Tagebuch eines Stubentigers – 72

Festmahl*

Der Tod war hungrig
an einem sonnigen Frühlingstag,
als ihn ein Sturm
zu einem Festmahl bat.

Niemand hörte die Schreie
der unschuldigen Geschöpfe,
die er aus einem See
auf seinen Teller schöpfte.

Als der Tod das Mahl verließ,
war ein Boot versunken
und hatte sein Hunger
neun Seelen verschlungen.

(*Erinnerung an ein Bootsunglück am 10.4.1990 am Lago Maggiore)

Romanze

Die schönsten Liebesbriefe,
die sie kenne,
gestand mir eine Liebste,
seien große Geldscheine.

Kurz darauf brannte
die von mir begehrte Dame
mit einem alten Gorilla
durch in seine Villa.

Worin sie mir bewies,
dass die beliebtestes Variante
der Poesie in der Liebe ist
immer noch die Banknotenromanze.

Krokodilkampf

Im Bubenalter lachten wir Tränen im Puppentheater
über den Kasperl und das Krokodil zu Tränen,
ohne von unserem Verlangen zu ahnen,
auf allen Vieren selbst mit dem Reptil zu kämpfen.

Wir wussten nichts von der Begierde,
die unsichtbar in der Geschichte schwebte,
wenn der Kasperl an den Fäden des Puppenspielers
sich mit dem Knüppel aus dem Sack ihm entgegen stellte.

Erst in den Liebesnächten begriffen wir,
wie übermächtig groß uns die Lust bestimmt 
nach dem urzeitlichen Getier
das lauernd zwischen Frauenbeinen schwimmt.

Auge in Auge im wilden Ringen mit ihm
ziehen wir den Knüppel aus dem Sack
und warten begierig auf den Augenblick,
an dem sein offenes Maul nach ihm schnappt.