Tagebuch eines Stubentigers – 78

Märchenkönig

Im Märchenland wies ein verrückter Clown,
nachdem er die Wahl zum König gewonnen hatte,
den Kanzler an, auf die Knie zu fallen
und befahl dem Schatzmeister, sich in den Staub zu werfen,
wo der Hofstaat schon auf allen Vieren kroch.

Aus der geduckten Menge ragte der Kopf
 des Hofnarren hervor, der auf seinen Beinen verharrte
und lachend dem König ins Gesicht starrte,
um ihm, wie es das Gesetz erlaubte,
 mit seinen Späßen den Spiegel vorzuhalten.

Als der Clown zornig mit den Füßen stampfte,
weil ein Narr ihm den Gehorsam versagte,
ahmte dieser die Posen des Königs nach und sprach,
dass in den Märchenbüchern nachzulesen wäre,
dass Macht nicht gerecht und Reichtum nicht klug mache.

Wütend befahl der König dem Henker
dem unbeugsamen Narren den Kopf vom Hals zu schlagen
und führte mit seinem Tod der Welt vor Augen,  
 dass auch in der Märchenwelt die Wahrheit als erstes stirbt,
 wenn ein verrückter Clown ihr König wird.

Luftikus

Ein Luftballon, der hoch am Himmel schwebte,
beanspruchte für sich, dass er wäre
in seiner übermächtigen Größe
der alleinige Herrscher der Atmosphäre.

Ein kleiner Vogel, der sich aus den Wolken wagte,
pickte mit seinem spitzen Schabel
ein Loch in die aufgeblähte Hülle des Ungetüms,
dass der Ballon mit einem lauten Knall zerplatzte.

Bei der Untersuchung seiner Überreste
nahmen die Menschen auf der Erde mit Erstaunen wahr,
er seine Größe zur Gänze der heißen Luft verdankte,
mit der er gefüllt gewesen war.