
Wie die Mutter des Fräulein „So-La-La“ den Tellerkrieg gewinnt
Als das Fräulein „So-La-La“ frühmorgens erwachte, sprang sie aus dem Bett und stürmte mit pochendem Herzen die Treppe hinunter.
In der Küche wartete eine Riesenüberraschung auf sie. Es herrschte blitzblanke Sauberkeit. Nirgendwo erinnerte ein Scherbenhaufen an das nächtliche Gemetzel.
Die Mutter saß im Morgenrock am Tisch und blätterte seelenruhig in der Morgenzeitung, als wäre nichts geschehen.
Lediglich die dunklen Ränder unter den Augen erinnerten an die nächtliche Mühe, ihren gerissenen Geduldfaden zu flicken.
Für einen Moment glaubte das Fräulein „So-La-La“ alles zum Guten gewendet. Da fiel ihr Blick auf die Wand hinter dem Küchentisch. Sofort wich alle Farbe aus ihrem Gesicht.
Die Mauer hatte sich in eine verwüstete Kraterlandschaft verwandelt. Faustgroße Löcher im Verputz bezeugten die Heftigkeit des Kampfes. In einer notdürftig in den Fensterrahmen geklebten Plastikfolie, welche die fehlende Scheibe ersetzte, blähte sich der Wind.
Der Pappbecher, aus dem die Mutter ihren Kaffee schlürfte, beseitigte den letzten Zweifel. Der Tellerkrieg hatte tatsächlich stattgefunden.
Ohne mit der Wimper zu zucken, verklärte die Mutter das verschwundene Geschirr zu einem harmlosen Haushaltsunfall. Beim Abwasch wären ihre einige Teller aus der Hand gerutscht und zu Bruch gegangen.
Auch für die kaputte Fensterscheibe war sie nicht um eine Ausrede verlegen.
Ein bedauerlicher Unfall, sagte sie. Ein Nachbarjunge hätte mit seinem Fußball unabsichtlich die Scheibe eingeschlagen. Den fehlenden Putz an der Wand erwähnte sie mit keinem Wort.
Ohne weitere Erklärung widmete sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Zeitung.
Gegen Mittag tauchte auch der verschollene Vater wieder auf. Er war in die Stadt gefahren, um einige Besorgungen zu erledigen. Das Fräulein „So-La-La“ verkniff sich die Frage, welcher Art seine Einkäufe waren. Sie wusste es ohnedies. Die leeren Regale gaben schweigend Antwort.
Innerhalb weniger Tage strahlte die Küche im alten Glanz. Die Regale wurden mit neuem Geschirr gefüllt. Ein verschwiegener Glaserer ersetzte die kaputte Fensterscheibe. Schließlich fand sich auch ein Maler, der die lädierte Küchenwand verputzte, ohne lästige Fragen zu stellen. Nur die Großmutter sorgte für eine kurze Schrecksekunde.
Bei einem gemeinsamen Essen erkundigte sie sich nach dem Grund für die neuen Teller auf dem Tisch.
Bevor die Mutter Gelegenheit hatte, ihren missglückten Abwasch zu schildern, fiel ihr der Vater ins Wort. Unter hektischem Gestammel berichtete er von einem glücklichen Zufall, der ihn in die Lage versetzt hatte, das alte Geschirr zu einem günstigen Preis gegen ein besseres auszutauschen.
Die Erleichterung war ihm anzusehen, als die Großmutter das Thema wechselte und ihn bat, eine Flasche Wein aus dem Keller zu holen.
Nachdem der Vater die Küche verlassen hatte, bemerkte das Fräulein „So-La-La“, wie sie der Mutter komplizenhaft zuzwinkerte.
„Manchmal ist ein Tellerkrieg die beste Methode, einen dunklen Schatten aus dem Haus zu vertreiben.“, grinste die Großmutter.
abei streifte ihr Blick die neu verputzte Küchenwand, die in einem hellen Weiß leuchtete. An einer Stelle zeichnete sich ein dunkler Schatten unter der frischen Farbe ab.
Unvermittelt tauchte vor den Augen des Fräulein „So-La-La“ das Foto auf, das bis vor wenigen Tagen dort hing. Es zeigte den Vater lachend an seinem Schreibtisch im Büro sitzen.
Unzählige Male hatte das Fräulein „So-La-La“ die Mutter ertappt, wie ihr Blick das Bild an der Wand streifte.
Die finstere Miene, die sich in ihrem Gesicht spiegelte, bildete einen scharfen Kontrast zu dem Lachen, mit dem der Vater in die Kamera blickte.
Nun ging dem Fräulein „So-La-La“ ein Licht auf.
Die Mutter hatte das Geschirr nicht grundlos an der Küchenwand zerschlagen. Ihr Tellerkrieg hatte dem Bild gegolten.
Es rief ihr ständig ins Bewusstsein, dass das Lachen, mit dem der Vater an seinem Bürotisch posierte, nicht für sie gedacht war. Es verschwendete sich an jemandem, der unsichtbar im Raum schwebte.
„Eine neue Sekretärin ist immer gefährlich.“, riss sie die Stimme der Großmutter aus ihren Gedanken.
Im gleichen Augenblick stürzte der Vater durch die offene Tür und goss sich ein Glas Rotwein ein, das er in einem Zug leertrank.
In den kommenden Wochen brachen für das Fräulein „So-La-La“ herrliche Zeiten an. Jeden Abend parkte der Wagen des Vaters pünktlich bei Sonnenuntergang in der Hauseinfahrt.
Die Arbeiten, die im Büro mit unaufschiebbarer Dringlichkeit auf ihn warteten, mussten sich fortan mit normalen Dienstzeiten begnügen. Wie von Zauberhand schrumpften die Aktenstöße, die sich in der Dachkammer auf dem Boden stapelten, zu einem winzigen Häufchen zusammen, bis sie nach einigen Monaten völlig verschwunden waren.
Nur eines änderte sich nicht. Nach dem Abendessen der Vater verschwand der Vater mit der Aktentasche in der Hand in seiner Dachkammer. Allerdings blieb er nie länger an seinem Schreibtisch sitzen, als es dauerte, das schwerste Gewicht der Welt in den Himmel zu schrauben.
Zwischenspiel
Die Geschichte, die an meiner Bettkante saß, lachte, als könnte sie noch immer nicht glauben, dass ich einen kleinen Buchhalter für die wichtigsten Schraubarbeiten ausgewählt hatte.
„Er ist mir jeden Tag im Spiegel begegnet. Ich hatte keine andere Wahl.“ entschuldigte ich meine Entscheidung, ihm das schwerste Gewicht der Welt anzuvertrauen.
„Ich weiß.“, antwortete die Geschichte, ohne eine Miene zu verziehen.
