Tagebuch eines Stubentigers – 65

Metamorphose

Im Herbst lag am Weg
ein toter Vogel
von welkem Laub der Bäume bedeckt.

Im nächsten Frühjahr
wuchs an der Stelle eine Blume,
die aus seinem Dung aufgegangen war.

Sie streckte ihre Blüte himmelwärts,
als wollte sie dem Vogel danken
für seinen Todesschmerz.  

Lebenskampf

Das Leben ist ein Würfelspiel.
Man lernt die Regeln,
aber weiß die Zahlen nicht, die es spielt.
Wenn einer sich ins Unglück würfelt, hat man einen Wunsch.
Keiner von uns.
Und trägt den Gedanken in sich,
dass es besser einen anderen trifft.

Das Leben ist eine Reise.
Man sieht das Ziel,
aber weiß den Weg nicht, der zu ihm führt.
Wenn einer fehlt, hat man einen Wunsch.
Keiner von uns.
Und trägt den Gedanken in sich.
dass es besser einen anderen trifft.

Das Leben ist eine Leidenschaft.
Man spürt die Sehnsucht,
aber fühlt den Schmerz nicht, der sich in ihr verbirgt.
Wenn einer leidet, hat man einen Wunsch.
Keiner von uns.
Und trägt den Gedanken in sich,
dass es besseren einen anderen trifft.

Das Leben ist ein Aufenthalt.
Man lebt in der Zeit,
aber ahnt die Frist nicht, die jedem bleibt.
Wenn sie abgelaufen ist, hat man einen Wunsch.
Keiner von uns.
Und trägt den Gedanken in sich,
dass es auch einen selber trifft.