
Wie das Zirkuskind ihren Namen bekommt
Mit den Namen verhält es sich wie mit den Geschichten, denen sie dienen. Manche locken ihr Publikum mit einem lauten Knall. Andere treten als wilder Trommelwirbel in Erscheinung. Und einige gefallen sich darin, weit gereist zu klingen.
Wie alle Geschichten begann auch diese Geschichte mit einem Namen. Nicht im Traum hätte es seine Trägerin in Erwägung gezogen, ihn in den Mittelpunkt einer Geschichte zu rücken. Wenn es nach ihrem Willen gegangen wäre, würde niemand je etwas von ihm gehört haben. Viel zu absurd wäre ihr der Gedanke erschienen, die Aufmerksamkeit der Welt auf ihn zu lenken. Aber einmal in den Wind geworfen, ließ sich der Name nicht mehr einfangen. Irgendwer hatte im falschen Moment das Fenster geöffnet. Als man die hochflatternden Gardinen bemerkte, war es zu spät. Ein verspielter Wirbel hatte ihn in alle Richtungen verweht.
Fortan rief sie jedermann Xenia.
Es war ein ungewöhnlicher Name für ein Mädchen, dessen Alter sich an den Fingern einer Hand abzählen ließ.
Nicht weniger seltsam waren die Umstände, die zu seiner Entstehung geführt haben. In keinem Namensregister fand sich eine Spur von ihm. Seine Herkunft blieb auch nach einem Blick in die Geschichtsbücher rätselhaft.
Dem Fräulein „So-La-La“ kam die zweifelhafte Ehre zuteil, die erste Besitzerin des Namens zu sein. Die Begeisterung darüber glich der Freude, mit der man im Spiegel eine Warze auf seiner Nase entdeckt. Es brauchte lange, bis sie sich an ihn gewöhnte. Und der Annäherung ging ein zähes und feindseliges Ringen voraus.
Den Namen scherte es wenig, ob das Fräulein „So-La-La“ Gefallen an ihm fand. Er fegte über sie hinweg, wie ein aus heiterem Himmel ausbrechendes Unwetter.
Der Name, der in ihrer Geburtsurkunde stand, war Sophie Laura. Der Ruf dieses Namens war tadellos. Er bot keinerlei Anlass für gestreckte Zeigefinger, hochgezogene Augenbrauen oder mitleidige Stimmen. Sein klarer Klang schmeichelte sich in jedes Ohr. Auch schweren Zungen tänzelte er leichtfüßig über die Lippen.
Die leichte Eitelkeit, die ihm innewohnte, war der Unzahl seiner berühmter Vorbesitzerinnen geschuldet. So wäre meine Geschichte um ein Haar schon wieder zu Ende gewesen, noch ehe sie richtig begonnen hatte.
Als das kleine Mädchen jedoch den Mund öffnete und die ersten Worte plapperte, spitzte die Welt neugierig die Ohren.
Schon nach den ersten Sätzen wurde deutlich, dass etwas Ungeheuerliches im Gange war. Das makellose Bild stürzte vor aller Augen aus seinem Rahmen. Als wäre der angerichtete Schaden nicht groß genug, vollzog es sich mit einem unüberhörbaren Scheppern und Klirren.
Aus heiterem Himmel spielte die Zunge in ihrem Mund verrückt. Sie gebärdete sich übermütig wie ein Zirkusclown in der Manege und gefiel sich darin, mit Worten Unheil zu stiften.
Das allergrößte Vergnügen bereitete es ihr, den Namen des Mädchens in Unordnung zu bringen.
Bevor sich seine schmeichelnde Melodie entfalten konnte, packte ihn die Zunge mit boshafter Raffinesse. Sie schüttelte und rüttelte ihn durch, bis er jede Orientierung verloren hatte und nicht mehr wusste, was an ihm vorne und hinten war.
Da fand sich ein A, wo keines hinpasste. Da hörte man ein L, wo keines sein sollte. Da hoffte man verzweifelt auf ein F, wo es dringend gebraucht wurde. Da wartete man vergeblich auf ein U und ein R, wo sie unabkömmlich waren.
Seiner Schönheit beraubt, blieb ein trauriges „So-La-La“ übrig.
Für das kleine Mädchen brach eine Welt zusammen. Sie hatte ihren wahren Namen mit dem gleichen Stolz zur Schau getragen wie ein König seine Krone, ein General seine Orden oder ein Pfau sein Federkleid. Nur war ihr alle Freude daran verdorben.
Schon bei der ersten Silbe schlug ihr das Herz bis zum Hals. Die Kehle schrumpfte zu einem engen Nadelöhr. Ihre Lippen zitterten wie Espenlaub.
<S-o-p-h-i-e-L-a-u-r-a.>, presste sie mit zum Zerreißen gespannten Stimmbändern hervor.
Auf eine solche Gelegenheit hatte der Störenfried zwischen ihren Milchzähnen nur gewartet. Mit der Kaltblütigkeit eines Wegelagerers, der harmlosen Reisenden auflauerte, um sie ihrer Habseligkeiten zu berauben, stürzte er sich auf die Beute.
Der ungleiche Kampf war schnell entschieden.
<So-La-La.>, verhallten die Überreste des geschändeten Namens im Wohnzimmer.
Zu diesem Zeitpunkt ahnte das Mädchen nicht, dass sein Elend den Beginn jener Ereignisse markierte, die ihr Leben auf den Kopf stellen und sie tief ins Getriebe der Welt führen würde.
Zwischenspiel
Ich hatte die Geschichte vor Jahren in den Wind geworfen und sich selbst überlassen.
Nun saß sie plötzlich an meiner Bettkante. Das Wiedersehen fiel kühl aus. Es gab weder Umarmungen noch Küsse. Mich plagte ein schlechtes Gewissen. Ich war zweifellos ihr Schöpfer. Doch bei ihrer Rückkehr fiel es mir schwer, mich an sie zu erinnern.
Sie fühlte sich wie ein kalter Geist an, der mich in der Dunkelheit überfiel. Es brauchte Zeit, bis ich mich an ihre Gesellschaft gewöhnte.
Zuerst dachte ich, mein Verstand würde mir einen Streich spielen. Aber ich war weder betrunken noch von Tabletten benebelt. Ich lauschte ihrer Stimme in meinem Kopf, die immer mächtiger wurde. Langsam verflogen die Zweifel. Sie war zu mir zurück gekehrt und mit ihr der Zauber, der alle Geschichten erzählte, ohne ein Wort zu vergessen.
