
Niemand nahm Notiz von den vier jungen Burschen, die an einem lauen Sommerabend zum Meer marschierten. Der flache Sandstrand breitete sich verlassen vor ihnen aus. Die Menschen, die die malerische Bucht tagsüber bevölkerten, waren in ihre Häuser zurückgekehrt und saßen beim Abendessen.
Der Ozean empfing die Ankömmlinge mit einem sanften Rauschen. Seine Wellen strandeten weich im Sand. Am Horizont versank die Sonne in einem rotgelben Farbenrausch.
Die jungen Burschen trugen Taschen und Decken mit sich. Am Strand sammelten sie das angeschwemmte Treibholz für ein Lagerfeuer.
Als die Dämmerung hereinbrach, entzündeten sie das Feuer, um sich daran zu wärmen. Im Schein des Lagerfeuers hockten sie sich im Halbkreis zueinander und blickten auf die Unendlichkeit des Meeres hinaus.
Ihr Leben stand an der Schwelle, wo die Kindheit endete und sie selbst die Verantwortung für ihr Handeln übernahmen. Ungeduldig sehnten sie diesen Tag herbei.
Sie waren in der Absicht zusammen gekommen, ihren bevorstehenden Aufbruch zu feiern.
In wenigen Wochen würden sie sich in alle Winde zerstreuen. Sie fühlten sich wie Seefahrer, die ein letztes Mal im Dämmerlicht einer Kneipe an einem Tisch hockten, bevor ihre Schiffe im Hafen den Anker lichteten, um jenseits des Horizonts das Glück zu suchen.
Unter dem Licht der Sterne sprachen sie von ihren Träumen und Sehnsüchten. Die mitgebrachten Weinflaschen kreisten zwischen ihnen. Bald gerieten sie in eine ausgelassene Feierlaune. Als die Stimmung den Höhepunkt erreichte, sprang einer der Burschen auf. Er griff nach einem der Äste, die sie gesammelt hatten und zog mit dünnen Strichen die Umrisse einer Rose in den Sand. Er war ein hübscher Kerl, dem die Herzen der Frauen zuflogen.
„Ich werde mein Leben der Schönheit widmen.“, posaunte er übermütig heraus. „Sie wird mir die Türen der Welt öffnen.“
Die anderen Burschen grölten Zustimmung. Aber einem unter ihnen fiel es schwer, seinen Neid zu unterdrücken. Die Natur hatte ihn mit einem Aussehen geschlagen, das ihm in der Liebe nur eine geringe Auswahl versprach. Im Eifer seinen Freund zu übertrumpfen, wühlte er mit den Händen im Sand und türmte einen großen Haufen vor sich auf.
„Ich werde mein Talent nutzen, um zu Reichtum zu kommen.“, offenbarte er seinen Plan, mit dem er hoffte, den Nachteil seiner äußerlichen Erscheinung auszugleichen. Heftiges Gelächter schlug ihm entgegen.
Der Wein, der in seinem Kopf pochte, riss auch den dritten Burschen mit. Er zog einen brennenden Ast aus dem Feuer und schwenkte ihn hoch über seinem Kopf. Das Funkenmeer, das von dem Holz absprühte, verlieh ihm in der Dunkelheit das Aussehen eines flammenden Schwertes.
„Ich werde mir eine neue Welt erobern.“, schrie er seine Gier nach Macht heraus. Er streckte das Flammenschwert in seinen Händen den anstrandenden Wellen entgegen, als wollte er sein Vorhaben noch in dieser Nacht wahr machen. Die anderen zuckten unter der unterschwelligen Drohung zusammen.
Der vierte Bursche nutzte das kurze Schweigen, um sich mit geschwellter Brust in Pose zu werfen. Er stolzierte wie ein Pfau um das Lagerfeuer und teilte Kusshände nach allen Seiten aus .
„Mein Leben wird ein großes Schauspiel sein.“, schwärmte er von seinem kommenden Ruhm. Im Premierenbeifall, den sein Auftritt begleitete, beugte er den Oberkörper leicht nach vor, als hätte er die Bühne der Welt bereits erobert.
Hinterher wusste keiner von ihnen, woher der Fremde kam, dessen Schatten sich im Schein des Lagerfeuers abzeichnete. Genauso wenig wie niemand von ihnen sagen konnte, wie lange er dort unbemerkt ausgeharrt und ihre Träume belauscht hatte.
Allen gleich war der Schrecken, den sie spürten, als die schmale Gestalt plötzlich vor ihnen auftauchte und sie um etwas zu trinken bat. Großzügig reichten sie ihm eine der Weinflaschen. Der Fremde trank in großen Zügen die Flasche leer. Dann warf er sie neben sich in den Sand.
Misstrauisch beäugten die Burschen den ungebetenen Gast. Er machte in seiner schmutzigen Kleidung einen zerlumpten Eindruck. Die verfilzten Haare auf seinem Kopf hingen ihm bis zu den Schultern herunter. In seinem vernarbten Gesicht hatte das Leben, das hinter im lag, tiefe Kerben zurückgelassen.
„Was willst du hier?“, stellte ihn einer der Burschen zur Rede.
„Ich bin wie ihr vor vielen Jahren aufgebrochen, um mein Glück in der Welt zu finden.“, antwortete der Fremde.
„Als ich das Feuer am Strand bemerkte, bin ich stehengeblieben, um mich daran zu wärmen.“
„Hast du dein Glück gemacht?“, fragte der Bursche, der sich in der Schönheit die Erfüllung seines Lebenstraumes erhoffte. Dabei musterte er den Fremden mit einem herablassenden Blick. Er entdeckte in der sonderlichen Gestalt nicht das Geringste, das seinen Ansprüchen gerecht wurde.
„Ich bereite mich jeden Tag darauf vor, ihm zu begegnen.“, antwortete der Fremde.
„Mein Leben ist mir zu schade, um es mit der Suche nach dem Glück zu vergeuden.“ widersprach ihm der Bursche, der nach Reichtum strebte. „Ich werde es mir erzwingen.“
Mit ausladender Geste streckte er seinen Arm hoch, als wollte er einen der Sterne aus dem Himmel stürzen.
„Wenn ich mein Geld gemacht habe, wird mir das Glück hinterher laufen.“, kündigte er großspurig an. Mit gierigen Augen blickte er auf den aufgetürmten Sand zu seinen Füßen, der im Schein des Lagerfeuers wie pures Gold glänzte.
„Das Glück lässt sich nicht kaufen.“, entgegnete ihm der Fremde. „Du kannst ihm nur begegnen und hoffen, dass es dich ein Stück begleitet. Nie wird es dich seiner sicher sein lassen. An jeder Weggabelung, an der dein Leben sich verzweigt, entscheidet es sich neu.“
Die Burschen brachen in ein lautes Hohngelächter aus. Offenbar hatten sie es mit einem Verrückten zu tun. In ihren Blicken waren sie sich einig, den Eindringling, der sich in ihren Kreis gedrängt hatte, rasch loszuwerden.
„Dann verrate uns, woran wir das Glück erkennen, damit es uns nicht entwischt, wenn es uns eines Tages auf der anderen Straßenseite entgegen kommt.“, spottete der Bursche, der nach Ruhm strebte.
„Darauf kann ich dir keine Antwort geben, weil das Glück mit den Augen nicht zu sehen und mit den Händen nicht zu greifen ist.“, entgegnete ihm der Fremde geduldig.
„Aber alle Menschen, die ihrem Glück begegnet sind, berichten, dass sie in ihrer Seele das Gleichgewicht spürten, das der Seiltänzer in sich trägt, wenn er über dem Abgrund auf seinem Seil tanzt.“
Die Burschen blickten sich kopfschüttelnd an. Der Fremde wirkte nicht wie ein Seiltänzer, der spielerisch leicht auf einem Seil schwebte. In seiner verwahrlosten Erscheinung nahmen sie ihn als Menschen wahr, der aus der Welt gefallen war. Die düstere Botschaft, die von ihm ausging, bestärkte sie in der Meinung, dass seine Anwesenheit ihrem eigenen Glück im Weg stand. Aber die abweisenden Mienen, die sich in ihren Gesichtern spiegelten, vertrieben den Fremden nicht. Unbeirrt sprach er weiter.
„An jeder Weggabelung zu der mich das Leben bringt, halte ich nach meinem Glück Ausschau. Manchmal harre ich tagelang an einem Ort aus, bevor ich mit leeren Händen weiterziehe. Dabei blicke ich bei jedem Schritt ängstlich zurück, ob es an der Kreuzung auftaucht, die ich gerade verlassen habe.“
„Du hast dein Glück offenbar verpasst, Alter.“, rief einer der Bursche verächtlich und drehte dem Fremden den Rücken zu. Er hatte keine Lust mehr, die Unterhaltung mit dem ungebetenen Gast weiter zu führen. Seine Freunde zollten ihm grölend Beifall und folgten seinem Beispiel.
„Ihr werdet ein Leben lang großen Träumen hinterher jagen, während das Glück unbemerkt an euch vorbeizieht.“, übertönte die Stimme des Fremden den Lärm der Wellen, die der Ozean an den Strand trug.
Da trat der Bursche, den der Wille zur Macht antrieb, an ihn heran. Mit einer drohenden Handbewegung gab er dem Fremden zu verstehen, dass seine Gesellschaft nicht länger erwünscht war.
„Geh uns aus den Augen.“, herrschte er ihn an. „Wir brauchen deinen Ratschlag nicht.“
Der Fremde erwiderte die Drohung des Burschen, der sich mit breiter Brust vor ihm aufstellte, mit einem Lächeln.
„Als ich jung war, habe ich nicht anders gedacht als ihr. Ich ließ keinen Zweifel gelten, dass ich mein Glück versäumen könnte. Viele Jahre jagte ich ihm verzweifelt hinterher. Ich tat alles, mein Streben nach dem Glück mit Schönheit und Reichtum zu stillen. Ich blieb unersättlich in meiner Gier nach Macht und Ruhm. Jedes Mal, wenn ich glaubte, mein Glück gemacht zu haben, stand ich am Ende mit leeren Händen da. Heute weiß ich, dass das Glück oft meine Wege kreuzte. Aber in meinem Verlangen nach Besitz und Anerkennung habe ich es nicht wahrgenommen, als ich es in mir fühlte. Nun ziehe ich durch die Welt, in der Hoffnung, dass ich ihm noch einmal begegne.“
Kaum hatte er zu Ende gesprochen, versetzte ihm der Bursche einen Stoß gegen die Brust, dass er rücklings zu Boden stürzte. Unter dem Gelächter seiner Freunde stieß der Bursche mit den Füßen in den Sand, dass eine Staubwolke vor ihm aufwirbelte, die den Fremden einhüllte.
„In die Gesellschaft eines zerlumpten Vagabunden zu geraten, der um sein Essen bettelt und nachts am Strand schläft, erscheint mir die größte Gefahr zu sein, das Glück zu versäumen.“, höhnte er.
Der Fremde zeigte keine Anstalten, sich zur Wehr zu setzen. Mühsam rappelte er sich auf die Beine und klopfte den Sand aus seiner Kleidung.
„Ich bin der Letzte, der euch warnt. Das Leben kennt viele Wege. Aber es kommt der Tag, an dem es euch an einen dunklen Abgrund führt, über den sich ein dünnes Seil spannt. Dann werdet ihr erkennen, dass Schönheit und Reichtum, Macht und Ruhm nicht die Sehnsucht stillen können, das Gleichgewicht des Seiltänzers in sich zu spüren.“
Mit diesen Worten drehte der Fremde dem Lagerfeuer, um das sich die Burschen versammelt hatten, den Rücken zu und stapfte davon. Nach wenigen Schritten verschluckte ihn die Dunkelheit.
Kaum war der Fremde verschwunden, breitete sich eine Beklommenheit unter den Burschen aus. Hastig griffen sie nach den verbliebenen Weinflaschen und tranken sie in wenigen Schlucken leer. Der Wein leistete ihnen gute Dienste. Schon bald hatten sie den Fremden und seine Warnung vergessen. Volltrunken feierten sie bis zum Morgengrauen ihren bevorstehenden Aufbruch in die Welt, wo sie hofften, ihr Glück zu finden.
Niemand kann sagen, ob sich ihre Träume erfüllt haben. Es bleibt nur die Gewissheit, dass sie das Glück nicht erkannt haben, als es ihnen zum ersten Mal begegnete.
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