Das Zirkuskind – 09

Wie das Fräulein „So-La-La“ herausfindet, dass ein Buchhalter die schwersten Schraubarbeiten der Welt zu tun hatte

Auf den ersten Blick unterschied sich das Haus, in dem Fräulein „So-La-La“ aufwuchs, kaum von den anderen Häusern  in der Nachbarschaft. Es war ein unscheinbares  Reihenhaus mit hellrosa Fassade am Rand einer Vorstadtsiedlung.  Mit seinen drei Stockwerken ragte es bis zur Spitze des Magnolienbaumes hoch, der im Vorgarten stand.   

Obenauf trug es ein Dach, das an einen spitzen Hut erinnerte. Die einzige Auffälligkeit war ein verrosteter  Antennenmast, der hoch in den Himmel ragte. Nachts erhellte ihn ein schwacher Lichtschein aus einem Dachfenster. Dahinter lag das Arbeitszimmer des Vaters.

Sein honigfarbener Schreibtisch stand direkt unter dem Fenster. Ein Bürostuhl, ein kleiner Kaminofen und ein mit Büchern zugestopftes Bücherregal komplettierten die karge Einrichtung. 

Auf dem Boden stapelten sich Bücher- und Aktenberge zu einem undurchdringlichen Labyrinth hoch.
In den Sommermonaten brannte die Sonne unbarmherzig durch die dünne Dachhaut. Im Winter kämpfte der kleine Elektrokamin vergeblich gegen die klirrende Kälte an, die aus allen Ritzen kroch.  

Oft wurde es Mitternacht, bis der Vater seine Arbeit unterbrach schwerfällig die Treppe hinunter stieg.
Manchmal wachte das Fräulein „So-La-La“ vom Lärm der knarrenden Stufen auf. Mit offenen Augen starrte sie zur Tür und zerbrach sich den Kopf, was es Wichtiges zu tun gab, dass ihn spät in die Nacht an seinen Schreibtisch fesselte.

Jedes Mal endeten ihre Gedanken bei der Aktentasche, die er keine Sekunde aus den Augen ließ. Niemand außer ihm durfte sie anfassen.  
Augenscheinlich besaß sie keinerlei Wert. Das verbeulte Leder glänzte speckig. An den Metallschnallen  auf der Vorderseite fraß der Rost. 

Beim Abendessen schlang der Vater sein Essen in großen Bissen hinunter. Kaum war der Teller leer, sprang er vom Tisch auf und stürzte mit der Aktentasche zur Tür hinaus.

Auf der Treppe zur Dachkammer hoch rang er unter dem Gewicht der Tasche nach Atem. Der Schweiß rann ihm aus allen Poren, bevor er die letzte Stufe überwunden hatte.

Eines Tages zwang ein unaufschiebbarer Aktenvermerk den Vater bis zum Einbruch der Dunkelheit im Büro auszuharren.
An diesem Abend wurde nicht nur das Essen auf dem Tisch kalt.  Mit fortschreitender Uhrzeit kühlte auch die Laune der Mutter ab. 

Wilde Verwünschungen ausstoßend, sprang sie vom Küchentisch hoch. Unter wildem Gezeter räumte sie alle verfügbaren Töpfe aus den Regalen hervor und drehte die Herdplatten auf. Der Wasserhahn über der Spüle rauschte unter Volllast. Ein wilder Sturzbach ergoss sich in die Töpfe, bis das Wasser über die Ränder schwappte.

Bald kochte und dampfte es im Minutentakt auf den Herdplatten.   

Eine riesige Dampfwolke nebelte den Raum ein. Als der Nebel zum Schneiden dick wurde, riss die Mutter das Küchenfenster sperrangelweit auf. Der Wind pfiff in die Stube und zog den heißen Dampf zur Straße hinaus.
Innerhalb von Sekunden verschwand der Himmel in einer grauen Nebelsuppe.

Man konnte kaum noch die Hand vor Augen sehen, als der Vater seinen Wagen in der Einfahrt parkte.
Mit kalter Miene beobachtete ihn die Mutter wie er mit der Aktentasche in der Hand eilig zur Eingangstür lief.

Als sich der Schlüssel im Schloss drehte, wanderte ihr Blick  kurz zur Uhr hoch. In aller Seelenruhe nahm sie einen mit kaltem Wasser gefüllten Topf in die Hand und eilte in den Flur hinaus.

Der Vater stand bereits mit einem Fuß in der Türschwelle, als ihn eine Sintflut beinahe wieder aus dem Haus spülte. Ohne Vorwarnung schüttete ihm die Mutter das Wasser aus dem Topf ins Gesicht.

Nach einem kurzen Wortgefecht überschlugen sich die Ereignisse.  Mit der Aktentasche im Arm stürzte der Vater  an der Mutter vorbei. Hals über Kopf verschwand er über die Stufen zur Dachkammer hoch.

Der leere Topf, den ihm die Mutter hinterher warf, sauste um Haaresbreite über ihn hinweg.
Mit hochrotem Kopf rauschte die Mutter in die Küche zurück.

Kurz darauf setzte  ein lautes Klirren und Scheppern ein.

Fassungslos  musste das  Fräulein „So-La-La“  miterleben, wie die Mutter begann, das Küchengeschirr gegen die Wand zu schmeißen.  In Panik floh sie aus der Küche und verbarrikadierte sich in ihrem Zimmer.   

Ein Blick aus dem Fenster eröffnete ihr das wahre Ausmaß der Katastrophe. Ein aufziehender Gewittersturm hatte die Anstrengungen der Mutter zunichte gemacht und ihre auf den Herdplatten fabrizierte Nebelwolke in dünne Fetzen gerissen, die der Wind in alle Richtungen verwehte.

Auf einmal verstand sie, was die Mutter mit ihren Wassertöpfen zu verdecken versucht hatte.
An der Stelle, wo jeden Abend die blasse Scheibe des Mondes am Himmel leuchtete, klaffte ein riesiges  Loch.

Im Licht der sich überschlagende Ereignisse dämmerte es dem Fräulein „So-La-La“. Auch ihr Vater bewahrte ein Geheimnis vor ihr.

Er war nicht der dünnarmige  Buchhalter, der er vorgab zu sein. Die endlosen Rechenkolonnen, die er in seinen Computer eintippte, dienten bloß dazu, vor der Welt seine wahre Aufgabe zu verschleiern.

Bei dem Gedanken daran verschlug es dem Fräulein „So-La-La“ den Atem.
In ihr verbarg er tagsüber das schwerste Gewicht der Welt.
Plötzlich fügte sich eins zum anderen.  

Wenn die Mutter abends die Sonne hinter dem Horizont versenkt und die schwarzen Tücher in den Nachthimmel gehängt hatte, stieg der Vater auf das Dach und schraubte den Mond in den Himmel.

Im Schutz der Dunkelheit öffnete er seine Aktentasche. Vorsichtig zog er die blasse Scheibe des Mondes heraus. In schwindelnder Höhe balancierte er auf der Antenne.  Sprosse für Sprosse hievte er das schwerste Gewicht der Welt zum Himmel hoch  

Er hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Der Wind peitschte ihm ins  Gesicht.  Bei jeder Bewegung schwankte der dünne Mast nach allen Seiten. Sein Rücken krümmte sich unter dem Gewicht, das an seinen Schultern zerrte. Bei jeder Bewegung pendelte die Antenne gefährlich nach allen Seiten.

Mit dem Wagemut eines Seiltänzers schwang er sich auf die Spitze.  Ein letztes Mal bündelte er seine verbliebenen Kräfte.  Schon eine falsche Bewegung  konnte ihn  samt seiner kostbaren Fracht  ins Verderben stürzen.   

Er löste die Gurte, an denen der Mond hing. Zielsicher bugsierte er die Scheibe an ihren Platz. Mit geübten Handgriffen zog er die Halterungen fest. Nachdem die Schraubarbeiten erledigt waren, polierte er den Mond mit einem Taschentuch blank, um keine verräterischen Fingerabdrücke zu hinterlassen.

Nach getaner Arbeit kletterte über die Antenne zur Erde zurück.  Der Mond, der über seinem Kopf strahlte, leuchtete ihm den Weg.

Dem Fräulein „So-La-La“ blieb vor Staunen der Mund offen.  Manchmal beschritt das Schicksal seltsame Wege. Es hatte einen schmalbrüstigen und kurzatmigen Buchhalter für die wichtigsten Schraubarbeiten der Welt ausgewählt.

Ein Blick aus dem Fenster überzeugte sie von der erfolgreichen Arbeit des Vaters.  Das schwarze Loch am Himmel war verschwunden. Der Mond strahlte als riesige Deckenlampe auf die Erde herab.  

Im Mondlicht bemerkte das Fräulein „So-La-La“ wie sich die Tür zu ihrem Zimmer lautlos öffnete. Eine geduckte Gestalt huschte herein.
Im gleichen Moment erschütterte ein gewaltiger Donner  die Grundfesten des Hauses.  

In der Aufregung hatte das Fräulein „So-La-La“ völlig auf ihre Mutter vergessen, die in der Küche immer noch an ihrem gerissenen Geduldsfaden flickte.

Auf allen Vieren schlich der Vater an ihr Bett. Mit dem Finger auf den Lippen deutete er ihr an, mucksmäuschenstill zu sein.   Völlig durchnässt schlüpfte zu ihr unter die Decke. Er zitterte am ganzen Körper.

Trotz seines seltsamen Verhaltens fühlte sich das Fräulein „So-La-La“  nie  besser behütet als in diesem Augenblick. Wohlig kuschelte sie sich an den tapfersten von allen Vätern.  Wenn er mit dem Mond in den Händen auf der Spitze der Antenne balancierte und auf die Erde hinunter blickte, war niemand größer und stärker als er.

Zwischenspiel

Die Geschichte, die an meiner Bettkante saß,  gab keinen Mucks von sich, bis der Vater den Himmel am Himmel festgeschraubt hatte.

„Es war nicht seine erste Verspätung.“, klärte sie mich auf.
„Die Mutter hegte schon lange einen Verdacht. Es waren nicht die Aktenberge, die ihn im Büro aufhielten. Der wahre Grund war seine neue Sekretärin.“

Ich blickte sie erstaunt an. Tatsächlich hatte ich dem Vater einen Vorzimmerdrachen ins Büro geschrieben. Er existierte bloß in einem einzigen Satz. 
Für die Mutter war die Zeile, die ich achtlos in den Computer getippt hatte,  Anlass genug, ihr Geschirr an die Wand zu schmeißen. 

Verzweifelt hatte ich damals nach einem Weg gesucht, der Geschichte eine harmlose Wendung zu geben.
Doch der Sturm, den ich ausgelöst, ließ  sich nicht mehr aufhalten. Die Eifersucht der Mutter trieb unerbittlich ihr zerstörerisches Werk voran.

Ohnmächtig musste ich am Schreibtisch mitansehen, wie der Scherbenhaufen, den sie in der Küche anrichtete, mit jeder Zeile, die ich schrieb, größer wurde.  
Ein  nebensächlicher Satz,  den ich im Übermut in den Computer getippt hatte, stachelte sie zur Raserei auf. 

„Wie leicht die Dinge aus dem Lot geraten.“, schoss es mir durch den Kopf.

Manchmal genügte eine Kleinigkeit, damit alles anders wurde. Dann lief ein Fluss an einem einzigen Regentropfen über. Und aus  dem  Flügelschlag eines Schmetterlings brauste ein Sturm los, der keinen Stein auf dem anderen ließ.

In den Zeitungen und Geschichtsbücher findet sich keine Erklärung, warum sich das Schicksal für einen bestimmten Augenblick entscheidet und nicht für einen anderen.“, sagte die Geschichte, die an meiner Bettkante saß.
„Vielleicht muss sich ein Augenblick opfern, damit Abermillionen andere verschont bleiben.“

Ich dachte darüber nach, während die  Mutter weiter ihren Bestand an Suppen- und Fleischteller in Scherben schmiss.  Ihnen folgten die die Kaffee- und Teetassen in den Untergang. Herbe Verluste erlitten auch die Obst- und Salatschlüsseln. Und was einmal eine Kaffeekanne oder eine Zuckerdose gewesen war, ließ sich im Trümmerfeld nur noch schwer erahnen.

Der Tellerkrieg der Mutter tobte bis weit nach Mitternacht.

Er endete erst als, eine Bratpfanne das Ziel verfehlte und gegen das Küchenfenster prallte. Die Scheibe platzte mit einem lauten Knall.  Ihm folgte eine gespenstische Ruhe, die bis zum Morgengrauen anhielt.
Im ersten Tageslicht wagte sich der Vater aus seinem Versteck. Auf Zehenspitzen schlich er zur Tür hinaus.
Das Fräulein „So-La-La“ blickte ihm schweigend hinterher.

„Er fürchtete sich davor, von einem Teller erschlagen zu werden, als er sich in meinem Bett verkroch.“, klärte mich die Geschichte, die an meiner Bettkante saß,  über sein merkwürdiges Verhalten auf.  

Ich starrte sie fragend an. Es lagen so viele Jahre dazwischen. Ich erinnerte mich nicht mehr an die Zeilen, die ich geschrieben hatte. 

„Ihn plagte in jener Nacht die Angst, sein Glück verspielt zu haben.“, antwortete die Geschichte.

Sie deutete auf ein Blatt in der Zeichenmappe. Ich zog es heraus und reichte es ihr hinüber.