
Wie das Fräulein „So-La-La“ den Zauber entdeckt, der alle Geschichten erzählt
Seit das Fräulein „So-La-La“ die alten Bücher in der Dachkammer des Vaters entdeckte hatte, kreiste ihr ganzes Denken um einen einzigen Wunsch. Irgendwann wollte sie eine Geschichte sein, die in einem Buch um die Welt reiste.
Nichts bot mehr Abwechslung als das Leben, das die Geschichten führten.
Sie waren in allen Sprachen und in jedem Zeitalter zuhause. Kein Kostüm und keine Kulisse waren ihnen fremd. Sie hatten nicht ein Leben. Ihnen standen abertausende zur Auswahl.
Schon mit den ersten Sätzen verschwamm die Welt vor Augen. Die eigenen Gedanken verloren sich im Gewirr fremder Stimmen, die durch den Kopf schwirrten.
In ihrem Charakter zeigten sie sich launisch wie das Meer. Ruhig und glatt an einer Stelle. Aufbrausend und stürmisch an einer anderen.
Ob sie zum Lachen anstachelten oder zu Tränen rührten. Ob mit ihnen der Puls raste oder die Augenlider schwer wurden. Ob sie mit lautem Gepolter die Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Oder auf leisen Sohlen ihrer Wege gingen.
In ihrer Begleitung durfte man alles wagen. Wie verschlungen die Pfade waren, an denen sie ihre Zuhörer entlang führten. In welche Abgründe man an ihrer Seite blickte.
Nach dem letzten Satz zerstoben die Bilder im Kopf wie Sand, den man in den Wind warf. Alles löste sich in Luft auf. Nichts war tatsächlich geschehen. Einzig die Zeiger der Uhr hatten sich ein Stück im Kreis gedreht.
Aber bei aller Begeisterung quälte das Fräulein „So-La-La“ unentwegt die gleiche Frage.
Gaben die Geschichten alle Geheimnisse preis? Oder behielten sie das Allerbeste für sich?
Vielleicht dienten die Bilder, die sie in ihren Kopf zauberten, bloß dem Zweck, den wahren Kern der Geschichten im Verborgenen zu halten?
er Zweifel trieb sein teuflisches Spiel mit ihr. Wie konnte sie sicher sein, nicht um das Schönste betrogen zu werden, solange sie nicht mit eigenen Augen sah, was die Geschichten sahen? Aber wie sollte sie es anstellen, ihnen das Geheimnis zu entreißen? Die Geschichten waren nicht mit den Händen zu greifen. Sie blieben flüchtig wie das Licht und der Wind.
Ein Zwischenruf oder ein abschweifender Gedanke reichten aus, um ihre Gunst zu verspielen. So schnell sie im Kopf zum Leben erwachte, verschwanden sie wieder, ohne einen Hinweis über ihren Verbleib zu hinterlassen.
Ehe man sich versah, verlor sich ihre Spur auf Nimmerwiedersehen zwischen den Buchseiten. Ihnen zu folgen, glich dem Versuch, gackernden Hühnern nachzujagen, die in alle Richtungen auseinander flatterten.
Die Mutter entlockte den Büchern wunderbare Geschichten, in denen gelacht, geweint oder gestritten wurde. Die Seiten waren voller Abenteuer und Leben. Sobald das Fräulein „So-La-la“ in ihnen blätterte, verklumpte sie zu einem stummen Papierhaufen, dem nicht das Geringste zu entlocken war.
Anstelle der Geschichten grinste ihr ein fetter Wurm entgegen. Der merkwürdige Bewohner zeigte keinerlei Anstalten vor ihren bohrenden Blicken Reißaus zu nehmen. Seelenruhig döste er vor sich hin, als wäre er an unerwarteten Besuch gewöhnt.
In langen Schlingen wühlte sich der Wurm von Seite zu Seite durch das gesamte Buch. In seinen Einzelteilen bestand er aus winzigen Zeichen, die sich in beliebiger Reihenfolge wiederholten.
Seine gigantische Länge zwang den Wurm auf kleinstem Raum zu hausen. Trotz der beengten Verhältnisse gedieh er prächtig.
Die größten Exemplare beanspruchten nicht selten hunderte Seiten, bis man sie von vorne bis hinten durchgeblättert hatte. Das ungebremste Wachstum des Wurmes machte aus Büchern dicke Wälzer.
Was zuerst wie ein lästiges Ärgernis aussah, spitzte sich bald dramatisch zu. Der Wurmbefall nahm ein erschreckendes Ausmaß an.
ilflos musste das Fräulein „So-La-La“ miterleben, wie ihm die gesamte Bibliothek des Vaters zum Opfer fiel. Welches Buch sie aus dem Regal zog. An welcher Stelle sie es aufschlug. Überall steckte der Wurm drin.
Mit zittrigen Händen quälte sich das Fräulein „So-La-La“ durch die Bücher. Auf jeder Seite fand sie die gleiche Trostlosigkeit vor, als würde sie durch die leeren Räume eines Hauses streifen, das von seinen Bewohnern Hals über Kopf verlassen worden war. Der Wurm, der ihren Platz eingenommen hatte, blieb stumm wie ein Fisch. Nichts brachte ihn dazu, Auskunft über das Schicksal der verschwundenen Geschichten zu geben.
Weder die Drohung, ihm mit spitzen Fingernägeln zu Leibe zu rücken, der Versuch, ihn durch heftiges Kitzeln vermochten ihn einzuschüchtern.
Mit stoischer Gelassenheit erduldete er jede Folter, ohne dass ihm ein verräterischer Laut zu entlocken war.
Angewidert klappte das Fräulein „So-La-La“ den Buchdeckel zu. Anstatt mit eigenen Augen zu sehen, was die Geschichten sahen, musste sie mit der Gesellschaft einer fetten Made vorlieb nehmen.
Zum Schein mimte sie weiterhin die begeisterte Zuhörerin, die den Geschichten andächtig an den Lippen hing. Tatsächlich schenkte sie der Handlung keinerlei Beachtung mehr. Ihre ganze Aufmerksamkeit verschwendete sich an Namen, Orten und Jahreszahlen. Kein Nebensatz durfte mehr übersprungen, kein Wort mehr verschluckt werden.
Jede noch so kleine Nachlässigkeit barg das Risiko eine entscheidende Wegmarke zu verpassen, die zum Versteck führte, an dem die Geschichten das Beste vor ihr verbargen.
Innerhalb weniger Wochen agierte sie im Wirrwarr der Fäden, die sich durch die Geschichten zogen, mit der spielerischen Leichtigkeit eines Puppenspielers.
Nie landete eine Prinzessin in den Armen eines ungeliebten Prinzen. Nie kreuzte ein Entdecker mit seinem Schiff im falschen Ozean. Nie kämpfte sich ein Feldherr durch ein Jahrhundert, das nicht zu seiner Uniform passte.
n ihrem Eifer, mit eigenen Augen zu sehen, was die Geschichten sahen, verlor das Fräulein „So-La-La“ jedes Maß. Stück für Stück ging der eigentliche Sinn der Bücher verloren. Sie waren keine Zeitabkürzungsmaschine mehr, die verregnete Nachmittage oder trübe Herbsttage vertrieb. Stattdessen verkamen sie zu einer monotonen Aufzählungsmaschine von Namen, Orten und Jahreszahlen. Der rote Faden, der sich durch die Geschichten zog, verknotete sich zu einem unentwirrbaren Knäuel.
Am Ende passierte das Unvermeidliche. Als erstes purzelten die Namen durcheinander. Dann passten die Kostüme nicht mehr zu den Kulissen. Schließlich irrten die Geschichten durch Jahrhunderte, wo sie gar nicht hingehörten.
Der Versuch mit eigenen Augen zu sehen, was die Geschichten, sahen, geriet für das Fräulein „So-La-La“ zu einer Katastrophe. Der Wurm, der sich durch die Bücher zog, nistete sich in ihrem Kopf ein und richtete ein furchtbares Durcheinander an.
Egal an welchem Faden das Fräulein „So-La-La“ zog. Kein Anfang einer Geschichte führte mehr zu seinem richtigen Ende.
Der Appetit der Made war nicht zu stillen. Unaufhaltsam fraß sie sich durch ihre Erinnerungen, bis ihr Kopf leer war. Selbst der eigene Name wollte ihr nicht mehr einfallen.
Mit einem lauten Schrei fuhr das Fräulein „So-La-La“ aus dem Schlaf. Schweißgebadet rieb sie sich die Augen. Zum Glück war es nur ein Traum gewesen.
Am nächsten Tag erzählte sie der Großmutter von ihrem Alptraum.
Oma Rosa hörte schweigend zu. Ohne ein Wort zu sagen, nahm sie ein Buch über die Entdeckung Amerikas zur Hand und blätterte es an einer beliebigen Seite auf.
„Was siehst du darin?“, fragte sie.
Das Fräulein „So-La-La“ drehte angewidert den Kopf weg. Der bloße Anblick der hässlichen Made, die sich in engen Schlingen über die Seite bewegte, war ihr unerträglich. Oma Rosa rückte sich die Brille auf der Nase zurecht. Ihr Zeigefinger glitt die dünne Linie des Wurmes entlang.
<Ich sehe ein mächtiges Schiff mit weißen Segeln, in der
Matrose im Mastbaum sitzt und mit einem Fernglas den Ozean absucht.“
Die Großmutter hielt kurz inne. Sie blätterte auf die nächste Seite. Wieder folgte ihr Finger der Schlangenlinie des Wurmes. „Das Geschrei des Matrosen übertönt das Getöse des Meeres. Er schwingt sich auf einen Querbalken und winkt dem Kapitän, der auf der Brücke neben dem Steuermann steht. Eine heftige Welle schlägt gegen das Schiff. Der Matrose stürzt aus dem Gleichgewicht. Im letzten Augenblick gelingt es ihm, sich an einem Seil festzuhalten.
Er richtet sein Fernglas nach dem Horizont aus. Der Küstenstreifen, der eben noch ein schmaler Strich gewesen war, ragt nun deutlich über der Wasserlinie empor.“
Mit offenem Mund verfolgte das Fräulein „So-La-La“ wie der Zeigefinger der Großmutter den Wurm in einen unendlichen Ozean verwandelte, auf dem ein mächtiges Schiff den Wellen trotzte.
Für einen kurzen Moment glaubte sie mit eigenen Augen zu sehen, was die Geschichten sahen.
Sie versuchte es der Großmutter nachzumachen und folgte mit dem Zeigefinger der Linie des Wurmes.
Weit und breit war kein Schiff auszumachen, das inmitten einer stürmischen See mit geblähten Segeln auf eine unentdeckte Küste zusteuerte. Der Wurm blieb hartnäckig eine unansehnliche Made, die sich in engen Bahnen langsam die Seite hinunter schlängelte.
Der Zeigefinger der Großmutter nahm erneut Fahrt auf und glitt flott über die Zeilen.
„Ich sehe Land.“, donnerte sie aus voller Brust.
Sie hob den Kopf und starrte zum Fenster hinaus. In ihren Augen spiegelte sich das Staunen des Matrosen, der auf den Küstenstreifen eines unbekannten Kontinents blickte.
achdem sie Amerika entdeckt hatte, verlor Oma Rosa das Interesse an der weiteren Schiffsreise.
Sie klappte das Buch zu und legte es auf ihren Schoß.
„Die Seefahrt lässt die Kehle trocken werden.“, lachte sie und griff mit einer Hand nach der Kaffeetasse.
Mit der anderen fingerte sie eine sie eine Zigarre aus ihrer Schürze. Ein kleine Streichholzflamme flimmerte auf.
„Die Entdeckung eines Kontinents verdient ein kleines Feuerwerk.“, sagte sie und blies eine Rauchwolke in Richtung der amerikanischen Küste.
Dem Fräulein „So-La-La“ war nicht zum Feiern zumute. Ihre Mundwinkel türmten sich zu einem traurigen Hügel hoch. Ungefragt fischte sie das Buch vom Schoß der Großmutter und schlüpfte mit ihrer Beute unter den Küchentisch.
Als sie das Buch mit dem Rücken nach oben aufklappte und ausschüttelte, ergoss sich keine stürmische See in den Raum. Es purzelte auch kein Schiff mit weißen Segeln samt Matrosen über den Küchenboden.
Wie konnte sie nur auf einen solchen Unsinn hereinfallen, ärgerte sich das Fräulein „So-La-La“. Bestimmt lachte sich die Großmutter halbtot über ihre Dummheit, zwischen den Seiten eines Buches nach einem Schiff zu suchen, das auf einen unentdeckten Kontinent zusteuerte.
Wie aber erklärte sich dann der Ozean, den sie mit eigenen Augen in dem Buch gesehen hatte, als sie mit dem Zeigefinger der Linie des Wurmes gefolgt war?
In der Zwischenzeit genoss die Großmutter ihren Ruhm, an der Eroberung Amerikas teilgenommen zu haben. Dass sie sich dabei um mehrere Jahrhunderte verspätet hatte, kümmerte sie wenig.
Sie nahm gerade einen tiefen Zug an ihrer Zigarre, als das Buch in hohem Bogen unter dem Küchentisch hervorflog und direkt vor ihren Füßen landete.
Augenblicke später tauchte das tränenüberströmte Gesicht von Fräulein „So-La-La“ auf.
Mehrmals hatte sie das Buch von vorne nach hinten durchgeblättert.
er Wurm hatte das Schiff samt dem armen Matrosen mit Haut und Haaren verschluckt. Obendrein hatte er einen ganzen Ozean leergesoffen.
Die Großmutter zerplatzte fast vor Lachen.
„Der Wurm, der in den Büchern haust, bewahrt die Geschichten vor dem Vergessen.“, klärte sie den Irrtum auf.
„Sein Zauber besitzt die Gabe, durch die Jahrhunderte zu reisen und Menschen aus vergangener Zeit aus ihren Gräbern zu holen.“
Der Zeigefinger des Fräuleins „So-La-La“ rotierte wie der Propeller eines Flugzeuges. Im letzten Moment zuckte sie zurück.
Sollte ausgerechnet der Wurm ihren Wunsch erfüllen, als Geschichte um die Welt zu reisen?
„In einem Buch ist das Ende einer Geschichte kein Ende. Man muss nur die Seiten zurückblättern. Schon beginnt die Geschichte von neuem.“, echote die Stimme der Großmutter in ihren Ohren.
Das Fräulein erzitterte. Eine Gänsehaut zog sich über ihren Rücken.
Der Wurm konnte nicht nur einen Ozean auf die Größe eines Buches schrumpfen. Er war auch imstande, beliebig in der Zeit umher zu springen. Das Fräulein „So-La-La“ spürte, wie ihre Knie zu zittern begannen.
Sie hatte kein Interesse mehr, ihre Zeit mit der Suche nach einem Schiff zu vergeuden, das auf die Küste Amerikas zu segelte.
An diesem Nachmittag wartete etwas Größeres darauf, von ihr entdeckt zu werden, als ein verlassener Küstenstreifen am Ende der Welt.
Plötzlich erklärte sich, wie die Geschichten an jeden Punkt der Welt reisten. Die Mundwinkel des Fräuleins „So-La-La“ türmten sich zu einem steilen Hügel auf.
Die Geschichten waren nicht auf die Dienste von Möbelpackern angewiesen. Auf das Format einer Taschenbuchausgabe geschrumpft, verschwanden ganze Weltreiche in Handtaschen und Koffern oder stapelten sich auf den Sitzen der Züge, Buse und Flugzeuge.
hne sie eines Blickes zu würdigen, schritten die Fahrkartenverkäufer an ihnen vorbei.
„Verrcükte Wlet.“, empörte sie das Fräulein „So-La-La“.
Ihr Groll richtete sich gegen die Nachlässigkeit der Kon Kontrolleure, die den Geschichten die Schwarzfahrerei gestatteten.
Lautstark beklagte sie den Missstand. Ihr Vorschlag, die Zugschaffner und Spediteure auf die blinden Passagiere aufmerksam zu machen, stieß bei Oma Rosa jedoch auf taube Ohren.
„Lieber verzichten sie weiterhin auf das entgangene Fahrgeld, als von einem Mädchen als Dummköpfe
entlarvt zu werden.“, lachte sie.
„Ich wrede nie mit den Geschcihten um die Wlet riesen.“, glaubte das Fräulein „So-La-La“ nicht, das Mitleid der Fahrkarten-verkäufer erregen zu können.
Damit verlor sie die letzte Hoffnung, mit eigenen Augen zu sehen, was die Geschichten sahen. Die Reisespesen waren zu hoch dafür.
Die Großmutter griff nach dem Buch, das vor ihren Füßen lag und blätterte es an einer beliebigen Stelle auf.
Ihr Zeigefinger fuhr sanft die Linie entlang, auf der sich der Wurm über die Seiten schlängelte.
„Man muss keinen Fuß vor die Tür setzen, um einer Geschichte um die Welt zu folgen.“, sagte sie.
„Der Wurm, der in Büchern haust, erzählt alle Geschichten, ohne ein einziges Wort auszulassen. Wenn du ihn zum Reden bringst, lässt er dich sehen, was die Geschichten sehen.“
Das Fräulein „So-La-La“ schüttelte den Kopf. Alle bisherigen Versuche, der hässlichen Made einen Ton zu entlocken, waren kläglich gescheitert.
Ab und zu geschahen Wunder. Oder man besaß das Glück eine Großmutter mit einem klugen Kopf und einer Leidenschaft für stinkende Zigarren zu haben.
<Diese Kunst wird in Zauberschulen unterrichtet.“, tröstete sie ihre Enkelin.
Die Verwirrung des Fräuleins „So-La-La“ war so groß, dass der verrückte Clown in ihrem Mund vergaß, seinem schlechten Ruf gerecht zu werden.
„Und ich darf dort zur Schule gehen?“, stieß er im richtigen Wortlaut hervor.
„Daran besteht nicht der geringste Zweifel.“, antwortete die Großmutter.
„Alle Kinder lernen den Zauber, der den Wurm in den Büchern zum Sprechen bringt.“
Das Fräulein „So-La-La“ brach in spontanen Jubel aus. Mehrmals zwang sie die Großmutter, ihr Versprechen zu wiederholen. Vorsichtshalber kniff sie sich in die Wange, um sich vergewissern, dass sie nicht träumte. Ihre Freude erlitt einen jähen Dämpfer. Sie war noch zu jung für die Schule.
Das Fräulein „So-La-La“ zog eine Miene, als hätte sie an einer sauren Zitrone geleckt.
Einstweilen blieb ihr nichts anderes übrig, als sich mit dem Schweigen des Wurmes abzufinden. Sie tröstete sich damit, die Neuigkeit angeberisch ihrer Lieblingspuppe ins Ohr zu flüstern.
„Aus mir wrid enies Tgaes enie gorße Zuaberin.“, prahlte sie mit stolzgeschwellter Brust.
„Dnan behrersche ich die Zuaber, der alle Geshcichten erzhält, onhe ein eniziges Wort auszulsasen.“
Die Worte zergingen ihr wie Schokolade auf der Zunge. Ein Leben lang würde sie nicht die Blicke vergessen, mit denen sie die Puppe um ihre Zukunft beneidete.
Denn auch für eine Puppe gab es nichts Schöneres, als die Vorstellung, eines Tages eine Geschichte zu sein, die um die Welt reiste.
n der Freude darauf, eines Tages mit eigenen Augen zu sehen, was die Geschichten sahen, begann das Fräulein „So-La-La“ Reisepläne zu schmieden. In ihrem Kopf hatte sie sich bereits eine Reiseroute zurecht gelegt.
Als erstes wollte sie in die Urwelt reisen, um den Dinosauriern einen Besuch abzustatten. Nach einem kurzen Zwischenstopp in der Steinzeit warteten die Burgen des Mittelalters darauf, von ihr erkundet zu werden. Ebenso standen abenteuerliche Entdeckungsfahrten zu unerforschten Kontinenten und ein Ausflug an den Hof eines berühmten Königs auf dem Programm.
Aber am allerbesten fühlte sich die Vorstellung an, selbst eine Geschichte zu sein, die um die Welt reiste.
Bedauerlicherweise bot ihr Dasein nichts Berichtenswertes, das die Strapazen einer solchen Reise rechtfertigte. Noch die langweiligsten unter den Geschichten klangen spannender als das Leben, das sie führte.
Sie war nichts weiter als ein Mädchen wie es sie zu hunderttausenden gab. Ihr Alter ließ sich an den Fingern einer Hand abzählen. Sie war schmal wie eine Scheibe Brot, wog weniger als ein Sack Hühnerfedern und passte aufrecht unter jeden Küchentisch, ohne mit dem Kopf anzustoßen. Wenn sie den Mund aufmachte, verwandelte sich ihre Zunge in einen verrückten Clown und brachte sie in die schlimmsten Verwicklungen.
Aber sonst?
Ihre Mutter zog jeden Morgen die Sonne über den Horizont am Himmel hoch und brütete mit ihren Launen das Wetter aus.
Aber sonst?
Ihr Vater kletterte abends mit der Aktentasche im Arm bis zu den Sternen hinauf, um das schwerste Gewicht der Welt in den Himmel zu schrauben.
Aber sonst?
Ihre Großmutter roch nach Hexenschmiere und verbarg das Beweisstück über ihre wahre Natur vor den Augen der Welt in einer abgesperrten Kammer.
Aber sonst?
Eine solche Geschichte reiste nicht um Welt. Bestenfalls eignete sie sich als Tratsch für die Nachbarn.
Bei einem Spaziergang mit ihrer Großmutter grübelte sie über ihr langweiliges Leben nach. Im Groll scheuchte sie einen Taubenschwarm auf, der friedlich in einer Wiese saß. Die Vögel flatterten dicht über dem Kopf der Großmutter in die Bäume hoch.
Vor Schreck fiel Oma Rosa die Zigarre aus dem Mund. Die glühende Asche hinterließ einen hässlichen Brandfleck auf ihrer Bluse.
„Ich sehe den beleidigten Mittelpunkt der Welt vor mir, der beinahe die eigene Großmutter zu Asche brennt.“, knurrte sie.
Nachdem die Feuergefahr gebannt war, sammelte sie ihre Zigarre vom Boden auf und setzte sich auf eine Parkbank.
Das Fräulein „So-La-La“ baute sich breitbeinig vor ihrer Großmutter auf. In ihrem Kopf dampfte immer noch die Wut über ihr ereignisloses Dasein, das sie daran hinderte, als Geschichte um die Welt zu reisen.
Sie streckte den Zeigefinger aus und tippte ihn zweimal gegen ihre Stirn.
Wer ein Mädchen, dessen einziges Talent es war, aufrecht unter dem Tisch zu stehen, ohne sich den Kopf anzustoßen, zum Mittelpunkt der Welt erklärte, hatte nichts Besseres verdient.
ma Rosa nahm die Beleidigung hin, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Natürlich ist das eine Sache der Auslegung.“, sagte sie und blies eine dicke Rauchwolke aus ihrem Mund.
Unwiderlegbar besäße die Erde die Form einer Kugel, führte sie weiter aus.
Diese Tatsache würde jedermann die Gelegenheit geben, den eigenen Standpunkt zum Nabel der Welt erklären.
Nach Ansicht der Großmutter war in einer Zeit, in der die Nachrichtensprecher auf den Bildschirmen das Sagen hatten, diese Vorgangsweise nichts Ungewöhnliches.
„Die Nachrichten legen jeden Tag neu fest, wo sich der Mittelpunkt der Welt befindet.“, behauptete die Großmutter.
Abermals umwölkte eine dicke Rauchschwade ihren Kopf. Vorsorglich versteckte das Fräulein „So-La-La“ ihren Zeigefinger unter dem Pullover, damit er sich zu keiner weiteren Dummheit hinreißen ließ.
Gewiss schadete es nicht, ein bekanntes Gesicht zu besitzen, wenn man als Geschichte um die Welt zu reiste. Aber sollte sie gleich so weit gehen, sich zum Mittelpunkt der Welt auszurufen?
„Papperlapapp.“, fuhr ihr die Großmutter in die Parade.
Die Mitte der Welt wäre nicht in Stein gemeißelt und befinde sich ständig in Bewegung.
Die Zeit, in der noch ein Blick auf die Landkarte genügt hatte, um sie finden, war durch das Diktat der Bildschirme und Mobiltelefone abgelöst worden . Nunmehr müsste man stündlich die Nachrichten hören, um seine aktuelle Position zu bestimmen.
„Wer jedoch nach dem wahren Mittelpunkt der Welt sucht, hat es nicht nötig, sein Gesicht im Fernsehen oder in den Zeitungen zu sehen.“
Während das Fräulein „So-La-La“ dem Redeschwall der Großmutter lauschte, tauchte vor ihren Augen das schemenhafte Bild einer Zielscheibe auf.
weifellos markierte der schwarze Punkt in der Mitte den gefährlichsten Punkt. Wobei es nicht ankam, wie oft er tatsächlich getroffen wurde. Die Mehrheit der Einschläge landete weit abseits von ihm. Ungleich bedrohlicher als die tatsächlichen Treffer wirkte die Tatsache, dass jeder Schuss auf ihn abzielte.
Angesichts dieser Gefahr blieb es für das Fräulein „So-La-La“ unerklärlich, warum die Menschen keine Anstrengung scheuten, im Mittelpunkt zu stehen.
Ihr Zeigefinger zuckte unruhig. Das Fräulein „So-La-La“ versuchte ihn zu beruhigen, in dem sie ihm Gelegenheit gab, den Tiefgang ihres Bauchnabels zu erkunden.
Ein unbekannter Kitzel begleitete seine Entdeckungsfahrt. Neugierig schob das Fräulein „So-La-La“ den Pullover hoch und beäugte die Stelle, in der sich ihr Zeigefinger hineinbohrte. Bisher hatte sie dem unförmigen Loch wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
Seine einziger Nutzen schien darin zu bestehen, die Gürtelschnalle ihrer Hosen darunter festzuziehen.
Ratlos blickte das Fräulein „So-La-La“ auf kleine Senke in ihrer Körpermitte. Die Erkenntnis, dass sie sich genau auf halber Strecke zwischen ihrem Kopf und ihren Füßen befand, trug wenig bei, das Interesse an ihm zu steigern.
„Der Bauchnabel ist kein unnützer Schandfleck.“, stieß sich die Großmutter an der Geringschätzung, die ihm das Fräulein „So-La-La“ entgegenbrachte.
„Er erinnert jeden Menschen an seinen Anfang.“
Das Fräulein „So-La-La“ zog eine säuerliche Miene. Dafür musste sie ein Leben lang mit einem Krater im Bauch herumrennen.
er Nabel am Bauch zeigt dir, aus welcher Mitte du abstammst.“, widersprach die Großmutter ihren stummen Gedanken.
Genervt setzte sich das Fräulein „So-La-La“ mit dem Rücken zu ihr auf die Parkbank. Sie wusste längst, dass die Kinder in den Bäuchen ihrer Mütter heranwuchsen. Aber diese Tatsache, hatte nichts mit dem Mittelpunkt der Welt zu tun. Es war bloß die Stelle mit dem meisten Platz dafür.
Inzwischen hatte ihr Zeigefinger den tiefsten Punkt des Bauchnabels erkundet. Der wulstige Krater, der sich in ihm verbarg, hatte nichts Großartiges an sich.
Ganz und gar nicht fühlte er sich wie der Mittelpunkt der Welt an.
Mit Mühe unterdrückte sie das Verlangen ihres Zeigefingers, aus dem Pullover hervorzuschießen und sich gegen die Stirn zu tippen.
„Wer seine Herkunft verleugnet, verliert sich am Ende ganz.“, beharrte die Großmutter.
Als Beweis diente ihr die Geschichte eines Seiltänzers, dessen Wagemut seine Zuschauer begeisterte.
„Niemand anderer bewegte sich mit größerer Leichtigkeit auf dem Seil.“, schwärmte Oma Rosa von seiner Kunst.
„Schwerelos tanzte er über dem Abgrund, der sich unter seinen Füßen auftat. Bis an dem Tag, an dem er zu grübeln begann. Es genügte ihm nicht mehr, ein Seiltänzer zu sein. Unentwegt blickte er zum Himmel zu den Vögeln hinauf, die hoch in den Lüften ihre Kreise zogen.
„Wäre ich ein Vogel, müsste ich nicht auf einem Seil tanzen.“, beneidete er sie.
Er streckte die Arme zur Seite ahmte ihre Flügelschläge nach. Die Menschen, die ihn vom Boden beobachteten, schrien auf. Der Seiltänzer begann zu taumeln. Seine Füße fanden keinen Halt mehr auf dem Seil. Vor aller Augen kippte er aus dem Gleichgewicht und stürzte in sein Verderben.“
as traurige Ende des Seiltänzers entsetzte das Fräulein „So-La-La“. Die wässrigen Augen verrieten ihr Mitleid mit ihm.
„Der Seiltänzer ist abgestürzt, weil er seine Mitte aus den Augen verloren hat. “, seufzte die Großmutter.
„Er hat sie an der falschen Stelle gesucht.“
Ein Geistesblitz durchzuckte das Fräulein „So-La-La“. Vielleicht lieferte das Schicksal des Seiltänzers den entscheidenden Hinweis, wo der Mittelpunkt der Welt zu finden war?
Sie sprang von der Parkbank hoch und hüpfte über die Wiese. Übermütig schlug sie Pfauenräder auf dem Boden. Nach einigen Überschlägen erstarrte sie. Langsam zog sie die Arme zur Seite hoch, bis sie eine gerade Linie mit den Schultern bildeten. Sie beugte den Oberkörper nach vor und streckte das linke Bein nach hinten durch.
Anfangs gelang es ihr nur mit Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Sie ruderte mit den Armen, um nicht zur Seite zu kippen. Dann passierte alles wie von selbst. Ihr Körper entspannte sich. Das Zittern im rechten Bein hörte auf. Sie schloss die Augen und ließ sich von ihren Gefühlen leiten. Ein wohliger Schauer durchströmte sie vom Kopf bis zu den Zehenspitzen.
Sie hatte aufgehört, ein Mädchen zu sein, das sich daran störte, nur aufrecht unter dem Küchentisch zu stehen, ohne mit dem Kopf anzustoßen. Sie war eine Tänzerin, die auf einem dünnen Seil balancierte. Alle Ängste verloren sich als winzige Punkte in der Tiefe.
Auf einmal hatte es keine Bedeutung mehr zu sehen, was die Geschichten sahen. Viel schöner fühlte es sich an, leichtfüßig auf einem unsichtbaren Seil zu schweben.
„Ist das der Mtitelpnukt der Wlet?“
Erwartungsvoll blickte sie zu ihrer Großmutter auf.
„Ich denke, du hast gefunden, wonach du gesucht hast.“, antwortete Oma Rosa.
as war kniderliecht.“, begeisterte sich das Fräulein „So-La-La“ an ihrer Entdeckung.
Wie bedauernswert erschienen ihr die Menschen, die ihr Dasein an den Ehrgeiz vergeudeten, über die Bildschirme zu flimmern oder in den Zeitungen nach ihren Namen zu suchen.
Für dieses Ziel nahmen sie jede Anstrengung in Kauf. Kein Preis war ihnen zu hoch und keine Dummheit zu groß. Erwartungsvoll sah man ihre Gesichter in die Kameras blicken und aus den Zeitungen lachen.
Am Ende ereilte die meisten von ihnen das Schicksal des Seiltänzers. Sie suchten wie er an der falschen Stelle. Während sie ein Leben lang ruhelos nach ihm Ausschau hielten, waren sie nie weiter von ihm entfernt als das winzige Loch in ihrem Bauch.
Man konnte ihn an jedem Ort der Erde finden. Es hörte sich beinahe zu einfach an. Man musste nichts anderes tun, als die Arme zur Seite strecken und auf einem Bein stehend das Gleichgewicht halten.
Zwischenspiel
Die Geschichte, die an meiner Bettkante saß, hielt nichts mehr auf ihren Platz. Sie erhob sich und schwebte schwerelos im Raum wie ein Tänzer, der auf einem unsichtbaren Seil balancierte.
In der Nacht, in der sie durch das offene Fenster in mein Fenster gestiegen war, verschwammen die Gesetze der Welt.
Ich begann Dinge zu sehen, die längst versunken waren. Die Vergangenheit erwachte vor meinen Augen.
„Jeder Mensch ist für sich die Mitte der Welt.“, sagte die Geschichte.
Wie recht sie hatte. Ihre Anwesenheit schenkte mir eine Nacht lang das Gefühl der Punkt zu sein, um den sich die Welt drehte.
