Fürchte Dich nicht.“, tröstete die Rose die Raupe, die auf ihrer Blütenknospe starb. „Ich bin nicht Dein Grab, sondern bloß eine Rast auf Deiner Reise.“ Die kleine Raupe atmete noch leise. Dann ließ sie für immer los.“
A.S.

Manege frei für die Geschichten im „Zirkus der Worte“. Es genügen ihnen wenige Zeilen, um zum Leben zu erwachen. Ihre Bühne mag klein wirken. Aber ihre Kunst ist mit Bedacht gewählt.
Die Geschichten, die sie erzählen, sind das Produkt der Phantasie in meinem Kopf. Es ist ein Spiel der Worte. Echte Zauberei ist ihnen fremd. Aber im Rauch, der aus ihnen aufsteigt, verbirgt sich manchmal ein wahrer Kern.

Die Geschichte erzählt von den Tagen, als die Affen die Welt beherrschten. Die Parallelen zu unserer heutigen Zeit sind weder zufällig noch unbeabsichtigt.

Ich erinnere mich an ein Spiel, das wir in der Volksschule im Turnunterricht spielten. Es hieß „Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann?“ Ich ahnte damals nicht, wie sehr sich darin der Lauf der Welt widerspiegelte.

Sie lag in ihrem Bett und starrte auf die Gestalt, die sich neben ihr im Schlaf drehte. Bei jeder Bewegung, die sie machte, schwappte die Matratze unruhig auf und ab. Sie rückte an den Rand des Bettes. Dann winkelte sie die Beine an und presste die Füße gegen das Leintuch. Sie spannte ihren Rücken an und hob das Becken hoch, um zu verhindern, dass die Schockwelle, die sich durch die Matratze zog, auf ihren Körper übersprang.
Das Bett schwankte weiter unter der Masse, die sich stöhnend neben ihr bewegte.
Vor ihren Augen formte sich ein Bild in ihrem Kopf zu einem Wort.
<Fleisch>.

Ein Fremder spazierte durch die Straßen einer Stadt. Die Kleidung, die er trug, war aus feinen Stoffen geschnitten. Seine Haut roch nach Seife und Parfüm. Ein zerlumpter Bettler sprach ihn an und hielt ihm einen leeren Becher hin.
<Wirf eine Münze hinein, und ich werde dir jeden Wunsch erfüllen.>, trug er seine Bitte vor.
Der Fremde maß die armselige Gestalt mit einem abschätzigen Blick. Er beschloss, sich einen Spaß mit ihm zu machen.
<Deine Absicht ehrt Dich. Aber bevor ich eine Münze in deinen Becher werfe, will ich dein Versprechen auf eine Probe stellen.>

Die Geschichte tritt in märchenhaften Gewändern die Bühne. Aber seine Kleidung ändert nichts an der Zeitlosigkeit seiner Botschaft. Sie scheint derzeit aktueller denn je.

Einst war die Welt ein Paradies gewesen. Die Menschen hatten nicht um ihr Glück zu fürchten. Es lag in den Händen eines mächtigen Drachen. Er wachte auf einem Berg, der dem Himmel am nächsten kam, über ihr Schicksal.
Unter seinem Schutz gab es weder Streit noch Krieg unter den Völkern. Die Menschen bestellten ihre Felder und trieben Handel miteinander. Nichts störte ihren Frieden. Nachts schliefen sie glücklich und satt in ihren Betten.
Eines Tages zogen dunkle Wolken am Horizont auf. Die Sonne verdüsterte sich. Ein kalter Schatten legte sich über die Welt. Der Berg, auf dem der Drache hauste, war plötzlich von Schnee bedeckt.

<Deine Freunde werden dich nicht retten können.>, höhnte der Stammesführer, während er die wild mit den Waffen fuchtelnden Wachen am gegenüberliegenden Flussufer beobachtete. Der Fremde schüttelte den Kopf. <Du irrst dich. Auf der anderen Seite des Flusses stehen meine Todfeinde.>, antwortete er, ohne seinen Blick zu heben.<Ich sehe keinen Hass in deinen Augen.>, zweifelte der Stammesführer an den Worten des Fremden. >Wenn du die Wahrheit sprechen würdest, hättest du ein Schwert von mir erbeten, um hinüber zu schwimmen und dich an deinen Feinden zu rächen.>
<Ich habe auf meiner langen Reise gelernt, dass es keinen Hass und kein Schwert braucht, um seine Feinde zu besiegen.>, antwortete der Fremde. <Es genügt mir, am Wasser zu sitzen und den Fluss zu beobachten.>

Die Burschen beäugten den Mann neugierig. Er hatte eine schmale Gestalt. In seinem bärtigen Gesicht hatte sich das Leben mit tiefen Kerben eingegraben. <Was suchst du hier?>, ergriff einer von ihnen das Wort.
<Ich suche nichts. Ich bin unterwegs, um dem Glück zu begegnen.>, antwortete der Mann.
<Welches Glück?, fragte einer Burschen.
<Das lässt sich nicht vorhersagen. Man weiß es erst, wenn man ihm begegnet.>, entgegnete der Mann.

Ene Mücke und ein Elefant begegneten sich im Urwald. <Halt.>, schrie die Mücke den Elefanten an und stellte sich ihm in den Weg. Der Elefant streckte seinen Rüssel drohend in die Höhe und fuhr die Mücke an. <Was wagst du es, mich aufzuhalten.>
Die Mücke rührte sich nicht von der Stelle. <Ich bin hier zuhause.>, rief sie. <Du bist fremd in diesem Land, das mir gehört.

Der Teufel und ein Engel begegneten sich. Der Engel saß auf einer Wolke und blickte mit verheulten Augen auf die Welt hinunter. <Warum bist du traurig?>, fragte der Teufel hinterlistig. <Ich sehe einen Menschen sterben.>, antwortete der Engel.
Der Teufel warf einen neugierigen Blick auf den Sterbenden, der in seinen letzten Atemzügen lag. Dann setzte sich er neben dem Engel auf die Wolke und nahm ihn tröstend in die Arme. <Der Mensch, um den du trauerst, lohnt deine Tränen nicht. Er war mir sein Leben lang ein treuer Diener.>, lachte er höhnisch.

Die alte Eule folgte den Ausführungen des Hahnes, ohne dass ein Ausdruck in ihrem Gesicht verriet, auf welcher Seite sie stand.
Als er mit seinem Bericht zu Ende war, sagte sie zu ihm:
<Seit vielen Generationen erfährt dein Volk Unrecht. Nun hast du geschworen, Rache an deinen Feinden nehmen. Und ich werde nichts daran ändern können. Aber du sollst wissen, dass sie kein Gleichgewicht schafft. Die Kinder, deren Väter und Mütter du töten wirst, um deine Toten zu rächen, werden eines Tages zu mir kommen werden, um Vergeltung zu schwören für das Unheil, das du über sie gebracht hast. Auch sie werden sich von mir die Rache nicht versagen lassen, weil die Toten immer auf der gleichen Seite der Waage liegen.>

Man begegnet im Leben nicht vielen Menschen, die man nicht vergisst. Es gibt sie. Aber die Suche nach ihnen dauert oft ein Leben lang. Wenn man einen von ihnen findet, sollte man ihn hüten wie einen Goldschatz. Ein einziger unter ihnen verdient es, dass man ihm ein Freund bleibt, wenn es andere nicht mehr sein wollen, ihn liebt, auch wenn er es nicht verdient und an ihn glaubt, wenn alle anderen, den Glauben an ihnen verloren haben.

Das Leben ist nur ein Wimpernschlag in der Zeit. Aber wenn wir unsere kleinsten Teile auseinander fließen, erwacht unsere Erinnerung in anderen Dingen und Wesen wieder zum Leben

<Wo bin ich?>, fragte der Junge den Weg, der ihn hierher geführt hatte. <Es ist der letzte Ort unserer gemeinsamen Reise.>, antwortete der Weg.
<Hier trennen wir uns.> Der Junge blickte den Weg traurig an.
<Werden wir uns einmal wiedersehen?>, fragte er. Der Weg nickte. <Ja.>, sagte er.<Aber anders als jetzt. Wenn wir einander wieder begegnen, werde ich für dich eine Erinnerung in Bildern und Briefen sein. Vom Leichten, das wir geteilt haben, wirst du nur noch ein fernes Lachen hören und vom Schweren keine Traurigkeit mehr empfinden.>

Ein Esel bleibt immer ein Esel. Man soll ihn auch als solchen behandeln und nichts Ungewöhnliches darin sehen, dass er sich wie einer verhält. Ansonsten ergeht es einem wie einem Bauern, der seinen Esel frei in einer Koppel laufen ließ.

Im Leben begegnet man vielen Menschen. Aber nur wenige findet man an jenen Orten, die einen Übergang bilden. Es sind die Menschen, die in Erinnerung bleiben wie eine Brücke, an denen man für immer von einem Ufer eines Flusses zum anderen hinüber wechselt.

I fight for this land and the fight will never end, as long blood runs in my vein, as long I have flesh on my bones, as long a thought is in my brain, as long my heart doesn’t rest under stones.

Nachdenklich blickte das Mädchen die Großmutter an. Ihr Gesicht trug die Spuren eines langen Lebens. Die fahle Haut war von dicken Furchen durchzogen. Zum ersten Mal wurde dem Mädchen bewusst, auf welche Weise die Menschen aus der Welt verschwanden. Der Zahn der Zeit zermahlte sie langsam bei lebendigem Leib.

Nach einem Spaziergang drückte einem Mädchen der Fuß. <Autsch.>, schrie sie auf und sprang aus dem Schuh. In der Innenseite der Sohle entdeckte sie einen winzigen Kieselstein. Als sie ihn ausschütteln wollte, flehte sie eine Stimme an. <Wirf mich nicht weg.> <Warum sollte ich dich behalten wollen?>, schnauzte das Mädchen den Kieselstein an. <Du hast mir weh getan.>

Eines gleich vorweg um jeden Zweifel auszuräumen. Diese Geschichte steht nicht in den Geschichtsbüchern. Das bedeutet nicht, dass sie niemals passiert ist. Manchmal liest man über sie im Wirtschaftsteil der Zeitungen. Leider geschieht es viel zu selten. Ich habe sie für die Unternehmensberater und Konzernführer aufgeschrieben. Meine Hoffnung unter ihnen Gehör zu finden, ist gering.

Manchmal denke ich noch daran. Aber die Erinnerung verschwimmt bereits. Wir haben gemeinsam durchgehalten. Ein Wunsch bleibt. Mögen diese Tage nicht wiederkehren.

In uralten Zeiten entdeckten die Menschen das Uhrwerk der Zeit tief im Inneren einer Höhle. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land. Eilig wurde eine Versammlung einberufen. Aus allen Erdteilen der Welt kamen die Völker und Stämme zusammen. Es wurden Reden gehalten. Es wurden Beschlüsse gefasst. Am Ende machten sich Boten in alle Windrichtungen auf, um das Ende der Zeit zu verkünden.

Von allen Geschichten, die erzählt werden, ist die Geschichte der Zeit die aller seltsamste. Sie verstreicht in Sekunden, Minuten und Stunden. In Tagen, Wochen und Jahren. Sie vergeht in den Jahreszeiten, Kalenderblättern und Küchenuhren. In den Zeitungen, Büchern und Geschichten. Aber am allermeisten vergeht die Zeit in den Gesichtern der Menschen.

Die wahre Größe eines Menschen offenbart sich erst dann, wenn man ihn aus den Augen verloren hat. Die Verlockungen der Welt sind vielfältig und die Ablenkung fällt leicht. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man zurückblickt. Und manchmal ist man über die Größe der Lücke erstaunt, die jemand zurückgelassen hat.

Als Kind war ich mutiger, als ich es heute bin. Ich maß die Gefahr nach der Größe der Dinge. Manchmal erschrak ich mich an der Unendlichkeit des Himmels, an der Weite des Horizonts und der Dunkelheit der Nacht. Aber ich fürchtete nichts, das sich kleiner anfühlte, als ich es war. Und nichts fühlte sich kleiner an als die Zeit.

Die Nacht war sternenhell, als der Tod auf das Dach kletterte. Der Vollmond versprach ihm einen leichten Fang. Seine Beute stand nur einen Schritt von ihm entfernt im offenen Fenster. Ein letzter Atemzug. Ein letzter Gedanke. Dann würde sie in seinem Mahlwerk verschwinden.

Gott hat den Menschen die Welt geschenkt. Der Teufel hat ihnen das Rechenrad gegeben, um ihren Wert zu bestimmen. Seither zieht der Hunger nach Macht und Besitz seine blutige Spur. Es gibt nur einen Ausweg dagegen. Diese Geschichte erzählt davon.

Der Krieg ist diesen Tagen aktueller denn je. Die Zuversicht, das er eines Tages wieder endet auch. Sie hat sich bisher immer erfüllt.

Diese Ostergeschichte ist anders. Bei Josef und Maria läuft es nicht mehr rund. Der gemeinsame Sohn sorgt für Ärger. Vom Schulabbrecher hat er sich zum Herumtreiber entwickelt. Maria glaubt unerschütterlich an ihn. Josef schwant dagegen Übles. Seiner Vorahnung verdanken wir es, dass die Hasen zu Ostern die Eier in die Nester legen. Habt Spaß damit. Frohe Ostern.

Man sah es ihr nicht sofort an. Ihre Figur war tadellos. Nur im Gesicht wirkte sie etwas schmal. Das schwarze Loch forderte nicht immer seinen Tribut. Es war geduldiger als bei anderen. Manchmal blieb es über Tage stumm.

Den blutigsten Teil seines Lebens verbrachte mein Opa im Krieg. Er haderte nicht wie andere damit, in einem verlorenen Krieg gekämpft zu haben. Vielmehr litt er darunter, was der Lärm der Maschinengewehre aus den Menschen machte.

Mein Opa kannte das Wort Zivilcourage nicht. Aber er war ein Mann, der auch in dunklen Zeiten seinen Charakter bewahrte und den Mut besaß, eigene Entscheidungen zu treffen.

Mein Opa war ein Held. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, dies selbst von sich zu behaupten. Ebenso wenig wie er darauf bestanden hätte, seine Pflicht erfüllt zu haben. Es blieb ihm wie den meisten anderen seiner Generation keine andere Wahl.

Mein Opa hat sich eine Hommage verdient. Es ist eine späte Wiedergutmachung. Wir waren zu seinen Lebzeiten keine Freunde. Heute verstehe ich, warum er keine Freude mit mir hatte.

Es steht nicht überliefert, an welchem Ort der Welt sich der Wicht und der Tiger über den Weg liefen. Aber dass sie sich begegnet sind, steht außer Zweifel. Denn über die Folgen dieses unglückseligen Aufeinandertreffens liest man täglich in den Schlagzeilen.

<Vielleicht sind wir eine Geschichte, die in einem Buch steht.>, sagte der Bär. <Warum sollten wir das sein?> lachte der Drache. <Weil es sonst keine Erklärung dafür gibt.>, antwortete der Bär.

<Heute löscht das Trinken nicht mein Feuer.> sagte der Drache und deutete auf das leere Glas in seiner Hand. Der Bär grinste verschämt. <Ich verbrenne gerne.> antwortete er.

Der Wind wehte nicht immer um die Welt. Am Anfang der Zeit stand er still und wohnte in einem Haus mit einem kleinen Vorgarten. Er führte ein beschauliches Leben. Meist saß er in seinem Wohnzimmer auf einem Stuhl und begnügte sich damit, aus dem Fenster zu blicken.

Worte können alles sein. Aber sie bedeuten nichts, wenn es Worte bleiben. Wer die Geschichte liest, wird wissen, dass es sich lohnt, sein Herz bis ans Ende der Welt zu tragen.

Der Bär und der Drache begegnen sich wieder.

Der Bär und der Drache erzählt keine Tiergeschichte. Sie schildert die Begegnung von zwei Menschen, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen.

Ein Pfau stand nachts an einem Teich und berauschte sich an seiner Pracht. Eitel entfaltete er sein Federkleid. Seine Schönheit rührte den Weiher zu einem verliebten Rauschen.

Endlich klärt sich auf, wie Jesus zu seinem Namen gekommen ist. Habt Spaß damit.

Als die Oma starb, war ich bereits ein Mann. Ich war 48. Sie war 95. Aber an ihrem Sterbebett im Spital hockte wieder der kleine Junge von früher. Wenn ich mich als Kind in Not fühlte, wünschte ich mir einen Riesen an meine Seite, der mich rettete.

Ich muss oft an meine Oma denken. Das Weihnachten in meiner Kindheit hatte immer mit ihr zu tun. Zuerst kam das Christkind. Dann kam das Neue Jahr. Und dann kam der Geburtstag der Oma.

Die Oma zog sich ihr Leben lang wie ein breiter Fluss durch die Familie. Ihre Kinder und Enkelkinder waren seine Ufer.

Eine Geschichte für alle, die auf der Suche nach der großen Liebe sind. Für alle, die glauben, sie noch nicht gefunden zu haben.

Die Bühne der Macht liebt keine unbequemen Zwischenrufe. Schon gar nicht will sie beim Abendessen gestört werden.

Das Leben ist voller Überraschungen. Manchmal bringt es einen dazu, etwas zu mögen, das man nie zu vermissen glaubte. Weil es einfach da ist. Weil man sich daran gewöhnt. Weil es fehlen würde. Oder weil es einfach aus dem Himmel fällt.

Ich werde geimpft. Endlich. Ich kann den Stich in den Arm kaum erwarten. Der Euphorie folgt die Ernüchterung. Die Impfstraße eignet sich wenig für einen zügigen Durchzugsverkehr. Der Rückstau schafft Raum für Zweifel. In der Warteschlange brodeln beängstigende Gerüchte auf. Lohnt es sich wirklich, auf den letzten Metern der Pandemie sein Leben zu riskieren?

Ich bin ein Mensch, der zur Ordnung und Reinlichkeit neigt. Trotzdem eilt mir der Ruf voraus, in kleinen Dingen nachlässig zu sein. Ich brösle und kleckere gerne. Wenn ich morgens das Badezimmer verlasse, vergesse ich die Zahnpastatube zu verschließen. Nach dem Morgenkaffee stelle ich die Tasse nicht in den Abwasch. Manchmal lasse ich die offene Butter auf dem Frühstückstisch zurück. Die Vorhaltungen darüber lächle ich weg. Ich bin nachsichtig mit den Klägern. Denn sie kennen die Geschichte nicht.