die Kleider, die er am Leib trug, rochen nach Seife. Sie waren frisch gewaschen und fühlten sich feucht auf seiner Haut an. Die sommerliche Hitze nach Sonnenaufgang würde sie rasch trocken.
Die Uniform entsorgte er in einer Aschentonne auf der Straße. Auf den ersten Blick wirkte er wie ein Zivilist, den die Schlaflosigkeit frühmorgens zu einem Spaziergang auf die Straße trieb. Nur seine Schuhe konnten einem aufmerksamen Blick seine Tarnung verraten.
Deserteuren drohte in Albanien zu Zeiten der Diktatur die Todesstrafe. Aber solange er vermied, einer Militärstreife in die Arme zu laufen, blieb ein Zweifel, ob er nicht das Opfer eines Verbrechens geworden war.
Das Wasser, das in das System sickerte, hatte die Menschen mutiger gemacht. Vereinzelt geschah es, dass sie sich eines Soldaten bemächtigten und sich an ihm für die Unterdrückung rächten. Manchmal schwemmten die Flüsse ihre geschändeten Leichen an die Ufer, ohne das sich eine Spur zu den Mördern fand.
Calib wusste, dass sich der Sigurimi an seine Fersen heften würde. Die Amerikanerin war ihrer Falle entgangen. Die Schuld, die sie ihm dafür anlasteten, würde sie nicht ruhen lassen.
Durch den verschwundenen Fahrer waren sie gezwungen, ihre Suche aufzuteilen. Der öde Landstrich, in dem sie ihn verscharrt hatten, würde seine Leiche nicht freiwillig hergeben. Mit Hilfe der Amerikanerin hatte er alle verräterischen Spuren, die sein Grab verrieten, verwischt. Es würde Jahre dauern, bis ein Tier auf der Suche nach Fleisch seinen verwesten Kadaver ins Freie schaufelte.
Die Zeit würde er nutzen, um sich in einen Unsichtbaren zu verwandeln.
Calib beschloss in die Berge zu gehen. Sie waren das Rückzugsgebiet der Verdammten und Ausgestoßenen. Ein kleines Gehöft würde ihm eine sichere Zuflucht in seinen feuchten Kellergewölben bieten.
Es wurde von seiner Schwester bewirtschaftet, die nach dem Tod ihres Ehemannes mit ihren Kindern in dem abgelegenen Tal lebte, zu dem keine Straße führte und in das sich nur selten eine Menschenseele verirrte.
Tagsüber versteckte sich Calib in den Hinterhöfen verlassener Häuser. Nachts setzte er seinen Weg aus der Stadt fort. Er umlief die Straßensperren des Militärs. Endlich erreichte er den Rand der Stadt. Aus einem Haus, das sein Besitzer für einen Augenblick unbeobachtet ließ, stahl er ein Paar abgetragene Schuhe.
In einer normalen Welt würde sie niemand vermisst haben. Aber in Albanien herrschte an allen Dingen ein Mangel, der den Schuhen einen Wert verlieh, der die Polizei auf den Plan rief.
Calib hoffte, dass man die Tat einem aus den Bergen vertriebenen Landstreicher zurechnete, den der Hunger dazu zwang, in die Häuser einzubrechen und den Bewohner, das wenige, das sie besaßen zu stehlen.
Für einen Moment überlegte er, seine Militärschuhe im Tausch zurückzulassen. Es wäre ein gutes Geschäft für den Bestohlenen gewesen. Aber damit hätte er eine dem Sigurimi eine Fährte gelegt, der sie unbarmherzig folgen würden. Calib blieb keine andere Wahl, wenn er am Leben bleiben wollte, als die Rechnung offenzulassen. Er streifte die alten Schuhe über. Die verräterischen Militärstiefel verscharrte er in einer Grube im Wald.
Nach zwei Wochen erreichte er das Gehöft seiner Schwester. Sie zeigte sich wenig erfreut über sein Auftauchen. Calib musste ihr nichts erklären. Seit er das Elternhaus verlassen hatte, war er Soldat gewesen. Die schmutzige Hose und das zerrissene Hemd, das er bei ihrem Wiedersehen trug, machten Worte überflüssig. Schweigend führte sie ihn in den Keller des Hauses. Sie holte eine Matratze und zwei Decken, die sie auf dem Boden warf.
Calib wusste, was es bedeutete. Der dunkle Keller würde seine ganze Welt bleiben, bis das Wasser das System weggespült hatte.
Der Polizeiwagen, der in der Morgendämmerung an einer Straße am Stadtrand von Shkodra parkte, erregte keinen Verdacht bei den Menschen, die ihn bemerkten. Anders als in den Zeiten der Diktatur, beruhigte es sie, die Polizei in der Nähe zu wissen. In den Unruhen, die das Land ergriffen hatte, sahen bewaffnete Banden, ihre Chance das Chaos zu ihrem Vorteil zu nutzen.
Niemand achtete auf das verräterische Nummernschild, das bei Eingeweihten für Erstaunen gesorgt hätte. Der umgerüstete Mercedes, dessen Rost, der sich aus der Karosserie fraß, auch mit dem Staub der Schotterstraßen nicht verstecken ließ, war in der Hauptstadt Tirana zugelassen.
Niemand stellte sich die Frage, was sein Fahrer weit entfernt von seinem Einsatzgebiet zu suchen hatte.
Der Polizist trug eine blaue Polizeiuniform. Die Kappe auf seinem Kopf hatte er nach vorne gezogen, dass man sein Gesicht nicht erkennen konnte.
Der alte Mercedes zog die Blicke auf sich. Albanien war auch nach dem Sturz der Diktatur kein Autoland geworden. Das kaputte Straßennetz und die Armut der Menschen sorgte dafür, dass die Eselfuhrwerke das Straßenbild prägten.
Der Autoverkehr beschränkte sich auf wenige alte Fahrzeuge, die von Mittelsmännern von den Schrottplätzen Westeuropas gekauft und nach Albanien verschifft wurden.
Meist waren es Modelle der Marke Mercedes, die wieder fahrbereit gemacht, die maroden Straßen frequentierten. Den neueren Modellen, die in Umlauf kamen, haftete der Verdacht an, Hehlerware zu sein, die zu Spottpreisen im Vergleich zu ihrem wahren Wert an albanische Geschäftsleute verschachert wurden.
Die Polizei kümmerte sich nicht um den Straßenverkehr oder die Herkunft der Autos, die dort fuhren. Sie hatte andere Dinge zu tun.
Albanien drohte, in Anarchie zu versinken. Der Bürgerkrieg im Nachbarland Jugoslawien verschärfte die kritische Lage. Die Waffen der Kriegsparteien gelangte wie tausende Flüchtlinge über die nicht mehr bewachten Grenzen im Norden und Osten des Landes.
Bujar blickte auf die Uhr an seinem linken Handgelenk.
Ein Polizist, mit dem er seit den Tagen auf der Polizeischule befreundet war, hatte ihm den Tipp gegeben.
Er hatte keine Zeit verloren und sich sofort in den Wagen gesetzt. Niemand würde ihn vermissen. In Tirana gab es keine Ordnung mehr. Die Polizeistationen in vielen Stadtvierteln waren gestürmt und zerstört worden. Italien hatte auf Wunsch der Regierung begonnen, Militärtruppen einzuschiffen, um die Lage unter Kontrolle zu halten.
Die Polizei hatte Anweisungen, sich zurückzuhalten, um nicht in einen Krieg gegen die marodierenden Milizen, die mit überlegenen Waffen ausgerüstet waren, auszubluten. Mancherorts erging der Befehl, die Ausrüstung aus der Stadt zu schaffen, um sie vor der Wut des Mobs, der sich auf den Straßen breit machte, zu schützen.
Bujar machte sich diese Anweisung zunutze. Sie verschaffte ihm die Gelegenheit, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Über Monate war er den Männern, die seinen Vater und seinen Bruder ermordet hatten, gefolgt.
Die Fehde, die als Nachbarschaftsstreit begonnen hatte, zog sich seit Generationen ihre blutige Spur.
Er war das letzte männliche Mitglied der Familie, das am Leben blieb. Die Mörder hatten ihn verschont, weil er noch zu für eine Kugel gewesen war.
Die Bewohner eines Bergdorfes unterhalb des Peja-Passes hatten seiner Mutter und ihm Unterschlupf gewährt. Bald wusste jedermann im Dorf Bescheid, welches Schicksal ihm bevorstand. Der Tod saß ihm auf den Schultern. Die Männer, die seinen Vater und seinen Bruder ermordet hatten, würden auch ihn töten, wenn er das Alter für eine Kugel hatte.
Die Begegnung mit einer Fremden, die über den Atlantik in das Land gereist war, veränderte sein Schicksal. Der Diebstahl ihres Rucksackes setzte eine Kettenreaktion in Bewegung. Er floh mit seiner Mutter nach Shkodra, wo er sich für das Militär des verhassten Regimes einschrieb, um seiner Mutter mit dem Sold das Überleben zu sichern.
Bujar wusste um seine Bestimmung. Er war ein albanischer Junge aus den Bergen. Man konnte ihn in eine Uniform pressen. Man konnte ihm eine neue Religion überstülpen oder sie verbieten. Man konnte ihm Gehorsam abverlangen. Aber niemand würde ihn zwingen können, seine Familie und seine Ehre aufzugeben.
Das Militär bildete ihn, ohne es zu ahnen, für seine Aufgabe aus. Er war dafür bestimmt, zu töten oder getötet zu werden. Bujar hatte sich längst entschieden.
In den letzten Tagen der Diktatur drückte man ihm eine Maschinenpistole in die Hände. Mit dem Befehl, auf die Menschen zu schießen, die den Fall des Regimes forderten, schickte man ihn mit anderen Rekruten aus der Kaserne. Bujar verweigerte wie seine Kameraden den Gehorsam. Sie kehrten, ohne einen einzigen Schuss abgegeben zu haben, in die Kaserne zurück.
Die nächsten Wochen war Bujar als bleierne Zeit in Erinnerung geblieben. Er wurde mit den anderen Rekruten unter Arrest gestellt und wegen Befehlsverweigerung von einem Militärgericht angeklagt. Als das Regime unter den Protesten zusammenbrach, öffnete der wachhabende Offizier die Zellentüren und ließ sie laufen.
Für seine Weigerung, das Feuer auf die protestierenden Zivilisten zu eröffnen, wurde es Bujar freigestellt, den Militärdienst vorzeitig zu beenden.
Bujar nahm das Angebot der Regierung an. Er kehrte nicht ins Zivilleben zurück, sondern wechselte die Uniform. Die neu aufgestellte Polizeibehörde suchte unbescholtene Männer für den Schutz der Demokratie.
Bujar ging mit seiner Mutter nach Tirana und trat in den Polizeidienst ein.
Bald freundete er sich mit seiner neuen Aufgabe an. Es war nicht der Glaube an den neuen Staat, die ihn antrieb. Die Uniform, die er trug, gab ihm die Möglichkeit, seine Bestimmung zu erfüllen.
Unauffällig stellte Bujar Nachforschungen an über den Verbleib der Männer an, die seinen Vater und seinen Bruder auf dem Gewissen hatten.
Die Sorge, dass sie wie viele Albaner dem Land den Rücken gekehrt hatten und ins Ausland gegangen waren, bestätigte sich nicht.
Ein Mitglied ihrer Familie betrieb einen Lebensmittelhandel in Shkodra. Einmal im Monat fuhren sie mit einem Eselfuhrwerk aus den Bergen in die Stadt, um ihm das Fleisch ihrer Schafe anzubieten.
Bujar war Polizist geworden. Er hatte sich dem Gesetz verpflichtet. Aber die Macht des Kanun war stärker. Er forderte Blut für Blut. Und Bujar war gewillt, ihm Folge zu leisten.
Der befreundete Polizist hatte ihm die Fährte gezeigt. Er musste ihr nur folgen, um die Ehre seiner Familie wieder herzustellen.
Die Männer hatten feste Gewohnheiten. Sie kamen am ersten des Monats nach Shkodra und blieben für zwei Tage in der Stadt. Zeit genug für Bujar, um seinen Plan auszuführen.
Am Abend nach der Ankunft quartierten sie sich in einer billigen Pension am Stadtrand an.
Sie achteten nicht auf den Polizisten, der eines Abends an der Theke stand und einen Kaffee trank, als sie sich zu anderen an einen Tisch setzten.
Ohne eine Regung zu zeigen, beobachtete Bujar die Mörder seiner Familie. Sie erkannten ihn nicht. Die Polizeiuniform, die er trug, machte ihn unsichtbar für sie.
Die Männer waren guter Laune. Die Ware, die sie in die Stadt verkauft hatten, füllte ihre Taschen mit Geld. Sie feierte das Geschäft mit einer Flasche Raki und spielten Pisti.
Bujar kannte das Spiel. Die Soldaten in der Kaserne hatten es ihm beigebracht. Es folgte einer einfachen Regel. Man musste die Karte seines Gegners mit einer höheren Karte schlagen. Am Ende gewann der Spieler mit der höchsten Punkteanzahl. Der Joker im Spiel brachte den Spieler, den das Glück begünstigte, in den Vorteil. Er schlug alle anderen Karten.
In den Gewehrkugeln, die seinen Vater und seinen Bruder trafen, glaubten die Männer den Joker gespielt zu haben, der ihnen den Sieg sicherte.
Sie ahnten nichts von dem Gewehr, das Bujar in seinem Wagen versteckt hatte. Bujar wusste in den Kugeln im Lauf seinen Joker. Und er war entschlossen, ihn zu spielen.
Er musste nur den richtigen Augenblick abwarten.
Bujar legte eine Münze für den Kaffee auf den Tisch und verließ das Lokal.
Im Morgengrauen des nächsten Tages parkte er mit seinem Polizeiwagen außerhalb der Stadt am Stadtrand. Die Männer waren in einer Waldlichtung mit den Gewehren im Anschlag aus den Schatten der Bäumen getreten, als sie sie seinen Vater und seinen Bruder ermordeten. Bujar würde aus einem Wagen steigen und ihre Namen rufen.
Er musste nicht lange warten, bis er im Rückspiegel das Eselfuhrwerk auftauchen sah.
Die Männer waren bei Tagesanbruch aufgebrochen, um bis zum Einbruch der Dunkelheit ihr Dorf in den Bergen zu erreichen.
Bujar schob die tiefgezogene Polizeikappe über die Stirn hoch und stieg aus seinem Wagen. Er öffnete die Kofferraumklappe und nahm das Gewehr heraus. Dann trat er in die Mitte der Fahrbahn.
Die Männer auf dem Eselfuhrwerk dachten an eine Polizeikontrolle und glaubten, keinen Anlass zur Sorge zu haben. Sie grüßten freundlich. Bujar erwiderte ihren Gruß nicht.
Er rief ihre Namen. Schlagartig wurde den Männern die Gefahr bewusst.
Der Mann, der das Gespann, versuchte Bujar in ein Gespräch zu verwickeln, in dem er behauptete, dass es um eine Verwechslung handelte. Der andere Mann nutzte den Moment, um nach hinten auf die Ladefläche des Wagens zu springen, wo sein Gewehr verborgen unter einer Plane lag.
Bujar wartete, bis er ihm mit der Waffe in der Hand das Gesicht zuwandte. Dann drückte er den Abzug seines Gewehrs. Die Kugel traf den Mann mitten in die Stirn.
Der zweite Mann sprang vom Wagen und flüchtete ihn das Feld am Straßenrand. Bujar zielte auf seine Beine. Der Kanun verbat es, seinem Feind in den Rücken zu schießen. Der Schuss traf das linke Bein des Mannes und zerfetzte ihm das Knie. Mit einem Aufschrei stürzte er zu Boden.
Bujar trat an ihn heran. Der Mann blickte ihn mit schmerzverzerrtem Gesicht an. Er bettelte nicht um sein Leben. Der Kanun kannte keine Gnade.
Bujar schwieg. Es hatte dem Mann, der vor ihm auf der Erde lag, nichts zu sagen. Er hob das Gewehr und schoss ihm in die Brust. Dann ging er zu dem Eselfuhrwerk zurück, das verwaist auf der Straße stand. Er streichelte dem Esel über die Flanke, um das Tier zu beruhigen.
Bujar nahm das Gewehr des Mannes, der tot auf der Ladefläche des Wagens lag, von der Fahrbahn und legte es ihm zur Seite. Der Kanun verlangte, dem getöteten Gegner die Waffe zurückzugeben.
Bujar blickte sich um. Die Straße war menschenleer. Am Horizont tauchte die Sonne die Berge in ein oranges Farbenmeer.
Das Schicksal hatte ihm eine Bestimmung gegeben. Töten oder getötet werden. Er hatte sich für das Töten entschieden.
Sein ganzes Leben lag der Schatten des Todes auf seinen Schultern. Nun war er dem Gewicht der Toten gewichen. Diese Last würde er sein Leben nicht mehr abschütteln können. Bujar haderte nicht damit. Die Ehre seiner Ehre verlangte ihm diese Bürde ab.
Aber seine Aufgabe war noch nicht erfüllt.
Unwillkürlich musste Bujar an den Rucksack denken, den er in einem Schafsfell eingenäht, in seiner Wohnung verwahrte. Er hatte noch eine Aufgabe zu erfüllen.
Bujar legte das Gewehr in den Kofferraum seines Polizeiwagens zurück und klappte den Deckel zu.
Dann stieg er in den Wagen und ließ den Motor an. Bujar blickte im Rückspiegel auf das verlassene Gespann auf der Fahrbahn. Der Esel, der es zog, würde zwei Tote in die Berge zurückbringen.
Bujar setzte den Blinker, wie es die Straßenverkehrsordnung vorschrieb und schaltete in der ersten Gang. Er war wieder ein Polizist, der die Ordnung der jungen Demokratie verteidigte, die in Albanien die Macht ergriffen hatte. Langsam rollte der alte Mercedes auf der staubigen Schotterstraße an und folgte ihrem Verlauf in Richtung Tirana.
Amir spürte, wie seine Beine langsam schwer wurden. Unter dem Fett, das er sich angemästet hatte, war sein Körper träge geworden. Der Schweiß rann ihm in der Hitze der Mittagssonne aus allen Poren. Er war es nicht mehr gewohnt, zu Fuß einem steilen Weg zu folgen, der sich kilometerweit durch eine menschenleere Landschaft in die Berge hoch schlängelte.
Amir verfluchte sich für seine Nachlässigkeit, den Mann, den er beim Verlassen des Tabakladens erkannt hatte, nicht sofort in seine Gewalt gebracht zu haben. Seine Männer waren bereitgestanden. Ein Wink von ihm hätte genügt, um sie auf die Jagd zu schicken. Es wäre ihnen ein Leichtes gewesen, der Beute, die ihm der Zufall mitten in der Stadt auf dem Präsentierteller lieferte, ohne Mühe habhaft zu werden, um sie ihm angekettet in einem Keller zur Ausweidung zu überlassen.
Seine Männer kontrollierten das Viertel, von dem er seine Geschäfte betrieben. Die Menschen auf der Straße hätten es nicht gewagt, sich ihnen in den Weg gestellt. Sie würde ihre Köpfe weggedreht haben, wenn sie die Hilfeschreie des Mannes gehört hätten, bevor ihn ein Schlag auf den Kopf zum Schweigen brachte.
Niemand wäre auf die Idee gekommen, sich auf die Suche nach dem Fahrer des Fuhrwerkes zu machen, das verwaist am Straßenrand stand. Der hungrige Esel, der den Wagen zog, wäre noch am gleichen Tag im Stall seines neuen Besitzers verschwunden.
Eine Vermisstenanzeige wäre noch am gleichen Tag in den Archiven abgelegt worden. In Albanien wurden Menschen, die am helllichten Tag in der Stadt verschwanden, nicht von der Polizei gesucht. Es waren zu viele.
Täglich verließen tausende Albaner das Land, ohne ihre Familien zu benachrichtigen. Sie gingen in die Stadt auf der Suche nach einem Schleuser, der sie über die Grenze nach Griechenland oder Italien brachte, wo sie sich ein besseres Leben erhofften.
Ihre Familien wartete nicht auf ein Lebenszeichen von ihnen. Sie warteten auf das Geld, das die Verschwundenen aus dem Ausland schickten.
Amir hatte die Gelegenheit ungenutzt verstreichen. Es blieb ihm keine andere Wahl, als sich selbst auf den Weg zu machen, um eine Antwort auf die Fragen zu bekommen, die in seinem Kopf kreisten seit dem Tag, als ihm der Agent des Sigurimi in den Bergen ins Gesicht schoss.
Jeder Mensch hat ein Rätsel, das ihn ein Leben lang beschäftigt. Der Rucksack der Amerikanerin war das Rätsel, das Amir bis in die Träume verfolgte.
Er hatte dem gestürzten Regime geholfen, eine amerikanische Agentin zu enttarnen und ihre Spionage an der Grenze vereitelt. Das System hatte es ihm schlecht gedankt.
Die Dollarnoten aus dem Rucksack der Amerikanerin, die er als angemessenen Lohn für seinen Dienst ansah, hätte ihm beinahe das Leben gekostet.
Amir war besessen davon, die Verantwortlichen für diesen Undank, denen er habhaft werden konnte, zur Rechenschaft zu ziehen wie den Agenten des Sigurimi, dem er die Narben in seinem Gesicht verdankte.
Er hasste unbezahlte Rechnungen. In seinem Geschäft war er es gewohnt, sofort bezahlt zu werden. Die Ware, die er vertrieb, duldeten keine Außenstände. Die Waffen verseuchten die Abnehmer mit dem Tod. Und der Tod beglich keine offenen Rechnungen mehr.
Der Mann aus dem Tabakladen war mit der Amerikanerin verschwunden, ohne ihn angemessen zu entschädigen. Die Dollarnoten aus dem Rucksack reichten nicht aus, den Sigurimi zufrieden zu stellen. Die Spur, die sie zu ihm legten, wäre ihm beinahe zum Verhängnis geworden.
Der Rucksack mit der Kamerausrüstung war die Währung, die sie von ihm einforderten. Als er sie ihnen nicht geben konnte, verpassten sie ihm eine Kugel.
In der Tasche, die an seiner linken Schulter baumelte, lag eine Pistole bereit, um den Mann aus dem Tabakladen, auf die offene Rechnung aufmerksam zu machen.
Amir war überzeugt, dass er alles tun würde, um sie zu begleichen, um ihren Kugeln zu entgehen.
In seinem Kopf hatte Amir die Eintreibung der Zahlung bis ins Detail ausgefeilt. Er hatte genügend Schuldeneintreiber auf seiner Gehaltsliste stehen, die keine Skrupel, die Arbeit für ihn zu erledigen. Aber diese Rechnung war zu hoch, um sie ihnen zu überlassen.
Amir wollte mit eigenen Augen sehen, wie der Mann, um sein eigenes und das Leben seiner Familie bettelte. Er wollte seine Hoffnung und Verzweiflung spüren, bis er ihm die Antworten gegeben hatte.
Als erste würde er die Frau erschießen, die seine Schwester war. Ihr Tod würde die Rechnung ausgleichen, die er mit ihm offen hatte. Aber für die aufgelaufenen Zinsen genügte ein Menschenleben nicht. Ihre Bedienung forderten das Leben der beiden Jungen der Frau.
Er würde ihnen in den Kopf schießen wie den Kindern des Agenten des Sigurimi in Tirana. Dann würde er geduldig warten, bis die Hose des Mannes feucht anlief. Diesen Bonus hatte er sich verdient, bevor er die restlichen Kugeln aus der Pistole in seinen Körper jagte. Es schien ihm ein angemessener Preis als Vergeltung für die Kugel, die sein eigenes Gesicht getroffen hatte.
Amir stöhnte. Die Hitze machte ihm zu schaffen. Er blieb stehen. Am Ende des Tales, das er durchschritt, türmten sich die zerklüfteten Felsen des Arapi vor ihm auf. Der Berg wies ihm den Weg.
In der Abenddämmerung wich der felsige Weg einem von Bäumen gesäumten Trampelpfad. Amir wusste sich nahe am Ziel. Als er einen Abhang hinabstieg, erblickte er in der Ferne das kleine Gehöft, das sich unter einem Felsvorsprung duckte. Es war von grünen Hügeln umgeben. Amir schlich vorsichtig näher. Die Bäume dienten ihm als Deckung.
Arianit entdeckte den Fremden erst, als er sich im Schutz der Bäume nahe das kleine Gehöft genähert hatte, in dem er mit seiner Mutter und seinem um zwei Jahre jüngeren Bruder lebte. Mit seinem Vater verband Arianit nur eine vage Erinnerung. Er war tot. Eine Lawine hatte ihn verschüttet, als er im Winter in den Bergen auf Jagd war.
Mit fünfzehn Jahren hatte Arianit bereits gelernt, den Menschen mit Misstrauen zu begegnen. Er hatte keine guten Erfahrungen mit ihnen gemacht. Meist waren es Soldaten gewesen, die auf Patrouille unterwegs in den Bergen waren. Sie hatten sich einen Spaß gemacht, den kleinen Jungen, der mit seiner Mutter im Wald lebte, mit Warnschüssen zu erschrecken.
Als er die Gestalt auf dem Pfad bemerkte, der zu ihrem Haus führte, spürte Arianit sofort die Gefahr, die von ihm ausging.
Sein Hund, der ihm auf einer Anhöhe Gesellschaft leistete, wo die wenigen Schafe und Ziegen, die seiner Familie gehörten, weideten, hatte die Witterung aufgenommen. Mit aufgestellten Ohren blickte er wie versteinert in die Richtung, aus der sich der Unbekannte langsam auf das Haus zu bewegte.
Der Hund schlug nicht an. Er duckte sich ins Gras. Arianit dachte zuerst an einen Bären oder einem Wolf, der sich seiner Herde näherte. Aber das Raubtier, das sich Schatten an das Haus heranschlich, war ein Mensch.
Arianit spürte, wie sein Puls schneller schlug. Für einen Moment lähmte die Angst seine Beine. Er fühlte sich unfähig, seine Beine zu bewegen.
Er war in den Bergen aufgewachsen und kannte die Gefahr der Wildnis und ihrer Bewohner. Er fürchtete die Tiere nicht. Sie blieben berechenbar. Wölfe und Bären trieb der Hunger an. töteten ihre Beute, um an ihr Fleisch zu kommen. Wenn sie satt waren, krümmten sie ihnen kein Haar. Der Hunger, der einen Menschen zum Mörder oder Dieb machte, war gefährlicher. Weil ihn niemand vorhersehen konnte.
In der Weise wie sich der Fremde dem Haus näherte, wusste Arianit, dass ihn der Hunger antrieb. Der Hunger der Mörder nach Macht, Gier und Lust.
Das kleine Haus, in dem er zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder wohnte, lag wie eine kleine Kapsel verborgen zwischen den Gebirgsketten, die es umgaben. Es verirrten sich nicht viele Fremde auf den verwachsenen Weg, der zu ihnen führte.
Die Mutter hatte ihren Söhnen eingebläut, wachsam zu sein und jeden Ankömmling zu melden, seit sie ihren Bruder bei sich versteckte. Sie verbat ihren Söhnen, seinen Namen zu nennen. Namen legten eine verräterische Spur, die einmal preisgegeben kein Regen und Schnee mehr bedeckte.
Der Keller, in dem er seit Jahren im Verborgenen lebte, verdiente den Namen nicht. Es war ein kleiner Hohlraum, der sich unter dem mit Stroh bedeckten Boden des kleinen Verschlages befand, in dem sich im Winter die Schafe und Ziegen vor der klirrenden Kälte zusammendrängten. Das in den felsigen Untergrund geschlagene Loch diente der Familie als Versteck für ihre Vorräte.
Die Vorfahren des Vaters hatten das Haus, um es vor der Witterung zu schützen, eng an den Felsen gebaut, der sich darüber erhob. Sie hatten den Hohlraum nicht zufällig an der Stelle in den Boden geschlagen, über dem sich der Stall befand. Über ihn gelangte man in eine natürliche Höhle, die sich einige Meter in den Berg zog.
Die Höhle war der Schlafplatz des Bruders seiner Mutter.
Vor dem Zusammenbruch des Regimes hatte er sein Versteck nur nachts verlassen aus Angst entdeckt zu werden. Er war auf der Flucht vor dem Sigurimi in die Berge geflohen.
Selten öffnete Arianit die im Stroh verborgene Klappe und stieg über die kleine Leiter in den Hohlraum hinunter.
Es fiel ihm schwer, einem Mann mit Respekt zu begegnen, der sich wie eine Maus in einem Loch versteckte.
Seit eine neue Regierung die Macht im Land übernommen hatte, wagte er sich manchmal am helllichten Tag für einige Stunden ins Freie.
Dann saß er gemeinsam mit ihnen am Tisch und erzählte von seinem Leben als Soldat.
Die Umstände seiner Flucht hielt er vor den Jungen im Verborgen. Arianit spürte, dass es kein Misstrauen war, das ihn abhielt, mit ihnen darüber zu sprechen, sondern die Angst, die Sigurimi könnten sich an ihnen für ihre Mitwisserschaft rächen.
Nach dem Sturz des Regimes blieb er in seiner Höhle. Er traute den Umständen nicht. Die Anführer der Parteien, die versuchten, das Land in demokratische Bahnen zu lenken, trugen die gleichen Gesichter wie in den Zeiten der Diktatur. Sie hatten nur die Seiten gewechselt.
Arianit sah ihn manchmal nachts auf das Dach des Hauses kletterte, wo er unter dem Sternenhimmel schlief. In der Morgendämmerung verkroch er sich wieder in den Schutz seiner Höhle.
Als er ihn einmal dabei beobachtete, wie er sich mit dem Regenwasser wusch, das seine Mutter in einem Bottich vor dem Haus sammelte, hatte er seinen wertvollsten Besitz auf einem Holzblock abgelegt, wo die Mutter das Brennholz hackte. Fasziniert nahm Arianit das geformte Metallstück in Augenschein, das er von den Soldaten kannte, die ihm im Wald begegneten. Es war eine Pistole.
Vor einer Woche hatte er den Esel an den Wagen gespannt, um für die Mutter die Besorgungen in der Stadt zu erledigen. Nach drei Tagen war er mit Zigaretten und den Besorgungen für die Mutter zurückgekehrt. Seither bemerkte Arianit bemerkte Arianit eine Unruhe an ihm. Sie musste mit dem Unbekannten zusammenhängen, der nur noch wenige Schritte vor dem Haus stand. Seine Mutter hatte ihm aus dem Fenster bemerkt und kam ihm aus der Hütte entgegen.
Arianit sah die Stalltür aufgehen. Der Bruder der Mutter stürzte mit ausgestrecktem Arm heraus.
Im selben Moment zerrissen Schüsse die Stille des Tales. Der Widerhall an den Bergfelsen riss Arianit aus seiner Lähmung.
Er lief den Hügel hinunter im Wissen, dass er zu spät kommen würde. Der Hunger des Mörder hatte bereits begonnen, seine Beute zu zerfleischen.
Calib fütterte die Lämmer, die der Junge am Morgen im Stall zurückgelassen hatte, um sie nicht der sengende Hitze auf der Weide auszusetzen.
Eine Stimme ließ ihn zusammenzucken, als hätte man ihm einen Stromschlag gegeben. Ein Fremder sprach mit seiner Schwester. Er fragte nach dem Mann, der mit ihr auf dem Hof lebte.
Die Schwester antwortete, dass sich der Fremde irren müsse. Ihr Mann wäre verstorben. Sie wohne allein auf dem Hof.
Calib schlich lehnte sich vorsichtig den Türverschlages des Stalles und öffnete ihn einen Spalt.
Von der Seite beobachtete er den Mann, der seinen rechten Arm auf dem Rücken verbarg, während er sich mit der Schwester unterhielt.
Calib erinnerte sich, sein markantes Gesicht zu gesehen zu haben, als er in der Stadt den Tabakladen verlassen hatte und sich eine Zigarette anzündete.
Für einen kurzen Moment hatte er gespürt, dass ihn jemand aus dem Café gegenüber anstarrte. Er hatte zu dem Mann geblickt, der von Wachleuten mit Maschinenpistolen in den Händen umgeben an einem Tisch saß und ihn neugierig musterte.
Es war der Fremde mit den Narben im Gesicht gewesen, der plötzlich vor dem Haus auftauchte.
Calib suchte in den Hecken vor dem Haus nach Anzeichen, ob sich dahinter weitere Männer verbargen. Als Soldat hatte er gelernt, auf kleinste Veränderungen zu achten, die Hinweise auf das Versteck des Gegners lieferten.
Der Fremde schien ohne Begleiter unterwegs zu sein. Er wollte die Angelegenheit, die er mit ihm hatte ohne lästige Zeugen regeln.
Eine Reflexion im Sonnenlicht irritierte ihn. Schlagartig realisierte Calib die Gefahr. Der Fremde hielt eine Waffe hinter seinem Rücken verborgen.
Er zog seine Pistole aus dem Hosenbund und lud sie durch. Beim Durchziehen des Schlittens ertönte ein leises Klacken.
Calib wusste, dass es der Fremde gehört hatte. Um seiner Reaktion zuvor zu kommen, drückte er mit die Schulter den Verschlag des Stalles auf und stürmte mit der Pistole im Anschlag ins Freie.
Er sah, wie der Fremde sich zu ihm herumdrehte und den Lauf einen Lauf eines Revolvers auf ihn richtete.
Calib drückte den Abzug seiner Pistole durch. Aber es löste sich kein Schuss. Er hatte sie seit Jahren nicht abgefeuert, um seine Verfolger nicht auf seine Spur zu lenken.
Der Sigurimi, vor dem er geflüchtet war, um der Strafe für seine Weigerung die Amerikanerin zu töten, zu entgehen, existierte nicht mehr. Aber der Schatten, den er auf das Land geworfen hatte, bewies seinen langen Atem. Er rächte sich an seinem Verrat, in dem er die Waffe versagen ließ, mit der er gegen den Fremden anstürmte.
Calib warf sich zu Boden, um aus der Schusslinie des Revolver zu kommen. Im Fallen versuchte er die Ladehemmung vergeblich seiner Pistole zu beheben. Wehrlos blickte er in das Mündungsfeuer des Revolvers. Er spürte die Hitze der Glut, die er ausspuckte. Sie brannte ihm auf der Haut wie die Lavaglut eines ausbrechenden Vulkans.
Calib fühlte die Einschläge in seiner Brust, ohne einen Schmerz zu fühlen. Der Boden glitt unter seinen Beinen weg. Er hatte das Gefühl, über der Erde zu schweben. Die Welt entglitt ihm. Er bewegte sich von ihr fort, ohne Halt zu finden. Eine endlose Dunkelheit breitete sich vor seinen Augen aus und verschluckte ihn.
Die Erschöpfung machte ihn unvorsichtig. Amir fluchte in sich hinein, als er das verräterische Geräusch unter sich hörte. Er war im dichten Gras auf einen morschen Ast getreten, der unter seinem Gewicht zerbrach und den Menschen im Haus seine Anwesenheit verriet .
Sein schöner Plan funktionierte nicht mehr. Eine Frau erschien mit einem Gewehr in der Hand in der Tür. Amir entschied sich, zu improvisieren. Er nahm seinen Revolver aus der Tasche.
Mit der Hand im Rücken trat er aus dem Schatten Baumes hervor, hinter dem er sich versteckt hatte und sprach die Frau im Dialekt der Berge an. Sie richtete den Gewehrlauf auf ihn. Der vertraute Ton änderte nichts an ihrem Misstrauen. Er war ein Fremder, der sich auf den Hof geschlichen hatte.
Amir bedauerte sein Missgeschick mit dem Ast. Er musste die Frau erschießen, ohne sie vorher leiden sehen zu können.
Zum Schein fragte er nach ihrem Mann. Abweisend gab sie ihm zur Antwort, dass sich niemand außer ihr auf dem Hof wäre.
Sie ist eine gute Frau, die ihre Söhne schützen will, dachte Amir. Der Gewehrlauf, der auf ihn gerichtet war, ließ ihn zögern, sein Vorhaben durchzuführen.
Eine Frau, die in den Bergen lebte, konnte damit umgehen. Amir wollte das Risiko vermeiden, dass ihr Finger im Reflex den Abzug durchdrückte, wenn er ihr in den Kopf schoss.
Er spürte keine Lust, sich in eine unnötige Kugel einzufangen.
Amir wusste, dass sein Lächeln die Menschen nicht überzeugte. Die Narben in seinem Gesicht ließ es im Lachen zu einer Fratze auseinanderfahren.
Während er die Frau in ein Gespräch über die Schönheit des Tales zu verwickeln versuchte, um sie dazu zu bringen, den Finger vom Abzug des Gewehres zu nehmen, hörte er metallenes Klicken aus dem Stallanbau des Hauses.
Amir war durch sein Geschäftsmodell mit Waffen vertraut. Er wusste, dass dieses Geräusch beim Durchziehen des Schlittens einer Tokarev T33entstand. An der Grenze zu Jugoslawien war die Pistole zur Zeit der Dikatur eine billige Massenware, die von albanischen Soldaten zu Schleuderpreisen an Schmuggler verkauft wurden.
Amir entschied sich dafür, sich auf sein Glück zu verlassen und den Revolver nicht auf die Frau mit dem Gewehr, sondern auf den Verschlag des Stalles zu richten.
Im selben Moment stürmte der Mann, den er beim Verlassen des Tabakladens erkannt hatte, aus der Tür.
Amir starrte in die Mündung der Tokarev, deren Klicken ihm das Versteck des Mannes verraten hatte. Er sah sich von zwei Seiten unter Feuer genommen. Aber die Pistole in der Mann blieb stumm. Amir erkannte seine Chance. Er drehte sich wie ein Revolverheld zur Seite, um der Frau ein schmales Ziel zu bieten und gab zwei Schüsse in Richtung des Mannes ab, der sich aus der Schusslinie warf.
Dann hechte er sich zu Boden. Er spürte den Luftzug der Schrotladung, die über seinem Kopf ins Leere pfiff.
Die Ladehemmung der Pistole brachte Amir in den Vorteil. Die Frau bot ihm eine leichte Zielscheibe. Bevor sie die zweite Ladung ihrer Doppelflinte abfeuern konnte, jagte er ihr zwei Kugeln in den Unterleib. Gleichzeitig beobachtete er aus den Augenwinkeln wie der der Mann, der aus dem Stall auf ihn losgestürmt war, verzweifelt versuchte, die Ladehemmung der Pistole zu beheben.
Die ersten Kugeln aus seinem Revolver hatten ihr Ziel verfehlt. Amir zielte mit beiden Armen und drückte den Abzug zwei Mal. Die beiden letzten Patronen in der Trommel fanden ihr Ziel. Der Einschlag der Kugeln riss den Mann zu Boden.
Amir spürte, wie die Euphorie als Sieger aus dem Duell hervorgekommen, seinen Körper mit Endorphin überströmte.
Er ging zu der Frau, die vor dem Haus zusammengebrochen war und vor Schmerzen. Sie hielt sich die Hände vor den blutenden Bauch. Amir ließ den Revolver fallen, der ohne Munition wertlos war. Er zog eine Pistole aus der Tasche, die an seiner Schulter baumelte und setzte sie der Frau an die Schläfe, um ihr den Gnadenschuss zu geben. Da ertönte ein Schrei in seinem Rücken. Amir wirbelte mit der Waffe im Anschlag herum und sah einen Jungen auf sich zu stürmen.
Er drückte den Abzug der Pistole zweimal durch. Der Junge stolperte und fiel der Länge nach ins hohe Gras.
Amir atmete durch. Er hatte drei erwischt, zählte er die Liste in seinem Kopf durch. Ein letztes Wild war noch übrig.
Als er über die wimmernde Frau schritt, klammerten sie sich mit ihren blutigen Händen seine Beine. Sie flehte ihn an, das Leben ihrer Söhne zu verschonen. Angewidert befreite sich Amir von ihrer Umklammerung und jagte ihr eine Kugel in den Kopf. Ein letztes Zucken ging durch ihren Körper. Dann lag sie still.
Amir trat durch die Tür in die Stube des Hauses.
Ein leises Schluchzen verriet ihm das Versteck des zweiten Jungen. Er hatte sich unter den schweren Eichentisch geflüchtet, an dem die Familie ihre Mahlzeiten einnahm.
Amir bückte sich zu ihm hinunter und lächelte ihn freundlich an. Der Junge hielt sich die Hände vor das Gesicht.
Amir kannte das Verbot des Kanun, Frauen und Kinder in die Rache einzubinden. Aber er verspürte keine Lust, sein Glück ein weiteres Mal herauszufordern. Wenn er den Jungen am Leben ließ, würde er ihm eines Tages mit einem Gewehr in der Hand vor seiner Tür auflauern.
Amir zielte auf seine Brust und zog den Hahn seiner Pistole zwei Mal durch. Der Körper des Jungen kippte wie eine Puppe nach hinten
Amir verließ das Haus und sah nach dem Mann aus dem Tabakladen. Es gab keinen Zweifel, dass er tot war. Amir mit sich zufrieden. Er hatte seinen schwersten Gegner mit zwei Volltreffer in die Brust außer Gefecht gesetzt.
Obwohl er keine Schramme abbekommen hatte, fühlte Amir einen Wermutstropfen in seinem Sieg. Der Mann konnte ihm keine Antwort mehr auf seine Fragen geben.
Aber er wusste, dass er das Rätsel eines Tages lösen würde. Er musste nur geduldig bleiben. Vor seinen Augen tauchte das Gesicht des Jungen auf, der ihn bei dem Diebstahl des Rucksackes beobachtet hatte. Wenn er ihm über den Weg lief, würde der Raster in seinem Gedächtnis Alarm schlagen, vertraute Amir auf das Glück, das auf seiner Seite stand.
Als er nach dem Jungen blickte, den er auf der Wiese niedergeschossen hatte, erstarrte Amir. Er war verschwunden.
Das Blut im Gras bewies, dass ihn die Kugel erwischt hatte. Aber er war nicht tot.
Amir schrie vor Wut und stampfte mit den Füßen auf den Boden. Der Leichtsinn hatte ihn verleitet, seinem leichtesten Opfer den Vorzug zu geben, anstatt sich zu überzeugen, dass er den Jungen erledigt hatte.
Mit seiner Schussverletzung konnte er nicht weit gekommen sein, versuchte Amir einen klaren Kopf zu behalten.
Er suchte im Gras nach einer verräterischen Blutspur, die der Junge auf seiner Flucht hinter sich herzog.
Schnell musste Amir erkennen, dass er nichts finden würde.
Der Junge war in den Bergen aufgewachsen. Er wusste, dass ein angeschossenes Tier, durch das Blut, das aus ihm tropfte, die Jäger auf seine Fährte brachte und hatte seine Wunde abgebunden, bevor er sich davon machte.
Amir durchkämmte die Gegend in alle Richtungen. Aber nirgendwo entdeckte er ein Zeichen, dem er folgen konnte.
Als die Dämmerung einbrach, brach Amir die Suche ab.
Die Schüsse waren weithin im Tal zu hören gewesen. Die Gefahr bestand, dass die verstreut lebenden Menschen einen Suchtrupp zusammenstellten, um der Sache auf den Grund zu gehen und vor dem Gehöft auftauchten.
Bevor er aufbrach, durchsuchte Amir das Haus. Die Frau besaß nichts von Wert, bis auf eine goldene Halskette um ihren blutverschmierten Nacken. Amir beschloss, sie als Andenken an seinen Triumph zu behalten.
Als er ihr die Kette vom Hals riss, entdeckte er den Anhänger, der daran hing. Es war eine vergoldete Nachbildung eines doppelköpfigen Adlers, der seit den Tagen Skanderbegs die Verbundenheit der Albaner mit ihrem Land symbolisierte.
Amir steckte die blutige Beute in seine Hose. Sie würde ihm als Glücksbringer dienen.
Nachdem er seine Wasserflaschen aufgefüllt hatte, ließ er das Gehöft hinter sich. Schon nach wenigen Schritten verschluckte ihn die Dunkelheit der Nacht.
Arianit musste eine Kuppe überwinden, um das Gehöft wieder in den Blick zu kommen. Als er oben angekommen war, sah er den Bruder seiner Schwester mit der Pistole in der Hand aus dem Stall stürmen.
Im gleichen Augenblick bellten Schüsse auf. Arianit sah, wie seine Mutter zusammenbrach.
Blind vor Wut griff er nach einem Ast und lief den Abhang hinunter auf den Unbekannten zu. Als er bis auf wenige Meter an ihn heran war, drehte sich der Fremde um, und richtete eine Pistole auf ihn. Arianit hörte den Schuss. Er spürte einen Schlag am Kopf und stürzte zu Boden. Benommen blieb er liegen.
Als er wieder zu sich kam, tropfte Blut von seinem Kinn. Er griff sich ins Gesicht. Der Schuss hatte seine Wange gestrichen.
Vorsichtig hob er den Kopf und blickte zu dem Haus. Vor der Tür lag seine Mutter.
Arianit sah, wie der Fremde über sie stieg und mit der Waffe im Anschlag ins Haus ging.
Arianit bebte vor Zorn. Er wollte hochspringen und seinen Bruder schützen. Aber er wusste, dass er direkt in die Schusslinie des Mörders laufen würde.
Die offene Stalltür war seine einzige Chance, in das Haus zu gelangen. Aber er durfte dem Unbekannten keine Spur legen. Er zog sein T-Shirt aus und drückte es gegen die Wunde in seinem Kopf.
Als er hochsprang, zerrissen zwei Schüsse die Stille. Arianit schossen die Tränen ins Gesicht.
Ohne zu überlegen, sprang er hoch und lief zum Stall. Die Klappe, die in den Hohlraum führte, stand offen. Arianit stieg die Leiter hinunter und zog die mit Stroh bedeckte Klappe hinter sich zu.
Auf allen Vieren kroch er in die Höhle des Berges und versteckte sich in der Dunkelheit.
Arianit wusste, dass ihn das Schicksal für die Verachtung strafte, die er dem Mann entgegenbrachte, der Jahre darin ausgeharrt. Nun versteckte er sich selbst wie eine Maus vor der Schlange. Aber er würde Rache nehmen. Für seine Mutter. Für seinen Bruder. Für die Schmach, sich in einer Höhle verkriechen zu müssen.
Er hatte das Gesicht des Mörders gesehen. Seine vernarbte Fratze würde ihm im Gedächtnis bleiben, bis er ihn gefunden und die Eingeweide aus dem Bauch gerissen hatte.
Sein Körper zitterte vor Angst und Wut. Er leckte das Blut, das ihm über das Kinn tropfte und knurrte wie ein Wolf, der die Witterung seiner Beute aufnahm. Nichts konnte den Hunger stillen, der in sich spürte. Er würde ihr, wenn der Tag kam, an dem er sie erwischte, an der Kehle packen und ihr bei lebendigem Leib die Eingeweide aus dem Bauch schneiden.
Nach ihrer Rückkehr in die Staaten wurde Mary vom CIA ausgiebig befragt. Sie berichtete von ihrer Studienreise in den Norden Albaniens. Von der Schönheit der Bergwelt. Von den Menschen, die ihr freundlich begegnet waren.
Mary verschwieg den Vorfall in dem Dorf, in dem ihr der Rucksack gestohlen wurde, da er Fragen aufwarf, die sie nicht beantworten konnte. Die Agenten, die ihr am Tisch gegenübersaßen, hätten kein Verständnis dafür gezeigt, dass sie den Jungen in Schutz nahm. Sie hätten ihr den Vorwurf nicht erspart, die Aufklärung des Diebstahles verhindert zu haben. Der Junge wäre in ihren Augen der einzige gewesen, der als Dieb in Frage kam.
Mary hatte trotz der Zweifel, die blieben, auf ihre innere Stimme gehört, als sie den Jungen von der Schuld freisprach.
Die Befragung zog sich über mehrere Wochen hin.
Das Regime in Albanien stand kurz vor seinem Zusammenbruch. Trotzdem blieb es ein Rätsel, warum einer Amerikanerin die Erlaubnis erteilt wurde, sich in dem hermetisch abgeriegelten Grenzstreifen im Norden frei zu bewegen.
Der CIA legte ihr Fotos der beiden Soldaten vor, die sie auf der Reise begleitet hatte.
Der Soldat, der den JAZ lenkte, hatte der amerikanische Nachrichtdienst als Agenten des Sigurimi identifiziert. Die Rolle des zweiten Soldaten blieb unklar.
Fest stand lediglich, dass beide Männer nach der Rückkehr in die Hauptstadt von der Bildfläche verschwanden.
Mary verschwieg, dass die Soldaten in Streit geraten waren und sie geholfen hatte, den Fahrer des JAZ im Niemandsland am Fuß der Berge zu verscharren.
Sie bleib bei ihrer Behauptung, nach ihrer Reise ohne Begründung vom albanischen Geheimdienst verhört worden zu sein.
Irgendwann hätte man sie gezwungen, ein Protokoll zu unterschreiben und sie im Anschluss an das amerikanischen Konsulat überstellt.
Die Agenten zogen ihre eigenen Schlüsse aus den Aussagen von Mary. Die Vermutung schwebte im Raum, dass der Sigurimi die Studentin verdächtig hatte, für den CIA zu arbeiten.
Dem Schein nach hatte der Geheimdienst ihrem Antrag, eine Studienreise in den Norden zu unternehmen, zugestimmt, um ihr eine Falle zu stellen. Ihr erpresstes Geständnis sollte dazu dienen, die Amerikaner unter Druck zu setzen.
Wahrscheinlich verfolgte der Sigurimi die Absicht, die Studentin am Ende als lästige Zeugin ihres Komplotts zu beseitigen.
Der CIA verschwieg Mary den Umstand, dass ihr Leben einem glücklichen Zufall, der sich nicht erklären ließ, zu verdanken hatte.
Am Ende bedankte sich der Geheimdienst bei der Studentin für die Zusammenarbeit und ließ sie gehen. Die Diplomatie hatte entschieden, den Zwischenfall auf sich beruhen zu lassen und keine weiteren Untersuchungen anzustrengen.
Der Vorfall änderte nichts an der Tatsache, dass die Diktatur in Albanien kurz vor ihrem Ende stand. Amerika zeigte kein Interesse daran, das Verhältnis zu den kommenden Machthabern, mit dem Schicksal einer Studentin zu belasten, die zufällig zwischen die Fronten der Geheimdienste geraten war.
Nach einem Pressetermin mit einem Politiker, der sich in der Zeitung als ihr Retter feiern ließ, endete das Kapitel für Mary.
Der Geist ihrer toten Großmutter hatte sie in das Land ihrer Vorfahren geführt. Er hatte ihr die Schönheit der Berge gezeigt und das Vertrauen der Menschen vor Augen geführt, das in das Wasser setzten, das kristallklar aus ihren Bergen in die Ebenen floss und ins Meer mündete.
Irgendwann würde auch Albanien seine Freiheit zurückgewinnen.
Mary setzte wenige Wochen nach ihrer Reise ihr Studium fort. Nach dem Abschluss arbeitete sie als Kuratorin für eine Kunstagentur, deren Schwerpunkt auf osteuropäischer Kunst lag.
Manchmal spürte sie die Gewicht des Rucksackes, der auf ihren Schultern lag. Nachts quälten sie Alpträume. Sie sah zwei Männer auf dem Boden miteinander ringen. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Sie spürte das kalte Metall der Pistole in ihren Händen, die sie einem Männer an den Kopf setzte. Sie fühlte, wie sie mit ihrem Finger den Abzug drückte.
Der Schuss, der die Stille zerriss und den Schädel des Mannes platzen ließ, riss sie aus dem Traum.
Schweißgebadet lag sie in ihrem Bett und starrte die Decke. Im Licht der Straßenlaternen, die durch das Fenster drang, glaubte sie in den Schatten, die sich auf der Decke abzeichneten die Umrisse der Berge zu erkennen, die sie auf ihrer Reise nach Albanien kennen gelernt hatte.
Irgendwann würde sie zurückkehren, um Antwort auf ihre Fragen zu finden. Der Rucksack auf ihrem Rücken ließ ihr keine Wahl.
Sie hatte keine Hoffnung, dem Jungen wieder zu begegnen, der ihr sein Besa gegeben hatte. Nur er würde sie von der Qual ihrer Alpträume erlösen können. In ihrem Innersten ahnte Mary, dass er nicht weniger litt als sie. Er hatte ihr seine Ehre anvertraut. Vielleicht gab ihre Rückkehr ihm die Gelegenheit, sie zu finden, um sein Versprechen einzulösen und ihr die Reinheit zurückzugeben, die ihr gebührte.
In den folgenden Jahren verfolgte sie weitere Entwicklung in Albanien aus der Zeitung.
Im Jahr nach ihrem Aufenthalt gab die Diktatur ihre Macht ohne Waffengewalt ab. Der Sigurimi wurde aufgelöst. Mit der Schließung seiner Archive legte sich die Dunkelheit über den Schrecken, er über die Menschen gebracht hatte.
Bei den freien Wahlen, die wenige Monate nach dem Umsturz abgehalten wurden, wurde die Nachfolgepartei der Kommunisten die stärkste Kraft.
Das Wasser der Berge hatte sich seinen Weg durch die weiten Ebenen des Landes gebahnt und den Felsen auseinandergerissen, auf dem die Diktatur ihre Macht gebaut hatte. Aber die gesprengten Brocken blieben überall sichtbar im Land zurück, wie die abertausenden nutzlos gewordenen Bunkeranlagen. Mit ihrem dicken Stahlbeton bildeten sie das Symbol, dass das System nur widerwillig bereit war, die Hebel der Macht aus den Händen zu geben.
Der Bürgerkrieg im benachbarten Jugoslawien brachte zusätzliche Belastungen für das Land, die den Wandel erschwerten.
Er brauchte Zeit. Viel Zeit und viel Wasser aus den Bergen, bis er sich vollzog. Der graue Nebel, der Albanien jahrzehntelang verhüllt hatte, lichtete sich nur langsam.
Die Menschen in den Bergen vertrauten ihm. Sie kannten das Wasser als geduldiges Element. Es tat seine Arbeit. Aber wie für den Stahlbeton der Bunker mussten noch viele Jahre verstreichen, bis das System, das sich den Anstrich der Demokratie gab, genügend Rost angesetzt hatte und endgültig verrottete.
Hunderttausende Albaner, die nach dem Untergang der Diktatur dem wirtschaftlichen Elend in ihrer Heimat entflohen und ins Ausland gingen, besaßen diese Geduld nicht. Das Geld, dass aus ihrer Arbeit ins Land zurückfloss, rief Glücksritter auf den Plan.
In einem Land, das Eigentum nicht kannte und in dem der Warenstrom nur zögerlich in Gang kam, zog die Gier des Geldes ein. Viele Albaner unterlagen seiner Versuchung und vertrauten den wie Pilze aus dem Land schießenden Lotteriegesellschaften, die mit aberwitzigen Zinsauszahlungen lockten, ihre Ersparnisse an. Am Ende versandete das Geld in einem gigantischen Pyramidensystem, das nur mit einem ständigen fließenden Kapitalstrom aufrechterhalten werden konnte. Als der Geldfluss ins Stocken geriet, brachen die Anlagegesellschaften zusammen und stürzten das Land ins Chaos. Nur mit ausländischer Unterstützung gelang es der Regierung die bürgerkriegsähnlichen Unruhen unter Kontrolle zu halten.
Das Wasser strömte ungeachtet der Wirren, die das Land ergriffen, ununterbrochen weiter. Es hatte alle fremden Invasoren ins Meer zurückgeworfen. Es hatte den Menschen nach dem Zerfall des kommunistischen Regimes die Freiheit gebracht. Nun floss es, um die Schönheit des Landes zum Leuchten zu bringen.
Bujar saß in einer kleinen Bar am Rand der Stadt. Der Schatten des Sonnenschirmes, mit dem der Betreiber des Lokals die Gäste seines Lokals vor der sommerlichen Hitze schützte, tat ihm gut.
Der Tee, den ihm der Kellner servierte, wollte ihm trotzdem nicht schmecken. Er fühlte sich auf der Zunge wie ein bitteres Gift an. Widerwillig schluckte Bujar das Gebräu hinunter.
Mit den Augen überflog er das Schreiben in seinen Händen und zerknüllte es. Er hatte es am Morgen beim Verlassen der Wohnung im Briefkasten entdeckt und vor seiner Frau verborgen.
Bujar verfluchte sich für den Leichtsinn, sein Geld der Lotterie anvertraut zu haben. Ein Freund hatte ihn überredet und hohe Ausschüttungen gegen geringes Risiko versprochen. Nun hatten sich seine gesamten Ersparnisse ins Luft aufgelöst.
Er trug dieses Schicksal nicht allein. Hunderttausenden Albanern erging es wie ihm.
Sie hatten ihr Geld den Lotteriegesellschaften anvertraut, die das Land in einen Goldrausch versetzt hatte. Nun folgte das kalte Erwachen. Das Geld war in dunkle Kanäle versickert.
Das Wasser, das aus den Bergen in das System gesickert war und es gesprengt hatte, zeigte den Menschen seine Schattenseiten.
Die Lotteriegesellschaft teilte ihm zu ihrem Bedauern mit, dass sie durch nicht beeinflussbare Umstände nicht in der Lage war, ihm das Kapital zurückzuerstatten und Konkurs anmelden müsste. Seine Forderungen blieben aufrecht, tröstete ihn das Schreiben. Aber Bujar war klug genug, um zu erkennen, dass am Ende kein Geld übrigbleiben würde. Er hatte auf das falsche Pferd gesetzt.
Das Geld sollte mit den abwerfenden Zinsen dienen, für die Familie eine größere Wohnung anzuschaffen. Der Altbau, in dem er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern wohnte, glich immer mehr einer maroden Ruine. Das Wasser drang durch das Dach und sickerte über die Wände in die Stockwerke. Im Winter lief die Heizung nicht. Und die Fenster fielen aus den Rahmen. Den Eigentümern fehlte es an Interesse und Geld, um die notwendigen Sanierungsarbeiten in Angriff.
Eigentlich konnte Bujar zufrieden mit dem Leben sein. Er gehörte zu den Glücklichen, die über ein regelmäßiges Einkommen verfügten. Er war über die Jahre zum Kommissar aufgestiegen und musste keine Inform mehr tragen. Der Staat überwies das Gehalt der Polizisten pünktlich, um sich ihre Loyalität zu sichern.
Bujar war als Kommissar der Mordabteilung der Hauptstadt zugeordnet. In den letzten Wochen gab es viel zu tun. Die ungeklärten Todesfälle in Tirana nahmen ein Ausmaß an, das in den meisten eine genaue Untersuchung der Morde unmöglich war.
Es fehlte an allen Ecken und Enden an Ausrüstung und Personal. Die meisten Tötungen wurden als ungelöste Fälle zu den Akten gelegt.
Die Albaner schienen zu einem privaten Rachefeldzug aufgebrochen zu sein. Menschen wurden am helllichten Tag ohne erkennbares Motiv auf der Straße erschossen oder in ihren Wohnungen erstochen und erwürgt.
Die alten Fehden, welche die Diktatur jahrzehntelang unterdrückt hatte, lebten wieder auf. Dazu kamen die offenen Rechnungen aus der Zeit des Systems.
Das Rechtssystem stand immer noch auf tönernen Füßen. Die Justiz folgte wie der Rest des Staates der Spur des Geld. Die Richter und Staatsanwälte waren nicht weniger bestechlich als die meisten Polizisten. Wer genügend Mittel besaß, gelang es meist, sich von einer Strafverfolgung freizukaufen.
Albanien war ein demokratischer Staat geworden mit dem Anspruch, die Menschen vor Willkür zu schützen. Aber die neue Demokratie kam nur jenen zugute, die sie bezahlen konnten. Die überwiegende Mehrheit der Menschen musste sich damit abfinden, dass sich das Regime anderen Mitteln fortsetzte.
Die Technokraten einer Diktatur gaben nicht einfach auf. Sie gehorchten den gewohnten Regeln auch dann noch, wenn die Diktatur nicht mehr existierte. Die neue Freiheit widersprach ihrem System. Nur widerwillig fügten sich der neuen Ordnung, die ihre Macht zu untergraben drohte.
Sie unterdrückten die Menschen nicht mehr mit Androhung von Gewalt und Gefängnis. Die alten Kader hatten nach der Umfärbung zu Demokraten gelernt, das Geld, das sie aus den dunklen Kanälen fischten, für die Durchsetzung ihrer Machtansprüche einzusetzen. Es erschien ihnen ein zweckdienliches Instrument, das auf die Menschen weniger bedrohlich wirkte. Wenn man genauer hinblickte, richtete es nicht weniger Unheil an als Gewehre und Panzer. Das Geld färbte das Land blutig. Und Bujar kam die Aufgabe zu, durch die Blutlachen zu waten. Er verfolgte seine Aufgabe mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn selbst überrascht.
Bujar konnte an dem Blut, das ihn täglich umgab, kein Übel entdecken. Es gab ihm Arbeit und versorgte ihn mit einem regelmäßigen Einkommen.
Die Arbeit als Polizist beschützte ihn vor der blutigen Fehde, die seine Familie seit Generationen verfolgte. Der Schatten des Todes saß immer noch auf seinen Schultern. Aber als Polizist blieb er für seine Feinde unantastbar.
Die Familie, der Mörder seines Vaters und seines Bruder wussten, wem sie die beiden Toten auf ihrem Friedhof verdankten. Die Menschen, die in den Dörfern am Fuß der Berge lebten, bestatteten ihre Verstorbenen nahe bei ihren Wohnhäusern. Sie ließen die die Seelen mitten unter sich weiterleben. Mit einem Blick aus dem Fenster konnten sie sich ihnen nahefühlen.
Die tägliche Begegnung mit den Toten verhinderte, dass die nachfolgenden Generationen die Vergangenheit abstreifen konnten. Die Gräber der Verwandten in ihren Gärten erinnerte die Nachkommen daran, Genugtuung von den Feinden einzufordern, die sie zu Tode gebracht haben.
Bujar wusste, dass ihm seine Feinde an den offenen Gräbern Vergeltung geschworen hatten und entschlossen waren, den blutigen Reigen fortzusetzen.
Aber sie mussten sich in Geduld üben. Die Blutrache an einem Polizisten würde den Staat gegen sie aufhetzen und den Untergang ihrer Familie besiegeln.
Bujar konnte sich nicht Sicherheit wiegen. Die Menschen in den Bergen hatten von dem Wasser gelernt, abzuwarten, bis es der Felsen sprengte, der seine Fluten staute. Irgendwann würden das Wasser tosend über ihn hinwegbrechen.
Es blieb ihm noch Zeit, seine Vorbereitungen zu treffen. Bujar fürchtete nicht vor dem Tod. Er hatte Angst um das Leben seiner beiden Söhne. Sie ahnten nichts von der Bürde, die er ihnen wie einen Rucksack aufbürdete. Sie würden ihn wie er ein Leben lang tragen müssen.
Arianit hatte lange gewartet, um seinen Hunger zu stillen. Den Hunger, der ihn befallen hatte, als er in der Höhle unter dem Gehöft seiner toten Mauer kauerte und um sein Leben fürchtete.
Irgendwann wurde der Schlaf übermächtig und erlöste ihn von seinem Leiden.
Die Dunkelheit, in der er erwachte, war seither sein ständiger Begleiter. Arianit wusste, dass sie nie wieder von seiner Seite weichen würde.
Er hatte die Toten begraben ohne zu weinen, als wollte er sich einen klaren Blick behalten für das Wild, das er als Wolf jagen würde, um den Hunger in ihm an seinen Eingeweiden zu stillen.
Arianit hatte keine Eile, ihm zu folgen. Er wusste, wo er es finden würde. Der Bruder seiner Mutter war ihm in der Stadt begegnen. Er zweifelte nicht, es im Gewirr der Straßen zu finden. Die Fratze, die es als Gesicht trug, würde ihm den Weg weisen.
Arianit trug die Habseligkeiten der Familie zusammen und packte sie auf das Fuhrwerk, vor dem er den Esel gespannt hatte.
Er trieb die Schafe und Ziege zusammen. Der Hund würde sie hinter seinem Wagen durch das Teil treiben, bis er einem Schäfer begegnet, der sie ihm gegen Käse und Würste als Bezahlung abnahm.
Arianit verteilte das Stroh aus dem Stall im Haus und zündete es an. Die Flammen, die das Gehöft verschlangen, würden ihn vor der Versuchung bewahren, zurückzukommen.
Nach drei Tagen erreichte er zu Fuß den Stadtrand. Das Fuhrwerk hatte er zusammen mit dem Esel und den Schafen und Ziegen an einen Bauern verkauft. Den Hund hatte er bei der Herde zurückgelassen. Er würde sich an sein neues Zuhause gewöhnen.
Beim Anblick der Häuserschluchten, die sich vor ihm auftaten, wusste Arianit, dass ihm dieses Glück nicht vergönnt sein würde. Er würde ein Wolf bleiben, den der Hunger die Stadt trieb, um sein Wild zu jagen.
In den ersten Monaten verdingte er sich als Tagelöhner, bis er eine feste Anstellung in einer Baufirma fand, dessen Besitzer ihm einen festen Schlafplatz bot.
In seiner kargen Freizeit spürte er dem Wild hinterher, dem er seinen Hunger verdankte. Er musste nicht lange suchen.
Es saß von Leibwächtern umringt in einem Café.
Arianit fletschte seine Zähne, als er es an den Narben in seinem Gesicht erkannte. Aber er hielt seinen Hunger in Zaum. Er war noch nicht groß genug. Arianit beschränkte sich darauf, es zu beobachten. Das Wild sollte sich in Sicherheit wiegen, bis sein Hunger bereit war, es in Stücke zu reißen.
Amir zeigte kein besonderes Interesse, als ihn die Haushälterin über die Ankunft eines Servicetechnikers für die Klimaanlage informierte. In dem Haus ging ständig etwas kaputt.
Er hatte viel Geld in den Neubau gesteckt und rasch gemerkt, dass der Architekt bei der Auswahl der Unternehmen, die er beauftragte, jene bevorzugt hatte, die gewillt gewesen waren, ihm einen Teil der Auftragssumme als Provision in die eigene Tasche zu spülen.
In seinen besten Zeiten hätte er nicht gezögert, ihn an seinem Schmiergeld ersticken zu lassen.
Aber Amir hatte die schmutzigen Geschäfte hinter sich gelassen. Für seine Geschäfte mit der Regierung brauchte er saubere Hände. Die Verträge warfen weniger Gewinn ab als der Waffenhandel in den dunklen Hinterzimmern.
Aber Amir hatte die Zeichen der Zeit verstanden. Der Zusammenbruch der Lotteriegesellschaften führte ihm vor Augen, dass die Gier ein schlechter Ratgeber war.
Das Baugewerbe bot ihm bessere Möglichkeiten. Er war von Shkodra nach Tirana übersiedelt und hatte begonnen, marode Häuser in besten Lagen aufzukaufen, um mit ihrer Sanierung sein schmutziges Geld aus den Waffengeschäften weiß zu waschen.
Die Stadt zeigte sich glücklich über jedes Haus mit einer frisch gestrichenen Fassade. Und die Steuerbehörde war allzu leicht bereit, eine gefälschte Abrechnung zu akzeptieren. Sie war schon zufrieden, wenn er eine Rechnung vorweisen konnte.
Die Immobilien waren eine Investition in die Zukunft. Aber sie zwangen ihn auch, sesshaft zu werden. Im Falle einer Flucht konnte er sie nicht einfach aus dem Safe holen und mitnehmen.
Amir hatte seine alten Kontakte in Shkodra hinter sich gelassen. Er wollte nicht wie die Paten in Italien in einem dunklen Kellerversteck enden. Seine Augen waren auf einen Platz in der Sonne gerichtet. Tirana war der beste Ort dafür.
Wenn die Stadt eines Tages beginnen würde, aufzublühen, stand er bereit.
Das Sturm, der in den Zeiten des Umbruches in den Gängen der Bürokratie wütete, machte es ihm leicht, seine gefälschte Identität, die er nach der Begegnung mit dem Agenten des Sigurimi angenommen hatte, mit echten Papieren und Stempeln zu legalisieren. Ein Arzt hatte ihn von den Wülsten befreit, die die Kugel aus seiner Pistole in seinem Gesicht zurückgelassen hatte und ihm wieder die Mimik eines normalen Menschen gegeben. Die Narben, die zurückblieben, versteckte er unter dem Bart, den er sich wachsen lassen hatte.
In Albanien waren die Regale der Supermärkte leer. Aber Geburtsurkunden, Führerscheine und neue Reisepässe gab es im Überfluss im Angebot. Amir hatte sein Geld gut investiert.
Niemand würde ihm mehr Fragen zu seiner Vergangenheit stellen. Das Wasser der Berge kannte nur eine Richtung. Es floss in Richtung der Küste, wo das Meer an die Strände flutete und darauf wartete, es in sich aufzunehmen.
Amir saß in seinem Wohnzimmer und hatte die Füße auf dem Tisch, als der Techniker ungefragt hereinkam und um eine Unterschrift bat.
Amir bat ihn mürrisch zu sich. Er war nicht gewillt, für einen Handwerker aufzustehen.
Anstelle einer Rechnung legte ihm der Techniker ein Foto auf den Glastisch. Es zeigte eine junge Frau mit ihren zwei Söhnen.
Entgeistert starrte Amir auf das Bild. Als er zu dem Techniker hochblickte, sah er das Messer in seiner Hand. Er wollte aufspringen. Aber ein heftiger Schlag auf seinen Kopf zog ihm die Beine unter dem Boden weg. Er fiel nach vorne auf die Tischplatte, die unter seinem Gewicht in Scherben brach.
Als er sich benommen aufrichtete, spürte er etwas in sich eindringen und durch seinen Bauch pflügen. Er versuchte, den Angriff mit den Händen abzuwehren. Aber der Schmerz in seinen Eingeweiden lähmte ihn. Er kippte zu Boden und fühlte, wie ein Gewicht seine Beine niederdrückte.
Für einen Augenblick sah er das Gesicht des Angreifers. Aber er konnte es nicht zuordnen. Der Raster in seinem Gedächtnis funktionierte nicht mehr. Er gaukelte ihm das blutige Maul eines Tieres vor, das sich in wilder Raserei durch seinen Bauch wühlte.
Amir spürte ein Würgen im Hals, das ihn zu ersticken drohte. Als er den Mund öffnete, erbrach sich ein Blutschwall aus ihm. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.
Ein lauter Schrei brachte ihn wieder zu Bewusstsein. Er öffnete die Augen und sah in das entsetzte Gesicht seiner Haushälterin. Er folgte ihrem Blick und starrte fassungslos auf seine aufgerissene Bauchdecke, aus der die Gedärme hervorquollen.
Bujar zog den piepsenden Pager aus der Innentasche seiner Jacke und warf einen Blick auf die eingegangene Nachricht. Er bezahlte den Tee und ging zu seinem Wagen, Über Funk meldete er seine Einsatzbereitschaft bei der Zentrale.
Eine rauschende Stimme aus dem Funkgerätes gab ihm eine Adresse bekannt, von der ein Notruf eingegangen war.
Bujar kannte das Neubauviertel, in dem die Villen der neuen Elite des Landes wie Pilze aus dem Boden schossen. Es befand sich wenige Autominuten von ihm entfernt.
Das Geld, das die Albaner an die Lotteriegesellschaften verloren, war in den dunklen Kanälen nicht versickert. Das Wasser spülte es wieder an die Oberfläche, wo es in den weißen Taschen gewiefter Geschäftsmänner landete, die in den Villen ihren Reichtum offen zur Schau stellten.
Bujar fuhr immer noch den alten Mercedes, der ihm geholfen hatte, auf einer Landstraße in Shkodra seiner Bestimmung gerecht zu werden. Nur das Gewehr lag nicht mehr im Kofferraum des Wagens.
Die maroden Straßen in Tirana waren berüchtigte Achsenbrecher, die selbst moderner Fahrzeugtechnik zusetzten. Diesem Ruf verteidigte das von tiefen Furchen und Schlaglöchern durchsetzte Verkehrsnetz auch nach dem Machtwechsel. Die Fabrikate der Japaner, Franzosen und Italiener führten einen aussichtslosen Kampf dagegen, dass die Mehrheit der Albaner an den betagten Mercedeskarossen festhielten.
Eine Haushälterin hatte Alarm geschlagen. Sie hatte den Besitzer der Villa niedergestochen im Wohnzimmer vorgefunden.
Bujar verzichtete darauf, die Alarmsirene einschalten. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, sich unauffällig einem Tatort zu nähern.
Das schmiedeeiserne Zufahrtstor öffnete sich automatisch, als Bujar in die Hauseinfahrt einbog. Der Neubau, der den Reichtum seines Eigentümers protzig zur Schau stellte, erhob sich am Ende eines weitläufigen Gartens, der an eine Parkanlage erinnerte.
Bujar bis zu der Stiege, die zum Eingang des Hauses führte stieg aus dem Wagen. Die Haushälterin erwartete ihn aufgeregt an der Tür. Durch den kurzen Anfahrtsweg war Bujar vor den Rettungskräften am Tatort.
Die Haushälterin führte ihn durch einen prunkvollen Flur in ein lichtdurchflutetes Wohnzimmer, in dem der Hausherr seine Gäste empfing. Das spärliche Mobiliar war von ausgesuchter Qualität. Das Zentrum bildete eine in hellem Leder tapezierte Wohnlandschaft, die in U-Form verlief.
Bujar bemerkte sofort den Geruch in seiner Nase, der den Raum dominierte. Es war eine Mischung aus Fäkalien und Blut.
Der Mann saß mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden zwischen den Scherben eines zertrümmerten Glastisches und lehnte sich mit dem Rücken an die Couch. Der weiße Teppich unter ihm hatte sich blutrot gefärbt.
Er war noch am Leben, als Bujar auf ihn zutrat. Der Mann stöhnte und presste die Hände gegen seinen Bauch, als versuchte er etwas in sich hineindrücken.
Als Bujar sich zu ihm herunterbeugte, erkannte er den Grund dafür. Zwischen den blutigen Fetzen des Hemdes, das der Mann trug, ragten seine Gedärme heraus.
Bujar erkannte auf den ersten Blick, das ihm die Kunst der Ärzte nicht mehr helfen konnte. Der Mörder verstand es, mit dem Messer umzugehen. Er hatte seinem Opfer die Gedärme ausgeweidet, ohne ihn sofort zu töten.
So jagen nur hungrige Wölfe, dachte Bujar. Sie fressen sich an den weichen Eingeweiden ihrer Beute den Schmerz ihres Hungers weg, bevor sie sich über das Fleisch hermachen.
Als Bujar ihn ansprach, hob der Mann den Blick. Bujar bemerkte das Staunen in seinen Augen, als wäre er überrascht ihn zu sehen.
Der Sterbende presste seine Lippen auseinander und lächelte ihn an, als wären sie alte Bekannte.
„Hast du ihn geschickt, um mich zu töten, Bujar?“, sagte er.
Bujar zuckte zusammen. Der Mann sprach ihn mit seinem Namen an. In der schwachen Stimme erkannte er den Tonfall der Menschen aus den Bergen, in denen er seine Kindheit verbracht hatte.
Bujar betrachtete den Mann. Sein Gesichtszüge verbargen sich unter einem Bart, der sich langsam grau färbte. In Bujars Kopf trat eine verschwommene Gestalt aus dem Schatten und verschmolz mit dem Mann, der auf dem Boden vor ihm ausblutete. Das Bild wirkte fremd auf ihn.
Bujar dachte an seine Flucht aus dem Dorf in den Bergen. Er hatte die Erinnerung daran verdrängt, obwohl es ihn in das Leben gezwungen hatte, das er heute führte. Langsam dämmerte ihm die Wahrheit. Das Schicksal hatte ihn zu dem Mann geführt, dem er die Bürde verdankte, die er jeden Tag schulterte. Er hatte ihn mit dem Diebstahl des Rucksackes die Ehre gestohlen, indem er zuließ, dass man ihn beschuldigte.
Der Wolf hatte das Revier gewechselt. Sein Wild war in die Hauptstadt gewechselt. Mit Staunen betrachtete Arianit den Neubau am Stadtrand von Tirana, der ihm als neuer Wohnsitz diente.
Es strahlte Geld aus. Geld, an dem sich das Wild für den Wolf mästete. Arianit genoss die Veränderungen an dem Wild. Über die Jahre hatte es den Schrecken in seinem Gesicht verloren.
Es war ruhiger geworden seit dem Tag, an dem er ihm das erste Mal vor dem Gehöft seiner Mutter begegnet war. Arianit spürte die Veränderungen auch an sich. Er litt nicht mehr an dem Hunger, der ihn antrieb. Er hatte gelernt, ihn zu genießen.
Ahnungslos bereitete sich das Wild auf ein gutes Leben vor und ahnte nicht, dass es als Fressen für einen Wolf enden würde.
Als er sein Spiegelbild in einem Schaufenster der Stadt erkannte, wusste Arianit, dass die Zeit gekommen war, das Wild zu schlachten.
Die harte Arbeit auf den Baustellen hatten aus dem schmächtigen Jungen einen Jäger geformt, der bereit war, seine Beute zu stellen.
In den Wochen vor der Jagd rasierte er sich in der Tradition albanischer Krieger zu Zeiten der Kämpfe gegen die Türken das Haar bis zu den Scheiteln hoch, dass es am Schädel einen schmalen Kranz bildete. Der wuchtige Vollbart, den er im Gesicht trug, verstärkte die martialische Wirkung, mit der er dem Wild entgegen treten wollte.
Bevor er dem Wolf in sich die Beute zum Fraß freigab, reiste er in die Berge. Er kehrte zurück an dem Ort, an dem seine Jagd ihren Anfang nahm.
An das Gehöft seiner Mutter erinnerte nur noch eine steinerne Ruine, die der Felsen, an dem es gebaut war, langsam verschlang.
Arianit kniete nieder und zog sein Messer aus dem Schaft an seinem Gürtel. Mit einem wuchtigen Schlag rammte er die Klinge in das grasbewachsene Gras, unter dem seine Mutter und sein Bruder in ihren Gräbern lag. Die Erde auf ihr sollte der Gruß der Toten an das Wild sein.
Eine Woche später fuhr Arianit frühmorgens mit einem Lieferwagen in die Einfahrt vor dem Haus, in dem das Wild sein Lager aufgeschlagen hatte. Er drückte die Klingel neben dem Tor und gab vor, einen Defekt an der Klimaanlage beheben zu wollen.
Die Frau, die ihm das Tor öffnete, ahnte nicht, dass sie einen Wolf ins Haus ließ.
Arianit nahm seinen Werkzeugkasten aus dem Wagen und ging die Treppe hoch, die zum Eingang des Hauses führte.
Er lächelte die Frau, die ihm die Tür öffnete, freundlich an und betrat den Flur.
Arianit kannte das Haus. Er hatte die Baustelle über Monate beobachtet und nach der Fertigstellung eine Skizze der Räume angefertigt.
Nachdem ihm die Frau in den Technikraum geführt hatte, stellte er den Werkzeugkasten ab und machte sich zielstrebig auf den Weg. Er öffnete die Tür zum Wohnzimmer.
Das ahnungslose Wild blickte ihn erstaunt an. Arianit bat um eine Unterschrift. Unter dem weißen Blatt, das er in der Hand hielt, verbarg sich ein Foto, das ihn mit seinem Bruder in den Armen ihrer Mutter zeigte.
Arianit trat an das Wild heran und legte das Bild auf dem Tisch. Als das Wild darauf starrte, versetzte ihm Arianit mit der Faust einen wuchtigen Schlag auf den Kopf.
Dann ließ er den Wolf in sich frei. Es war ein blutiges Fressen für das ausgehungerte Tier. Gierig sprang es seine Beute an und wühlte mit dem Messer in seinem Bauch.
Verzweifelt setzte sich das überraschte Wild zur Wehr. Aber die Zähne des Wolfes bissen sich unbarmherzig durch seine Eingeweide.
Nachdem er seinen Hunger gestillt hatte, ließ er von dem stöhnenden Wild ab. Arianit erhob sich und blickte seine ausgeweidete Beute an. Der Wolf in ihm hatte seinen Hunger gestillt. Aber die Dunkelheit blieb. Es war die gleiche Dunkelheit, die seine Mutter und seinen Bruder in ihren Gräbern gefangen hielt.
Er kehrte dem sich im Todeskampf windenden Wild den Rücken und ging langsam aus der Tür, ohne ihm die Kehle durchzubeißen. Arianit wusste, dass er mit dem Blut, das von der Klinge des Messers in seiner Hand tropfte, den Jägern, die sich auf seine Fährte setzen würden, eine blutige Spur legte. Es war ihm gleichgültig. Dieses Mal würde er sich nicht wie eine Maus in einer Höhle verkriechen.
Menschen verändern sich, dachte Bujar. Er hatte Amir nicht wieder erkannt. Er war der Dieb, der ihm seine Ehre schuldete. Ihm verdankte er den Rucksack, dessen Gewicht seit seiner Flucht aus den Bergen auf seinen Schultern lastete. Aber er wäre auf der Straße an ihn an vorübergegangen, ohne ihn zu erkennen.
Sein Mörder musste ihn noch mehr gehasst haben als er. Er hatte ihn bei lebendigem Leib zerfleischt, ohne ihm den Tod zu gönnen.
Der Polizist in Bujar fragte sich, welches Motiv einen Menschen zu einer solchen Tat trieb. War es am Ende noch ein Mensch, wenn er sah, was seine Wut angerichtet hatte.
Diese Frage richtete sich auch an ihn selbst. War er ein anderer geworden, nachdem er die beiden Männer auf offener Straße erschossen hatte. Er hatte ihnen nicht den Funken einer Chance gegeben, als er sein Gewehr auf sie richtete.
Bujar schüttelte den Gedanken ab. Die Männer waren mit ihren Gewehren aus dem Schatten der Bäume getreten, als er mit seinem Vater und seiner Bruder durch den Wald streifte. Er hatte ihnen Gleiches mit Gleichem vergolten, wie es der Kanun vorschrieb.
Er hatte den Männer im Tod ihre Würde gelassen und nicht mit einem Messer wie ein Stück Wild zerfleischt. Er war kein Mörder wie die Bestie, die den Mann, der auf dem Boden mit den Händen verzweifelt versuchte, seine hervorquellenden Eingeweide in den Bauch zurückzustopfen, angefallen hatte.
Bujar unternahm nichts, um den Sterbenden zu helfen. Der Trost, den er für ihn hatte, war es, sich in seinen letzten Sekunden nicht allein auf der Welt zu fühlen.
Für einen Moment fühlte Bujar einen Zweifel in sich, ob es die Ehre wert war, einen Menschen zu töten. Vielleicht lag der Kanun falsch, wenn er sagte, dass das Blut des Feindes die Toten rächt. Vielleicht war es genau umgekehrt. Vielleicht wandten sich die Toten mit Grauen ab von dem Blut, das in ihrem Namen fließt.
Bujar suchte den Tatort mit dem Blick eines Polizisten ab. Die Tatwaffe hatte der Mörder mitgenommen. Unter den Scherben des Glastisches bemerkte er etwas, das seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war ein zerknitterter Fotoabzug. Bujar griff nach dem Bild. Es war blutverschmiert. Die Aufnahme zeigte eine junge Mutter und ihre beiden Söhne. Im Hintergrund war ein gemauertes Gehöft zu erkennen, das sich an einen Felsen schmiegte.
Stand der Mörder des Mannes hinter der Kamera?, fragte sich Bujar. Oder war er selbst auf dem Bild zu sehen?
Die Antwort auf diese Frage zu finden, war seine Aufgabe. Bujar folgte der blutigen Spur, die der Mörder bei seiner Flucht hinterlassen hatte. Sie führte in das Innere des Hauses. Vor einer Treppe blieb Bujar stehen. Er zog seine Pistole aus dem Holster, den er an der Schulter trug und entsicherte sie.
Die Blutspur führte die Stufen hoch. Mit der Waffe im Anschlag stieg in das obere Stockwerk.
Vor einer Tür am Ende des Flurs verharrte er und lauschte nach einem verdächtigen Geräusch. Bujar riss die Tür auf und sprang mit dem Finger am Abzug der Pistole in den Raum.
Der Mann, der mit dem Rücken zu ihm gedreht, im Badezimmer stand, war keine blutrünstige Bestie. Bujar sah sein Gesicht im Spiegel. Der Bart, der ihm über das Kinn wucherte, täuschte ein falsches Alter vor. Der Mann war beinahe noch ein Junge. Er stützte sich mit seinen blutigen Händen am Waschbecken ab und weinte. Neben ihm lag das Messer, dessen blutverschmierte Klinge sich durch die Eingeweide seines Opfer gewühlt hatte.
Als Bujar in der offenen Tür auftauchte, unternahm der Mann keinen Versuch, danach zu greifen und Bujar zu bedrohen. Er drehte sich um und streckte ihm die Arme entgegen.
„Das Töten ändert nichts.“, stammelte er wirr. „Die Dunkelheit bleibt.“
Bujar wich einen Schritt zurück und wies ihn an, sich nicht von der Stelle zu rühren. Mit der linken Hand zog er die Handschellen von seinem Gürtel ab und streckte sie dem Mann entgegen. Der Mann legte sie um seine Handgelenke und drückte die Verschlüsse zu.
Bujar steckte erleichtert seine Pistole in den Holster zurück. Diesen Fall würde er nicht ungelöst zu den Akten legen.
Warum?, fragte Bujar.
Arianit schwieg. Bujar zog das Bild, das er neben dem Opfer gefunden hatte, aus der Tasche und zeigte es ihm.
Arianit starrte auf das Bild.
„Er sollte ihnen in die Augen sehen, bevor er stirbt.“, sagte Arianit.
Bujar verstand nicht.
Arianit wandte den Blick von dem Bild und sah Bujar in die Augen.
„Er hat sie getötet. Zuerst meine Mutter. Dann meinen kleinen Bruder, der sich unter dem Küchentisch versteckte. Er hat ihm einfach in die Brust geschossen. Ich wollte, dass er weiß, warum er sterben muss.“
Bujar erstarrte. Der Kreis schloss sich.
Albanien war ein Land, in dem der Tod mit dem Tod gesühnt wurde. Es würde nie zur Ruhe finden.
Er hatte zwei Männer erschossen, die seinen Vater und seinen Bruder getötet hatten. Der Junge vor ihm hatte seine tote Mutter und seinen toten Bruder an einem Mann gerächt, der ihm seine Ehre gestohlen hatte. Er hatte ihm dafür blutige Rache geschworen. Das Messer des Jungen hatte auch für ihn Vergeltung geübt.
Bujar hörte die heulenden Alarmsirenen der Einsatzfahrzeuge, die durch die Einfahrt rasten und mit quietschenden Bremsen vor dem Haus hielten. Wagentüren wurden aufgerissen und zugeschlagen. Schritte hallten über dem Boden. Der Lärm aufgeregter Stimmen erfüllte das Haus.
Bujar traf eine Entscheidung. Er zog einen Schlüssel aus der Tasche und nahm dem Jungen die Handschellen ab. Dann drehte er den Wasserhahn im Waschbecken auf, um das Blut von der Klinge zu waschen. Der Junge drückte seine Hand zur Seite und schüttelte den Kopf. Bujar verstand. Der Junge stammte wie er aus den Bergen. Er brauchte das Blut daran, um es seiner Mutter zu bringen. Es war der Beweis, dass er seine Bestimmung erfüllt hatte. Die Familie und die Ehre standen höher als alle anderen Dinge. Der Junge hatte den Mann getötet, der seine Mutter und seinen Bruder ermordet hatte. Die Menschen der Berge folgten dem Kanun. Seine Regeln verlangten, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, um die Ehre der Familie wieder herzustellen.
Bujar wusste, dass den Menschen, die in den Bergen lebten, dem Ehrenkodex verpflichtet waren. Es blieb ihnen keine andere Wahl, als zu töten oder getötet zu werden. Sie trugen diese Last ein Leben lang, wie einen Rucksack auf ihren Schultern. Männer, die ihre Ehre verteidigten, spürten sein Gewicht nicht. Für sie wog er leicht wie eine Feder.
Der Junge nahm das Messer aus der Hand von Bujar und steckte es in den Schaft zurück, den er an seinem Hosengürtel trug.
Zielstrebig ging er durch den Flur, der zu der Rückseite des Hauses führte. Er schien mit den Gegebenheiten des Hauses vertraut zu sein. Der Junge öffnete ein Fenster am Ende des Ganges und schwang sich hinaus.
Bujar beobachtete ihn, wie er über eine Feuerleiter nach unten stieg. Ohne Hast durchquerte er den weitläufigen Garten. An seinem Ende kletterte über die Mauer, die das Grundstück einfriedete.
Bujar hoffte, ihm nicht mehr zu begegnen, bis der Akt mit den anderen ungelösten Akten in den Archiven verschwunden war.
Langsam stieg er über die Treppe ins Erdgeschoss. Ein uniformierter Polizist kam ihm mit gezogener Waffe entgegen. Bujar wies sich mit seinem Ausweis aus und erklärte ihm, dass der Mörder entkommen war.
Zwanzig Jahre später riss ein dumpfes Grollen Arianit aus dem Schlaf. Er steckte den Kopf aus dem Zelt, das er auf einem kleinen Plateau errichtet hatte, um einen freien Blick in den Himmel zu haben. Ein heftiger Wolkenbruch ergoss sich auf das Zeltdach.
Der Regen prasselte Arianit ins Gesicht. Das Grollen ebbte nicht ab. Er kroch ins Zelt zurück.
Seit Tagen regnete es mehr Wasser aus den Wolken, als der Boden aufnehmen konnte. Das schlechte Wetter zermürbte ihn langsam. Es war nicht gut für das Geschäft.
Die Dinge hatten sich geändert. Albanien war ein demokratischer Staat geworden, der mit seinen verführerischen Meeresstränden und den malerischen Bergwelten Menschen aus aller Welt anlockte. Ausländer wurden nicht mehr als Spione verdächtig. Die Touristen brachten Geld ins Land, das dringend gebraucht wurde, um die maroden Städte und Straßen zu sanieren.
Arianit war in den Bergen groß geworden. Nach seiner Flucht aus Tirana streifte der durch die dünn besiedelten Täler, um den Wolf in sich zu zähmen.
Die beginnende Tourismus sicherte ihm ein Einkommen als Bergführer. Die albanischen Alpen wurden seine Arbeit.
In den Sommermonaten herrschte Hochbetrieb für ihn. Im Wochenabstand brachte Arianit den Fremden, die er durch die Berge führte, das Staunen bei.
Die achtköpfige Touristengruppe aus Amerika, mit denen er unterwegs war, schlief in einem Gästehaus, das sich unterhalb der Anhöhe an einen Felsen schmiegte, auf dem er sein Zelt aufgebaut hatte. Arianit zog er es vor, die Sommernächte unter freiem Himmel zu verbringen.
Manchmal gesellte er sich zu den Hirten, die auf der Suche nach Weideplätze ihre Schafherden über die Hügel trieben.
Nicht selten fiel für ihn ein Stück gebratenes Schaf- oder Ziegenfleisch ab.
Die Arbeit in den Bergen half ihm, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Der Tote, den er in Tirana zurückgelassen hatte, war längst in seinem Grab verrottet. Die Polizei zeigte nach seiner Flucht kein Interesse, sich weiter um die Umstände seines Todes zu kümmern. Seine Akte verstaubte in den Archiven der Polizei.
Er reihte sich zu den zahllosen ungeklärten Todesfällen in den Jahren nach dem Umsturz. Es war zu viele gewesen, um die Fährte ihrer Mörder zu verfolgen. Albanien ließ mit ihnen auch seine Vergangenheit zurück. Es bereitete sich auf die Zukunft vor. Sie sollte den Lebenden gehören. Die Toten spielten keine Rolle mehr.
Ein letztes Mal war Arianit zu dem Grab seiner Mutter und seines Bruders zurückgekehrt. Mit bloßen Händen grub er eine schmale Mulde in dünne Grasnarbe, die ihr Grab bedeckte und legte das blutige Messer hinein. Er war bereit gewesen, sein eigenes Leben zu opfern, um ihren Tod zu rächen. Der Polizist, der ihn rettete, ließ ihn mit der blutigen Trophäe ziehen. Er wusste um ihre Bedeutung. Sie war ein Geschenk, um die Mutter in ihrem Grab mit dem Blut ihres Mörders zu trösten.
Sein Tod hatte den Hunger des Wolfes in Arianit gestillt. Aber die Unruhe konnte er nicht mehr abschütteln. Wenn es keine Touristen gab, streifte er ziellos durch die Täler. Die Berge, zwischen denen unsichtbar die Landesgrenzen von Albanien, Kosovo und Montenegro zusammenliefen, war sein Revier geworden.
Das zu einem Kranz geschnittene Haar und der Vollbart im Gesicht verlieh ihm ein kriegerisches Aussehen. Aber der Kreuzzug, auf dem Arianit unterwegs war, hinterließ keine Toten mehr, sondern nur Blasen an den Füßen der geplagten Touristen, die ihm folgten.
Das dumpfe Grollen des Berges versetzte nicht nur Arianit in Unruhe. Die Schafe, die vor dem Regen unter einer Baumgruppe Schutz gesucht hatten, blökten aufgeregt. Die beiden Schafhirten, mit denen er das Nachtlager teilten, mühten sich ab, die verstreuten Tiere zusammenzutreiben.
Die Amerikaner, die friedlich in ihren Betten schliefen, ließen sich von dem schlechten Wetter die Laune nicht verderben. Beharrlich hatten sie darauf bestanden, die Tour fortzusetzen. Sie wollten die weite Anfahrt nicht umsonst gemacht haben.
Arianit war an Regen gewöhnt. Aber das Grollen des Berges bot ihm eine neue Erfahrung. Die Berge blieben unberechenbar. Sie wogen ihre Bewohner über Generationen in Sicherheit, bis ihnen der Instinkt verloren ging, die Gefahr zu erkennen.
Er blickte zu dem Felsen, wo er in der Dunkelheit den Schatten des Gästehauses sah, das die Amerikaner beherbergte. In einigen Fenstern brannte noch Licht.
Die Unruhe der Schafe verstärkte sich. Arianit zog sich die Regenjacke über die Schultern und stapfte durch den Regen, um den Hirten zu helfen. Ihre Hunde schienen sich der Rebellion der Schafe angeschlossen haben. Mit eingezogenem Schweif folgten sie ihnen in den Wald. Ein innerer Instinkt trieb die Tiere an, Schutz zu suchen.
Minuten später verstummte das Grollen und wurde von einer gespenstischen Stille abgelöst.
Ihr folgte ein ohrenbetäubender Lärm eines gewaltigen Steinschlages, der sich mit dem Krachen und Bersten umstürzender Bäume mischte.
Der Berg war in Bewegung geraten.
Arianit griff nach seinem Mobiltelefon, um die Menschen im Gästehaus zu warnen. Aber das Netz war tot.
Vergeblich versuchte er, in der Dunkelheit die Stelle des Abbruches am Berg zu erkennen. Sekunden später begann der Boden unter seinen Füßen zu wanken. Arianit verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden.
Als er sich wieder auf die Beine gerappelt hatte, nahm er die schwarze Masse wahr, die sich mit ungeheurer Wucht den Berg herunterschob.
Sie stürzte alles ins Verderben, das sich ihr in den Weg stellte.
Arianit musste mitansehen, wie sich die Lawine aus Schlamm und Geröll auf das Haus zubewegte.
In den Fenstern gingen die Lichter an. Der Lärm hatte die Menschen aus dem Schlaf gerissen. Sie blickten in die Dunkelheit ohne zu ahnen, dass die Natur ihren Untergang beschlossen hatte.
Die schwarze Masse schwappte über das Haus. Die Lichter in den Fenster verschwanden.
Arianit setzte sich auf den Boden. Tränen standen ihm in den Augen. Er konnte nichts tun, als auf die Morgendämmerung zu warten.
Bei Tagesanbruch ebbte der Regen ab. An seiner Stelle hüllte eine dichte Nebelwolke den Berg ein.
Arianit blickte auf das Tal hinunter. Die Schlamm- und Steinlawine hatte es in eine bizarre Mondlandschaft verwandelt.
Mühsam kämpften sich Arianit und die Hirten den Hügel hinunter, der sie vor dem Steinschlag gerettet hatte. Der Boden unter ihnen war immer noch in Bewegung.
Das Geröll hatte das Tal meterhoch unter sich begraben. Der Nebel machte die Orientierung schwer.
Nach einer Stunde erreichten sie die Stelle erreichten, an der das Haus stand. Das Erdgeschoss lag samt seinen Bewohnern zur Gänze unter dem Geröll verschüttet. Das Dachgeschoss war zur Hälfte weggerissen.
Ein lebloser Körper ragte zwischen dem Geröll heraus. Der Schlamm, der ihn überzog, verlieh ihm das Aussehen einer bizarren Tonfigur. Arianit erkannte, dass jede Hilfe zu spät kam und ging weiter.
Er zog einen Zettel aus einer Brusttasche. Auf ihm hatte er Teilnehmer der Tour eingetragen. Er las die Namen der acht Amerikaner.
Es versuchte, sich an ihre Gesichter zu erinnern. Aber es gelang ihm. Die Erinnerung daran schien mit den Menschen unter der Schlammlawine verschwunden zu sein. Arianit faltete die Liste zusammen und steckte sie in die Tasche zurück. Sie hatte eine andere Bedeutung bekommen. Es war eine Todesliste geworden.
Unter dem Gästehaus befand sich eine Ansiedlung, die von ihren Eigentümern als Sommersitz genutzt wurde. Die Hütten waren samt ihrer Bewohner und der Schlammlawine verschwunden.
Der Tod konnte zufrieden sein, dachte Arianit. Der Berg hatte gute Arbeit für ihn geleistet. Es würde Wochen dauern, um die Zahl der Toten festzustellen.
Ein leises Stöhnen riss ihn aus seinen Gedanken. Es kam aus dem Teil im Dachgeschoss des Hauses, der durch die Felswand geschützt, nicht von den Geröllmassen wegerissen war.
Hastig kletterte Arianit die Mauerreste hoch. Die Frau lag unter einem zersplitterten Dachbalken. Sie hob den Kopf und blickte Arianit mit leeren Augen an. Er erkannte die Amerikanerin an dem blauen Overall, den sie trug.
Mit ihrer Egozentrik und dem blauen Schlapphaut auf dem Kopf, mit dem sie sich vor Regen und Sonne schützte, war sie als seltsame Erscheinung aus der Gruppe hervorgetreten. Meist lief sie über das felsige Gelände voraus, als würde sie den Weg kennen.
Wenn sie auf Einheimische traf, blieb sie stehen, um sich mit ihnen zu unterhalten. Es kam Arianit seltsam vor.
Die Menschen, die in den Bergen lebten, sprachen kein Englisch. Mit ihm unterhielt sich die Amerikanerin nur in ihrer Landessprache.
In den Gästehäusern bestand sie auf ein Einzelzimmer. Ihre Beharrlichkeit ließ keine andere Möglichkeit zu, als die Betreiber zu überreden, ihr das eigene Schlafzimmer zu überlassen. Der Preis, den dieses Entgegenkommen kostete, spielte für die Amerikanerin keine Rolle.
Ihr Stursinn und die Dollarnoten hatten ihr in dieser Nacht das Leben gerettet.
Die Amerikanerin musste die Bedrohung geahnt und ihre Flucht vorbereitet haben, als der Berg das Haus überrollte.
Sie hatte ihre Schuhe an den Füßen. Der gepackte Rucksack lag neben ihr. In einer Seitentasche fand Arianit ihren Reisepass. Er las ihren Namen. Mary Sullivan, Pennsylvania.
Sie war als letzter auf seiner Liste angeführt.
Sieben Tote, dachte Arianit. Beinahe fühlte er sich erleichtert.
Die Bergung der Frau gestaltete sich schwierig. Sie lag unter einem Balken eingeklemmt, der sie beim Einsturz des Daches unter sich begraben hatte.
Die Amerikanerin schrie vor Schmerzen, als die Männer sie aus dem Schutt bargen. Mit vereinten Kräften seilten sie die Verletzte auf gesicherten Boden ab und trugen sie auf einer improvisierten Trage den Hügel hinauf.
Das Zelt von Arianit war klein. Aber es bot eine Zuflucht vor dem Regen, der unvermindert anhielt.
Einer der Hirten stellte seine Matratze zur Verfügung, um sie vor der Kälte des Bodens zu schützen.Vorsichtig hüllte Arianit die Frau in eine Decke ein. Mehr konnte er für sie nicht tun.
Im Stundentakt versuchte, er einen Notruf abzusetzen. Aber sein Mobiltelefon fand kein Netz.
Einer der Hirten schleppte ein tragbares Funkgerät heran. Es stammte aus der Zeit, als die Grenze von den Soldaten des Regimes bewacht wurde.
Der Hirte nutzte es, um sich mit privaten Funkern über die Wetterlage auszutauschen. Er schaltete das Gerät ein. Der Hirte wählte eine Frequenz und nannte seinen Erkennungscode.
Die Stille, die sich ausbreitete, fühlte sich für Arianit unerträglich an. Plötzlich setzte ein Rauschen im Lautsprecher wieder. Eine kratzige Stimme meldete sich. Arianit nahm das Mikrofon und setzte die Kopfhörer auf.
In kurzen Worten schilderte er die Katastrophe, die sich ereignet hatte. Er erinnerte sich an die Liste, die er in seiner Tasche trug. Albanien hatte die Diktatur abgeschüttelt. Aber die Dinge änderten sich langsam. Die Menschen in den Bergen hatten keine Priorität. Mit ihnen ließ sich kein Geld verdienen.
Die Namensliste in seiner Tasche war die einzige Möglichkeit, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Tote Amerikaner waren schlecht für das Geschäft. Er las die Namen vor und goss sie in Zahlen. Zwei Tote. Fünf Vermisste. Eine Überlebende. Er nannte den Namen der Frau, die sie gerettet haten.
Amerikanerin?, fragte die Stimme am anderen Ende der Leitung.
„Ja.“, bestätigte Arianit.
Dann wurde es still in der Leitung. Arianit und die beiden Hirten blieben wieder sich selbst überlassen.
Die Amerikanerin war bei Bewusstsein, als Arianit nach ihr sah. Er gab ihr aus einer Flasche zu trinken. Der Dachbalken hatte ihren Rücken getroffen. Sie konnte ihre Beine nicht bewegen. Die Schwellung, die Arianit auf ihrem Bauch entdeckte, deutete auf innere Blutung hin. Ohne Hilfe war es nur eine Frage von Stunden, bis sie an ihren Verletzungen starb.
Der Regen, der wieder einsetzte, drückte den Nebel auf den Boden. Die Sicht war auf wenige Meter eingeschränkt.
Arianit fühlte sich wieder in dem Schleier gefangen, der Albanien in der Zeit der Diktatur zu einem unsichtbaren Flecken in der Welt gemacht hatte.
Er blieb bei dem Funkgerät. Es gab nichts anderes zu tun.
Gegen Mittag hörte er ein Rauschen. Arianit drückte den Kopfhörer ans Ohr. Eine Stimme meldete sich.
Der Tonfall rief in Arianit eine verdrängte Erinnerung wach. Es war der Kommandoton der Diktatur.
Die Stimme forderte Arianit auf, die Personalien der Amerikanerin zu bestätigen. Arianit schlug ihren Reisepass auf und buchstabierte den Namen. Mary Olsen, New York.
Mehrmals musste er das Geburtsdatum wiederholen.
Das Interesse an dem Alter der Frau erstaunte ihn. Aber die Stimme ließ ihm keine Zeit, darüber nachzudenken
„Wie ist ihr Zustand.?“, fragte die Stimme im Kopfhörer.
Arianit schilderte die Art der Verletzungen, die er an ihr feststellen konnte.
„Sorgen sie dafür, dass sie am Leben bleibt.“, befahl ihm die Stimme. Dann verstummte sie, ohne weiter Angaben zu machen, ob Hilfe unterwegs war.
So funktionieren Diktaturen, dachte Arianit. Sie lassen die Menschen im Unklaren, um sie in Schach zu halten.
Er blickte ins Tal. Die Mure hatte alle Wege verschüttet. Auf dem Landweg war ein Aufstieg unmöglich.
Der Nebel hing zu tief über dem Boden, um einen Hubschrauber loszuschicken. Dazu kam der Wind, der in heftigen Böen von den Berg wehte.
Kein Pilot würde unter diesen Umständen einen Start zu wagen. Der Flug käme einem Himmelfahrtskommando gleich.
Arianit beobachtete die beiden Schafhirten, die im Geröll zwei weitere Leichen entdeckt hatten. Sie markierten die Stellen für die mit Ästen, die sie in den lockeren Boden rammten.
Er dachte an die Amerikanerin, die im Zelt lag und vor Schmerzen stöhnte. Sie hoffte auf Rettung. Arianit wusste es besser. Sie wartete auf den Tod.
Der Regen prasselte auf ihn ein. Arianit nahm das Funkgerät und kroch zu ihr in das Zelt. Sie war bei Bewusstsein und blickte ihn schweigend an. Vorsichtig setzte ihr Arianit die Wasserflasche an die Lippen. Sie trank in kleinen Schlucken.
Er machte ihr Mut, in dem er behauptete, dass sich ein Rettungskommando bereits auf den Weg zu ihnen befände, obwohl es unmöglich war. Das Wetter war zu schlecht.
Am späten Nachmittag erfüllte plötzlich ein Brummen die Luft. Arianit befürchtete, dass sich der Berg wieder in Bewegung setzte. Aber bald bemerkte er, dass er sich geirrt hatte. Der Lärm war das Brüllen eines gegen den Wind kämpfenden Motors, das von klatschenden Peitschenschlägen begleitet wurde.
Arianit sprang aus dem Zelt.
Im Nebel tauchten die Umrisse eines Helikopters auf. Er flog dicht über den Baumwipfeln. Auf der Suche nach einem Landeplatz schwebte er über Arianit hinweg und verschwand im Nebel.
Sekunden später kehrte er zurück. Der Pilot musste verrückt sein, dachte Arianit. Trotz der heftiger Windböen, die über die Kuppel des Hügels fegten, setzte er zu einer Landung auf dem Plateau an.
Mehrmals kippte der Wind seine Maschine zur Seite und drückte sie gefährlich nahe an die Bäume, dass die Rotorblätter die Hubschraubers die Baumwipfel streifte.
Der Pilot zog den Helikopter in die Höhe, um wieder in die Waagrechte zu kommen. Beim dritten Versuch landete er die Maschine auf dem Boden.
Eine Seitentür sprang auf, während die während die Rotorblätter noch wild im Kreis schlugen. Ein Mann sprang aus dem Helikopter und lief geduckt auf Arianit zu.
Hinter ihm sah Arianit drei weitere Männer aus der Maschine klettern. Sie trugen eine Trage bei sich.
Der Mann, der als erster aus dem Helikopter gesprungen war, hatte Arianit erreicht. Arianit erschrak. Er erkannte das Gesicht trotz des Helmes auf dem Kopf.
Es war der Polizist, der ihm in Tirana die Flucht ermöglicht hatte.
„Ist sie am Leben?“, fragte er, ohne dass eine Miene in seinem Gesicht verriet, ob er in Arianit den Mann wiedererkannte, dem er geholfen hatte, ungestraft mit einem Mord davonzukommen.
Arianit nickte stumm.
Das Rettungsteam, das den Polizeikommandanten aus Tirana begleitete, bestand aus zwei Ärzten und einem Sanitäter. Ihren kreidebleichen Gesichtern war anzumerken, dass sie den Flug nicht ganz freiwillig unternommen hatten.
Ohne Zeit zu verlieren, trugen sie die Amerikanerin aus dem Zelt. Einer der Ärzte setzte ihr am Arm eine Infusion an. Dann legten sie die Amerikanerin auf die Trage und luden sie in den Helikopter.
Nach wenigen Minuten schwebte die Maschine wieder in der Luft und verschwand im Nebel in Richtung Tal. Arianit und die beiden Hirten blieben sich selbst überlassen am Berg zurück.
Am Morgen des folgenden Tages besserte sich die Wetterlage. Der Nebel hatte sich verflüchtigt. Wind und Regen ebbten ab.
Am Nachmittag brachten zwei Helikopter neue Rettungskräfte auf den Berg. Unverzüglich starteten sie mit der Suche nach den vermissten Amerikanern, die der Felssturz unter sich begraben hatte.
Arianit schloss sich dem Rettungsteam an. Nach zwei Wochen endete sein Einsatz. Neben den Amerikanern hatten sie zehn weitere Leichen geborgen.
Es war Anfang Juli. Die Sonne brannte heiß auf die Berge Albaniens herab.
Mary hatte einen Fensterplatz für den Flug gebucht. Sie spürte, wie ihr Puls stieg, als das Flugzeug die Wolkendecke durchbrach und achttausend Meter unter ihr die Unendlichkeit des Meeres wieder in Land überging. Sie sah ihr Spiegelbild, als die mächtigen Gebirgsketten auftauchten, die sich dem Flugzeug wie zur Begrüßung entgegen zu strecken schienen.
Mary flog im Auftrag der Kunstagentur, für die sie arbeitete, nach Tirana, um mit einem Künstler die Bilder für eine Ausstellung auszuwählen.
Sie hatte lange gezögert, den Auftrag anzunehmen. Die Erinnerung an ihren ersten Aufenthalt in dem Land quälte sie immer noch mit Alpträumen. Mary ahnte, dass sich nur von ihnen befreien konnte, wenn sie sich ihrer Vergangenheit stellte.
Als sie nach der Landung den Flughafen verließ und in ein Taxi stieg, schossen ihr die Tränen in die Augen. Sie hatte das Gefühl, nach Hause zu kommen.
Dreißig Jahre lang graute ihr bei dem Gedanken, den Fuß auf das Land zu setzen, in dessen Boden ein Mensch begraben lag, der sie als Geist durch ihre Träume spukte. Die Angst, ihrer Vergangenheit in die Arme zu laufen, war größer als ihre Sehnsucht nach dem Land, mit dem sie sich immer noch verwurzelt fühlte.
Die Wolkenkratzer und Häuserschluchten der Großstadt New York wurden zu ihren Bergen. In der kleinen Wohnung in einem dreistöckigen Haus am Rand der Stadt, fand sie ein Tal, in dem sie sich ihr Leben einrichtete.
Die Zeit hatte es gut gemeint mit ihr. Das heranrückende Alter hatte die Unbeschwertheit aus ihrem Gesicht gewaschen. Aber es hatte ihr die schmale Gestalt gelassen. Wenn sie sich in den Spiegel blickte, war sie zufrieden mit sich. Sie war immer noch eine Frau, die mit ihrem Lächeln die Blicke der Männer auf sich zog.
Aber kein Mann hatte es geschafft, sie an sich zu binden. Die Alpträume ließen nicht zu, dass sie das Bett mit einem von ihnen teilte. Zu groß war die Furcht, dass der Schuss, der sie aus dem Schlaf streckte, ihm galt. Der Verstand sagte ihr, dass eine Waffe im Traum keinen Schaden anrichtete. Mehrmals hatte sie den Versuch unternommen, neben einem Mann Schlaf zu finden. Mitten in der Nacht war sie schreiend aufgeschreckt im Glauben mit der Pistole in der Hand neben seiner blutverschmierten Leiche zu liegen. Die Männer hatten sie für verrückt gehalten. Irgendwann hatte sie ihre Versuche aufgegeben. Sie gewöhnte sich daran, allein zu leben.
Bei der Fahrt ins Hotel bemerkte Mary die Veränderung der Stadt. Sie war dabei, das Grau der Vergangenheit abzuschütteln. Die leeren Straßen von damals waren verschwunden. Die Blechkolonne, die sich auf ihnen zähflüssig vorwärts bewegte, glich der anderer Städte. Die Hausfassaden hatten bunte Farben angenommen. Zwischen den geduckten Häusern der Vergangenheit ragten moderne Hochhäuser aus Stahlbeton in die Höhe und prägten das Stadtbild.
Mary stieg in einem Hotel im Zentrum ab, das vom Treiben einer Großstadt erfüllt war und mit seinen Geschäften und Restaurants die Menschen anzog.
Die Bauten der Diktatur hatten ihren Schrecken verloren. Sie dienten nur noch als Attraktionen für die Touristen, die in die Stadt strömten.
Mary blieb zwei Tage, um die Verträge mit dem Künstler abzuschließen. Als ihre Abreise bevorstand, telefonierte sie mit ihrer Agentur. Sie checkte aus dem Hotel aus und betrat ein Reisebüro.
Mary äußerte den Wunsch, den Aufenthalt in Albanien zu verlängern, um eine Reise durch die Berge im Norden Albaniens zu unternehmen. Die Angestellte hörte ihr freundlich zu und führte Telefonate mit mehreren Agenturen.
Am Ende bot ein Veranstalter in Shkodra Mary an, sich einer amerikanischen Reisegruppe anzuschließen, die am nächsten Tag zu einer Tour aufbrach.
Die Route begann mit einer Fahrt in die Drin-Schlucht zum Koman See. Mary lächelte, als ihr die Angestellte das Angebot vorlegte. Schon einmal hatte ihre Reise dort begonnen.
Bujar saß in seinem Büro, als ihm die Sekretärin ein Telefonat durchstellte. Unter den neuen Verhältnissen hatte er Karriere gemacht. Nach seiner Zeit als Kommissar in Tirana war er der Polizei von Shkodra zugeteilt worden. Die hohe Aufklärungsrate seiner Abteilung machte sich für ihn bezahlt. Vor einem Jahr war er zum Polizeikommandanten von Shkodra aufgestiegen.
In der Nacht des Vortages hatte sich ein Felssturz ereignet hatte. Man rechnete mit Toten unter den Bewohnern in den Bergdörfern.
Bujar hatte der Nachricht wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die Naturkatastrophe betraf eine dünn besiedelte Region. Er sah keine Notwendigkeit, mit eigenen Kräften einzugreifen.
Es war Aufgabe der lokalen Behörden, die notwendigen Rettungsmaßnahmen zu einzuleiten.
Das Telefonat, das die Sekretärin zu ihm durchstellte, änderte die Lage. Ein privater Funker hatte einen Notruf von einem Bergführer weiter gemeldet, der sich mit einer Touristengruppe in dem von der Katastrophe betroffenen Gebiet aufhielt.
„Es handelt sich um amerikanische Touristen.“
Die Stimme des Anrufers, der die Meldung des Funkers erhalten, klang hörbar aufgeregt. aufgeregt ins Telefon.
Bujar erkannte sofort, dass sich die Nachricht wie ein Lauffeuer im Land verbreiten und das Interesse der internationalen Presse nach sich ziehen würde.
Der Tourismus in Albanien fing an, Früchte zu tragen. Der Geruch von Geld lag in der Luft. An der Küste schossen die Hotelanlagen wie Pilze aus dem Boden. Aber das Land hatte noch mehr zu bieten als schöne Strände. Die Regierung investierte in Straßen, um die Touristen ins Landesinnere zu locken.
Nicht alle Menschen liebten die Hitze. Sie suchten die kühle Luft in den Bergen. Und Albanien besaß viele davon.
Tote Amerikaner in den Bergen passten nicht in das Geschäftsmodell, das die Regierung verfolgte. Die Behörden würden Schuldige an der Katastrophe suchen. Bujar verspürte keine Lust, mit Vorwürfen konfrontiert zu werden, die notwendigen Rettungsmaßnahmen zu spät eingeleitet zu haben.
Er wählte eine Nummer und erteilte an die nächstliegende Polizeistation die Anweisung, eine Streife zu dem Funker zu schicken, um seine Aussage zu protokollieren.
Nach zwei Stunden lag ihm der Bericht vor, der im Kern dem Wortlaut der Nachricht glich, die Arianit mit dem Funkgerät des Schafhirten durchgegeben hatte.
Zwei Tote. Fünf Vermisste. Eine Überlebende. Mary Olsen, New York.
Bujar überflog den Bericht. Als er den Namen der Frau las, fühlte er einen Schock, als hätte ihm jemand einen Stromschlag versetzt. Er sprang er von seinem Stuhl hoch und stürmte fluchtartig aus dem Büro.
Eine Stunde später stieg er in Begleitung von zwei uniformierten Polizisten vor dem Haus, in dem der Funker wohnte, aus dem Wagen.
Nach einer kurzen Begrüßung befahl er ihm, Kontakt mit dem Bergführer aufzunehmen. Als sich im Rauschen des Funkgerätes die Stimme des Bergführers meldete, nahm Bujar das Mikrofon in die Hand.
In scharfem Kommandoton befahl er ihm, den Namen der überlebenden Frau zu bestätigen. Der Funker saß schweigend neben ihm. Er zog die Augenbrauen hoch, als Bujar den Bergführer nach dem Geburtsdatum der Amerikanerin fragte und ihn zwei Mal aufforderte, die Angaben zu bestätigen.
Die Angestellte im Reisebüro hatte überrascht reagiert, als sie bemerkte, das Mary die Landessprache verstand. Mary erzählte ihr von ihrer Großmutter und der Sehnsucht, das Land ihrer Vorfahren kennenzulernen. Sie verschwieg die Erfahrungen, die sie als Studentin in dem Land gemacht hatte.
Die junge Frau, die ihr gegenüber saß, kannte die kommunistische Vergangenheit ihrer Heimat nur noch aus den Erzählungen ihrer Eltern.
Die Zukunft von Albanien gehörte den jungen Menschen, für die sich die Berichte aus der Diktatur wie ein Märchen anhörten, in dem am Ende das Gute die Oberhand behielt. Sie wussten nicht, dass sich ein Schrecken nicht einfach in Luft auflöste. Der Spuk, der Mary verfolgte, hatte sich in eine Grab im Niemandsland zurückgezogen, aus dem er jede Nacht kroch, um sein Opfer heimzusuchen.
Mary hatte sich entschlossen, ihn auf seinem eigenen Terrain zu einem letzten Kampf herauszufordern, um ihn für immer
abzuschütteln.
Sie genoss die sechzig Kilometer lange Fahrt mit der Fähre auf Koman-See, die den Ausgangspunkt der Reise bildete. Der Blick auf das Wasser und hohen Felswände, die es umrahmten, fühlte sich anders als vor dreißig Jahren. Das Wasser staute sich nicht mehr, um einen Felsen zu sprengen. Es diente dazu, die Schönheit des Landes zu formen.
Die Tour führte sie in das Hochland von Valbona über den Presllopi-Pass, auf dem das Dreiländereck von Albanien-Montenegro-Kosovo zusammenlief.
Auf Höhe des Veanica Passes schlug das Wetter um. Regen und Wind setzten und blieben fortan ein ständiger Begleiter der Tour.
Am vierten Tag stand Mary auf dem Gipfel des Gjeravice und genoss den Blick auf eine Welt, in der die Menschen wieder frei und im Frieden lebten.
Sie hielt sich vom Rest der Reisegruppe fern, die bunt zusammengewürfelt aus allen Teilen Amerikas stammte. Sie hatte keine Absicht, Freundschaft mit ihnen zu schließen.
Tagsüber lief sie allein voraus, um ungestört in die Landschaft eintauchen zu können.
Anders als ihre amerikanischen Begleiter reiste sie nicht durch ein fremdes Land, sondern durch ihre Vergangenheit. Umso mehr genoss sie, es sich mit den Menschen unterhalten, die sie in den Bergen antraf.
Manchmal kam sie an Orte, die an ihre verblassten Erinnerungen streiften. Im Stillen hoffte sie, am Weg auf das Dorf zu stoßen, in dem sich die Ereignisse abgespielt hatten, die ihr weiteres Leben geprägt hatte.
Am vorletzten Tag führte sie der Weg nach Teth, wo sie am Fuß des Arapi rasteten, bevor sie zu seinem Gipfel hochstiegen.
Das Wetter trübte sich weiter ein. Als am späten Nachmittag Nebel einfiel, entschied der Bergführer, die Gruppe nicht ins Tal hinunterzuführen, sondern die Nacht in einer Berghütte zu verbringen.
Das Quartier platzte durch die unerwarteten Gäste aus allen Nähten. Mary zog wie an den Vortagen der Tour ihre Brieftasche und überzeugte die umrumpelten Besitzer, ihr das eigene Schlafzimmer im Dachgeschoss des Hauses zu überlassen, während der Rest der Gruppe in einem Matratzenlager im Erdgeschoß nächtigen musste. Das Geld bildete den Schnittpunkt mit ihrer Reise als Studentin. Es stimmte die Menschen nicht nur freundlich, sondern sicherte ihr auch einen Schlafplatz, der allein ihr vorbehalten war.
Gegen Mitternacht wurde Mary durch ein dumpfes Grollen geweckt. Schlaftrunken kroch sie aus dem knarzigen Bett und ging zum Fenster. Der Nebel und Dunkelheit hüllten die Bergkulisse ein. Mary öffnete das Fenster. Sie spürte einen kalten Sog, der die Luft aus den Raum saugte. Das Grollen verstärkte sich. Eine böse Vorahnung erfasste sie. Sie drückte die Fensterflugel zu und griff nach ihren Kleidern. In aller Eile schlüpfte sie in den blauen Overall, den sie für die Tour in Shkodra mit dem Rucksack gekauft hatte und zog sich die Schuhe an.
Als sie ihren Rucksack schulterte, um ins Freie zu laufen, ertönte ein Riesenknall. Der Boden unter ihren Füßen begann zu schwanken. Fensterscheiben zerbrachen. Mary sah, wie die Wand vor ihr plötzlich abbrach und von einer dunklen Masse, die an ihr vorbeischwappte, mitgerissen wurde. Die Druckwelle, die sie erfasste, schleuderte sie zu Boden. Geistesgegenwärtig kroch sie unter das Bett. Im gleichen Augenblick stürzte das Dach über ihr zusammen.
Bujar erstarrte innerlich, als ihm die Stimme aus dem Funkgerät die Daten der verletzten Frau bestätigte. Die Arbeit bei der Polizei hatte ihm die Archive zugänglich gemacht. Die Bürokratie arbeiteten in allen politischen Systemen zuverlässig. Er genügt, das Datum eingrenzen, um nach kurzer Suche den Akt herauszufischen, der ihm helfen sollte, das Rätsel zu lösen, das ihn seit der Nacht verfolgte, als er einem Dieb beim Vergraben seiner Beute beobachtet hatte.
Die amerikanische Studentin, deren Rucksack er in seinem Schrank aufbewahrte, war, ohne es zu ahnen, in eine Intrige der Geheimdienste geraten. Der Sigurimi hatte ihr im Glauben, es handelte sich um eine getarnte Agentin des CIA, eine Falle gestellt, um sie dann aus unerklärlichen Gründen entkommen zu lassen.
Aus der Polizeiakte entnahm er, dass sie nach ihrer Rückkehr aus den Bergen in Begleitung eines Soldaten in der Zentrale der Polizei aufgetaucht war und in Gewahrsam genommen wurde.
Vergeblich forschte Bujar in der Akte nach der Identität des Soldaten. Die Möglichkeit , dass er ein Agent des Sigurimi war, hielt Bujar für ausgeschlossen. Der Sigurimi hatte nicht vor, die Studentin lebend nach Tirana zurückkehren zu lassen.
Nach seiner Einschätzung handelte sich bei dem Soldaten um den Mann, der sie aus dem Dorf gerettet und ihn mit der Pistole bedroht hatte, als er sein Besa aussprach, ihren Rucksack zurückzubringen.
Die Zivilkleidung, die der Mann trug, als er im Dorf auftauchte, ließ das Spiel, in dem der Sigurimi am Ende als Verlierer hervorging, noch verworrener wirken. Die Antworten, die sich in den unter Verschluss gehaltenen Archiven des Sigurimi verbargen, blieben für Bujar unerreichbar. Die Diktatur löste nach ihrem Ende nicht in Luft auf. Es setzte sich über Jahre im Untergrund fort. Man hätte begonnen, lästige Fragen über seine Nachforschungen zu stellen.
Bujar beschloss, sich in Geduld zu üben und das Schicksal entscheiden zu lassen.
Als er sich aus der Starre gelöst hatte, die der letzte Funkspruch ausgelöst hatte, reagierte Bujar, wie er es durch seine Arbeit bei der Mordkommission gelernt hatte. Die Aufklärung eines Mordes nahm immer am Tatort ihren Anfang.
Er telefonierte mit den richtigen Stellen und erteilte präzise Anweisungen.
Drei Stunden später landete ein Militärhubschrauber, der in der Kaserne von Shkodra stationiert war, auf der Straße vor dem Haus des Funkers, der die Meldung über die verunglückten Amerikaner weitergeleitet hatte.
An Bord befanden sich zwei Ärzte und ein Sanitäter, denen die Angst ins Gesicht geschrieben stand. Aber in einem Land, in dem das Wasser alles an die Oberfläche spülte, blieb ihnen keine Wahl. Sie waren Bujar einen Gefallen schuldig, der sie zwang, der Bitte des Polizeikommandanten Folge zu leisten.
Bujar kletterte zu ihnen in den Hubschrauber und setzte sich auf dem Sitz neben dem Piloten. Als die Maschine abhob, blickte Bujar auf die Berge, die sich vor ihm am Horizont in den Himmel streckten. Er wusste um Risiko eines Fluges unter den herrschenden Wetterbedingungen. Aber das Schicksal ließ ihm keine Wahl. Es hatte ihm die Antwort, auf die er wartete, über Funk geschickt.
In der Klinik von Shkodra liefen die Vorbereitungen für die Übernahme der geretteten Amerikanerin an.
Einer der Ärzte, die den Flug begleiteten, meldete über den Bordfunk des Hubschraubers den Chirurgen die Schwere der Verletzungen, die sie an ihr feststellten.
Mary verfolgte ihre eigene Rettung in einem Trancezustand, der ihr vorgaukelte, unsichtbar neben den Ärzten zu sitzen.
Schweigend betrachtete sie ihr eigenes Ich, das die Ärzte verzweifelt versuchten, am Leben zu erhalten. Sie verstand jedes Wort, das sie sprachen.
Es stand nicht gut mit ihr. Der Balken, der durch das Bett gebrochen war, unter dem sie Schutz gesucht hatte, hatte ihr Rückgrat zerschmettert und die Nerven zu ihren Beinen abgetrennt. Durch die inneren Blutungen drohte ihr Kreislauf zusammenzubrechen.
Mary versuchte ihr eigenes Ich mit einem Lächeln trösten. Sie blickte sich im Hubschrauber um. Neben dem Piloten saß ein Mann, der sich nach ihr umdrehte. Die sorgenvolle Miene machte Mary stutzig. Er kam ihr seltsam vertraut vor, als wäre sie ihm schon einmal begegnet. Aber sie hatte keine Erinnerung daran abgespeichert.
Schade, bedauerte sie die Gelegenheit, ihn nicht mehr danach fragen zu können.
Mary war überzeugt, im Sterben zu liegen. Sie spürte ihren Körper nicht mehr. Er wurde immer mehr zu einer Hülle, die nicht mehr zu ihr gehörte.
Für einen kurzen Moment spulte sich ihr Leben im Rücklauf vor ihren Augen ab. Als sie sich als junge Studentin sah, die allein durch die Täler Albaniens streifte, drückte sie auf die Stopptaste und blickte sich die Gesichter auf den festgefrorenen Bildern an. Bei einem Bild schossen ihr die Tränen in die Augen.
Das Märchen ihrer Großmutter kam ihr in den Sinn, das die Geschichte einer Prinzessin und ihren zwölf Brüdern erzählte.
Der jüngste der Brüder hatte ihr bei der Heirat versprochen, sie zurückzuholen, wenn sie es sich wünschte. Als die Prinzessin unglücklich war und sich nach ihrer Heimat sehnte, löste er sein Versprechen ein und brachte seine Schwester in einem wilden Ritt am Himmel nach Hause, wo sie von ihren Eltern erfuhr, dass alle Brüder im Krieg umgekommen waren.
Ich bin die Prinzessin, die er nach Hause holt, dachte Mary und blickte den Mann an, der neben dem Piloten im Cockpit des Helikopters saß und hoch am Himmel mit ihr einer fremden Stadt entgegen schwebte.
Sie hatte in ihm den Jungen aus dem Dorf erkannt. Er hatte ihr ein Versprechen gegeben. Nun war er gekommen, um es einzulösen. Mit dem Unterschied, dass am Ende nicht er tot sein würde, sondern sie.
Etwas Unerwartetes zwang Mary in ihr Ich zurückzukehren. Als sie ihre Augen öffnete, sah sie, wie die Ärzte sich über sie beugten. Sie drückten mit ihren Händen auf ihren Brustkorb, dass sie vor Schmerz aufschrie.
Nach der Landung übernahm ein Ärzteteam die Amerikanerin in Empfang und setzte die Wiederbelebungsmaßnahmen fort. Die Operation dauerte seit Stunden an. Die ersten Zwischenberichte verhießen nichts Gutes.
Die herabstürzenden Trümmer des Hauses hatten die Wirbelsäule gebrochen. Durch eine massive Einblutung im Bauchraum waren die Organe geschädigt.
Bujar kehrte in sein Büro zurück. Es stand nicht mehr in seiner Macht, das Versprechen, das er der Amerikanerin gegeben hatte, einzulösen.
Am Abend erreichte ihn ein Anruf aus der Klinik. Den Ärzten war es gelungen, die Blutung zu stillen. Der Zustand der Frau wäre stabil, teilte ihm der Leiter der Klinik auf. Bujar bedankte sich und legte auf.
Die folgenden Tage brachte keine Veränderung. Die Zeitungen berichteten auf den Titelseiten über den Tod in den Bergen. Das losgeschickte Rettungsteam konnte nur noch Leichen bergen. Ganz Albanien bangte um das Leben der einzigen Überlebenden, die im Koma lag.
Nach einer Woche verbreiteten die Ärzte in einer Pressemitteilung vorsichtigen Optimismus. Man würde die Aufwachphase der Patienten einleiten.
Bujar hatte mit dem Klinikleiter vereinbart, verständigt zu werden, wenn die Amerikaner ansprechbar war. Nach zehn Tagen leuchtete seine Nummer auf dem Mobilphone von Bujar auf.
Er machte sich auf den Weg. Im Kofferraum seines neuen Dienstwagens lag eine Tasche bereit.
Bujar wurde von dem diensthabenden Arzt zu dem Zimmer begleitet, in dem die Amerikanerin lag. Bujar bat, allein mit der Frau sprechen zu können. Der Arzt nickte und ging den Flur zurück.
Bujar öffnete die Tür, ohne anzuklopfen. Mary lächelte ihn an, als er das Zimmer betrat.
„Ich habe dich schon lange erwartet.“, sagte sie mit schwacher Stimme.
„Manche Dinge brauchen Zeit.“, antwortete Bujar.
Er rückte einen Stuhl an das Bett und setzte sich. Die Tasche in seiner Hand stellte er auf dem Boden ab.
Schweigend blickten sie sich an.
„Du weißt, wer ich bin?, machte Bujar den Anfang mit einer Frage.
Mary nickte.
„Du bist der schweigende Junge.“
Bujar mühte sich ein Lächeln ab.
„Die Ehre verlangt es manchmal, zu schweigen.“, erwiderte er.
„Dann verlangt sie jetzt, dass du dein Schweigen brichst.“, antwortete Mary.
„Ich habe dir mein Besa gegeben.“, sagte Bujar.
Mary schüttelte den Kopf.
„Ich will kein Versprechen mehr. Ich will, dass du mir die Wahrheit erzählst.“
Bujar biss sich auf die Lippen. Es fiel ihm schwer, die Dinge auszusprechen.
Mary streckte ihm die Hand entgegen.
„Du bist ein guter Mensch.“, sagte sie.
Bujar legte seine Hand in ihre und begann zu erzählen.
Mary hörte ihm schweigend zu. Am Ende hob sie ihren Kopf und blickte ihn an.
„Ich glaube dir.“, sagte sie.
Bujar bückte sich und griff nach der Tasche. Er stellte sie auf das Bett und zog den Rucksack heraus.
Mary streichelte über das vergilbte Leder und bat Bujar, den Rucksack zu öffnen.
Bujar löste die Schnalle und zog die Kamera aus dem Rucksack. Er drückte Mary die Leica in die Hand.
„Der Sigurimi dachte, einer Agentin auf der Spur zu sein.“, sagte er.
„Es mag sich falsch anhören. Aber ich glaube, dass sein Diebstahl dir das Leben rettete.“
„Vielleicht.“, antwortete Mary.
„Aber er hat mich gezwungen, einen anderen Rucksack zu tragen.“
Bujar blickte sie fragend an. Mary erzählte ihm von dem Kampf der Soldaten, die sie auf ihrer Reise begleitet hatten. Bujar hatte Mühe, sein Erstaunen zu verbergen, als sie ihm schilderte, wie sie dem Fahrer des JAZ die Pistole an den Kopf hielt und abdrückte. Ihre Geschichte gab ihm die Antwort, nach der er gesucht hatte.
„Der Tod dieses Mann lastet auf meinen Schultern wie ein Rucksack.“, sagte sie.
„Das Leben lässt den Menschen keine Wahl.“, hörte sich Bujar sagen. „Es zwingt sie, zu töten oder getötet zu werden.“
Es war ein Satz, der auch für ihn selbst galt.
Bujar erhob sich von seinem Stuhl. Mit Bedacht wählte er die Worte, die er sich für diesen Moment in seinen Gedanken zurecht gelegt hatte.
„Für einen Jungen, der in den Bergen Albanien geboren wird, kommt der Tag, an dem ihm die Familie einen Rucksack auf die Schulter legt mit der Aufgabe, ihre Ehre zu verteidigen. Wenn es ihm gelingt, ist der Rucksack, den er trägt, federleicht. Aber wenn er sie verliert, schleppt er das Gewicht eines Berges auf seinem Rücken.“
Mary legte ihre Hand auf den Rucksack, den ihr Bujar zurückgegeben hatte. Es war in ihrem Gesicht abzulesen, welche Anstrengung es sie kostete, ihn ein Stück hochzuheben.
„Er ist federleicht.“, presste sie mit schwacher Stimme zwischen ihren Lippen hervor und ließ ihren Armen auf das Bett zurücksinken.
Bujar neigte seine Kopf nach vor.
„Danke.“, sagte er und verabschiedete sich.
Bei seinem nächsten Besuch bat ihn Mary, das Schicksal des Soldaten in Erfahrung zu bringen, dem sie ihr Leben verdankte. Bujar schüttelte den Kopf. Er berichtete von seinen vergeblichen Anstrengungen, die Identität ihres Retters aufzuklären. Das Wasser, das die Diktatur weggespült hatte, hatte auch seine Spuren verwischt.
Er würde wohl für immer in den unter Verschluss gehaltenen Archiven des Sigurimi verschollen bleiben, beendete er seinen Bericht, ohne zu ahnen, wie nahe er ihm gekommen war.
In den Tagen danach verschlechterte sich der Zustand von Mary. Die Blutungen, die von den Ärzten gestoppt worden waren, setzten wieder ein. Nachdem sie über die Notwendigkeit einer neuerlichen Operation informiert worden war, rief sie Bujar noch einmal zu sich.
Ich will zurück in die Berge, eröffnete sie ihm ihren Wunsch.
Bujar blickte sie mit den Augen des Jungen an, der vor ihr aus den Wald auf den Weg gesprungen war, ohne die Pistole zu fürchten, die der Soldat, der sie begleitete, auf ihn richtete. Er nickte stumm. Nichts würde ihn davon abhalten können, sein Versprechen einzuhalten. Als er Mary verließ, wusste er, dass es sein letzter Besuch bei ihr gewesen war.
Es war Oktober geworden, als Arianit frühmorgens durch die Glocke an seiner Wohnungstür aus dem Schlaf gerissen wurde.
Er hatte nach dem Unglück seine Arbeit bei der Reiseagentur fortgesetzt und die ins Land strömenden Touristen durch die die Bergwelt Albaniens geführt.
Die Welt drehte sich weiter. Die Aufregung im Land über die die Katastrophe in den Bergen verebbte nach wenigen Tagen. Die toten Amerikaner wurden in den Nachrichten als Ware gehandelt, deren Haltbarkeit dem von Fleisch glich. Je lauter die Marktschreier sie den Käufern anboten, desto kürzer war ihr Ablaufdatum.
Im Herbst kehrte Arianit nach Shkodra zurück und begann mit den Vorbereitung für die Wintersaison.
Schlaftrunken sah er sich an der offenen Tür zwei uniformierten Polizisten gegenüber. Sie forderten ihn ohne Erklärung auf, sich anzuziehen und mit ihnen auf die Polizeistation zu fahren.
Der Tonfall, in dem sie mit ihm sprachen, duldeten keinen Widerspruch. Nach kurzem Protest folgte Arianit ihren Anweisungen. Die albanische Polizei war bekannt für ihre Ungeduld.
Er schlüpfte in seine Hose und streifte sich ein Hemd über.
Schweigend begleiteten ihn die Polizisten die Treppe hinunter. Der Fahrer des Wagens wartete mit laufendem Motor auf der Straße vor dem Haus.
Das Schweigen der Polizisten hielt auch während der Fahrt durch die vom Frühverkehr verstopften Straßen an.
Arianit schossen tausend Gedanken durch den Kopf. Nach der Katastrophe war mehrmals von der Polizei befragt worden. Es konnte ihm kein Verschulden am Tod der Amerikanern angelastet werden. Das Unglück war für ihn nicht vorhersehbar gewesen. Nach einigen Wochen schien ihn die Polizei vergessen zu haben. Bis zu diesem Morgen.
Hatte man die Ermittlungen zu dem ungelösten Mord in Tirana wieder aufgenommen? Er zweifelte nicht daran, dass ihn der Polizist, der aus dem Helikopter sprang, um die überlebende Amerikanerin zu retten, wiedererkannt hatte. Aber er hielt es für wenig wahrscheinlich, dass er sich selbst in Gefahr brachte, wenn sich herausstellte, dass er dem Mörder die Flucht ermöglicht hatte. Arianit beschloss, abzuwarten.
Der Wagen parkte vor der Kommandantur der Polizei in Shkodra.
Die Polizisten forderten Arianit auf, auszusteigen und ihnen zu folgen. Sie führten Arianit in den obersten Stock des Gebäudes, in dem der Polizeikommandant sein Büro hatte.
Eine Sekretärin nahm ihn im Vorzimmer in Empfang und bat ihn, auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Die Polizisten verschwanden grußlos im Fahrstuhl
Nach einigen Minuten öffnete sich eine Bürotür. Der Polizeikommandant trat aus der Tür. Arianit blickte auf den dunklen Leberfleck auf seiner Stirn. Er konnte seine Überraschung kaum verbergen.
Der Kommissar, der ihn in Tirana die Handschellen abgenommen und entkommen lassen hatte, war der Polizeikommandant von Shkodra.
Er begrüßte Arianit freundlich.
Als Arianit durch die Tür in sein Büro trat, blickte er sich um.
Das Büro war größer als seine Wohnung.
Die Macht drückte sich immer in Größe aus, kam ihm in den Sinn.
Die spärlichen Möbel im Raum waren sorgfältig ausgewählt. Ein Foto auf dem Schreibtisch zog den Blick von Arianit an. Es zeigte eine schlanke Frau in einem blauen Overall mit dem Gipfel des Arapi im Hintergrund. Sie trug einen Schlapphut auf dem Kopf und lächelte in die Kamera.
Arianit erkannte die Amerikanerin auf den ersten Blick. Ihr Name stand als letzter auf seiner Liste.
Arianit stellte sich nicht die Frage, wie das Bild in die Hände des Polizisten gelangt war. Die Macht, welcher der Mann auf dem Schreibtisch vor ihm diente, besaß mehr Arme als eine Krake, um nach den Dingen zu greifen.
Das Bild zu sehen, stach ihn wie ein Messer in die Brust. Es komplettierte seine Todesliste. Acht Namen. Acht Tote. Er fasste den Entschluss, sie wegzuwerfen. Es gab keinen Grund mehr, sie zu behalten.
Arianit spürte, wie ihn der Polizeikommandant mit den Augen scannte, als wollte er sich ein Bild von dem Mann machen, den er mit einem bestialischen Mord ungestraft davonkommen lassen hatte.
Arianit spürte, wie er nach dem Wolf suchte, den er in sich vor der Welt verbarg. Jenen Wolf, den der Hunger dazu getrieben hatte, seinem Opfer die Eingeweide aus dem Bauch reißen, ohne ihm vorher die Kehle durchzubeißen.
Der Polizeikommandant kam ohne Umschweife zur Sache. Er berichtete Arianit, dass die Amerikanerin in der Klinik ihren Verletzungen erlegen war.
Arianit hatte von ihrem Tod in der Zeitung gelesen.
Für ihn stellte sich die Frage, welche Bedeutung die Frau für den Polizeikommanden hatte, die ihn veranlasste, ihr Bild aufzubewahren.
„Ich habe ihr das Versprechen, gegeben, sie in die Berge zurückzubringen. Sie werden für mich diese Bitte erfüllen.“
Die Forderung des Polizeikommandanten war eindeutig.
„Warum ich?“, fragte Arianit.
„Weil sie der einzige Mensch in diesem Land sind, der keine Fragen stellen wird.“
Der Polizeikommandant blickte Arianit in die Augen. Unausgesprochen verhandelten sie ein Geschäft, das keinem von ihnen eine Wahl ließ.
Arianit nickte zustimmend.
Der Polizeikommandant erhob sich von seinem Stuhl und öffnete einen Schrank, dem er kleines Gefäß entnahm, das er auf den Schreibtisch stellte.
„Die Amerikaner haben keine Ahnung.“, sagte er mit Blick auf die Urne.
„Sie sind mit der Asche eines toten Albaners nach Hause geflogen.“
Arianit lächelte. Albanien war eine Demokratie geworden. Es gab freie Wahlen und eine unabhängige Regierung. Aber die Willkür der Diktatur, die über die Köpfe der Menschen handelte, war geblieben. Sie hatte entschieden, die Welt zu täuschen und Amerikanerin im Land zu behalten.
„Es gab keine andere Möglichkeit, das Versprechen, das ich ihr gegeben habe, einzulösen.“, schien der Polizeikommandant in seinen Gedanken zu lesen.
Er deutete auf die Urne.
„Die Amerikaner bestanden auf ihre Herausgabe.“
Am Ende der Besprechung holte der Polizeikommandant einen roten Rucksack aus dem Schrank und verstaute die Urne mit der Asche der Amerikanerin darin.
Die vergilbte Farbe des Rucksackes stach Arianit ins Auge.
„Es hätte ihr gefallen, ihre letzte Reise darin anzutreten.“, kam der Polizeikommandant seiner Frage zuvor.
Er unterdrückte seine Neugier und schwieg.
Mit dem Versprechen Stillschweigen über seinen Auftrag zu bewahren, erhob sich Arianit.
Auf seine Frage nach der letzten Ruhestätte für die Amerikanerin, blickte ihn der Polizeikommandant nachdenklich an.
Scheinbar hatte er sich mit diesem Gedanken nicht beschäftigt.
„Sie kennen die Berge.“, antwortete er schließlich.
„Wählen Sie einen Ort für sie, der ihr gefallen hätte.“
Mehr gab es nicht zu sagen zwischen ihnen. Die Vergangenheit, die sie miteinander verband, blieb stumm wie im Rest des Landes. Die Menschen hatten die Diktatur hinter sich zurückgelassen, ohne sich nach ihr umzublicken, um die Dinge nicht mehr ansehen zu müssen, die unübersehbar aus dem Land ragten wie ihre verfallenen Bunker, die jeden Quadratkilometer von den Bergen bis zur Küste durchzogen.
Der Polizeikommandant streckte Arianit die Hand entgegen.
„Ein Versprechen verpflichtet einen Albaner bis in den Tod.“, verabschiedete er sich.
Arianit lächelte.
„Und darüber hinaus.“
Der Händedruck, mit dem sie sich voneinander verabschiedeten, war fester als es zwischen Fremden angebracht schien.
Mit dem roten Rucksack auf der Schulter, der in seiner verblassten Farbe wie aus der Zeit gefallen schien, trat Arianit durch die Tür aus dem Büro.
Arianit verspürte keine Lust, die Polizisten, die ihn abgeholt hatten, zu bitten, ihn nach Hause zu bringen. Er fühlte sich wohler in einem Taxi, das ihn direkt vor dem Eingang zu seiner Wohnung absetzte.
Er stellte den Rucksack auf den Küchentisch ab und zerbrach sich den Kopf darüber, in welcher Beziehung der Polizist zu der toten Amerikanerin in der Urne gestanden hatte.
Als er keine Antwort auf seine Frage fand, öffnete er den Kühlschrank. Es war Mittag und er hatte kein Frühstück bekommen. Das leere Innenleben seines Kühlschranks trieb ihn wieder auf die Straße.
Drei Stunden später kehrte er zurück. Der Raki, den er in einem nahen Restaurant zu dem gebratenen Ziegenfleisch getrunken hatte, verstärkte seine Neugier.
Er löste den Riemenverschluss am Rucksack und nahm die Urne heraus, um ihn genauer in Augenschein zu nehmen. Vielleicht gab sein weiterer Inhalt etwas preis, das ihm eine Antwort auf seine Fragen lieferte. Er holte einige Kleidungsstücke hervor, die in ihrer Größe zu einer schlanken Frau zu passen schienen. Auf dem Boden des Rucksackes ertastete er einen metallenen Kasten.
Als er ihn auf den Tisch legte, starrte er mit Staunen darauf. Es war eine alte Leica mit einem fix verbautem Objektiv. Arianit drehte die Kamera in seinen Händen, bis er den Mechanismus entdeckte, der die Verschlussklappe auf der Rückseite öffnete.
Sie sprang mit einem lauten Klicken auf.
Noch am gleichen Tag betrat Arianit ein Fotostudio in Shkodra. Er legte die Filmspule, die er in der Kamera entdeckt hatte, auf den Ladentisch. Der Ladenbesitzer zog die Augenbrauen hoch und nahm die Filmrolle vorsichtig zwischen seine Finger, als sähe er in ihr eine zerbrechliche Antiquität. Kopfschüttelnd gab er die Filmrolle an Arianit zurück.
Er besaß kein Dunkelzimmer für Entwicklung analoger Bilder.
Arianit griff in seine Tasche und holte einige Geldscheine hervor. Das Geld machte den Ladenbesitzer gesprächiger.
Er unterbreitete Arianit den Vorschlag, den Film an einen Freund in Tirana zu schicken, der ein Entwicklungslabor besaß.
Arianit hinterließ seine Telefonnummer und verließ das Geschäft. Zwei Wochen später händigte ihm der Ladenbesitzer einen kleinen Umschlag aus. Arianit nahm ihn an sich und zahlte die Rechnung.
Zuhause breitete er die Fotografien sie auf dem Küchentisch aus. Es waren dreißig Farbbilder in schlechter Qualität. Der Entwickler schien sich wenig Mühe mit ihnen gemacht zu haben.
Die Hälfte der Bilder zeigte Landschaftsaufnahmen mit Bergkulissen Aus ihnen konnte Arianit bruchstückartig die Route nachvollziehen, die der unbekannte Fotograf auf seiner Reise durch die Berge genommen hatte.
Die anderen Bilder zeigten Porträts der Bergbewohner und ihre Lebensbedingungen.
Drei Bilder zogen seine Aufmerksamkeit auf sich.
Das erste zeigte zwei Soldaten, die neben einem alten JAZ 69 posierten, den die albanische Armee zur Zeit der Diktatur für Patrouillenfahrten einsetzte.
Aus der Uniform der Soldaten schloss Arianit, dass die Bilder vor dem Fall der Diktatur entstanden waren.
Als er die Gesichter genauer in Augenschein nahm, fühlte Arianit, wie ihm die Knie weich wurden.
Die Gesichtszüge eines der Soldaten waren ihm aus der Kindheit vertraut. Es war der Bruder seiner Mutter, den sie ihm ihrem Gehöft im Keller versteckt hatte. Arianit hatte ihn zeitlebens für einen gewöhnlichen Deserteur gehalten, der wie viele andere Soldaten kurz vor dem Untergang des Regimes in die Berge geflohen waren, um dem Hunger und den Schikanen in den Kasernen zu entfliehen.
Das Bild, das die Kamera von ihm frei gab, ließ seine Flucht in einem völlig anderen Licht erscheinen.
Die belichtete Bergwelt auf den Fotografien waren zur Zeit der Diktatur eine vom Militär abgeriegelte Sperrzone, in die kein Ausländer einen Fuß setzen konnte, ohne nicht als Spion in Verdacht zu geraten.
Das unbekümmerte Gesicht der Frau zeichnete ein anderes Bild, als es Arianit von einem ausländischen Agenten erwartete. Unabhängig davon erschien es ihm unmöglich, dass der Sigurimi es zugelassen hatte, eine Ausländerin unbehelligt in den Norden des Landes bis dicht an die Grenze reisen zu lassen, ohne seine Spürhunde auf sie anzusetzen.
Es lag auf der Hand, dass sie sich in der Uniform der Soldaten tarnten, welche die Frau begleiteten. Aus der überstürzten Flucht seines Onkels, als sich der Zusammenbruch des Regimes bereits abzeichnete, schloss Arianit, das sie in Zusammenhang mit der Frau auf den Bildern stand. Seine Ahnung schien sich zu bestätigen, als er das zweite Bild betrachtete.
Auf dem zweiten Bild lächelte die junge Frau in ihren Zwanzigern neben dem Bruder seiner Mutter in die Kamera. Sie hatte den Arm um seine Hüften gelegt.
Es war auf einem Schiff aufgenommen worden. Als Arianit das Foto betrachtete, glaubte er im Hintergrund die steil abfallenden Hänge der Drin-Schluchten, zwischen denen sich das Wasser des Koman-Sees staute, zu erkennen.
Ein anderes Detail auf dem Bild elektrisierte Arianit. Von der linken Schulter der Frau baumelte der rote Rucksack, der auf seinem Küchentisch lag.
Er konnte sein Glück nicht fassen. Eine alte Leica hatte ihn auf die richtige Fährte geführt. Sie hatte ihm nicht nur Fotografen der Bilder verraten, sondern auch den Besitzer des Rucksackes. Er gehörte der Frau auf den Bildern.
Aber wie gelangte er in die Hände des Polizeikommandanten von Shkodra, der ihn wie einen Artefakt in seinem Büroschrank aufbewahrte.
Das Motiv des dritten Bildes hatte beim Durchblättern kein Interesse bei ihm geweckt. Es zeigte das Gesicht eines Jungen aus den Bergen in Großaufnahme, der vor einer Hütte saß und in die Kameralinse starrte. Erst als er den dunklen Fleck auf seiner Stirn, den er beim ersten Hinsehen für einen Schatten gehalten hatte, genauer in Augenschein nahm, fand er das entscheidende Puzzleteil in dem Rätsel.
Es war ein Leberfleck, den er kannte. Die riskante Rettung der Amerikanerin war kein Zufall gewesen. Sie stand im Zusammenhang mit den Bildern, die er in Händen hielt.
Arianit lächelte still in sich hinein. Auch der mächtige Polizeikommandant von Shkodra war einmal ein halbwüchsiger Junge gewesen.
Am nächsten Morgen verließ Arianit frühmorgens die Wohnung. Er war gewöhnt, für seine Touren nur die notwendigsten Dinge mitzunehmen. Sie passten in den roten Rucksack, den er auf den Schultern trug. Die beiden Wasserflaschen, die er mit sich führte, waren an einem Gurt befestigt, den er sich unter der Jacke um die Hüften schnallte.
Die ganze Nacht hatte er kein Auge zugebracht. Tausend Gedanken kreisten durch seinen Kopf. Langsam formten sie sich zu einer Geschichte, in deren Mittelpunkt die Frau auf den Bilder und der Bruder seiner Mutter stand. Es spielte keine Rolle, ob sie sich wirklich so abgespielt hatte. Es war für die ihn einzig mögliche Geschichte.
Bevor das erste Licht der sich mit herbstlichen Müdigkeit ankündigenden Morgendämmerung Gelegenheit bekam, durch das Fenster in seinem Schlafzimmer zu kriechen, hatte Arianit seine Entscheidung getroffen.
Er hatte nie daran gedacht, noch einmal an den Ort zurückzukehren, zu dem er reiste. Aber die Bilder, welche die Kamera für ihn freigegeben hatte, zwangen ihn dazu.
Arianit hatte nie an ein Schicksal glauben können, das die Menschen trennte und nach endlosen Irrwegen wieder zusammenführte. Für ihn hielt der Zufall die Fäden in der Hand. Seine Willkür regierte die Welt. Der Mensch blieb ihm mit der ganzen Armseligkeit, die seine kurze Existenz offenbarte, hilflos ausgeliefert. Er vernichtete ein Leben mit derselben Gleichgültigkeit, mit der er ein anderes rettete.
Eine alte Leica auf dem Grund eines Rucksackes belehrte in eines Besseren.
Arianit fuhr mit seinem alten Mercedes weit aus der Stadt in die Berge hinein, die sich am Horizont mit ihrer mächtigen Silhouette langsam aus der Dunkelheit erhoben. Er trat das Gaspedal durch, als befände er sich auf der Flucht.
Die Straßen, auf denen er den ersten Teil der Strecke zurücklegte, hatten ihren vergangenen Schrecken verloren. Sie zogen sich als breite grauglatte Asphaltbänder durch das Land. Aber je näher die Berge heranrückten, desto schmaler drückten sie sich zusammen, um am Ende in einem der Trampelpfade zu münden, die dem Verkehr der Städte immer noch die Zufahrt zu den Schönheiten der Täler versperrten.
Arianit stellte seinen Wagen in einer Wiese ab und machte sich zu Fuß auf den Weg.
Die herbstliche Sonne, die unterstützt von einem stürmischen Wind für ihn die Wolken aus dem Himmel zu putzen schien, begleitete ihn auf seinem gehetzten Fußmarsch über schmale Gebirgspfade in ein einsames Tal hinein.
Die Sonne bereitete sich am Horizont bereits in einem grandiosen Flammeninferno auf ihren Untergang vor, als er sein Ziel erreichte.
Die letzten Mauerreste der Ruine zeichneten sich dunkel an der Felswand ab. Nur noch wenig erinnerte an das Gehöft, dessen Bestandteil sie einmal gewesen waren.
Langsam schritt Arianit den kleinen Hügel hinab, den er vor Jahren schon einmal mit dem Echo todbringender Schüsse im Ohr unter wildem Geschrei herunter gelaufen war.
Das Grab, das er für seine Mutter und seine Bruder gegraben, war beinahe schon zur Gänze unter der Grasnarbe verschwunden. Nur eine kleine Erhebung erinnerte noch daran,
das die Erde etwas vor der Welt verbarg, das ihm niemand mehr ersetzen konnte.
Arianit hatte sich mit ihrem Verlust abgefunden. Er hatte die Sühne für ihren Tod bekommen.
Er kam nicht, um sie zu betrauern. Er war an diesen Ort gereist, um die Ehre eines Mannes wieder herzustellen, den er zu Unrecht verachtet hatte.
Er hatte seinen Onkel die Verantwortung für den Tod an seiner Mutter und seinem Bruder gegeben. Seine Reise in die Stadt hatte ihren Mörder angezogen.
Arianit hatte ihn nicht begraben, sondern seine Leiche in den Schacht unter dem Stall geworfen, in dem er sich wie eine Ratte versteckt hielt.
Er hatte ihn für einen Feigling gehalten, der sich vor seinen Verfolgern unter dem Rock seiner Schwester versteckt hatte.
Aber der gleiche Zufall, der ihm half, eine Frau vor den Fängen des Sigurimi zu retten, hatte ihn dazu verurteilt, eine andere ins Verderben zu reißen.
Er hatte den Mörder seiner Familie in der Stadt nicht gesucht. Er war ihm zufällig begegnet.
Die Bilder in der Kamera hatten Aranit die Wahrheit vor Augen geführt. Das Schicksal hatte für Gerechtigkeit gesorgt, in dem es ihn der Amerikanerin begegnen ließ, die sein Onkel vor dem Tod bewahrt hatte. Er war in seinem Auftrag unterwegs, um sie zu ihm zurückbringen.
Er hatte seinen Onkel verachtet, ohne von der Frau zu wissen, die ihm mehr bedeutete als sein eigenes Leben.
Die Sühne, die das Schicksal ihm dafür auferlegte, war es wert, einen ganzen Berg zu Fall zu bringen. Die Katastrophe diente dem Zweck, ihm Rucksack der Amerikanerin auf die Schultern zu legen.
Die Mauerreste des Gehöfts halfen Arianit, den Zugang zu dem Schacht unter dem verfallenen Zubau zu finden. Die vom Wind angewehte Erde hatte ihn bereits um einen halben Meter überlagert.
Arianit grub bis weit in die Dunkelheit hinein. Im Licht der Stirnlampe schaufelte er mit bloßen Händen die morschen Überreste der Klappe frei, unter dessen verschütteten Schacht die Überreste seines Onkels lagen.
Arianit arbeitete, bis er ein hüfttiefes Loch frei gelegt hatte, in das er den Rucksack samt der Urne mit der Asche der Amerikanerin bettete.
„Ich bringe sie dir zurück, um dich in ihrem Namen um Verzeihung zu bitten.“, sagte er, als er die Mulde wieder mit Erde aufgefüllt hatte.
Er hatte seine Arbeit fast beendet, als er in seine Tasche griff und den Zettel mit den acht Namen hervorzog. Es schien ihm der richtige Platz für seine Todesliste zu sein.
Den Rest der Nacht verbrachte er im Schutz der Mauer, an der im Gehöft das Bett seiner Mutter gestanden hatte.
Im Morgengrauen erhob er sich, um sich von einem Ort zu verabschieden, den er für immer den Rücken kehren würde.
Er hatte seiner Mutter das Messer ins Grab gelegt, mit dem er ihren Mörder zerfleischte. Er hatte ihrem Onkel die Frau zurückgebracht, deren Rettung ihm wert war, sich in einem dunklen Loch unter der Erde zu verstecken. Er hatte seine Bestimmung erfüllt wie der Polizist, der ihn nach dem Mord in der Villa in Tirana ziehen ließ, weil er in ihm erkannte, was er eines Tages sein würde. Das letzte Glied, das die Geschichte zu Ende führte.
Erstfassung 3.7.2025 bis 28.7.205